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Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach. Dritter Band: Erzählungen. Erster Band.

Druckerzeichen

Berlin.
Verlag von Gebrüder Paetel.
1893.

Alle Rechte vorbehalten.


Inhalt.

Lotti, die Uhrmacherin

Kapitel I
1
Kapitel II.
10
Kapitel III.
20
Kapitel IV.
29
Kapitel V.
38
Kapitel VI.
46
Kapitel VII.
63
Kapitel VIII.
77
Kapitel IX.
94
Kapitel X.
110
Kapitel XI.
121
Kapitel XII.
131
Kapitel XIII.
146
Kapitel XIV.
158

Wieder die Alte.

Kapitel I
173
Kapitel II.
235

Nach dem Tode.

Abschnitt
291

1-3

Lotti, die Uhrmacherin

I.

Fräulein Lotti war soeben erwacht. Die Repetiruhr, die an einem zart geschweiften Schnörkel am rechten Kopfende des alterthümlichen, reich geschnitzten Bettes hing, schlug mit zartem Klange sechs Mal an. Gleich darauf begann die deutsche Stockuhr, eine solide Arbeit Meister Anton Schreibelmeyers, von der Commode am Pfeiler aus, die Morgenstunde zu verkünden. — Auf! auf! befahl ihre gebieterische Stimme, an die Arbeit! der Tag beginnt! — Ihre Glocken hatten kaum ausgezittert, als auch schon die französische Wanduhr, in aller Bescheidenheit, eilig und leise zu melden begann: Sechs! sechs! gehorsamst zeig' ich's an.

Eine kleine Pause — und am linken Kopfende des Bettes erhob das Seitenstück der Repetir-, eine Spieluhr, ihre Silberstimme und gab ein Schäferliedchen zum Besten, so lieblich, als hätten kleine Engel es gesungen.

Mit unendlichem Wohlgefallen lauschte das Fräulein dem Concerte, das ihre Uhren abhielten, und hätte in den Schlußgesang beinahe mit eingestimmt, so fröhlich war ihr zu Muthe. An dem Lichte, das durch die herabgelassenen 4 Vorhänge in das Zimmer drang, erkannte sie, daß es heute einen schönen Tag gebe — war das nicht genug, um den reichen Quell von Heiterkeit in ihrer Seele zum Überströmen zu bringen?

Sie stand auf und kleidete sich an; sehr sorgfältig zwar, aber ohne dabei mehr, als durchaus nöthig war, in den Spiegel zu sehen, denn — sie war sich kein angenehmer Anblick. Die Zeit, in welcher sie ihren Mangel an Schönheit gar schmerzlich und fast wie eine Schmach empfunden, war freilich vorbei. Jetzt, mit fünfunddreißig Jahren als ehrenfeste alte Jungfer, hatte sie längst aufgehört, ihr Aeußeres gehässig anzufeinden, aber so ganz erloschen war das letzte Fünkchen Eitelkeit in ihrem Frauenherzen doch nicht, wenn es sich auch nur in dem Gedanken aussprach: Es ist ein Glück, daß ich Anderen anders vorkomme als mir selbst, sonst könnte mich Niemand leiden.

Nach beendeter Toilette begab sie sich aus dem Schlaf in das Wohnzimmer. Es war ein trauliches Gemach, dessen Fenster auf einen kleinen Platz sah — einen sehr kleinen, denn er wurde von nur vier Häusern gebildet; doch war er luftig und hell, und gewährte den Anblick eines beträchtlichen Stückes Himmel, was gewiß kein geringer Vorzug war. Es will etwas heißen, im Herzen der Civilisation zu wohnen, im Mittelpunkt der Hauptstadt, tausend Schritte vom Dome, den zu sehen viele Leute tausend Meilen weit hergezogen kommen, und dabei von seinem Fenster aus Wetterbeobachtungen fast wie 5 Knauer, und das Studium des Sternenlaufes, fast wie ein Chaldäer, betreiben zu können, Wolken und Vögel ziehen, und der Sonne und dem Mond ins Gesicht zu sehen.

Dieses Stück Himmel, obwohl — nur aus einem Fenster sichtbar, erhellte dem Fräulein die ganze im Uebrigen ziemlich finstere Wohnung und ließ ihr das Erklimmen der drei Stockwerke, die zu derselben hinauf führten, als eine höchst anmuthige Promenade erscheinen, weniger beschwerlich als eine Bergbesteigung, und beinahe ebenso lohnend.

Aber nicht nur der Himmel über dem Platze, auch die Häuser auf dem Platze und die Menschen, die in ihnen wohnten, nahmen das Interesse Fräulein Lottis in Anspruch. Die Fenster des gegenüberliegenden Hauses, das den Platz gegen Osten in einem stumpfen Winkel abschnitt, glänzten schon im Sonnenschein. Bei den reichen Leuten in der Bel-Etage sind die Gardinen noch nicht aufgezogen; dort schläft man in den Tag hinein, sieht den Himmel nie in seinem ersten, sanft umflorten Blau, in seiner duftigsten Schönheit. Im dritten und vierten Stock hingegen giebt's freien Eintritt für Licht und Luft des goldenen Maimorgens.

Auf den Mauervorsprüngen der beiden Häuser nebenan trippelten dicke graue Tauben in großer Aufregung. Sie warten voll Ungeduld auf das Frühstück, das ihnen Lotti auf das Fenstergesimse zu serviren pflegt. Kaum weniger gespannt als sie, sehen noch andere Geschöpfe 6 dem anziehenden Schauspiel der Taubenfütterung entgegen. Es sind die nächsten Nachbarn des Fräuleins, und sie gehören zu ihren Bekannten, wenn auch nicht zu ihrem Kreise. Der Nachbar zur Linken erhält ihren ersten Gruß, dann kommen die Nachbarn zur Rechten. Jener, ein gebrechliches Männchen, engbrüstig und kahl, das Urbild eines alten Damenschneiderleins, diese, drei frische Jungen, mit runden, Dank der frühen Morgenstunde, sauber gewaschenen Gesichtern. Prächtige Bursche, noch zu jung für die Schule und doch beinahe schon der weiblichen Zucht entwachsen; mit Worten wenigstens richtete die Mutter nichts mehr bei ihnen aus, obwohl sie dieselben nicht spart, die brave Frau. Der Mann und Vater hat seine Werkstätte nebenan in den Hof hinaus, und plagt sich an der Drehbank vom Morgen bis zum Abend. Er ist Pfeifenschneider, aber im Rohre scheint er nicht zu sitzen, und Ueberfluß hat er nur an Kindersegen. Die drei Erstgeborenen haben angefangen sich um den besten Platz am Fenster zu balgen, die Mutter tritt unter sie, ein zweijähriges Mädchen auf dem Arme, zieht den Pantoffel vom Fuße und schlägt wacker auf die Buben los. Der Pantoffel fällt, gleich der Hand des Schicksals, ohne Unterschied auf das Haupt des Gerechten wie des Ungerechten, und bald herrschen Ruhe und Frieden. Die neuen Horatier liegen still nebeneinander im Fenster, und beobachten die grauen Tauben, mit innigstem Verständniß für ihre Rauflust und ihren guten Appetit.

Die Aufmerksamkeit des Schneiderleins hingegen ist 7 auf das Fräulein gerichtet. Das braune Mohair-Kleid, das seine Gönnerin heute zum ersten Mal angethan hat, ist seiner Hände selbsteigenes Werk. Der Schnitt hat sich seit wenigstens zehn Jahren als vortrefflich bewährt, und genäht und ausgefertigt ist das Kleidungsstück mit einer Sorgfalt, die ihres Gleichen sucht. Alles solid und geschmackvoll. Der Rock so faltenreich, die Taille weder zu lang noch zu kurz, sondern gerade dort angebracht, wo der liebe Gott sie hingesetzt hat. Sie wird von einem breiten Gürtelband umgeben, aus reiner Seide fein weich und dauerhaft. Aus demselben Stoffe bestehen auch die Biais, die den Kragen und die enganliegenden Aermel schmücken. Von den letzteren heben sich die glatten Manchetten, welche das Fräulein zu tragen pflegt, gar schön ab, und diese bilden die schneeweiße Einfassung der zarten schlanken Hände. Ach, diese Hände! das Schneiderlein vermag sie niemals ohne innere Rührung zu betrachten. Sie waren das Erste, was er erblickte in jenem unvergeßlichen Momente, in dem er die Augen aufschlug, die er für immer geschlossen zu haben meinte, freiwillig geschlossen, nach schwerem, entsetzlichem Kampfe. Der Alte besinnt sich nur noch wie eines bösen Traums des hoffnungslosen Elends, das ihn zu einer That der Verzweiflung getrieben; er hat die Ursache fast vergessen und begreift ihre Wirkung nicht mehr. »Ich muß wahnsinnig gewesen sein!« sagte er jetzt, wenn er der Stunde gedenkt, in welcher er sein kleines Töchterchen zu sich gerufen, Thür und Fenster desselben Zimmers, das er heute 8 noch bewohnt, verriegelt, und das Kohlenbecken entzündet.

Damals hatte der Zufall Fräulein Lotti zur Retterin des armen Schneidermeisters gemacht, ihre Güte machte sie zu seiner Beschützerin. Nachdem er unter ihrer Pflege gesund und wieder erwerbsfähig geworden, sammelte sie allmälig für ihn einen kleinen Kundenkreis. Der Schneider befand sich jetzt in guten Verhältnissen, war sogar im Stande einen Sparpfennig zurückzulegen. Er hätte das ruhigste Leben gehabt, wenn mir die revolutionären Ideen seiner Tochter nicht gewesen wären. Aber die Leopoldine, ein ehrgeiziges junges Ding, ein Feuerkopf, hatte an den Arbeiten des Vaters immer etwas auszusetzen und schwärmte, zu seinem Grauen und Entsetzen, für die unsinnigsten, lächerlichsten, abscheulichsten Moden, nämlich für die neuesten.

Soeben haben sie wieder einen scharfen Streit gehabt und sitzen jetzt einander gegenüber im Fenster und nähen an einer schwarzen Seidenmantille mit einem Eifer, den ihr nicht ganz ausgebrauster Zorn beflügelt. Die Mantille braucht erst morgen fertig zu werden, wird es aber gewiß heute noch, wenn die Furie anhält, mit der Vater und Tochter die Nadel führen.

Inzwischen hat sich das Dachfenster über der Schneiderwerkstätte geöffnet; eine Frau und eine Katze sind an demselben erschienen, beide wohlgenährt und weißhaarig. Die Katze schleicht zur Morgenpromenade auf das Dach hinaus, bleibt öfters stehen und wirft begehrliche Raubthierblicke nach den Tauben, die von Fräulein Lotti gefüttert 9 werden. — Wer eine von Euch erwischen könnte! denkt sie. Saubere Weltordnung, in der wir leben. — Gäb's eine Gerechtigkeit — ich hätte Flügel!

Frau Katze schüttelt den Kopf, schließt die Augen, leckt die faden dünnen Lippen und gähnt wie ein Tiger.

Ihre Gebieterin hakt den Fensterflügel ein, damit die Spaziergängerin bequem eintreten könne; wenn es ihr genehm sein würde, heimzukehren. Die Rückkunft ihres Lieblings kann die Bewohnerin der Dachstube nicht abwarten, sie muß an ihren Posten, in den kleinen Laden im Durchhause nebenan, wo sie im Winter altgebackenes Brod, im Sommer auch Obst feilbietet, und zu allen Jahreszeiten Näschereien, die ihre Katze verschmähen würde, die aber an den Schulkindern beharrliche Abnehmer finden.

Fräulein Lotti sandte bereits viele Grüße zu der dicken Frau empor, die so freundlich aussah wie des Teufels Großmutter, und sich's lange überlegte, bevor sie mit einem kaum merkbaren Nicken dankte. Aber auch damit ist Lotti zufrieden. An Zuvorkommenheit von Seite der Frau Brodsitzerin wurde sie nie gewöhnt, und hat auch kein besonderes Herzensbedürfniß danach. Sie wünscht nur, konservativ wie sie einmal ist, daß Alles beim Alten bleibe, und daß sie sich täglich sagen könne, was die Potentaten jährlich einmal in ihren Thronreden sagen: »Unsere Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind die freundschaftlichsten.«


10

II.

Lotti schloß ihren unersättlichen Tauben das Fenster vor den Schnäbeln zu und zog sich in das Zimmer zurück. Auf einem Tischchen, in der Nähe des Kamins hatte Agnes, die goldene Säule des kleinen Haushalts, schon alle Vorbereitungen zum Thee getroffen. Lotti begann nun ihn zu bereiten. Dabei musterte sie ab und zu ihr Stübchen mit wohlgefälligen Blicken.

Je länger sie es bewohnte, desto gemüthlicher erschien es ihr, desto mehr mußte sie selbst die geschickte Benützung des Raumes bewundern, die es möglich gemacht, so viele Tische, Schränke und Schränkchen in dem schmalen Zimmer unterzubringen. Sehr frei bewegen konnte man sich darin freilich nicht, am wenigsten dann, wenn zufällig mehrere Schrankthüren zu gleicher Zeit offen standen. Doch — was lag daran? Lotti empfing ja keine Gäste, hatte auch für solche nicht vorgesorgt. Außer dem Fauteuil, den sie bei ihren Mahlzeiten benützte, war nur noch ein Sitzmöbel vorhanden, ein altdeutscher, geschnitzter Holzsessel, ein wahrer Ausbund von Schwerfälligkeit. Er überragte, kaum beweglicher als ein 11 Berg, einen Arbeitstisch, auf dem mehrere zerlegte Uhrwerke unter Glasglocken, und alle erdenklichen Uhrmacherwerkzeuge lagen. Auf der linken Seite des Fensters, in der dunklen Ecke, welche das Zimmer dort bildete, befand sich ein großer, bis an die Decke reichender Schrank. Der glich einer gothischen Kapelle, war aber ein Schreibtisch, sehr schön, sehr merkwürdig und sehr unbequem — der Schreibtisch einer Person, die nicht schreibt. Um so zweckmäßiger war der niedrigere Bücherschrank, der den größten Theil der Längenwand, dem Eingange zu Agnesens Zimmer gegenüber einnahm. Schlanke Säulen mit korinthischen Capitälchen verzierten die Glasthüren des Aufsatzes, hinter dessen blanken Scheiben eine sehr gemischte Gesellschaft friedlich beisammen wohnte.

Da standen Schillers Werke in einem Bande, im allerdings ziemlich abgenützten Prunkgewand aus rothem Saffian, neben zwei kleinen dicken Büchlein in schweinsledernen Schlafröckchen, den Mémoires du Maréchal de Bassompierre. Goethes Benvenuto Cellini hatte zwei ganz unähnliche Nachbarn, Dom Jacques Martins Histoire des Gaules und ein ehrwürdiges Incunabel: Unser lieben frawen psalter, gedruckt zu Augspurg. Von Luca Zeisselmair. Am mitwoch nach Jacobi. In dè iar als man zelet 1495. Gibbons Geschichte des Verfalles des römischen Reiches blickte gnädig auf den Herrn Quintus Firlein herab, Krummachers Parabeln lehnten sich mit naiver Zutraulichkeit an die Annalen des Tacitus. 12 Lessings Laokoon war durch ein Versehen mitten hinein gerathen zwischen den Barometermacher auf der Zauberinsel und die Familie von Halden; Prinz von Gothland, der Bramarbas und Himmelstürmer, hielt sich ruhig neben dem weisen Pascal. Viele Classiker der Weltliteratur, alte und neue, fanden sich durch irgend ein Hauptwerk vertreten; vollständig vorhanden jedoch waren alle Lehrbücher der Uhrmacherkunst. Ihre lange, majestätische Reihe wurde durch Hieronymus Cardani (1557) eröffnet, und schloß mit M. L. Moinets Traité général d'Horlogerie.

Kein einziges von allen diesen Büchern war seiner Eigenthümerin ganz fremd, mit manchen stand sie auf dem vertrautesten Fuße, und gerade in diese vertiefte sie sich mit dem größten Vergnügen immer von Neuem. — Denn, meinte sie, ein schönes Buch nicht wieder lesen, weil man es schon gelesen hat, das ist, als ob man einen theuren Freund nicht wieder besuchen würde, weil man ihn schon kennt.

Uebrigens — ein gutes Buch, einen guten Freund, die lernt man nicht aus. Ein weises Buch ist eben so unergründlich wie ein großes Menschenherz.

Viele dieser Werke besaßen außer ihrem eigenen, auch noch einen besonderen, für Lotti unschätzbaren Werth. Sie waren mit Randbemerkungen von der Hand eines Mannes versehen, der ihr unter allen Lebenden am höchsten gestanden — ihres Vaters.

Sie meinte, ihn sprechen zu hören, wenn sie die 13 kurzen, zierlich geschriebenen Sätze, Früchte reiflicher Ueberlegung und solider Fachkenntniß, überlas.

Meister Johannes Feßler hatte nicht zu den Leuten gehört, die einen Gedanken deshalb schon für gut halten, weil er in ihrem Kopf entstanden ist. Das Handwerk, das er ein halbes Jahrhundert hindurch getrieben, hatte ihn gelehrt dreißig »vielleicht« und »ich glaube« leichter auszusprechen, als ein: »So ist's«, oder ein: »Das steht fest.«

Ein gewissenhafter Uhrmacher, wie er gewesen, ein Mann, der so oft erfahren hatte, daß am Ende einer Reihe scheinbar richtiger Schlüsse ein Irrthum lauern kann, der hütet sich wohl, leichtsinnig Behauptungen aufzustellen. Dafür haben die seinen aber auch bei allen Leuten, die es verstehen, einen Ausspruch auf dessen Feingehalt an Wahrheit zu prüfen, ihr gehöriges Gewicht.

Aus den Randglossen des Meisters ließ sich erkennen, wie ernst es ihm war mit seinem Beruf, und welche Liebe er für denselben gehegt. Man sah es wohl, was er auch gelesen hatte, wie sehr ein Buch seine Aufmerksamkeit gefesselt haben mochte, seines Handwerks hatte er dabei nie vergessen. Niemals war ein bemerkenswerthes Ereigniß in der Geschichte der Menschen zu seiner Kenntniß gekommen, ohne daß er gesucht hätte, es mit einem eben solchen in der Geschichte der Uhren in Verbindung zu bringen. So befand sich zum Beispiel in einem historischen Werke, an einer Stelle, wo 14 die Rede war vom Tode Kaiser Rudolphs von Habsburg, von Feßlers Hand die Anmerkung: — In demselben Jahre erhielt die Kirche von Canterbury eine Schlaguhr, für welche 30 Pfund Sterling bezahlt wurden. Weiter, als der »goldenen Bulle« Erwähnung geschah, hatte der Meister seinerseits erwähnt: Gleichzeitig ehrte die Stadt Bologna sich selbst, indem sie die erste öffentliche Uhr aufstellen ließ. — Noch weiter: Eduard III. entsagt seinen Ansprüchen auf den französischen Thron — und — fügte Feßler hinzu: ertheilt dreien Uhrmachern aus den Niederlanden Schutzbriefe, damit sie nach England kommen können. Anno 1368. — In demselben Geschichtswerke war der Beiname König Karl V., der Weise, nachdrücklich unterstrichen und daneben stand: Muß, wie der gleichnamige große deutsche Kaiser, eine besondere Freude an den Werken der Uhrmacherkunst gehabt, ja vielleicht selbst dabei Hand angelegt haben. Der berühmte Meister Jouvence hätte sich sonst schwerlich erlaubt, eine seiner Uhren mit der Inschrift zu versehen:

Charles le Quint, Roi de France
Me fit par Jean Jouvence.

Der nämliche weise König ließ auch (1364) Herrn Heinrich von Wick nach Paris kommen, wo dieser eine Uhr für den Thurm des königlichen Schlosses verfertigte. Er erhielt Wohnung in demselben Thurm und eine Besoldung von sechs Sous täglich.

Noch andere Randglossen machten darauf aufmerksam, 15 daß Luther seine Bibelübersetzung zu derselben Zeit geschrieben hat, zu welcher Peter Hele, Andreas Heinlein und Caspar Werner in Nürnberg die ersten Taschenuhren zu Stande brachten; daß im Jahre des Unterganges der spanischen Armada, Andreas Landeck, Schüler Abraham Habrechts und Verfertiger der ersten Kirchenuhr in Nancy, zu Wertheim in Franken geboren wurde; daß Anno 1690 — glorreichen Andenkens für Deutschland wegen der Gründung der Universität Halle, und für Frankreich wegen der Siege Luxemburgs, Catinats und Tourvilles — in Paris, wo bisher nur kleine Taschenuhren beliebt gewesen, plötzlich sehr große in die Mode kamen ... Und so weiter! noch viele wichtige und höchst seltsame Zusammenstellungen, die Jedem, der ein Herz hat für die Uhrmacherei, gar viel zu denken geben.

Was ihm selbst dabei eingefallen, hatte Meister Johannes niemals verrathen, sehr oft aber sein Bedauern darüber ausgesprochen, daß er nur ein ungelehrter Mann war und nicht im Stande, eine ausführliche und genaue Geschichte der Entwickelung der Uhrmacherkunst zu schreiben. Das beste Material, das es geben kann — wenigstens zu einem Hauptzweig eines solchen Werkes — besaß er selbst. Er hatte im Laufe seines langen Lebens eine Sammlung von Taschenuhren zusammengebracht, wie sie vor ihm so vollständig und lückenlos, schwerlich ein Privatmann (Herrn Asthon Levers ausgenommen, das versteht sich!) besessen haben dürfte. Lauter seltene und auserlesene Exemplare, jedes der Vertreter einer eigenen Gattung, 16 jedes werthvoll an und für sich, und doppelt werthvoll als Theil des Ganzen, zu dem es gehört. Wäre diese Sammlung bekannt, sie wäre gewiß auch berühmt geworden, sie hätte die Bewunderung aller Kenner erwecken müssen. Aber dem Meister Johannes war um Berühmtheit gar nicht zu thun, und was die Bewunderung betrifft, die ihm eigentlich ganz recht gewesen wäre — wer hört nicht gern loben, was er liebt? — so hat sie doch meistens Neid und Verlangen in ihrem Gefolge, die Feßler um keinen Preis zu erwecken wünschte. Er freute sich im Stillen an seinem Schatze, was nicht heißen soll, daß er sich allein daran freute. Es gab zwei Getreue, die keine anderen Interessen kannten als die seinen, für die sein Wort das Evangelium war, sein Beifall das Ziel aller Wünsche, seine Zufriedenheit das höchste Lebensgut. Die Beiden waren seine Tochter Lotti und sein Ziehsohn Gottfried. »Meine Gesellen« nannte er sie in ihrer Kindheit, und später mit Stolz: »Meine Gehülfen«. Endlich schien ihm auch diese Bezeichnung nicht mehr ehrenvoll genug, und er sprach sie niemals aus, ohne sich dabei in Gedanken zu verbessern: »Ich sollte eigentlich sagen: Meine Berufsgenossen ... solche noch dazu, die im besten Zuge sind, mich zu überflügeln.«

Daß sie es doch möchten, und recht bald, und recht weit — sein liebster Traum wäre erfüllt. Aber nicht allein dieser, jeder Traum von Erfolg und Glück, den er für seine Kinder im treuen Vaterherzen hegte, schien in Erfüllung gehen zu wollen. Ihr Lebensweg lag so glatt 17 geebnet vor ihnen, sie waren so ganz geschaffen die Bahn, die das Schicksal ihnen vorgezeichnet, Eines auf das Andere gestützt, ohne Abirrung, ohne Wanken und Straucheln zu verfolgen. Sie waren beide brav und talentvoll, hatten ein und dasselbe geistige Interesse und dienten ihm mit dem gleichen Eifer. Niemals war ihre Einigkeit getrübt worden. Von dem Augenblick an, in welchem Feßler den kleinen Gottfried, den Sohn eines in der Fremde verstorbenen Verwandten, in sein Haus aufgenommen, hatte sich dieser, so jung er selbst war, zum Beschützer des noch jüngeren Mühmchens aufgeworfen. Gottfried war völlig verwaist, Lotti hatte vor kurzer Zeit ihre Mutter verloren.

Die beiden Kinder wuchsen munter heran. Er wurde ein kräftiger, ernster Jüngling von nachdenklichem, etwas zurückhaltendem Wesen, sie ein hochaufgeschossenes, schlankes Mädchen, verständig, sanft, und dabei immer lustig und guter Dinge. Sie bewunderte und verehrte ihren Vetter und fürchtete seinen Tadel mehr noch als den ihres Vaters. Ihren ersten großen Schmerz erfuhr sie, als Gottfried nach London geschickt wurde, um dort seine Lehrjahre durchzumachen. Er selbst hatte die Stunde der Abreise kaum erwarten können, aber als sie herankam, war sie so düster und leidvoll, wie sie aus der Ferne licht und freudig geschienen. Lotti schluchzte bitterlich. Der frohe Muth, mit dem sie bisher der Trennung von ihrem Jugendgespielen entgegengesehen, war plötzlich verschwunden, sie wollte nicht mehr begreifen, warum 18 er denn fort müsse, und wie es sich ohne ihn leben lassen solle.

Feßler jedoch bestand auf seinem Sinn. Er umschloß seine beiden Kinder in einer Umarmung, dann trennte er sie sanft: »Leb' wohl, Gottfried,« sagte er, »in drei Jahren bist Du wieder bei uns. Geh', lieber Sohn. Im Vaterlande eines Harrison,« in seinen feuchten Augen leuchtete es begeistert auf — »eines Mudge, eines Arnold müssen unsere künftigen Meister leben. Wenn Du heimkommst, werde ich von Dir lernen!«

Allein dieses Wort sollte nicht zur Wahrheit werden. Als Gottfrieds Lehrzeit um war, und er nach Hause zurückkehrte, behauptete er, bei seinen neuen Meistern nichts so gut gelernt zu haben, als seinen alten Meister und dessen Kunst zu schätzen. So berühmt jene auch seien, so theuer ihre Arbeiten bezahlt werden, Feßler dürfe sich mit dem größten von ihnen messen. Eines nur verstände auch der Geringste unter Allen besser, nämlich seine Geschicklichkeit geltend zu machen und zu verwerthen. Diesen Vorwurf wies Feßler lächelnd zurück. Beehrten ihn die vorzüglichsten Uhrmacher nicht mit ihren Bestellungen? zögerten sie, ihren Namen in eine Uhr schreiben zu lassen, die aus seinen Händen kam?

Aber Gottfried schüttelte den Kopf und meinte, das sei es eben, was ihn kränke. — »Ihr Name auf Deinem Werk! wo steht denn der Deine? Wer kennt Dich? wer weiß etwas von Dir! ... Was hast Du von Deinen unvergleichlich schönen und genauen Arbeiten?« 19

»Die Freude, sie zu machen!« war die Antwort Feßlers, und das Herz schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung, die sein weitgereister Sohn ihm zollte.

Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll beseligenden Friedens und erfolgreicher Thätigkeit. Feßler war mit der Vollendung eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein bestes Werk hielt. Gottfried lieferte dazu eine Kompensations-Unruhe von so einziger und zarter Ausführung, daß Meister Johannes bei ihrem Anblick laut ausrief: »Unübertrefflich!« — Dieses Lob hatte er noch nie einer Leistung gespendet, die aus seiner Werkstatt hervorgegangen war. Lotti hingegen gelang es, eine höchst merkwürdige und komplizirte Taschenuhr aus dem XVI. Jahrhundert in Gang zu bringen. Es bedurfte dazu außerordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher Geduld — aber welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann. Feßler und Gottfried lachten, staunten, bewunderten — das Herz des jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche Zeit! — warum mußte sie so rasch vergehen? Warum mußten ihr, die so erfüllt war von stillem und harmlosem Glück, Tage folgen voll Pein und Qual? Böse Tage, in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten, aus ihrer Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen Alles, was sonst ihr Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst — eine Last.


20

III.

Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die Erinnerung an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, daß auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugetheilt worden, sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht bevorzugt erschienen. Wie Vielen wird es denn so gut, mit ihr sagen zu können:

Ich habe das Leben, das ich brauche!

Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte sie täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und Unabhängigkeit. Wäre ihr Vater nur noch dagewesen, um dies Alles mit ihr zu genießen! Aber leider, Meister Johannes ruhte schon seit geraumer Zeit in der kühlen Erde.

Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennen gelernt; niemals hatten ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen Kopfes ihre Dienste versagt. Wohl waren seine Haare weiß geworden, hatten seine Wangen sich entfärbt, aber aus seinen klaren Zügen leuchtete der Glanz einer unverwelklichen 21 Jugend. Die Jugend des mit Bewußtsein Werdenden. Unermüdlich strebend und lernend, hatte er sich nicht Zeit genommen, recht zu überlegen, wie viel er schon erstrebt und erlernt — da plötzlich, ohne auch nur Einen seiner Vorboten geschickt zu haben, trat der Tod an ihn heran.

Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der Gedanke schwer aufs Herz, daß er seine Tochter fast mittellos in der Welt zurücklassen müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche Wohlhabenheit sichern können! — Vor einem Jahre noch fand sich die beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher Kenner, der sich in die Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte, eine Summe dafür, eine lächerlich hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht einmal geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht feil.«

Ueber diesen Leichtsinn, diese thörichte Selbstsucht machte er sich in seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen Sohn Gottfried, jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu melden, die Sammlung, nach welcher er so heißes Verlangen trage, stehe ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch erklärte, daß sie eben so gern ihre Seele verkaufen ließe, wie diese Uhren.

So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen harten Kampf. Die Sammlung Meister Feßlers war allmälig doch in einem Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe 22 gelangt. Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften Zurückweisungen, die sie erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue Bewerbungen anstellten, immer glänzendere Anerbietungen machten. Das war denn oft herzlich langweilig, trug aber nur dazu bei, die Liebe, welche Lotti für ihre Uhren empfand, noch zu erhöhen. Sie hörte niemals auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und wenn es noch so viel zu thun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie nicht an ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte sie das jemals unterlassen müssen, — die rechte Begeisterung, die rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt.

Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke stand neben der Schlafzimmerthür, dem großen Schreibtisch gegenüber. Eben fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, auf Lottis Hände, und als sie die erste Lade öffnete, schlüpfte er sogleich hinein. Prächtig war's, wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke beleuchtete, welche darin auf einem Bettlein von purpurrothem Sammet lagen.

Die glatten Gehäuse aus Messing, Krystall, Silber und Gold und die reich verzierten, und die durchbrochenen und in diesen die sorgfältig geputzten, polirten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer Verborgenheit und Ruhe besuchen kam, seinen Gruß zurück. Das war Lade Nummer Eins!23

Sie enthielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und drei »Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre, manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten Beschaffenheit. Was wollten sie nicht alles können, diese kleinen Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie begnügten sich keineswegs damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den Wochen- und Monatstag verzeichneten sie, controlirten die Aspecte und Phasen des Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wußten Auskunft zu geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ...

Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten, hatten sich Schweres vorgesetzt — und mit wie geringen Mitteln gedachten sie es zu erreichen! — Mit Spindelechappements — mit Löffelunruhen, deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste regulirt wurde! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen, und von einer Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen.

Aber — so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wußten — das heißt sie glaubten, und weil sie glaubten, wußten sie — daß Schwäche zur Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf ihr ruht. Kühn und demüthig zugleich riefen sie die Hülfe Desjenigen herbei, dem nichts unmöglich ist, und 24 stellten die Werke ihres Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie auch wohl der Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft umschließt, von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe gleichsam beseelt, den Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus dem fein geschnittenen, prächtig ornamentirten Monogramm der heiligen Jungfrau Maria der Schutzdeckel des Zifferblattes gebildet worden. Auf der Innenseite des Gehäuses standen die Worte eingravirt:

Kaspar Werner hat mich gemacht
Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht
Da · man · zelt · 1541.

Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen nach dem andern öffnete und schloß. Taschenuhren in allen Formen und Gestalten, achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen aus Gold und Silber, aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkrystall. Unter andern gab es eine Uhr in Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«, »Wardein- und Wichszeichen« versehen. Das Gehäuse, das Zifferblatt und der innere Deckel waren mit Darstellungen des Leidens Christi bedeckt, die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten. Leider fehlte das Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein müssen, um nicht sogleich zu erkennen, daß die prächtige deutsche Arbeit aus der Zeit 25 Kaiser Rudolphs II. stammte und vermuthlich von Hans Schlotheim hergestellt worden war.

Ueber den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig, mit Gehäuse aus Einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten. Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern neben dem Stellungsrade brav und deutlich sein »Conrad Kreizer« eingeschrieben.

Eine ganze Schar anmuthiger Französinnen folgte. Köstliche Uehrchen, geschmückt mit Email-Malereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen Arabesken aus vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder merkwürdige Arbeiten von Tompion in England, Albrecht Erb in Wien, Gerard Mut in Frankfurt, Matthäus Degen, Christoff Strebell. Kurz, es fehlten wenig große Namen, und wer die vorhandenen mit recht scharfen Augen betrachtete, der sah mehr, als nur Namen in eine Metallplatte eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem Werke spiegeln.

Nach all' den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... Ach, die weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die große Enttäuschung in Lottis Leben. Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst ... Hinweg! — Schlafe Du nur ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem unerhörtesten Curiosum der 26 Sammlung — zu der Seetaschenuhr von Mudge dem Ersten.

Die Geschichte will wissen, daß dieser berühmte und unsterbliche Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die erste im Jahre 1774, und die beiden andern, der blaue und der grüne Zeithalter genannt, im Jahre 1777. Nun, die Geschichte hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die gründlichste Art der Welt widerlegt, durch eine Thatsache — hier war eine vierte Mudge. Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn in Greenwich geprüften und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren.

Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges besitzen, paßten genau auf die, welche sich in Lottis Händen befand.

Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jedem Zweifel erhaben, es war eine ganze Mudge — die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte man freilich nicht mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten Greisin.

Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, enthielt schöne Arbeiten von Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus Gütenbach.

Ein Familienerbe! — Als Bräutigam hatte sie der 27 Urgroßvater Lottis ihrer Urgroßmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried nannte sie die Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als Schaustück im Glasschranke der Urgroßmutter geruht. Nur an hohen Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und vollführte einen so accuraten und energischen Gang und bimmelte so fleißig fort, als ob sie noch in der Blüthe ihrer Jahre stände, und als ob sie all' die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Muße versäumt.

Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben, so bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber ausgestochen der Unruhkloben und die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden und die Klobenplatte. Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die Liebe an, mit welcher sie ausgeführt, und auch die, mit welcher sie zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr gehörte Lottis letzter und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte: »Ja, meine Uhren — die machen mir noch das Sterben schwer!«

In diesem Augenblicke wurde die Zimmerthür geöffnet.

»Guten Morgen,« sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme.

Lotti wandte sich rasch: »Du, Gottfried? Ist es denn schon acht Uhr?«

»Noch nicht,« war die Antwort, »ich bin heute unpünktlich.« 28

»Zeichen und Wunder!« rief Lotti, »was ist geschehen? Was giebt's?«

Gottfried war an den Arbeitstisch getreten. Er hob die kleinen Glasglocken von den Uhren, welche darunter lagen, und nahm diese in den allergenauesten Augenschein.

»Du bist ja fertig,« sagte er nach einer Weile.

»Beinahe — aber antworte mir doch — was giebt's?«

Er richtete sich empor, sah Lotti mit geheimnißvoller Miene, halb freudig, halb zweifelnd an und sagte: »Eine Ueberraschung.«


29

IV.

»Eine Ueberraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge, »wenn ich Ueberraschungen nur zu schätzen wüßte.«

»Diese wird Dir gefallen,« entgegnete Gottfried. »Ich habe einen Laden gemiethet und bereits eingerichtet.«

Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte herausbringen: »Aber nein! ... Aber wo?«

Nun, nirgends anders, als gleich nebenan in der breiten belebten Straße, die zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück thauklaren Glases, und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz. In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten Häusern.

Lotti war bewundernd vor ihnen stehen geblieben, aber heute erfüllte deren Kostbarkeit sie mit Schrecken. 30 »Ein solcher Werth!« meinte sie, »ein so großes Capital!« es schien ihr fast zu kühn, daß Gottfried die Bürgschaft dafür übernommen hatte.

Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.

Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister, der ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während seiner Lehrzeit erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf das Kräftigste. Als ob es sich an ihm erproben sollte, daß nicht bloß Diejenigen Vertrauen erringen, die es nicht werth sind, sondern manchmal doch auch Einer, der es verdient, fand er allenthalben bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und günstige Bedingungen gemacht, daß er, um in seinem Geschäfte zu bestehen, keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das Ausbleiben eines raffinirten Unglücks zu hoffen brauchte.

Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es zwei verwunderliche Dinge; erstens, daß er sich zu dem jetzt gefaßten Entschluß so lange nicht gebracht, und zweitens, daß er sich doch dazu gebracht. Was sie von der Sache halte, wisse er; hatte sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf eigene Füße zu stellen.

Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei Schuld, daß es nicht früher geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft nicht anzufangen, wenn er dazu auch 31 nur einen Heller fremden Geldes brauchen würde. Um jedoch Alles aus Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es eben viel Zeit gebraucht.

»Und gut angewandte, das weiß Gott,« meinte Lotti. »Heil Dir, daß Du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und Audemars' ...«

»Die beide schon halb und halb verkauft sind,« fiel er ihr ins Wort.

»Gottfried, Du machst mich übermüthig! Einen Wunsch hast Du mir erfüllt, der schon vor Altersschwäche erloschen war — jetzt wird ein zweiter, dem es ähnlich ergangen, lebendig. Du mußt heirathen, Gottfried.«

Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und sprach ganz unternehmend:

»Warum nicht?«

»Das sag' ich ja,« rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest Du die brave Frau nicht finden, die Du verdienst? Nur suchen heißt es, nur sich ein wenig bemühen, nur nicht, wie Du es bisher gethan hast, jeder Gelegenheit aus dem Wege gehen, mit einem jungen Mädchen zusammen zu kommen, das vielleicht denken könnte: dieser Gottfried Feßler wäre kein übler Mann für mich.«

Er lachte. »Ein junges Mädchen denkt das nicht.«

»Ich meine auch kein sechzehnjähriges.«

Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparirten Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen.

Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. »Wann 32 wird die Bestellung abgeliefert werden?« fragte er nach einer kleinen Weile.

»Kann morgen geschehen.«

»Thu' es selbst, ich bitte Dich, und nimm zugleich Abschied von dem Meister. Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten.«

Lotti blickte ein wenig betroffen empor. »Abschied nehmen — das wäre schon gut, aber — so plötzlich, so ohne Weiteres? Ich bin ihm Dank schuldig, er hat immer Rücksicht auf mich genommen, mich nie ohne Arbeit gelassen, immer gut und rasch bezahlt.«

»Rasch ja, gut — nein. Mache Dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn bereits darauf vorbereitet, daß er jetzt seine beste Arbeiterin verliert. Wie leid ihm ist, mag Gott wissen, aber begreiflich muß er's finden, daß Du Dich von nun an für Niemanden mehr plagen wirst als für mich, was so viel heißt, als für Dich selbst, denn — nicht wahr? ...« Er war plötzlich in heiße Verlegenheit gerathen und stockte. »O,« nahm er bald wieder das Wort, »da hätte ich beinahe vergessen! Der Herr bittet Dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst. Du möchtest so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat Dein Lieblings-Echappement.«

»Duplex also.«

»Jawohl. Er weiß gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut sie in die Hand zu geben. Ueberdies hat's Eile. Morgen Abend möcht' er sie wieder haben.«

Gottfried stellte ein hölzernes, mit Messing eingelegtes 33 Kästchen vor Lotti hin. Die wandte demselben den Blick eines theilnehmenden Arztes für einen Patienten zu, und fragte:

»Was fehlt denn?«

»Weiß nicht,« erwiderte Gottfried, »aber ich glaube, nicht viel. Der Herr hat mir eine lange Geschichte erzählt, er hat die Uhr von Einem, der sie aus Leichtsinn oder aus Noth losschlug, um ein Spottgeld. Will sie jetzt sehr theuer verkaufen, deshalb sollst Du die Herstellung besorgen. Er schwatzte ein Langes und Breites, ich habe nicht zugehört. Es wäre auch überflüssig gewesen, nachdem ich wußte, was mich dabei anging.«

Lotti, die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es geöffnet und dann auch — mit seltsamer Spannung und Hast — die Uhr, welche darin gelegen. Unverwandt starrte sie den Namen F. Alexy & Sandoz frères auf der Cuvette, und die Zahl an, die darunter stand.

»Verkauft — wie sagtest Du? — aus Leichtsinn oder aus Noth,« sprach sie gepreßten Tones.

»Freilich, freilich,« versetzte er, lehnte sich tiefer in das Fenster zurück, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf nachzudenken. »Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen!« rief er plötzlich aus.

Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu zerlegen.

»Das Schild ist noch nicht aufgemacht,« fuhr Gottfried langsam und zögernd fort, »aber fertig ist es schon. 34 Es wird nicht aufgemacht, bevor Du die Erlaubniß dazu giebst.« Er hielt inne, er wartete, aber vergeblich. Lotti schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause von Neuem an:

»Denk' nur, welche Freiheit ich mir genommen — denk nur — ich habe auf das Schild schreiben lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf jeden Fall, wie selbstverständlich — es kann geändert werden, wenn Du es wünschest ...«

Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz versunken in ihre Arbeit — eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie, die Meisterin! Ihre sonst so sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war hochgeröthet, eine mühsam unterdrückte Erregung gab sich in ihrem ganzen Wesen kund.

Was ist ihr denn? dachte Gottfried. — Ahnt sie, was er ihr zu sagen hat und versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie Bestürzung? Wär's doch so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst, und er braucht nicht zu fürchten, mit einem Scherze heimgeschickt zu werden, das Aergste, was ihm geschehen könnte, dem alten Menschen. Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und zugleich von aller Aengstlichkeit. Er athmet auf und spricht mit einem gewissen unbeholfenen Humor, dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich: »Es wäre schade, wenn an dem Schilde etwas geändert werden müßte; es ist sehr hübsch ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glänzend schwarzem Grund, das 35 G. & L. Feßler ... G. und L. ... Gottfried und Lotti ...«

Ihre Stirn glühte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer über ihre Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: »Gottfried und Lotti?«

Nein! ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise hätte sie ebenso gut fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, waren an ihr Ohr gedrungen, die schüchterne, inständig bittende Frage, die in ihnen lag, nicht an ihr Herz ...

Jetzt trat von allen Pausen, die während dieses Gespräches gemacht wurden, die längste ein. Still war's im Zimmer, nichts hörbar, als das Ticken der vielen Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus Gottfrieds Brust.

Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich vor ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in seinen Zügen.

»Was ist Dir, Gottfried?« sprach sie.

»Du hörst mich nicht an,« entgegnete er unmuthig.

Sie nahm sich mit Gewalt zusammen: »Doch, ich habe Alles gehört.«

»Hast Du? Wirklich? und — hast nichts einzuwenden? ... Es ist Dir recht — Du weißt ...«

»Es ist mir recht, gewiß. Aber wenn Du, Lieber, auf Dein Schild auch nur G. Feßler hättest schreiben lassen, für uns hätte es dennoch und immer ›Geschwister Feßler‹ bedeutet.«

»Geschwister — so? — — ja, Geschwister,« murmelte 36 er und zögerte, die Hand anzunehmen, die Lotti ihm reichte. Allein er ergriff sie doch und drückte sie fest und treuherzig, als Lotti sagte:

»Es versteht sich ja von selbst, daß wir Zwei nach wie vor treu zusammen halten.«

»— Das Schild wird also aufgemacht,« sprach er, mit einem herzhaften Versuch, vergnügt zu scheinen. »Komm' es bewundern, komm' bald!«

Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer.

Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene Beschäftigung emsig fort. Sie hatte an der Uhr, die Gottfried mitgebracht, alle Brücken abgeschraubt, alle Räder ausgehoben, bis auf das Minutenrad. Das haftete noch, festgehalten vom Viertelrohr. Aber auch dieses muß nun weichen, das letzte Rad liegt bei seinen Kameraden, und Lotti hat gefunden, was sie suchte, was sie zu finden gewiß war. Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai, mit fast unsichtbar kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und verborgen durch die Zähne des Rohres.

Am 12. Mai, an dem Tage, der sich heute zum fünfzehnten Male jährte, hatte sie diese Zeichen da hinein geschrieben und diese Uhr ihrem Verlobten geschenkt und dabei gesagt:

»Sie kann uns gute, sie kann uns traurige Stunden anzeigen, aber keine, in der unsere Treue gewankt.«

So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen, solche Schwüre schwört die kindische Liebe, die 37 kaum erwacht, auch schon die Kraft in sich fühlt, ewig zu leben. Thorheit ohne Gleichen! Ebenso gut könnte die Rose schwören, daß sie niemals welken wird, denkt Lotti, und halberloschene Erinnerungen tauchen in ihrer Seele auf. Bleiche Schatten ringen sich los aus der Nacht der Vergessenheit und gewinnen allmälig Farbe und Gestalt. Sie ziehen langsam vorüber, mächtig genug, um noch eine leise Wehmuth, nicht mehr mächtig, einen Schmerz zu erwecken. Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln, peinvollen Traum, aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht.


38

V.

Vor fünfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein junger Mann in der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht, mit der Bitte sie zu schätzen. Während Feßler die Uhr betrachtete, betrachtete der junge Mann ihn so aufmerksam, wie ein Maler thut, der sich das Bild eines Menschen, den er aus dem Gedächtniß malen soll, einzuprägen sucht.

»Dies ist,« sprach Feßler, nachdem er seine lange und sorgfältige Untersuchung beendet hatte, »ein kostbares Stück.« Er rief seine Tochter herbei, um auch ihre Meinung zu hören.

»Wie?« sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt, »sind Sie Kennerin, mein Fräulein?«

Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen, mit dem fast alle jungen Männer, denen sie zum ersten Male begegnete, sie ansahen; den Blick, der deutlich fragt: Was willst Du in der Welt? und an den ein nicht hübsches Mädchen sich gewöhnen muß.

Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung. 39

Der Fremde lachte herzlich auf, als sie das sagte.

»Ist's richtig, Herr Feßler?«

»Ganz richtig,« erwiderte dieser, unangenehm berührt von dem über Gebühr zutraulichen Wesen des jungen Mannes, der an die Seite Lottis tretend, in seinem früheren Tone fortfuhr:

»Sie können mir vielleicht auch sagen, was diese Uhr werth ist?«

Lotti schüttelte den Kopf. »Was sie jetzt werth ist, kann ich nicht sagen; als sie neu war, sind gewiß nicht weniger als 150 Guineen für sie bezahlt worden.«

»Als sie neu war? Und wann mag das gewesen sein?«

»Vor siebzig Jahren etwa.«

»Ich bewundere Sie!« rief der junge Mann äußerst belustigt; »das Alles erkennen Sie so auf den ersten Blick? ... Jetzt aber die letzte, wichtigste Frage: Wie viel ist sie heute, wieviel ist sie Ihnen werth?« fügte er zu Feßler gewendet hinzu.

»Sie wäre mir sehr viel werth, wenn ich nicht schon eine ganz ähnliche besäße,« entgegnete dieser.

»Ach! in Ihrer Sammlung? ... Wenn Sie doch wüßten, Herr Feßler, wie viel Gutes und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von dieser Sammlung, und wie glücklich ich wäre, sie kennen zu lernen ... Wenn Sie das wüßten — Sie würden mir den elenden Vorwand verzeihen, den ich gebraucht habe, um mich bei Ihnen einzuschleichen.« 40

Er legte eine gründliche Beichte ab.

Er hieß Hermann von Halwig, war ein kleiner Beamter und nebenbei ein ganz kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle, in welcher eine alte Uhr eine große Rolle zu spielen hatte. Die mußte geschildert werden, und um das zu können, brauchte er ein Modell, brauchte er vor Allem einige fachmännische Kenntniß.

»Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre, bester Meister,« schloß er, »würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung — Ihr Heiligthum wie ich höre. — Daß ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde, das verspreche ich nicht, aber ein dankbarer bin ich gewiß!«

Feßler sah den hübschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich an. Ihm gefielen seine fröhlichen blauen Augen und die sorglose Sicherheit, das muntere Selbstvertrauen, mit denen er sich auf die Reise durchs Leben zu begeben schien. Schweigend holte der alte Mann einige schöne Exemplare aus der Sammlung herbei und begann die Eigenthümlichkeiten und Vorzüge derselben mit der Wärme eines Liebhabers auseinander zu setzen.

Halwig unterbrach ihn Anfangs sehr oft; er konnte die Scherze nicht unterdrücken, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten. Allmälig jedoch wurde er still. Das herablassende und oberflächliche Interesse, das er für einige »Favoritinnen aus dem Uhrenharem« gezeigt, verwandelte sich in ein gespanntes. Den Kopf in die Hand gestützt, sah er bald die Uhren auf dem Tische, bald den Meister, zuletzt nur noch diesen an, und dabei 41 erhellte der Ausdruck einer so innigen Freude und Verehrung seine Züge, daß Feßler dachte: dem Burschen könnt' ich gut sein — trotz des Leichtsinns, mit dem er vorgab, eine Emmery verkaufen zu wollen.

Der Bursche aber richtete sich plötzlich auf. »Was für Augen haben Sie!« rief er, »was Ihnen ein Rädchen, eine Spindel, ein Ornament, ein Stückchen Email nicht Alles erzählen! ... Was für Augen und was für ein Herz ... Sie sind ein Künstler! ...«

Er deutete nach dem Schranke, dem Feßler die Uhren entnommen. »Das Kästchen dort ist für Sie, was für einen Poeten ein Schrein voll der köstlichsten Werke großer Dichter, die vor ihm gelebt. Eine schweigende, todte Welt, die ein Blick zum Dasein erweckt, zu einem mächtigern, schönern Dasein, als das sogenannte wirkliche ... Ein Blick — ein sehender, der Blick des Verständnisses muß es sein ... Nicht wahr, lieber Meister? — Verständniß ist Alles — Weisheit, Liebe, Poesie ... Nach dem allein haben wir zu ringen, die wir uns einbilden, Dichter zu sein ... An Stoffen fehlt's, höre ich die Leute sagen. — Begreife das Begreifbare und aus Allem, was Dich umgiebt, dringt die Fülle bildsamen Stoffes auf Dich ein, und wenn es Dir an etwas fehlt, so ist's an Kraft, die wogenden Quellen zu fassen und sie zu leiten an ein gewolltes Ziel!«

Er sprang auf, ergriff die Hand Feßlers, nannte ihn einen edlen, einen seltenen, einen herrlichen Mann 42 und verabschiedete sich mit der Bitte, recht bald wiederkommen zu dürfen. Und er kam wieder, kam täglich, ganze Wochen hindurch, und wenn er ja einmal ausblieb, bedauerte dies Niemand mehr, als Feßler. Lotti sprach überhaupt nicht von ihm, vermied es sogar, seinen Namen zu nennen, und was Gottfried betraf, der meinte, es sei nicht übel, zwölf Stunden lang Ruhe zu haben in der Werkstatt. Er leugnete nicht, daß Halwig eine große Unterhaltungsgabe besitze, allein für seinen Geschmack machte »der Poet« einen gar zu häufigen Gebrauch davon.

»Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe, ist mir's genug, täglich Unterhaltung ist mir zu viel,« sagte er und bewies es, indem er begann, das Haus zu den Stunden zu verlassen, in denen Halwig es zu besuchen pflegte. Dieser zeigte sich darüber gekränkt. Er war nicht gewöhnt, gemieden zu werden; er that sich etwas zu Gute auf die Macht, die ihm über die Gemüther der Menschen gegeben war. Keiner, um dessen Neigung er sich beworben, hatte ihm widerstanden, er hatte immer gehört und geglaubt, daß man ihn lieb haben müsse, wenn er es darauf angelegt. Bitter beklagte er sich bei Lotti über die Steifheit und Kälte ihres Vetters, versicherte trotzig wie ein verwöhntes Kind, er werfe seine Freundschaft Niemandem an den Kopf, und wenn Gottfried ihn hasse, so zahle er ihn mit gleicher Münze. Sobald sich jener aber blicken ließ, kam er ihm wieder mit der alten und — darüber konnte kein Zweifel sein — 43 aufrichtigen Wärme entgegen. Er bemühte sich, sein Interesse zu erwecken, ihm Theilnahme einzuflößen, er warb förmlich um ihn. Alle liebenswürdigen Eigenschaften seines beweglichen, frischen, herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein, rührten aber Denjenigen nicht, dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze zeigten.

Eines Tages war Gottfried, mit einer dringenden Arbeit beschäftigt, von früh bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleißes die Stunde versäumt, zu welcher er jetzt regelmäßig seinen Rückzug vor dem »Luxusartikel«, wie er Halwig nannte, anzutreten pflegte.

Zum Bewußtsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht, die eine Lampe auf den Tisch stellte und ihn mahnte, Feierabend zu machen.

»Ist es denn so spät?« fragte er.

»Spät und nicht mehr hell, Du verdirbst Dir die Augen.«

»Was liegt daran? — Was liegt an mir?« sprach er halblaut vor sich hin, wie einer, der plötzlich geweckt, aus dem Schlafe redet. Er stöhnte schmerzlich auf und preßte beide Hände gegen die Stirn.

Lotti wurde feuerroth; schweigend mit einer Gebärde der Mißbilligung wandte sie sich ab. Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade unterbrochen, war vor Gottfried stehen geblieben und fragte, was ihm fehle? 44

»Nichts,« erhielt er zur Antwort, »nur die Augen sind mir ein wenig müde geworden.«

»Gönn' Dir Ruhe,« sagte Feßler, »mach' es mir nach, ich spaziere schon lange müßig auf und ab und hätte ganz gut noch eine Weile schaffen können — die Tage wachsen, der Frühling kommt heran ... Ja, der kommt, man darf auf ihn zählen, der kommt. Wer aber ausbleibt,« schloß der alte Mann seine Betrachtungen, »das ist unser Hofpoet ... In drei Tagen hat er sich nicht blicken lassen, und auch heute — seine Stunde ist vorbei — er kommt nicht mehr.«

»Um so besser!« rief Gottfried, »ich wollte, wir wären für immer von ihm befreit.«

»Befreit! — Ist das Dein Ernst? ...«

»Leider ja,« versetzte Lotti, und ein tiefer Groll sprach aus ihrer erregten Stimme.

Gottfried erhob den Kopf: »Was sagst Du?«

»Daß Du ungerecht bist, zum ersten Mal in Deinem Leben; ungerecht und grausam gegen einen edlen und guten Menschen ... Es ist herzlos und thut ihm weh — gerade von Dir — denn Du bist es ja ...« Ihre Lippen zitterten, der Ausdruck des bittersten Schmerzes zuckte über ihr Gesicht — »der ihm der Liebste ist von uns Allen ...«

Sie hielt tiefathmend inne, Gottfried murmelte ein zorniges Wort, und der Vater stand in stummer Betroffenheit vor seinen beiden Kindern. In einer bisher ahnungslosen Seele dämmerte das Bewußtsein zerstörter 45 Hoffnungen, eines nahenden Unglücks auf. Eh' er sich's versah, bevor ihm zu einer Befürchtung Zeit geblieben, war der Friede aus seinem stillen Hause entwichen und aus den Herzen seiner Kinder ...

In dem Augenblicke wurde an der Hausglocke gestürmt, bald darauf durcheilten leichte Schritte das Vorgemach.

»Da ist er doch,« sagte Feßler.

Halwig erschien auf der Schwelle, er schwenkte seinen Hut und sah so glücklich aus, als ob er eben eine Welt erobert hätte.


46

VI.

»Vater Feßler,« rief er, »da ist es, da haben Sie's, mein Büchlein, mein erstgebornes! ... Sieht es nicht nett aus in seinem purpurrothen mit Gold geputztem Kleidchen? ... Lesen Sie, was hier steht, auf der ersten Seite: »Johannes Feßler, meinem Lehrer, meinem Vorbild, meinem Freund ...« Es ist Ihnen gewidmet, Ihr Eigenthum, ich bringe, was aus meinem Herzen floß und Ihnen gehört, und lege es Ihnen zu Füßen.«

Er machte Miene, das Büchlein wirklich auf den Boden vor Feßler hinzulegen; der aber hinderte ihn daran: »Geben Sie es mir in die Hand, das ist Ehre genug,« sprach er, und lächelte seinem Liebling zu, bei dessen Erscheinen der trübe Ernst verschwunden war, der eben noch die Stirn des alten Mannes umdüstert hatte. Er ließ sich erzählen, wie der Poet seit drei Tagen in verzehrender Erwartung seines Werkes gelebt, wie er jede freie Minute auf dem Postbureau zugebracht und durch die Ausbrüche seiner Ungeduld den Aerger eines Expeditors und das Mitleid zweier Briefträger erregt habe. Jetzt aber sei Alles gut, meinte er und flehte, die Familie 47 möge ihm diesen Abend schenken und sich den Vortrag seiner Dichtung gefallen lassen. Er stellte die Lampe auf den Tisch inmitten der Werkstätte, und trug vier Sessel herbei. Lotti sollte ihm gegenüber sitzen, Feßler und Gottfried neben ihm.

»Auf diese Stunde,« sagte er, als Alle Platz genommen hatten, »habe ich mich gefreut von dem Momente an, in welchem mir der erste Gedanke meines Gedichts aufgegangen, bis zu dem, in welchem ich am letzten Verse gefeilt ... Wie jetzt in der Wirklichkeit, umgaben Sie mich immerwährend im Geist, Sie geliebten Drei!«

Seine Augen ruhten vor Innigkeit und Wärme leuchtend auf seinem kleinen Auditorium, dann öffnete er das Buch und begann zu lesen.

Was er las, war nur eine einfache Herzensgeschichte — ähnliche sind wohl tausend Mal berichtet, millionen Mal erlebt worden. »Abgedroschen!« wollte Gottfried schon ausrufen, aber er unterdrückte das Wort. Offenbar hatte der Dichter nicht durch das Interesse an seiner Fabel zu wirken gesucht; was da fesselte und bezwang, das war der Schönheitszauber, der in dem schlichten Bilde webte, das war die Wahrheit und die Leidenschaft, die es athmete, und wen man darin am liebsten gewann, das war der Dichter selbst. Absichtslos, ja wider seinen Willen hob seine Gestalt sich verklärt aus seinem Werke und erschien so liebenswürdig wie die verkörperte Jugend. Er war von Begeisterung durchglüht, von Talent getragen; 48eine Unendlichkeit wogte in seiner Seele. Für Ernst und Scherz, für Zorn und Wehmuth, Haß und Liebe, für jede Stimmung und Empfindung der menschlichen Brust lag das Verständniß in seinem Herzen und der Ausdruck auf seinen Lippen. Kein Zweifel an sich selbst hemmte seinen Schwung, kein Mißtrauen in seine Kraft lähmte ihn, er hatte sie, er wußte es, er war ihrer Wirkung gewiß und baute auf sie mit der unerschütterlichen Zuversicht, die dem Erfolg vorangeht, die ihn oft erzwingt.

Und so fragte er denn auch, als er geendet, voll freudiger Unbefangenheit: »Was sagen Sie ... Ist es mir nicht gelungen?«

»Vollkommen,« erwiderte Feßler, »es klopft ein Herz darin.«

»Nicht wahr? ... Und Sie, Gottfried — Ihre Meinung?«

Gottfried war die ganze Zeit hindurch dagesessen, den Ellbogen auf den Tisch und die Stirn in die Hand gestützt. Jetzt lehnte er sich in seinem Sessel zurück und sprach, ohne Halwig anzusehen: »Es ist schön, ganz schön.«

»Ich danke, Freund! Ein solches Lob von Ihnen, das thut wohl ... Aber Sie — Fräulein Lotti ... Sie schweigen — Sie sagen mir nichts ...«

In glühender Verwirrung blickte Lotti zu ihm auf:

»Ich kann nicht — Sie sehen ...« stammelte sie, ein schmerzliches, vergeblich unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre Stimme. 49

»Lotti! ... Ist es mir gelungen, Sie zu rühren, zu ergreifen? ... Soll mein schönster Traum mir heute ganz in Erfüllung gehen?« Er sprang auf und eilte jubelnd auf sie zu.

Lotti streckte abwehrend die Hände aus; sie weinte, nicht sanft befreiende Thränen — Thränen qualvoller Beschämung und Empörung über sich selbst.

Halwig trat bestürzt zurück. Einen Augenblick stand er zweifelnd vor ihr, plötzlich aber leuchtete das Bewußtsein des Sieges, den er über diese Seele errungen, mit süßem Triumphe aus seinen Augen, und er rief in einem Tone, aus dem Rührung, Entzücken und ein letztes Zagen zugleich heraus klangen: »Sie zürnen mir? soll ich dafür büßen, daß mein Gedicht Sie bewegte?«

»Zürnen? Wie können Sie glauben? ... Eine neue Welt hat sich vor mir aufgethan ... Ich weiß nicht, ich kann nicht sagen, was ich am meisten bewundere — ich sehe nur wie groß, wie herrlich und wie fern ...«

Ihre Stimme brach, sie erhob einen raschen, hülflosen Blick zu ihm, den er einsog wie himmlischen Thau.

»Nicht fern,« rief er, »o nein! Ihnen ist sie es nicht, sie lebt von Ihrem Leben, ist von Ihrem Athem durchhaucht ... Schöpferin meiner Welt, haben Sie sich in ihr nicht erkannt?«

Und schon lag er vor Lotti auf den Knieen, bedeckte ihre Hände mit seinen Küssen, nannte sie seinen Engel, seine Geliebte, seine Braut. Er pries die Stunde, in welcher sie ihm zum ersten Male begegnet war, und die 50 noch schönere, ewig gebenedeite, in welcher er's zum ersten Mal empfunden, daß sie ihn liebe. Das war nicht heute, war nicht vor Kurzem, das war sehr bald, nachdem sie einander kennen gelernt — er wollte gar nicht gestehen, wie bald ... um nicht allzu vermessen zu erscheinen, so vermessen wie man eben wird, wenn man sich geliebt weiß von dem edelsten und reinsten Herzen.

»Jetzt aber sprich!« bestürmte er sie, »bestätige mir mein Glück vor diesen theuren Zeugen ... Deinem Vater, Deinem Bruder, den Meinen von nun an — ein Wort, Geliebteste!«

»Was soll ich sagen — Du weißt Alles,« war ihre Antwort, und jauchzend faßte er sie in seine Arme. — —

Es war keine stumme Seligkeit die seine; unwiderstehlich brauste der Feuerstrom der Worte, die er ihr lieh, dahin, und vermochte die Einwendungen Feßlers zu übertäuben, und vermochte Gottfried, sich ein Wort der Fürsprache für Denjenigen abzuringen, dem Lotti ihr Herz geschenkt. Freimüthig erzählte Halwig die Geschichte seines Lebens, sprach von dem Leichtsinn, mit dem er das Erbe seiner Eltern zersplittert, gestand, daß er im Begriffe gewesen, auf schlechte Wege zu gerathen, als sein schützender Stern ihn in das Haus Feßlers geführt. Von dem Augenblicke an war er ein anderer Mensch geworden. Er beschwor Feßler und Gottfried, Erkundigungen über ihn einzuholen. Seine Vorgesetzten im Amte, seine Freunde und Bekannten sollten entscheiden, ob er verdiene, hoffnungslos verworfen zu werden. 51

»Davon ist nicht die Rede,« sagte Feßler, und Halwig rief:

»So lasset denn die Geliebte das Erlösungswerk vollenden, das sie an mir begonnen hat.«

Sie wurde seine Braut; und der Mann, der ihr wie ein höheres Wesen erschien, machte sie zur Herrin seines Schicksals. Er unterordnete sich ihr, er wollte ihr Alles danken, was er besaß, er wollte Alles, was er war, nur durch sie geworden sein. Sein junges Haupt, das schon von der Morgenröthe des Ruhmes umglänzt wurde, beugte sich vor ihr, schmiegte sich demüthig an ihre Kniee.

»Das heißt verwöhnen,« sagte Vater Feßler, aber Gottfrieds Meinung war: »Bete sie nur an, sie verdient's.«

Einige Monate vergingen, da fiel der erste Schatten auf die bisher ungetrübte Seligkeit der Verlobten. Halwig hatte plötzlich den Staatsdienst aufgegeben, um sich ganz und gar seinem dichterischen Berufe widmen zu können, der ihm täglich neue Erfolge brachte. Ein zweites Büchlein war dem ersten gefolgt. Es erfüllte reichlich die schönen Erwartungen, die jenes erregt hatte. Die kleine Gemeinde von Bewunderern, die sich um den Dichter zu sammeln begann, wußte seines Lobes kein Ende und begrüßte auch sein drittes Werk mit unbegrenztem Entzücken. Und gerade dieses, das er, um eine übernommene Verpflichtung zu erfüllen, in fieberhafter Hast begonnen und beendet, war ihm vor allen andern ans 52 Herz gewachsen. Er hatte daran erprobt, daß er zu jeder Zeit Herr seiner Stimmung, seiner Phantasie, aller seiner Gaben war, daß sein Talent ihm leiste und gewähre, was immer er von ihm verlangte. Er wußte jetzt, daß sein Wollen unumschränkt über sein Können gebiete. Ganz erfüllt von dem Gefühl eines so vollkommenen Gelingens erschien er bei seiner Braut, und Lotti schwelgte im Anblick seiner stolzen Glückseligkeit. Als es jedoch hieß, ihre Meinung über die Arbeit auszusprechen, welche Hermann seine beste und reifste nannte, zagte sie und antwortete mit Befangenheit nach langem Zögern, daß ihr Alles gefalle, was von ihm ersonnen sei.

»Dieses,« rief er, »müßte Dir auch gefallen, wenn ein Anderer es ersonnen hätte.«

»Vielleicht — gewiß ...«, erwiderte Lotti, erschrocken über den Ausdruck von Enttäuschung, der sich in seinen Zügen malte.

Er fuhr erregt fort: »Du mußt lernen, ganz von mir abzusehen bei der Beurtheilung meiner Arbeiten. Daß Schönes geschaffen werde, daran liegt Alles, ob ich es geschaffen, ob Hinz oder Kunz, daran liegt nichts ... Der Standpunkt ist der einzig richtige — der soll der Deine sein. — Deine Liebe zu mir darf sich nicht durch blinde Bewunderung äußern. Du mußt wissen, warum Du bewunderst — mußt Gründe haben für Dein Lob. Aufrichtigkeit verlange ich von Dir, und will hoffen, daß Du mich ihrer würdig hältst.«

»Hermann — wie könnt' ich anders?« fragte sie 53 mit einem ängstlichen Lächeln. »Ich sage Dir, was ich denke, aber das hat ja keinen Werth ... Mein Urtheil zu begründen, muß ich erst lernen ... jetzt bin ich noch nicht im Stande Dir zu sagen, warum ich Dir dieses Mal nicht so leicht — nicht mit so voller — wie soll ich's nennen? — so voller Hingerissenheit folgen konnte wie früher, wie besonders bei Deinem ersten, allerschönsten Gedicht ...«

Nun brauste er auf. Er fragte, ob sie denn immer auf seine Anfänge zurückkommen wollte, ob ihr das Unbedeutendste am nächsten läge.

»Wenn Du bei dem Punkte stehen bleibst, von dem ich ausging, indeß ich vorwärts jage, werden wir bald auseinander gekommen sein!« rief er, war nicht zu beschwichtigen und verließ sie im Zorne.

Freilich war er am nächsten Tage wieder da, demüthigte sich vor ihr, und weinte vor Reue, als sie ihn, womöglich noch liebreicher als sonst, empfing und ihm versicherte, nicht zu wissen, was sie ihm verzeihen solle. Er war so beschämt, und in seiner Beschämung so ausbündig und unwiderstehlich liebenswürdig, daß Lotti ihn bat, sich nur recht bald wieder einzubilden, er habe ihr weh gethan.

Diese Bitte wurde erfüllt, aber in anderem Sinne, als sie gestellt war. Hermann ließ es an Gelegenheit nicht fehlen, ein gegen sie begangenes Unrecht gut machen zu müssen, aber dieselbe zu benützen, verstand er bald nicht mehr. 54

Ein leiser Zweifel, eine Frage vermochten alle Dämonen in seiner Brust zu entfesseln, und Lotti erkannte mit Entsetzen, daß es Augenblicke gab, in denen er sie haßte. Da legte er den Ausbrüchen seines Zornes keinen Zügel an. Er litt und fand es natürlich und gerecht, daß Diejenige, die ihn liebte, mit ihm leide. Wenn er sich von ihr mißverstanden oder im Stillen getadelt glaubte, warf er ihr ihre untergeordnete Thätigkeit, ihren beschränkten Wirkungskreis vor.

»Von Dem, was ich anstrebe, steht freilich nichts im Le Paute!« rief er eines Tages, und Gottfried, der bisher männlich an sich gehalten, fuhr empor: »Noch ein solches Wort, und ich schlage Dir den Schädel ein!«

Dem heftigen Auftritt zwischen den beiden Männern, der darauf folgte, wurde mühsam genug von Feßler ein Ende gemacht; aber von nun an begann Gottfried sein passives Benehmen dem Brautpaar gegenüber aufzugeben.

»Du bist ein ungebärdiges Kind,« sagte er zu Halwig, »Du wärst im Stande, das Liebste, das Du hast, in einem Anfall übler Laune zu zerstören; ich will strenge Wache über Dich halten.«

Halwig drückte ihm die Hand, er begab sich gern unter den Schutz seines besten Freundes.

»Verschwören wir uns gegen alle meine Fehler!« rief er ganz beseelt von den edelsten Vorsätzen, »wenn Du mir treulich hilfst, will ich ihrer schon Herr werden!«

Lotti war mit diesem Bündnisse nicht zufrieden, sie wußte, daß Hermann die Selbstbeherrschung, die es ihm 55 auferlegte, ebenso wenig zu bewahren vermochte, wie er die Aufrichtigkeit vertrug, nach welcher er immer verlangte. Seine ganze Natur empörte sich gegen den Zwang, die leiseste Mißbilligung fraß ihm am Herzen, erbitterte ihn, machte ihn unglücklich und überzeugte ihn nie. Was ihn stählte, was alle seine Kräfte entfaltete, das war der Kampf gegen Haß und Verfolgung, und der Genuß überschwänglichen Lobes und verhimmelnder Liebe.

»Ich kann nur im Lichte gedeihen, und Ihr lebt im Halbdunkel,« rief er einmal nach einer langen Controverse mit Gottfried und verließ das Zimmer ohne Abschiedsgruß. Lotti erhob sich lautlos und ging ihm nach. Eine Weile darauf hörte man aus dem Vorgemache sein zorniges Sprechen herübertönen, manchmal unterbrochen durch ihr sanft beschwichtigendes Flehen. Dann wurde die Hausthür zugeschlagen, und eine lange Zeit verfloß, bevor Lotti, noch bleich und zitternd, in die Werkstatt zurückkehrte.

Am Abend sprach Feßler zu Gottfried:

»Was ich Dir sagen wollte: Gieb Dein Erziehungswerk auf. Den Halwig änderst Du nicht. Laß ihn. Ihr ist er ja recht, wie er ist.«

»Aber Vater, er mißhandelt sie.«

Feßler seufzte und zog bedauernd die Achseln in die Höhe. »Seine Mißhandlungen sind ihr lieber, als die Liebkosungen eines Andern. Das ist so Weiberart.«

Gottfried schwieg und ließ fortan die Dinge gehen, wie sie gingen. 56

Die Besuche Halwigs wurden immer seltener, und wenn er kam, war er entweder düster und verschlossen oder von einer aufgeregten und erzwungenen Lustigkeit, die unter allen seinen wechselnden Stimmungen Lotti am peinlichsten berührte. In eine solche gerieth er einmal, als Feßler über einige Vorbereitungen zur nahenden Hochzeitsfeier sprach, und plötzlich erklärte Lotti ihrem Vater, die Vermählung müsse hinausgeschoben werden.

»Hat er den Vorschlag gemacht?« rief Gottfried.

»Ich wünsche es!« entgegnete sie rasch.

»Warum? ... Mißtraust Du ihm?«

»Vielleicht nur mir,« war ihre Antwort. Scheinbar völlig ruhig begab sie sich an die Arbeit.

Kurze Zeit, nachdem Lotti diesen Entschluß gefaßt, schien Hermann ganz zu ihr zurückzukehren. Er hatte eine große Täuschung erlitten, er fand Trost bei ihr, die seinen Schmerz tiefer empfand, als er selbst. Sein gesunkener Muth wurde indessen bald wieder durch neue Erfolge gehoben, und die unausbleiblichen Früchte derselben stellten sich ein. Die Huldigungen, die ihm dargebracht wurden, wollten bezahlt werden, sie forderten ihren Lohn, machten Ansprüche auf die Persönlichkeit, auf die Zeit des Dichters. Verwandte, die sich vor Jahren von ihm logesagt hatten, erinnerten sich plötzlich, und erinnerten ihn, daß er zu ihnen gehöre. Wenn er von seiner Verlobung mit der Tochter eines Uhrmachers sprach, hörten sie ihn mit der überlegenen Nachsicht an, die gescheite Leute für Künstlerlaunen besitzen. Halwig begann 57 sich einzubilden, daß er seine Braut nur um den Preis schwerer Opfer, harter Kämpfe werde heimführen können. Er ersparte und verschwieg ihr nichts; kein noch so herbes Urtheil, das Menschen über sie fällten, die sie nie gesehen, kein Bedenken Derjenigen, denen er früher aus dem Wege gegangen, und die er jetzt »die Seinen« nannte. Er schrieb diese grausame Offenheit dem unbegrenzten Vertrauen zu, das er für Lotti empfand, und die bestärkte ihn darin. Sie wußte, daß sie seine Liebe verloren hatte, aber den Schatten derselben, dieses Vertrauen, das ihr sein Herz öffnete, sie seine geheimsten Gedanken kennen ließ, an dem hielt sie fest, das hütete sie wie das heilige Feuer, wie ihr Lebenslicht. Als ob ihre Liebe in dem Maße wüchse, in dem die seine abnahm; als ob er sie durch Qual fester an sich ketten würde, wachte sie über dem kleinen Reste seiner Neigung in übermenschlicher Treue und Geduld. Ein Aufflackern seiner erlöschenden Empfindung war ihr, was der Mutter ein Lächeln ihres sterbenden Kindes ist.

Endlich kam die Stunde, in welcher sie ihre Kraft erlahmen fühlte, in welcher ihr glühender Entsagungsmuth sie verließ. Nach jahrelangem Ringen erwachte in ihr die unwiderstehliche Sehnsucht nach Frieden. Aber sie wollte diesen nicht mit einem Selbstvorwurf in der Seele dessen erkaufen, den sie so sehr geliebt hatte. Sie that es an einem Tage, an dem er sich einmal wieder ihr gegenüber so herzlich, so warm, so voll Hingebung und Innigkeit gezeigt, wie in der Frühlingszeit ihrer Liebe. 58

Er war länger verweilt, als er beabsichtigte und sprang erschrocken auf, als einige Uhren zugleich die fünfte Nachmittagsstunde schlugen.

»Ich sollte längst fort sein!« rief er, »aber gleichviel ... Bei Dir versäume ich nichts, ich gehe immer reicher, besser, als ich gekommen bin ... Ich bin ein Narr, so selten zu kommen.«

Sie traten beide an das geöffnete Fenster, durch welches die sanft bewegte Luft des lauen Herbstabends hereinfluthete. Die Sonne hatte sich hinter einer schweren Wolke verborgen, aber ihr Widerschein säumte den Horizont mit Purpurstreifen. Breite, goldige Lichter lagen auf den Dächern der Häuser und behaupteten sich noch siegreich gegen die grauen Dünste, die von den Bergen herzogen und den östlichen Theil der Stadt schon in ihre wallenden Schleier gehüllt hatten. Drüben am Quai jagte Wagen an Wagen vorbei, drängte und tummelte sich das Menschengewühl, indeß der Strom lautlos und träge seine trüben Wellen rollte.

»Die Aussicht hab' ich lieb,« sprach Halwig, »ich sehe gern das Treiben der großen Stadt so tief unter mir ... Dein Vater hat Recht, seine hohe, alte Warte nicht zu verlassen, wenn es ihm auch manchmal schwer fallen mag, sie zu erklimmen ... Leb' wohl — das heißt auf Wiedersehen!«

»Nein, nein,« sagte Lotti hastig, »es heißt Leb' wohl ...« Eine brennende Röthe bedeckte ihre Wangen, und sie umspannte mit beiden Händen die Hand, die er 59 ihr gereicht. »Wir wollen scheiden, wir müssen ... als gute Freunde, aber für immer. Gieb mir mein Wort zurück, wie ich Dir das Deine zurückgebe, Hermann ...«

»Was ficht Dich an?« fragte er.

Sein Ton klang vorwurfsvoll, allein ein Blitz freudiger Ueberraschung, kaum sichtbar für ein anderes Auge als das ihre, hatte während ihrer vorhergehenden Rede in seinem Angesicht aufgeleuchtet.

»Ich kann Deine Frau nicht werden,« fuhr sie fort, rascher jetzt und mit fliegendem Athem: »Schon lange wollte ich Dir das sagen ... Ich ringe schon lange mit mir ... Ich kann mich von meinem Vater nicht trennen, kann auch die Lebensweise nicht aufgeben, an die ich gewöhnt bin, von Kindheit an ... die mir sehr lieb ist ...«

»Ich meinte Dir noch viel lieber zu sein!« rief er, und setzte in unaussprechlicher Verwunderung hinzu:

»Du giebst mich auf?! ... Du — mich?!«

»Du wirst Dich darein fügen — nicht wahr? ... Sage nicht, daß es Dir unmöglich ist!«

Sie richtete die Augen fest auf ihn, und die seinen senkten sich.

Es flog ihm durch den Sinn, daß sie ihm untreu geworden, daß sie einen Andern liebe, aber sogleich mußte er lächeln über diesen Verdacht. Er fragte sich, ob sie ihn auf die Probe stellen wolle, fragte sich auch, ob sie nicht vielleicht seinem Glück, seiner Zukunft, ein ungeheures Opfer bringe? Die ruhige Haltung, in der sie 60 vor ihm stand, machte ihn aber auch an dieser Vermuthung irre.

Er fuhr aus seinem Brüten auf und sagte mit dem Ausdruck eines echten Schmerzes:

»Und wir sollen uns niemals wiedersehen?«

»Doch ... wenn wir ganz vernünftig geworden sind.«

»Du bist es schon jetzt!« entgegnete er voll Bitterkeit.

»Und Du wirst es werden — wirst mir danken ... Laß mir Deine Hand! wende Dich nicht ab ... Du hast keinen Grund mir zu grollen. Ich befreie Dich von einer traurigen Braut, bei der keine Freude zu holen ist —« sagte sie mit einem schwachen Versuch zu lächeln.

Er unterbrach sie, er wollte nicht weiter hören; er erklärte, daß er ein einmal gegebenes Wort nie wieder zurücknehme, und wenn es sein Unglück wäre ...

»Wenn es aber auch das meine ist?« fragte sie, und er rief halb zornig, halb verlegen:

»Wie Du mich mißverstehst! ... Wie Du nur glauben, es nur für möglich halten kannst, daß ich Dich aufgeben werde, ohne Grund ... Weißt Du denn einen? ... Daß ich mich von Dir trennen werde — so plötzlich ...«

Sie erhob das Haupt. »Wir sind längst getrennt,« sprach sie. »Es ist aus. Frage Dich selbst, ob Du recht hättest, mich mitzuschleppen durchs ganze Leben, weil Du einmal geglaubt hast, mich zu lieben.«

»Geglaubt? ... Ich habe Dich unaussprechlich geliebt — meine Liebe zu Dir war ...« 61

»Sie war!« fiel ihm Lotti mit einem schneidenden Schmerzenston ins Wort, der die Qual ihres Innern verrieth. »Täusche Dich nicht ... Wir wollen die Kraft haben einzugestehen, daß eine Empfindung, die wir für ewig hielten — erloschen ist. Und wir wollen nicht unsere Zukunft auf die erloschene bauen, nicht erwarten, daß ein Glück aus ihr erblühen könne ...«

Er starrte sie an und schwieg. Sein Verstand gab ihr recht, sein Herz stimmte ihr bei. Was sich in ihm noch regte und sträubte, das war ein leiser Gewissensvorwurf. Allein auch den vermochte Lotti zu beschwichtigen, indem sie sagte:

»Nur die Geliebte scheidet sich von Dir — die Freundin bleibt. Die wirst Du immer finden. Komm zu ihr, wenn Du ein Leid zu klagen hast, wenn Du verdrossen bist und schlimmen Muthes. Bedrückte Seelen warten — das verstehe ich, das ist die Kunst, die ich ausübe, das ist meine Virtuosität ...«

»Lotti!« rief er überwältigt und zog sie an seine Brust. Plötzlich jedoch ließ er sie aus seinen Armen, warf sich in einen Sessel nieder und brach in heftiges Schluchzen aus. Sie trat zu ihm, beugte sich, ihre Lippen ruhten lange auf seiner Stirn ... regungslos, mit geschlossenen Augen, empfing er ihren schwesterlichen Kuß, und ihm war, als senke sich aus seinem innigen Berühren Frieden und Versöhnung in seine kämpfende Seele. Als er aufblickte, fand er sich allein; Lotti war in ihr Zimmer geeilt, und er hörte sie den Riegel vorschieben. Er sprang 62 auf, er rannte zur Thür und pochte und rüttelte daran wie ein Verzweifelter. Kein Laut antwortete seinem Drohen und Flehen.

Endlich mußte er sich ergeben — mußte sich fassen.

»Ich komme wieder, hörst Du mich? Ich komme wieder!« sprach er und schritt nach einem letzten Zögern, einem letzten, vergeblichen Erwarten, langsam aus dem Gemach.


63

VII.

Allein so oft er wiederkam, so ungestüm er nach ihr fragte — Lotti ließ sich nicht sehen. Er schrieb an sie, er bat sie um eine Unterredung, und sie entgegnete, sie wolle dieselbe gern gewähren, wenn er zuvor verspreche, ihres früheren Verhältnisses mit keinem Worte zu erwähnen. Auf diese Bedingung konnte er nicht eingehen, das erklärte er offen in einem zweiten Briefe, der unbeantwortet blieb.

Damit war zwischen ihnen Alles zu Ende.

Als sie einander nach langer Zeit zufällig auf der Straße trafen, senkte Lotti die Augen, und Halwig wandte die seinen ab. Später vermieden sie es nicht mehr, einen raschen Blick zu wechseln. Hast Du mir nichts zu sagen? fragte der ihre und wurde durch ein kaltes Lächeln, eine Miene spöttischer Gleichgültigkeit erwidert. Nach solchen flüchtigen Begegnungen kehrte Lotti heim mit fliegenden Pulsen und brennender Stirn, und am nächsten Morgen erzählten ihre müden und gerötheten Augen von einer durchweinten Nacht.

Aber auch diese letzte, thörichte Schwäche ward überwunden. Lotti gewöhnte sich, an dem einst Geliebten 64 vorbei zu gehen, wie an einem Fremden; sie erröthete nicht mehr, wenn sein Name in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde; sie las auch seine Bücher nicht mehr. Sie wurde von ihnen allzu peinlich berührt. Es gab sich darin ein Haschen nach dem Absonderlichen und Unerhörten kund, ein Streben, gemeine Neugier zu wecken, eine Vorliebe, das Krasse, oft sogar das Widerliche zu schildern, die Lotti entsetzten und ihr wie Lästerungen an dem Gotte erschienen, den Halwig selbst sie verehren gelehrt: am Gotte des Schönen.

Jahre vergingen. Feßler starb — kurze Zeit nachdem ihm angekündigt worden, daß er seine »hohe Warte« verlassen müsse, weil das Haus zum Umbau bestimmt sei. Lotti bezog ihre jetzige Wohnung. Gottfried miethete sich bei dem Uhrmacher ein, für den er seit dem Tode seines Pflegevaters arbeitete. Des erlittenen Verlustes immer eingedenk, führten beide still ihr Leben fort; Lotti war von ihrer ersten und einzigen Liebe so vollkommen geheilt, daß sie die Nachricht von Halwigs Verheirathung, die Gottfried eines Tages brachte, mit unbefangener Heiterkeit aufnahm.

Vor drei Jahren hatte sich's ereignet, und Lotti besann sich heute noch des verstörten Gesichts, mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen, der Verlegenheit, der unnöthigen Schonung, mit denen er, nach langem Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen und dabei so beschämt und elend ausgesehen, als ob er eben eine schändliche Handlung begangen hätte. 65

»Ich muß es Dir sagen,« entschuldigte er sich, »Du hättest es vielleicht auf eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet vielleicht ...«

Lotti sah ihn freundlich an und sagte:

»Nun — was hätte das gemacht?«

»Wenn Du ihnen aber begegnet wärest, wie ich — ganz unerwartet — beim Biegen um eine Ecke ... Arm in Arm.«

»So hätte es mich gefreut,« sagte Lotti.

»Hätte es? ...« Sein Gesicht hatte sich verklärt, er gerieth in Begeisterung, und jetzt kam es heraus, daß er schon seit einigen Tagen von der Verheirathung Halwigs unterrichtet war, daß er auch gehört hatte, die junge Frau sei arm, vornehm und schön.

»Das Letztere kann ich bezeugen,« sprach Gottfried mit gedämpfter Stimme, als ob er ein Geheimniß anzuvertrauen hätte, »Du und ich, wir haben nie etwas Schöneres gesehen. Sie ist groß — um ein Haar vielleicht größer als Du, und so zart, so ätherisch, als wäre sie aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein, das Bild paßt nicht; die Strahlen des Mondes sind kalt, und sie sieht aus, wie das junge, rosige Leben ... Ein Kind sag' ich Dir, und hat doch schon etwas in den Augen ... Ich war eilig, und ging in Gedanken so hin, wäre beinahe an sie angerannt ... Er rief »Holla!« und sie blickte mich mit diesen prächtigen, sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an, als ob sie sagen würde: Geben Sie doch Acht! Ich bin es ja! ... so, daß ich außerordentlich 66 erschrocken stehen blieb und den Hut rückte. Da bemerkte ich erst, daß er den seinen abgenommen hatte. Gesprochen wurde nichts, wir haben beide nur getrachtet, so bald als möglich fortzukommen.«

Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke, dem Arbeitstisch Lottis gegenüber ein, und sie begann von anderen Dingen zu sprechen. Sie erzählte mit einer Art Entrüstung, daß der Uhrenliebhaber, der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht, das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben, sich wieder melde. Von Amerika aus, wo er lebte — er war ein Deutscher, der dort Glück gemacht — erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe, den sein Agent Lotti überbrachte. Sie sann jetzt über ihre Antwort nach, konnte nicht Worte finden, scharf und bestimmt genug, um ihren unerschütterlichen Vorsatz, sich nie von ihrer Sammlung zu trennen, auszudrücken. Sie hatte Lust, dem »Amerikaner« mitzutheilen, was bisher Niemand außer Gottfried wußte, daß der Hausschatz nämlich, im Testamente Lottis dem Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei, wo er unter dem Namen: »Feßlersche Sammlung«, auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude künftiger Generationen.

Gottfried gab ihr, etwas zerstreut, in Allem recht, sprang aber plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab, und sagte: »Findest Du es nicht verwegen von ihm, ja sehr verwegen, in seinen doch schon reifen 67 Jahren ein Mädchen zu heirathen, wie gesagt, fast noch ein Kind und so wunderschön?«

»Von — ihm? ... Du sprichst von Halwig —« erwiderte sie mit einem verweisenden Blick. — Die sanfte Lotti war gegen Gottfried ausnahmsweise immer ein wenig streng. »Das muß man wissen ... Reife Jahre? Ach was! Künstler bleiben immer jung, nur wir altern, wir Arbeitsleute.«


So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheirathung aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört.

Und jetzt, nachdem sie Alles verschmerzt, vieles vergessen, kam ein Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen Ruhe. Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks, den sie plötzlich empfangen hatte, über die Pein, welche er verursachte. Doch versuchte sie nicht, sich ihr zu entziehen, dazu kannte sie sich zu gut. Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein, bevor sie sterben konnten. Da half kein Wegschieben, keine Ueberredungskunst, sie forderten ihr ganzes Recht, und wichen erst, nachdem es ihnen geworden.

Sie nahm ihre Arbeit vor. Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk sich ab. Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe. Allein, was sie auch that und sprach, unablässig summten ihr die Worte: »Aus Leichtsinn oder Noth« im Ohr, und der Gedanke an 68 Halwig verließ sie nicht eine Sekunde. Sie durchwachte eine böse Nacht.

Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch ein Mal, die bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu überbringen.

Sie versprach es, lehnte aber Gottfrieds Antrag, sie zu begleiten, auffallend hastig ab.

»Wie Du willst,« sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von Empfindlichkeit.

Sie blickte ihm eine Weile nach. »Der beste Mensch!« murmelte sie leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig, mit gekreuzten Händen, im Zimmer auf und ab zu gehen.

Ihre alte Dienerin trat ein und verwunderte sich über die Maßen, ihre Herrin unbeschäftigt zu finden. Aber sie freute sich noch mehr, als sie sich verwunderte. Der Himmel selbst, meinte sie, beschere ihr eine Gelegenheit, sich so recht nach Herzenslust über die interessanten Neuigkeiten auszulassen, die sie vom Markte mitgebracht. Leider fand sie nur geringe Theilnahme und wurde plötzlich durch die Worte unterbrochen:

»Agnes — ich gehe jetzt aus.«

Das war freilich leichter gesagt als gethan. »Ausgehen?« Jetzt? — die Alte entsetzte sich über »diese Idee«. Vor dem Essen war das Fräulein nie ausgegangen, warum denn heut'!

Die Frage, und die seltsam forschende Miene, mit der sie gestellt wurde, machten Lotti erröthen; sie wandte 69 das Gesicht verlegen ab und sagte: »Warum? — ja — — ich könnte eigentlich auch später — wenn Du Dich beeilen wolltest ...«

Agnes entfernte sich, erschien jedoch bald wieder. Sie überbrachte die Visitenkarte eines fremden Herrn, der das Fräulein dringend zu sprechen wünschte.

Der Agent des »Amerikaners« kam einmal wieder, die Anerbietungen seines Chefs in Bezug auf die Uhrensammlung zu erneuern.

Er wurde selbstverständlich abgewiesen. Allein statt sich damit zu bescheiden und sich — zufrieden oder nicht — zu empfehlen, nahm er auf das Breiteste Platz in dem Fauteuil und ließ alle fünf Minuten einige wegwerfende Worte über alte Uhren fallen. Nach einer tödtlich langen Stunde erhob er sich endlich mit der Versicherung, er wolle vor seiner Abreise noch einmal vorsprechen. Lotti erlaubte sich zu bemerken, daß sei ganz überflüssig, worauf er verbindlich erwiderte, er danke und werde sich gewiß einfinden.

Dieser Besuch schien Lotti den Appetit verdorben zu haben, denn sie ließ ihr Mittagsmahl, das von Agnes endlich aufgetragen wurde, unberührt.

Sie kleidete sich rasch und hastig zum Ausgehen an, und blieb dann zögernd an der Thür stehen ... sie eilte die Treppe hinab und schritt langsam durch die Straßen ... immer langsamer, je näher sie ihrem Ziele kam.

Sie wollte sich Gewißheit über die Umstände verschaffen, 70 unter denen ihr einstiges Geschenk verkauft worden war. Sie wollte es. Und doch erhoben sich Einwendungen in ihr gegen den unwiderruflichen Entschluß. — Was soll die Gewißheit, nach der du strebst, dir bringen? fragte sie. — Was hast du zu erwarten? Du wirst von einem Leichtsinn hören, den du nicht heilen kannst, oder von einer Noth, der abzuhelfen du nicht vermagst. Laß ab! Was quälst du dich? ... Zu wessen Frommen? Du bist längst vergessen — vergiß auch du!«

Lotti horchte den leisen, abrathenden Stimmen und — mit Bewußtsein handelte sie ihnen entgegen.

Jetzt stand sie an der Thür des Uhrmacherladens, jetzt drückte sie die Klinke.

Der Laden war leer, aber aus dem anstoßenden offenen, mit Gaslicht hellerleuchteten Raume schallte ihr ein lauter Wortwechsel entgegen.

»Ich weiß ja, daß ich eine Gefälligkeit von Ihnen verlange!« rief eine Stimme, deren Ton Lotti seit fünfzehn Jahren nicht mehr gehört hatte, und die sie dennoch augenblicklich erkannte.

»Ich aber bin nicht in der Lage, Gefälligkeiten zu erweisen. — Entschuldigen Sie, da ist Jemand ...« sagte der Uhrmacher, der den Eingang zum Gewölbe nicht aus dem Auge gelassen hatte; »ah — Fräulein! eben recht ...« Er eilte auf Lotti zu, indem er fortfuhr zu sprechen: »Vierundzwanzig Stunden bin ich im Wort gestanden; jetzt sind drei Tage vorüber; und mit dem besten Willen — wenn ich noch so gern möchte — ich könnte 71 die Uhr nicht herschaffen, denn sie ist —« er warf Lotti einen Blick des Einverständnisses zu, »bereits in anderen Händen. Diese Dame kann es bestätigen.«

Derjenige, dem diese Rede galt, hatte sie mit Aeußerungen des Unglaubens begleitet. Als Lottis Zeugniß angerufen wurde, richtete er plötzlich die Augen auf sie, verstummte und starrte sie so vernichtet, so völlig überwunden und rathlos an, wie ein Kind, das auf einer schlimmen That ertappt wird.

»Mein Gott — Sie? ...« stammelte er, »was werden Sie von mir denken?«

Lotti hatte sich rascher gefaßt als er; sie erwiderte:

»Nichts Anderes, als daß es schön von Ihnen ist, sich so herzlich nach Ihrer alten Uhr zurückzusehnen.«

Beide schwiegen und sahen einander an. Sie ihn mit leiser, etwas peinlicher Ueberraschung; er sie, halb wehmütig, halb freudig. Seine Verlegenheit war wie durch Zauber verschwunden, und ihm wurde leicht und wohl ums Herz. Ihm schien es, als träte ihm die Erinnerung an die beste Zeit seines Lebens verkörpert entgegen ... nicht die glänzendste, o, bei weitem nicht! Aber die beste gewiß.

»Fräulein Lotti — Fräulein Lotti,« wiederholte er mehrmals, ohne den Blick von ihr zu verwenden.

Er fand in ihrem Gesicht den Ausdruck, den er einst geliebt hatte, wieder. Hübsch war sie nie gewesen, doch konnte sie schön sein, wenn ihre Seele sich in ihren Zügen spiegelte, wenn der Abglanz ihrer reinen Gedanken auf 72 ihrer Stirn sichtbar wurde, wenn eine Gemüthsbewegung ihre Wangen röthete — so wie jetzt ... Was lag daran, ob leichte Falten diese Stirn furchten, ob diese Wangen schmaler geworden? Die Augen blickten so gütig wie je; die rosige Farbe der Lippen hatten die Jahre verwischt, den Zug von Sanftmuth und stiller Heiterkeit, der sie umspielte, jedoch nur tiefer eingeprägt ... Ja, sie war es, war dieselbe noch! und — sie hat sich wenig verändert, dachte er.

Lotti hingegen dachte: er hat sich sehr verändert. Worin aber? fragte sie sich. Die Zeit ist ja doch schonend an ihm vorüber gezogen. Seine Gestalt hatte sich jugendlich schlank erhalten. Die Farbe seiner Haare und seines Gesichtes waren dunkler, sein Bart und seine Brauen waren lichter geworden. Die Augen lagen tiefer, und schon bildeten sich Ringe um dieselben, doch funkelten sie noch feurig wie sonst; er war noch immer ein Bild männlicher Schönheit, sein Wesen noch immer anziehend und gewinnend. Allein der Charakter seiner Erscheinung hatte eine gewaltige Aenderung erfahren. Keine Spur des Künstlers war mehr an ihm. Er sah wie ein vollendeter Weltmann, sogar ein wenig stutzerhaft aus. Das Haar war kurz gehalten, der Backenbart nach englischer Mode zugeschnitten, und die nämliche und allerneueste Mode hatte auch die Form des langen lichten Oberrocks, den er trug, bestimmt, hatte bei der Wahl des glänzenden Cylinders, der sportsmäßigen Cravatte, der Handschuhe aus Hundsleder, den Ausschlag gegeben. Wenn 73 Kleider Leute machen würden, hätte man ihn für ein Mitglied des Jockey-Klubs halten müssen. Er hatte jedoch nur die äußere Hülle eines Engländers, nicht dessen Art und Weise angenommen — vielleicht nicht anzunehmen vermocht. Es war nichts von steifer Gleichgültigkeit in dem Tone, in welchem er sich an Lotti wendete und sie versicherte, er freue sich des Wiedersehens, trotz der ihn beschämenden Umstände, unter denen es stattfand. Er bat sie, ihn anzuhören, bat, ihr seine thörichte und leichtsinnige Handlung, die allerdings unverzeihlich sei, wenigstens erklären zu dürfen.

Lotti unterbrach ihn und meinte, daß sich wohl mehr werde thun lassen. Sie wandte sich an den Kaufmann und ihrer eindringlichen Fürsprache gelang es, nach einiger Bemühung den übereilten Handel rückgängig zu machen. Sodann verabschiedete sie sich von dem alten Geschäftsfreunde und verließ das Gewölbe zu gleicher Zeit mit Halwig.

»Ihre Uhr ist bei mir,« sagte sie zu ihm, »in drei Tagen schicke ich sie hierher, da kann sie abgeholt werden.«

Er wollte in Worte des Dankes ausbrechen, sie aber grüßte so deutlich verabschiedend, daß ihm nichts übrig blieb, als diesem Winke zu gehorchen. Er verneigte sich, trat zurück, und sie schlug den Weg nach ihrer Wohnung ein.

Sie war schon eine ziemlich große Strecke gewandert, als sie durch rasch hinter ihr hereilende Schritte eingeholt wurde, und Halwig an ihrer Seite erschien. 74

»Verzeihen Sie mir,« sagte er, »verzeihen Sie, Fräulein Lotti ... eine große Bitte ...«

»Nun?«

»Erlauben Sie mir, meine Uhr selbst bei Ihnen abholen zu dürfen?«

»Das steht Ihnen frei!« antwortete sie.

»In drei Tagen also! ... Um diese Zeit, nicht wahr? Ich komme, ich danke Ihnen ... das ist eine Freude!«

»Die hätten Sie sich längst machen können.«

»Können! ...« wiederholte er fragend, »haben Sie mir nicht dereinst gesagt, nur wenn ich ein Leid zu klagen hätte, mög' ich kommen? Nun, Fräulein Lotti, ich hatte keines zu klagen, außer demjenigen, daß Sie selbst mir damals angethan haben ... und das ich allein tragen und überwinden mußte ... In allem übrigen bin ich glücklich gewesen ...«

»Und davon sollte ich nichts wissen?« unterbrach sie ihn.

»Davon wollten Sie nichts wissen ...«

»O wie kindisch! Ist es möglich, Halwig, so kindisch sind Sie geblieben?«

Er fiel sogleich in den heitern Ton ein, den Lotti angestimmt hatte. Erst die Frage, die sie an ihn stellte, wie es denn komme, daß sie ihm seit Jahren nicht einmal mehr auf der Straße begegnet sei, stimmte ihn ernster.

»Ach,« sagte er mit einem Seufzer, »ich bin ja wie 75 der Vogel der Minerva. In der Dämmerung beginne ich meinen Flug. Tags über schmiedet mich die Arbeit an meine Stube fest ... freilich keine unnütze Arbeit — eine lohnende und erfolgreiche ...« Er warf den Kopf stolz zurück. »Ueberdies,« setzte er, als Lotti schwieg, mit veränderter Stimme hinzu, »habe ich diesen Winter und den vorigen in England zugebracht, die Gesundheit meiner kleinen Frau machte einen längeren Aufenthalt in einer kräftigeren Luft nothwendig.«

»Sie ist leidend?«

»Nichts von Bedeutung. Gott sei Dank, nichts, das mir den geringsten Grund zu Besorgnissen gäbe.«

»Sie müssen mir von Ihrer Frau erzählen, Halwig.«

»Ich will sie Ihnen bringen!« rief er, hielt aber sogleich inne, wie Jemand, der ein übereiltes Wort gesprochen hat, und setzte zögernd hinzu: »Das heißt, wenn meine Frau — ich wollte sagen, wenn Sie es mir erlauben.«

»Erlauben — wie denn? — ich bitte Sie darum.«

Sie waren bei dem Hause Lottis angelangt, und diese blieb stehen. »Hier wohne ich,« sprach sie, »hoch oben im dritten Stock.«

»Hier also — gut — hier suche ich Sie auf, in drei Tagen ... Wie glücklich wäre ich, unser kaum begonnenes Gespräch jetzt schon fortsetzen zu können — aber ich bin ein Sklave ... ein freiwilliger natürlich — einer, 76 der vernarrt ist in seine Sklaverei ... Auf Wiedersehen denn!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie mit Wärme: »Fräulein Lotti — so haben wir uns doch endlich wieder gefunden!«

»Und wie mir scheint,« antwortete sie, »als ganz gute Freunde.«


77

VIII.

Am dritten Tag, zur bestimmten Stunde fand Halwig sich ein.

»Agnes, kennen Sie mich noch!« sprach er, ins Vorgemach tretend, dessen Thür die Alte ihm geöffnet hatte.

Agnes erwiderte ausweichend: »Das Fräulein hat mir schon gesagt, daß Sie kommen werden.« Der harte Blick, mit dem sie ihn empfangen hatte, wurde allmälig milder. »Aber ich hätte Sie auch so erkannt; Sie sehen ja prächtig aus.«

»Sie noch besser, Agnes, Sie noch viel besser!«

Die Alte schmunzelte und dachte: jetzt geht es mir wieder mit ihm, wie es mir immer gegangen ist.

Im Grunde ihres Herzens hatte sie von jeher eine tiefe Abneigung gegen ihn gehegt. Sie war eifersüchtig auf die Geltung, die er im Handumdrehen im Hause erlangt, sie verabscheute seine Thätigkeit. »Was thut er?« meinte sie, »er schreibt? Er kritzelt? Saubere Arbeit für einen Mann — nähen wäre ebenso gut. Ich möchte einen Schreiber gerade so wenig wie einen Schneider.« Da sie niemals Gelegenheit gehabt, diese Behauptung 78 zu beweisen, war es ihr freigestellt, ihren Haß maßlos zu überschätzen. Trotzdem blieben Halwigs Bewerbungen um ihr Wohlwollen nie ohne Erfolg. Wenn er sie freundlich gegrüßt, wenn er fünf Minuten lang mit ihr geplaudert hatte, gestand sie es regelmäßig zu: »Er ist halt doch ein lieber Mensch.«

»Darf ich eintreten?« fragte er, »oder wollen Sie so gütig sein, mich anzumelden?«

»Nicht nothwendig, das Fräulein erwartet Sie, und Herr Feßler auch.«

»Gottfried auch?«

»Ja ja,« bestätigte Lotti, die auf der Schwelle des Zimmers erschien, »zwei alte Freunde heißen Sie willkommen.«

Gottfried stimmte nicht sehr laut in ihre Worte ein, zeigte sich anfangs ein wenig abweisend, aber das dauerte nicht lange. Bald empfand auch er jenes eigenthümlich freudige, Herz und Zunge lösende Gefühl, das in reifen Jahren durch das Wiedersehen mit einem Genossen der Jugendzeit erweckt wird.

»Und wie lebst Du jetzt?« fragte er, nachdem sie genugsam in Erinnerungen geschwelgt hatten.

Halwig lehnte sich in den alterthümlichen Sessel zurück, der ihm eingeräumt worden war, und kreuzte die ausgestreckten Beine. »Freund,« lautete seine langsam gesprochene Antwort, »ich lebe nicht — ich schreibe.«

Lotti sah ihn befremdet an, und ein tiefes Mißbehagen 79 schien sich seiner unter diesem Blicke zu bemächtigen; die Stimme erhebend fuhr er fort:

»Ich schreibe vom Morgen bis zum Abend, oder — zur Abwechselung — vom Abend bis zum Morgen ... Es giebt einmal nichts so Unpoetisches, wie das Dasein eines Poeten im neunzehnten Jahrhundert ... Aber was ist zu thun, wenn man einen Haushalt mit der Feder bestreiten muß?«

»Das kann Dir nicht schwer werden,« meinte Gottfried, »ein gefeierter Dichter wie Du ...«

»Heuchle nicht, Gottfried! Was weißt Du davon, ob ich ein gefeierter Dichter bin?«

»Nun — man nimmt doch auch manchmal eine Zeitung zur Hand.«

»Daher schöpfst Du Deine Nachrichten? Gehst zum Fasse, statt zum Quell ... Und Sie, Fräulein Lotti, verschmähen Sie es gleichfalls sich selbst zu überzeugen, ob ich den Ruf verdiene, den man mir macht?«

»Verschmähen?« wiederholte sie, »nein. Aber lieber Halwig, ich altmodische Person lese schon seit langer Zeit nichts Neues mehr.«

»Sie thun vielleicht sehr gut daran,« sprach er nicht ohne leisen, etwas ironischen Verdruß.

Er erhob sich, trat an den Bücherschrank und las halblaut die Titel einiger darin aufgestellten Werke. »Da sind noch alle, die alten Bekannten ... Ja, ja, Ihre Umgebung hat sich eben so wenig verändert, wie Sie selbst. Der Raum ist kleiner geworden,« sprach er und 80 blickte sich in der Stube um, »die Gegenstände sind dieselben geblieben. Aber — wo ist denn die Sammlung, der Schatz des Hauses?«

Lotti deutete nach der Ecke des Zimmers. »Dort steht sie.«

»Unvermindert? In ihrer ganzen Herrlichkeit?«

»Jawohl, in ihrer ganzen unvergleichlichen Herrlichkeit.«

»Wirklich?«

»Wie können Sie daran zweifeln? Ein Geizhals würde sich leichter von Hab und Gut trennen, als ich mich von einer meiner Uhren.«

»Nicht einmal eine wäre Ihnen feil? — Um gar keinen Preis? Nicht um Wohlhabenheit, nicht um Reichthum?«

»Welche Fragen!« erwiderte Lotti beinahe verletzt.

Halwig nahm seinen früheren Platz wieder ein; er stützte die Arme auf seine Kniee und sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Da plötzlich erhob er die Augen zu Lotti:

»Idealistin! Sie wohnen in einer Nußschale unter dem Dach, plagen sich ums tägliche Brod, verzichten auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, um nichts zu schmälern von einem eingebildeten Werth ... Sie haben Recht! ... Bewahren Sie sich, was Ihnen unschätzbar ist!« schloß er wehmüthig, schlug jedoch gleich darauf mit einem der unvermittelten Uebergänge, die ihm immer eigen gewesen waren, einen heitern Ton an. Er nannte sich einen 81 glücklichen Menschen und pries sein Schicksal, das ihn endlich wieder mit seinen alten Freunden zusammen geführt. Der Verkehr mit ihnen sei das Einzige gewesen, wonach er eine Sehnsucht empfunden, die sich oft bis zum Schmerze gesteigert. Jetzt war auch diese erfüllt. Ihm fehlte nichts mehr. Er begann von seiner Frau zu erzählen, und wie er sie im Sturm gewonnen, trotz des Widerstandes, den ihre Eltern, ihre Geschwister, »die ganze hochadelige Sippe« gegen ihre Verbindung mit ihm aufgeboten habe. Anfänglich wurde sein Haus von den Verwandten seiner Frau gemieden — nur anfänglich ...

»Seitdem sie sich überzeugt haben, daß meine Kunst keine brodlose ist,« sprach er lachend, »bin ich merkwürdig in ihrer Achtung gestiegen, und das freut mich, obwohl ich keinen Grund habe, viel Gewicht auf ihre Meinung zu legen. Es sind sehr ehrenwerthe Leute, aber durchaus keine überlegenen Geister. Ein wirkliches Band besteht nicht zwischen uns ...«

»Einfluß nehmen sie aber doch auf Dich,« versetzte Gottfried. »Dein Aeußeres hat sich völlig dem der Weltmenschen anbequemt. Der Tausend! was bist Du nobel geworden ... ich bewundere Dich schon die ganze Zeit im Stillen.«

»Spotte nur,« sagte Halwig. »Uebrigens, lieber Alter, die Zeiten sind vorbei, in welchen man den Dichter am wallenden Lockenhaar und am abgeschabten Flausrock erkannte. Den Wunsch, genial auszusehen, habe ich allerdings 82 aufgegeben. Aber nicht in Folge äußerer Einflüsse, sondern Dank meinem verbesserten Geschmack.«

Gottfried blinzelte ihn freundlich an. »Sehr gescheit,« sprach er; »Deine Leute können mit Deiner stattlichen Erscheinung zufrieden sein. Und Deine Bücher, sage mir, finden die bei ihnen gehörige Anerkennung? Gefallen sie ihnen, wie Du selbst ihnen gefallen mußt?«

»Meinen Leuten — Bücher? ... meinen Leuten? — Freund ich frage mich manchmal, ob sie lesen können,« entgegnete Halwig, und fuhr nach einem Blick voll Verwunderung, den Lotti auf ihn geworfen, rasch fort: »Das gilt nur von den Männern! Die Frauen lesen, die — ja. Und zwar die alten französische, und die jungen englische Romane. Welche Früchte diese Lectüre den ersten trägt, weiß ich nicht; die zweiten holen sich aus der ihrigen Begeisterung für englische Sitten und Gebräuche, und für alle Arten von Sport. Sie verstehen sich auf Pferde trotz eines Maquignons, reden wie die Jockeys, und — sind reizend. — Ja, ich muß gestehen, daß ich sie reizend finde, obwohl ich mich nicht im Geringsten täusche über ihre stupende Oberflächlichkeit ... Aber — was geht die mich an? Mich unterhalten, mir gefallen diese Amazonen in Schleppkleidern; meinetwegen dürfen sie bleiben, wie sie sind ... Die Klagen über die Fehler der Aristokraten, über ihre Frivolität, Genußsucht und Unwissenheit hört man bis zum Ekel wiederholen; allein, wer hat jemals freundschaftlich mit ihnen verkehrt und sich dabei nicht wohl gefühlt? — man hat überhaupt keinen Sinn 83 für das Anmuthige und Schöne, wenn man keinen hat für die Anmuth und Schönheit ihrer Umgangsformen ... freilich eine Ahnung von Talent zu dergleichen Dingen muß man mitbringen, um sie als Vorzüge gelten lassen zu können ... diese Ahnung fehlt — nicht dem großen Publikum, das unsere ist vortrefflich, keine Nation der Welt vermag ein besseres zu bilden — es fehlt den Wortführern des Publikums, meinen Herren Collegen und lieben getreuen, immer dienstbeflissenen Feinden.«

»Deine Collegen und Feinde?« fragte Gottfried ganz verwundert über diesen plötzlichen Ausfall.

»Nun ja! — Ich habe zu viel Glück und habe stets zu viel Glück gehabt, um ohne Neider zu sein. Sie thun, was sie können, um mir meine Erfolge zu verkümmern, allein die Mühe ist verloren. Noch befinde ich mich im Vollbesitze meiner Kraft und hoffe, nicht so bald zu erlahmen — geschehe das — erwachte ich eines Tages und wäre kein Dichter mehr — wie man behauptet, daß es geschehen könne, Anderen schon geschehen sei, — versiegte plötzlich der Quell, aus dem ich gewöhnt bin, ohne Maß zu schöpfen — ja dann ...« Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf, »dann wäre ich verloren ... denn Alles, was ich bin und habe, steht und fällt mit meinem Talent. Mein Haus ist darauf gegründet, die Zukunft meiner Frau ... geistige Verarmung hätte für mich so viel zu bedeuten, wie materielle Noth — und das hieße sie betrogen haben, die mir in Unbegrenztem Vertrauen gefolgt ist ... Närrische Gedanken 84 —« unterbrach er sich mit einem gequälten Lachen, »ich kenne mich und fürchte nichts. Aber die Phantasie, die uns beseligt, will auch peinigen. Nur zu! ... In der Einbildung müssen wir das Furchtbare durchmachen, das uns die Wirklichkeit erspart — das ist der Tribut, den der Glückliche dem allgemeinen Menschenelend bezahlt ... Und, daß er reichlich bezahle, dafür sorgen die eigenen, in dem Geschäft, das ich betreibe, bis zum Zerreißen gespannten Nerven, und die Bemerkungen der süßen Neider, oder die Rathschläge der weisen Freunde. Auf dem Wege hierher bin ich dem weisesten von Allen begegnet ... Was der nicht Alles wußte, nicht Alles kommen sah! Wie der so eindringlich bat, als hänge sein eigenes Heil davon ab: Gönne Dir Ruhe! Sündige nicht auf Dein Talent — Du brauchst Sammlung, Erholung ... Wohl brauch' ich sie, aber sie mir gönnen heißt abtreten, Anderen Platz machen ... O nein, ich weiche nicht, ich bleibe und fühle Nerv und Stärke genug in mir, der ganzen heranwachsenden Epigonen-Generation Stand zu halten ... Ich traue mir's zu, sie alle zu überdauern, diese altklugen Kinder mit ihrem riesigen Wollen und ihrem zwerghaften Können ... Aber ich ermüde Sie mit diesen literarischen Misèren ... Lassen Sie uns von angenehmeren Dingen reden ...«

Er gab dem Gespräch eine andere Wendung, er bemühte sich, die frühere Heiterkeit wieder zu gewinnen. Allein es war vergeblich. Endlich erhob er sich und nahm Abschied. Sehr bald, so bald, als es ihm nur 85 irgend möglich sei, wollte er mit seiner Frau wiederkehren, die er im Voraus der Freundschaft und Güte Lottis empfahl.

»Wie kommt er Dir vor?« sprach Gottfried zu Lotti, als sie wieder allein waren.

Sie sah an ihm vorüber durch das Fenster und antwortete zögernd: »Wie Dir.«

»Schad' um ihn.«

»Ja, traurig.«

Wenige Tage darauf schrieb Frau von Halwig an Lotti einen zierlichen kleinen Brief. Sie war im höchsten Grade ungeduldig, Fräulein Feßler kennen zu lernen. Sie forderte ihren Antheil an der Freude, die ihrem Manne durch das Wiederfinden seiner Jugendfreundin beschert worden war. Es machte sie wirklich trostlos, dem Zug ihres Herzens nicht folgen, und statt dieser in Eile hingeworfener und schlecht geschriebener Zeilen selbst bei Fräulein Feßler erscheinen zu können; aber ein Unwohlsein und die Unerbittlichkeit des Arztes machten das unmöglich. Ja, wenn Fräulein Feßler großmüthig sein, und eine arme, an das Zimmer gefesselte Kranke mit ihrem Besuche beehren wollte, wie glücklich würde diese sein ... Auf ein solches unverdientes Entgegenkommen wagte freilich Diejenige nicht zu hoffen, die sich mit herzlichster und wärmster Verehrung Lottis ergebenste Agathe Halwig nannte.

Die Empfängerin dieses Schreibens las und las es wieder, und ein Gefühl von entzückter Beschämung bemächtigte 86 sich ihrer. Es stieg ihr heiß in die Wangen, sie meinte plötzlich tief in der Schuld der jungen Frau zu stehen, deren sie bisher entweder gar nicht, oder wenn — ohne das geringste Wohlwollen gedacht, und die ihr jetzt so liebenswürdig nahte, mit solcher Bescheidenheit, ja man konnte sagen, mit kindlicher Ehrfurcht ... Sie wollte sofort schriftlich antworten, besann sich aber eines Andern. Nein, mit ihrer schwerfälligen und altmodischen Schrift durfte sie nicht ausrücken, der Besitzerin der schönsten »grande anglaise« gegenüber, die Lotti jemals gesehen hatte. So beschloß sie denn, eine mündliche Antwort zu geben und trat in das Vorzimmer, um dieselbe dem wartenden Boten aufzutragen.

An der offenen Thür der Küche lehnte nachlässig, mit gekreuzten Armen und Beinen, ein Mittelding zwischen Groom und Lakai, ein untersetztes, glotzäugiges Bürschchen im grünen Leibrock mit gelben Wappenknöpfen, eine blanke, goldbetreßte Tellerkappe zwischen den Fingern. Von der Höhe seines herrlichen Selbstbewußtseins herab beobachtete er das Walten Agnesens in ihrem kleinen Bereiche. Er veränderte seine lümmelhafte Haltung nur wenig, als Lotti rasch und in großer, freudiger Aufregung auf ihn zu kam und ihn bat, seiner Gebieterin zu melden, sie gedenke heute noch bei derselben vorzusprechen.

»Heute nicht,« versetzte das Bürschchen und lächelte mit dem ganzen impertinenten Gesicht. »Morgen lassen die Frau Baronin bitten, morgen um ein Uhr.«

»Morgen? — Gut denn, morgen.« 87

Es schien Lotti ein wenig befremdlich, daß die junge Frau, die nicht den Muth gehabt, sie um ihren Besuch zu bitten, doch mit Sicherheit auf ihn gerechnet haben sollte; aber sie machte sich nicht lange darüber Gedanken. Sie kehrte wieder zu ihrem lieben, Auge und Herz gewinnenden Brief zurück. Da lag er, sorgfältig gefaltet in seinem schimmernden Couvert und duftete köstlich nach Ylang-Ylang. Von Neuem erquickte sich Lotti an seinem Anblick. Nein, es gab nichts Gutes und Schönes, das man ihr nicht zutrauen müßte, die ihn geschrieben. Lotti drückte ihn an ihre Wange, hielt ihn zärtlich in ihren flachen Händen und legte ihn endlich in das Kästlein, in welchem sie ihre theuersten Erinnerungen bewahrte: das Miniaturbild ihrer Mutter, Andenken an den Vater, Briefe, die Gottfried aus der Fremde gesandt, die Eheringe ihrer Eltern, ihren eigenen Verlobungsring.

Aber aus diesem Reliquienschreine zog sie ihn am nächsten Morgen wieder hervor, um ihn Gottfried mitzutheilen.

»Lies!« rief sie, als er erschien, und hielt ihm das Blatt entgegen. Er gehorchte, nachdem er zuerst nach der Unterschrift gesehen und ein verwundertes »Oho!« ausgestoßen hatte. Seine Miene blieb ganz gleichgültig.

»Hast geantwortet?« fragte er, nachdem er zu Ende gekommen.

»Natürlich! Ich gehe zu ihr.«

»Das ist beschlossen?« Gottfrieds Ton klang mißbilligend, 88 und er warf das Schreiben mit einer Gebärde voll Geringschätzung auf den Tisch.

»Es ist beschlossen,« entgegnete Lotti ärgerlich.

Er murmelte einige unverständliche Worte.

»Was sagst Du?«

»Nichts. — Wenn es schon beschlossen ist, nichts.«

»Und der Brief gefällt Dir nicht? Freut Dich nicht?«

»Mich freut nur die Freiherrnkrone auf dem Papier. Seit wann ist der Halwig baronisirt worden?«

»Gottfried!« rief Lotti, »es ist Deiner ganz unwürdig, so kleinlich zu sein.«

»Ist das kleinlich?« sagte er, nicht ohne einige Beschämung.

»Ungeheuer! So ungeheuer, als etwas Kleines nur irgend sein kann.«

Er lachte und war wieder der gute, liebe Gottfried, der »beste Mensch.« Er konnte übrigens nur einige Augenblicke verweilen, es gab sehr viel zu thun. Das neu errichtete Geschäft ließ sich vortrefflich an, und doch wollte er nicht so ganz Kaufmann werden, daß er am Ende seine Uhrmacherei darüber vernachlässigte. Fortschritte meinte er freilich unter den jetzigen Umständen nicht mehr machen zu können, aber verlernen wollte er nichts, und schon das forderte ein ganz knappes Wirthschaften mit der Zeit.

Lotti hatte seiner raschen Auseinandersetzung herzlich zugestimmt. »Du bist recht zufrieden?« fragte sie plötzlich. 89

»Recht zufrieden,« wiederholte er, vermied aber dabei dem freundlich forschenden Blick zu begegnen, den sie auf ihn heftete.

Gottfried hatte das Zimmer kaum verlassen, als Agnes mit der Meldung erschien, Herr von Halwig sei da, und wünsche das Fräulein zu sprechen.

»Es muß ihm etwas sein,« flüsterte die Alte, und ihr vertrocknetes Gesicht gerieth in das blitzende Zucken, das bis zum Aeußersten gespannte Neugier auf demselben hervorzurufen pflegte. »Was ihm wohl sein mag?«

»Laß ihn doch kommen!« rief Lotti, und schon, nach einem leichten Pochen an der Thür, trat Halwig so eilig ein, wie die alte Agnes sich langsam und zögernd entfernte.

»Entschuldigen Sie die frühe Stunde, ich werde Sie nicht lange stören,« sprach er, »ich bin nur da, um Ihnen für Ihre Güte gegen meine Frau zu danken und um Ihnen zu sagen, wie sehr leid es mir thut, bei Ihrer ersten Begegnung mit Agathe nicht gegenwärtig sein zu können ... Nein, nein!« fügte er ablehnend hinzu, da ihm Lotti einen Sessel anwies, »ich setze mich nicht, ich bleibe, mit Ihrer Erlaubniß hier an dem Platze Gottfrieds stehen, Ihnen gegenüber, Fräulein Lotti ...«

Er sprach hastig und abgebrochen, mit sichtbarer Mühe die raschen Athemzüge zu verbergen, die seine Brust ängstlich beklemmend hob.

»Was fehlt Ihnen, Halwig?« fragte Lotti und trat 90 an seine Seite, »Sie sehen schrecklich aufgeregt und übermüdet aus.«

»Die natürliche und völlig unschädliche Folge einiger am Schreibtisch durchwachten Nächte ... das geht vorüber ... Sehen Sie mich nur recht an — nur recht tief, nur recht lang, mit Ihren milden, frommen, friedlichen Augen — es thut mir wohl und beruhigt mich, und ich brauche Ruhe zu dem schweren Gang, den ich heute zu machen habe ...« Er hielt inne, und Lotti sagte nach kurzem Schweigen sanft und eindringlich:

»Fahren Sie fort, schenken Sie mir Ihr ganzes Vertrauen ... Sie wissen, Sie müssen sich noch erinnern, wie großen Werth ich auf Ihr Vertrauen lege. Darin, lieber Freund, habe ich mich nicht verändert.«

»Ja, ja! fordern Sie Vertrauen von mir, lehren Sie mich wieder Vertrauen haben,« rief er, »ich habe das inmitten der Mißgunst, die mich umgiebt, verlernt.«

»Halwig, diese Mißgunst — besteht sie nicht vielleicht einzig und allein in Ihren selbstquälerischen Einbildungen? ... Ich frage nur —« beeilte sie sich entschuldigend einzuwerfen, als er im Begriffe schien, heftig aufzufahren. »Weisen Sie mich zurecht, wenn ich irre ... Halwig — Sie haben neulich von Jemand gesprochen, der Ihnen rieth, sich Ruhe zu gönnen — dem stimm' ich bei, sein Rath war gut.«

»Er wäre gut, wenn sich ein Zeichen des Ueberreizes, des Verfalls in meinen letzten Arbeiten finden ließe ... Das läßt sich darin nicht finden! ... Mit 91 jedem Werke, welches ich in die Welt sende, wächst meine Popularität, es giebt keine Zeitschrift, kein Journal, das nicht um meine Mitarbeiterschaft buhlt; wenig Autoren dürfen sich rühmen, so viel gelesen zu werden, wie ich. — In faden Harmlosigkeiten freilich darf ich mich dabei nicht ergehen, auf einige Verblüffung läuft es immer hinaus — dem Geschmack der Zeit muß man Concessionen machen ... man muß! ... Welcher Künstler ist groß geworden und hat das nicht gethan? ... Lesen Sie, lesen Sie doch einmal eines meiner Bücher und sagen Sie dann, ob ich mich, wie der schöne Ausdruck lautet: ›ausgeschrieben‹ habe? Ob ich verwässere und verflache?«

Er stieß ein kurzes Gelächter aus und versank in Gedanken, aus denen ihn Lotti mit den Worten weckte:

»Sie sprachen von einem unangenehmen Gang, den Sie zu machen haben ...«

»Unangenehm ist ein milder Ausdruck. Abscheulich, gräßlich soll es heißen ... Ich will Ihnen sagen, was ich zu thun habe: einem Menschen gute Worte geben, dem ich am liebsten einen Fußtritt gäbe ... aber ich stehe in seiner Schuld und mir bleibt nichts übrig, als —« die Augen funkelten ihm vor Zorn, und er warf die Lippen verächtlich auf — »als mich vor ihm zu demüthigen.«

»Eine — eine Geldschuld?« fragte Lotti zaghaft.

»Nein — ja — wie man will ... Ich habe mich herbeigelassen, eine Vorauszahlung von ihm anzunehmen 92 auf einen Roman, der im Feuilleton seiner Zeitschrift erscheinen soll ... und kann dieser Verpflichtung nicht nachkommen ... es ist mir unmöglich, trotz all' meiner Arbeitskraft, all' meines Fleißes. Heute sollte ich meinen ersten Band abliefern, und heute muß ich das Geständniß ablegen, daß er noch nicht begonnen ist — muß um Zeit bitten, um Geduld — —«

»Wär's nicht besser den peinlichen Vertrag ganz zu lösen, Halwig?« sprach Lotti.

»Das kann ich nicht —«

»Wenn Sie ihm die erhaltene Summe zurückerstatten würden ...«

»Das kann ich nicht!« wiederholte er übereilt, und verbesserte sich sogleich: »darauf ginge er nicht ein — der Seelenverkäufer läßt mich gewiß nicht los ... Aber — darf ich's denn verantworten, daß ich Sie zu langweilen komme mit dem Berichte dieser Jämmerlichkeiten, die Ihrem Gesichtskreise so fern liegen, so tief unter Ihnen stehen?«

»Diese Frage, Halwig, die können Sie allerdings nicht verantworten,« sprach Lotti. »Mir liegt nichts fern, was Ihnen Unruhe und Pein zu verschaffen vermag. Vergessen Sie das nie und nimmermehr.«

Er fuhr mit der Hand über seine Stirn. »Ich habe es nicht vergessen ... Sie sehen ja ... Von jeher waren Sie bestimmt, mir Trost und Segen zu sein ... von jeher war ich bestimmt, Sie zu quälen ... Das Schicksal erfüllt sich ... Leben Sie wohl! ...« rief 93 er, wandte sich plötzlich und schritt dem Ausgange zu. Mit einem Male blieb er jedoch stehen. Seine Augen hatten sich fest und starr auf ein kleines Bild gerichtet, das an der Wand über dem Arbeitstische hing. Das wohlgetroffene Bild Meister Feßlers.

»Ihr Vater ... Ihr Vater, das war ein Mann! Er hatte Alles vom Künstler, nur nicht die Selbstsucht, nur nicht den Ehrgeiz. Er kannte die Affenliebe für seine Produkte nicht, und nicht die blinde Freude an dem Geschaffenen, sondern nur die große Freude an seinem Schaffen ... Er trieb sein Handwerk wie eine Kunst. Wir — treiben unsere Kunst wie ein Handwerk,« sprach er dumpf und schmerzlich und verließ das Zimmer.


94

IX.

»Wohin geht denn unser Fräulein in solchem Staat?« sprach das Schneiderlein im vierten Stock des Nachbarhauses.

»Macht gewiß Visiten,« meinte Leopoldine und beugte sich recht weit aus dem Fenster, um Lotti nachzublicken, die soeben über den Platz schritt.

Der Alte folgte dem Beispiel seiner Tochter und rief in Begeisterung: »Schau, schau! Es giebt doch nichts Schöneres, als ein schwarzes Seidenkleid ... Aber Falten muß es haben, muß sich so gewiß ausbreiten, — das ist anständig, das ist elegant!«

»Nein, elegant ist es just nicht!« erwiderte Leopoldine, ihr kleines, breites Näschen rümpfend.

»Nicht? Kannst Du Dir das Fräulein denken in so einer modernen Ofenröhre, wie Du da hast?« rief der Schneider, indem er verächtlich auf das enge Kleid deutete, das seine Tochter trug.

»Sie nicht — sie freilich nicht —«

»Freilich nicht!« spottete der Vater ihr nach, »und hätte doch eher als tausend Jüngere die Gestalt dazu, ist ja gewachsen wie eine Tanne!« 95

»Nein, nein, sie soll nur bei ihren alten Moden bleiben, ihr steht's, ein anderes dürft's nicht tragen.«

»Und warum nicht? Weil es praktisch ist? Weil es geschmackvoll ist?« polterte der Alte, und der Zank zwischen den Beiden entbrannte.

»Sagt, was Ihr wollt!« platzte das Mädchen plötzlich heraus, »wenn Ihr einmal todt seid, halte ich mir doch ein französisches Modejournal!«

»Dann kannst Du's thun!« schrie der Vater gereizt, aber nicht gekränkt durch diese brutale Aeußerung.

Seine Tochter biß sich auf die Lippen, aus ihren dunkeln Augen schoß ein Strahl innigster Liebe: »Deswegen braucht Ihr noch nicht zu sterben,« sprach sie.

»Fällt mir auch gar nicht ein.«

Und sie gingen an die Beendigung eines höchst unmodernen gestreiften Sommerkleides.

Im gegenüberstehenden Hause hatten die Horatier im Fenster gelegen und Lotti, als sie vorüberkam, mit lautem Jubelgeschrei begrüßt. Auch die weiße Katze hatte ihr vom Dache herunter nachgeschaut, und dabei ein derart gescheites Gesicht geschnitten, als ob sie allerlei interessante Dinge wüßte, von denen andere sterbliche Wesen niemals etwas erfahren.

Lotti aber schritt dahin, erfüllt von den verschiedenartigsten und dennoch so gleich mächtigen Empfindungen, daß sie nicht vermocht hätte zu sagen, welche die vorherrschende sei. Vielleicht war es ein geheimer Thatendrang — der Wunsch, Einfluß auf die Frau Halwigs 96 zu gewinnen, und die Hoffnung, wenn das gelang, durch sie dem Selbstzerstörungswerk Einhalt zu thun, in dem der Dichter begriffen war. Sollte jene aber nichts wissen von seinen schweren Seelenkämpfen? Sollte sie, wenn er auch schweigt — nichts davon errathen haben? Ist es nicht offenbarer Unverstand, sich einzubilden, daß eine Fremde kommen müsse, um der Gattin die Augen zu öffnen? Und dennoch — dennoch — trotz aller Einwendungen ihres Verstandes blieb Lotti von einer Ahnung durchdrungen, für die ihr jeder Grund, jeder Anhaltspunkt fehlte, der Ahnung: die Frau, die er liebt, weiß nichts von seinem inneren Leben.

Lotti war im neuen Stadttheil vor dem neuen Hause angekommen, das Halwig bewohnte. Nett wie ein Schächtelchen stand es da; Alles darin frisch und blank und fast blendend vor Glanz und Farbenpracht, Alles geschmackvoll und schön: die Malereien an den Wänden und am kuppelartigen Gewölbe des Stiegenhauses, die vergoldete Rampe, die schneeweißen Treppenstufen. Die einfache Lotti, die Freundin des Alten, sah sich um in all' der bunten, jungen Herrlichkeit und meinte im Stillen, das Neue könne einem doch auch gefallen.

Sie bemühte sich, den Außendingen recht viel Aufmerksamkeit zu schenken, sie hoffte sich dadurch von der seltsamen Beklemmung zu befreien, die sich ihrer bemächtigt hatte. Doch half es wenig, und Lottis Herz pochte fast laut, als sie das erste Geschoß erreicht hatte und den Drücker neben einer hohen, hübsch stilisirten 97 Thür berührte, die sich nach wenig Augenblicken vor ihr erschloß. Derselbe Diener, der gestern das Billet Frau von Halwigs überbracht, starrte Lotti mit derselben dummdreisten Miene an, forderte sie jedoch auf, einzutreten.

Er schritt ihr voran durch ein getäfeltes Speisezimmer. Majoliken und Zinnschüsseln, Bierkrüge, Becher und Kelche auf dem Büffet, geschnitzte Stühle, schwerfällige Tische und Schränke: altdeutsch. Durch einen kleinen Salon mit hellgelben Figuren und blumenreichen Tapeten, Pagoden, Vasen, Lüster, Armleuchter aus Porzellan, zahllose Kästchen aus vieux-laque: chinesisch. An der dritten Thür blieb der Bediente stehen, öffnete sie und rief laut: »Fräulein von Feßler!« und gab der von ihm unversehens Geadelten einen feierlichen Wink.

Lotti trat in ein großes, freundliches Gemach, in dessen Mitte auf einer mit lichtblauem Atlas überzogenen Chaiselongue eine junge Dame lag.

»Wie schön von Ihnen,« sprach diese, und richtete sich, wie es schien nicht ohne Anstrengung, mit dem Oberkörper auf. Eine kleine hülflose Kinderhand streckte sich aus der Fluth von Spitzen, welche die Aermel des weißen Schlafrocks umgaben, der Besucherin entgegen.

»Wie schön von Ihnen, daß Sie kommen ... aber ich hab's gewußt, ich habe wirklich auf die Erfüllung meiner Bitte gezählt ...«

»Sie sehen, wie recht Sie gehabt ...«

»Wenn sie so ist, wie ich glaube, dacht' ich mir, als 98 ich meinen Brief fortschickte, kommt sie sogleich — und Sie wollten ja auch sogleich kommen?«

»Gewiß.«

»Gestern konnt' ich Sie aber nicht sehen — ich war zu leidend —.«

»Das hörte ich mit Bedauern,« erwiderte Lotti theilnehmend, aber auch erstaunt. Leidend, dieses schöne, blühende Geschöpf mit den rosig angehauchten Wangen, den frischen, schwellenden Lippen?

»Und — was fehlt Ihnen?«

»Ich bin sehr, sehr nervenkrank. Hermann weiß nichts davon, man darf es ihm auch nicht sagen; aber mein Arzt ist um mich besorgt,« versicherte Agathe mit einschmeichelnder, klagender, um Mitleid bittender Stimme.

Sie verschönerte sich noch im Sprechen, ihren Mund umspielte dabei ein so lieblicher Zug, ein so kluger und unschuldiger Ausdruck, daß Lotti dachte: »Dich müßte ein Tauber beredtsam finden!«

Die Gesichtsbildung der jungen Frau erinnerte an die der Cäcilie von Albano, deren Bild Kestner seinen römischen Studien vorangestellt hat. Ihre reichen, dunklen Haare waren zurückgekämmt und in einem schweren Knoten am Hinterhaupte zusammengehalten. Sie schien groß; die edlen Formen ihrer vollen und schlanken Gestalt zeichneten sich deutlich unter dem weichen, anschmiegenden Stoff des langen, weit über die Füße reichenden Gewandes, in das sie sich, wie frierend, hüllte. 99

Lotti stand vor ihr und staunte sie mit jener reinen, fast demüthigen Bewunderung an, die gute und warmherzige Menschen gerade den Vorzügen gegenüber, die ihnen selbst versagt geblieben sind, am lebhaftesten empfinden.

Diese Frau, wie war sie schön! und wie malerisch, und wie eigenthümlich war ihre ganze Umgebung! Das Gemach glich einem Wintergarten von Blüthenduft und Sonnenschein durchtränkt.

In den Vertiefungen der vier hohen, im rechten Winkel auf einander stehenden Fenster prangten dichte, üppige Gruppen der seltensten Blumen. In einer Ecke breitete eine riesige Fächerpalme ihre zackigen Blätter aus, in der anderen wiegten sich in den Ringen ihrer vergoldeten Käfige ein Arras mit kühnem Schopf und ein blauer Papagei. Eine zierliche Volière beherbergte ein Dutzend brasilianischer Vögelchen mit schimmerndem Gefieder. In einem Aquarium schwammen Gold- und Silberfische, hockten langweilige Schildkröten, und aus den Spalten des kleinen künstlichen Felsens, der sich in der Mitte desselben erhob, guckten grüne Eidechsen und gelb gefleckte Salamander mit scheuer Neugier hervor. Zu Füßen der Herrin lag ein weißes Hündchen, dessen Stirnhaare höchst kokett mit einer blauen Schleife zusammengebunden waren. Einige Schritte von ihm befand sich seine Villa, ein Zelt aus demselben blauen Seidenstoff, aus dem die Thür- und Fenstervorhänge bestanden. Mit diesen stimmte nur das Ruhebett überein. Alle übrigen 100 Möbel schienen je ein Muster von ganz verschiedenen Gattungen. Persische, indische, türkische Stoffe und Stickereien schmückten reich geschnitzte oder eingelegte Gestelle, prangten auf den Kissen, waren über die Tische gebreitet. Das Zimmer war überfüllt, drei Dinge jedoch hätte man darin vergeblich gesucht: ein Gemälde, ein Buch und — eine weibliche Handarbeit. Dagegen waren mehrere Etagèren vorhanden, ganz bedeckt mit Rauch- und Reitrequisiten. Cigaretten-Vorräthe hoch aufgespeichert, abenteuerlich geformte Pfeifchen, kleine Tschibuks mit kostbaren, Edelstein-geschmückten Mundstücken, Reitpeitschen und Reitstöcke, köstlich damascirte Pistolen, mit Schaft aus Elfenbein, daneben in einem Futteral ein goldener Sporn.

Die Besitzerin all' dieser Herrlichkeiten sah voll Vergnügen das Interesse, das Lotti denselben schenkte.

»Es gefällt Dir bei mir!« sagten ihre großen langbewimperten Augen, dunkelbraun wie der Flügel des Trauermantels, und mit denselben schwimmenden spielenden Lichtern ...

»Nehmen Sie doch einen Fauteuil — nicht den, der ist unbequem, den andern — dort! So ist's recht. Und jetzt setzen Sie sich hierher — mir gegenüber, und lassen Sie uns schwatzen, liebes Fräulein.«

Sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und sah vor sich nieder.

»Ich muß Ihnen sagen — ich war gestern nicht nur ungewöhnlich leidend — leg' dich, Gipsy,« unterbrach 101 sie sich, um zu ihrem Hündchen zu sprechen, das sich auf den Hinterpfoten aufgerichtet hatte und die herabhängende Hand seiner Herrin mit ungestümer Zärtlichkeit leckte. Gipsy gehorchte.

»Ich muß Ihnen sagen,« begann Agathe wieder, »ich war nicht nur leidend, sondern auch ...« sie zögerte ein Weilchen, »sondern auch sehr bekümmert.«

»Um Ihren Mann?« fragte Lotti hastig.

»Ach — nein ...« lautete die Antwort, in der eine unaussprechliche Verwunderung lag, »ach nein, der macht mir keinen Kummer, der macht mir nur Freude und Ehre.«

»Sie sind also stolz auf ihn — auf seinen Ruf, auf seinen Namen?«

»Seinen Namen? ... nun — die Halwigs sind gut, viel besser, als man in meiner Familie zugeben will ... Aber gerade stolz brauche ich ...«

»Ich meine seinen Namen als Schriftsteller,« fiel Lotti ein. Sie lächelte über dieses seltsame Mißverstehen und dachte: ein Kind! — das ist ja ein Kind.

»Freilich, natürlich, auf den bin ich stolz,« entgegnete Agathe, »man sagt,« fügte sie halb nachlässig, halb altklug hinzu, »daß ich Ursache dazu habe, und ich glaube es ... Wenn Sie wüßten, wie seine Schriften honorirt werden, mit welchen Summen, Sie würden staunen!«

»So?« sprach Lotti; und nach einer Pause noch einmal »so?« — und dann stellte sie, mit viel weniger Zuversicht, eine zweite Frage. Sie erkundigte sich nach dem 102 Antheil, den die Frau des Poeten an seiner künstlerischen Thätigkeit nehme, und war im Voraus von der Wärme und Größe desselben überzeugt.

Darin hatte sie auch vollkommen Recht. Agathe wußte Alles, was in der Schreibstube ihres Mannes vorging; sie kannte zum Beispiel den Namen des Buches, das er eben unter der Feder hatte. Sie freute sich schon jetzt auf den begeisterten Brief, den der Verleger darüber schreiben werde. Sie würde »alle die Sachen« auch recht gern lesen, allein — der Doctor, dieser Tyrann — erlaubt es durchaus nicht, untersagt ihr durchaus jede Anstrengung ihrer Augen. Und sie fühlt leider, daß er weise daran thut, denn ihre Augen werden mit jedem Tage schwächer. Das kommt vom Aufenthalt in der staubigen Stadt. Agathe müßte aufs Land, und bald, sonst wird sie noch einmal blind, wie ihre Großmutter, die auch im zweiundzwanzigsten Jahre ...

»Perro! Perro! Perroquet,« rief sie plötzlich dem Papagei zu, der sich von Anfang an in das Gespräch gemischt hatte, und dessen Geschrei immer gellender wurde. »Der Vogel ist unerträglich!« Sie wand sich auf ihrem Ruhebett und preßte den Kopf in die Kissen. »O Fräulein, erbarmen Sie sich, haben Sie doch die Güte, den Shawl dort, sehen Sie — den dort — über den Käfig dieses Unthiers zu werfen.«

»Danke, danke!« sprach sie, nachdem Lotti ihrem Wunsche nachgekommen war und Perroquet, plötzlich in Dunkelheit versetzt, still geworden. »Und jetzt kommen 103 Sie, geben Sie mir Ihre Hand. Aber ohne Handschuh.«

Rasch und geschickt streifte sie selbst den Handschuh herab und hielt die unwillkürlich widerstrebenden Finger Lottis mit einer Kraft fest, die man ihr niemals zugetraut hätte.

»Diese Hand hat mein Hermann oft geküßt,« sprach sie, »ich weiß es ... bin aber nicht eifersüchtig — da haben Sie den Beweis ...«

Sie hatte sich vorgebeugt und drückte nun ihre Lippen auf Lottis Hand. Sie that es mit einer gewissen trotzigen Innigkeit, mit einer Gewalt, der sich Lotti nicht zu entziehen vermochte, so gern sie es gethan hätte. Diese Huldigung war ihr qualvoll, sie meinte sich noch nie im Leben so beschämt gefühlt zu haben.

»Ich habe Sie lieb!« sagte die junge Frau und warf mit der anmuthigsten Bewegung den Kopf in den Nacken, »und wünsche, daß auch Sie mich lieb gewinnen, und daß auch Sie es mir beweisen.«

»Und wie könnte ich das?«

»Wenn ich es Ihnen sage, wollen Sie es dann thun ... Wollen Sie es thun?« wiederholte sie, und stieß, nachdem sie eine bejahende Versicherung erhalten hatte, einen leisen Schrei des Jubels aus. Wenn Lotti ihr half, dann war geholfen.

Und jetzt setzte sie dasjenige, um das es sich handelte, klar, deutlich, ohne die geringsten Umschweife auseinander. 104

Sie hatte einen liebenswürdigen, großmüthigen, herrlichen Vater; allein — das war sein Unglück; leichtsinnig wie ein Lieutenant, dieser arme Papa! — Und die Mama, die ein Engel ist, und die beiden jungen Brüder, die Cadetten sind bei der Cavallerie, die haben auch alles Andere eher erfunden, als die Sparsamkeit. Kein Wunder, wenn es Verlegenheiten ohne Ende giebt. Aus den größten hat bisher regelmäßig der ältere Bruder Papas geholfen, der vor fünfzehn Jahren eine unermeßlich reiche Fabrikantentochter aus Liverpool geheirathet und England seitdem nicht mehr verlassen hat. Die Ehe ist kinderlos geblieben, und seit langer Zeit bestehen der Onkel und die englische Tante darauf, daß Agathens Eltern, womöglich auch deren Söhne, zu ihnen kommen, sich ganz bei ihnen etabliren, nur eine Familie mit ihnen bilden möchten. Das soll auch geschehen, der Entschluß ist gefaßt, der Tag der Abreise schon festgesetzt. Allein, der sonst so vernünftige Onkel will nicht begreifen, daß Papa nicht fort kann, ohne einige Zahlungen beglichen zu haben, die wirklich dringend sind ... Ehrenschulden an Leute, denen man nicht sagen mag: warten Sie ... die höchstens denken dürften, man habe nur augenblicklich die Kleinigkeit vergessen ... Ein Mann wie Papa! — O, wenn Lotti ihn kennen würde! ... Und, mit einem Wort, es steht so: Papa besitzt ein kleines Gut, sechs Stunden von der Stadt, in der reizendsten Gegend. Unvergleichlicher Reitboden! Es war immer Agathens Lieblingsaufenthalt. Das müßte verkauft werden — gleich, gleich — ohne 105 Verzug und nicht unter seinem Werth. Der Erlös desselben deckt alle Differenzen, und leichten Herzens verlassen Papa und Mama die Heimath, und erhobenen Hauptes treten sie vor die fremde Schwägerin. Ihnen ist die Demüthigung erspart, die gräßliche, mit einer Bitte auf den Lippen in dem Hause zu erscheinen, das sich ihnen gastfreundlich erschließt ... Genug, das Gütchen muß verkauft werden, und der Käufer muß — Hermann sein, und Lotti, die er so unaussprechlich verehrt, deren Meinung ihm von höchster Wichtigkeit ist, muß ihn dazu bewegen ... Will sie es thun? sie will, sie hat es versprochen, sie darf jetzt nicht Nein sagen. Sie wird ihren Einfluß geltend machen ...

»Sie wollen, Sie werden, Fräulein — nicht wahr? und bald — und heute noch?«

Agathens Blicke hingen an den Lippen der Schweigenden: »Antworten Sie mir — reden Sie!«

»Was soll ich sagen?« sprach Lotti in peinlicher Verwirrung. »Ich weiß nicht, ob man das von ihm verlangen darf — ob ihm die Mittel zu Gebote stehen ...« Sie stockte, sie sah Halwig vor sich, wie er am nämlichen Morgen zu ihr gekommen war, alle Zeichen verzweiflungsvoller Pein und tiefster Erschöpfung in seinen Zügen.

»Die Mittel?« rief die junge Frau — »er ist so reich, als er sein will. Die Summe, die er braucht, um meinen allerhöchsten und innigsten Wunsch zu erfüllen, und um meine Eltern aus der unangenehmsten Lage zu befreien — die Summe bietet sein Verleger ihm an ... 106 Er braucht nur einen Contract zu unterschreiben, in dem er sich verpflichtet ... Ich kann nicht sagen, wie viele Bände zu liefern in einer bestimmten Zeit ... und denken Sie! statt freudig auf den Vorschlag einzugehen, zögert er — kann zu keinem Entschluß kommen, ich —« eine plötzlich aufsteigende Röthe, wie eine beschämende Erinnerung sie erweckt, bedeckte ihr Angesicht, »ich habe ihn vergeblich darum gebeten.«

»Wie können Sie glauben,« sagte Lotti, »daß er mir etwas zugestehen wird, das er Ihnen abschlug?«

»Er wird! Er hält so viel auf Sie! verehrt Sie so grenzenlos ... Er wird Sie nicht der Parteilichkeit anklagen, wie er es mir thut in seiner Eifersucht auf die Meinen ...« erwiderte Agathe melancholisch und fügte mit einem tiefen Seufzer hinzu: »Ach, diese Eifersucht ist schrecklich bei ihm, ist schon eine fixe Idee ... und so schwer ich mich von meinen armen Eltern trenne — ich wünschte wahrlich, sie wären drüben über dem Meere, und ich sähe sie nicht mehr, und er hätte nie wieder Gelegenheit, mir vorzuwerfen, daß sie mir lieber sind als er ... als er — um den ich sie verlassen habe!«

Was war das für eine kindische und gewiß ungerechte Klage, und dennoch, welches Mitleid erregte sie in derjenigen, der sie mit so weicher bezaubernder Stimme, mit so großen Thränen in den feuchten, flehenden Augen vorgebracht wurde.

Und jetzt falteten sich die Hände der schönen Frau: »O Fräulein Lotti ...« 107

Da pochte es an der Thür, der Diener erschien und meldete: »Herr von Schweitzer.«

Agathe schnellte empor.

»Soll warten, ich lasse bitten. Er kommt zwar sehr ungelegen, der gute Schweitzer,« fuhr sie fort, nachdem der Diener sich entfernt hatte, »aber dennoch darf man ihn nicht wegschicken. Auch der könnte helfen! ... Einen Augenblick, liebstes Fräulein!« Sie stand schon auf ihren Füßen — »in so tiefem Negligé will ich mich vor einem Herrenbesuche nicht sehen lassen. Empfangen Sie ihn an meiner Stelle; der gute Schweitzer, unser Advokat, ein Jugendfreund meines Mannes, bleibt nie lange. Sie aber müssen lange bleiben ... Gehen Sie, ich komme Ihnen gleich nach. Ich bitte Sie! ich bitte! ... Keine Einwendungen! ... Sie dürfen nicht fort — wir behalten Sie zu Tische, das steht in den Sternen geschrieben, dagegen vermögen Sie nichts.«

Sie sprach das Alles rasch mit ihrer weichsten Stimme, und dabei mit einer Bestimmtheit, die nicht einmal den Versuch eines Widerstandes aufkommen ließ.

»Sei es denn!« sagte Lotti, und fügte in Gedanken hinzu: So laßt uns in einem fremden Hause einen fremden Besuch im Namen einer fremden Frau empfangen.

Mitten in dem chinesischen Boudoir, in das sie eintrat, stand ein Mann von etwa vierzig Jahren. Eine gedrungene, untersetzte Gestalt, dunkel, etwas nachlässig gekleidet. Ein mächtiger Kopf mit dichtem, schon ins 108 Graue spielenden, bürstenartig zugestutzten Haar und ebensolchem, bis auf die Brust reichenden Vollbart, saß auf kurzem Halse, von athletisch geformten Schultern stolz getragen. An dem ganzen Menschen sprach Alles, die Haltung, die Miene, die breite wie in Erz gegossene Stirn, die kräftige gerade Nase mit den scharf gezeichneten Nasenflügeln, der streng geschlossene Mund, es sprachen die energisch blickenden und tief liegenden Augen von Festigkeit und unbeugsamem Willen.

Das Befremden, das ihn ergriff, als er statt der erwarteten Hausfrau eine Unbekannte ins Zimmer kommen sah, gab sich in seinen Zügen deutlich und mit einem Mißfallen kund, das Lotti in Verlegenheit setzte. Sie fand nicht gleich ein erklärendes Wort, um derselben ein Ende zu machen, und so standen sie ein Weilchen in höchster Unbehaglichkeit vor einander.

Da öffnete sich ein klein wenig die Thür von Agathens Gemach. Schlank, weiß und schmiegsam, preßte sich die junge Frau, die sich in ihrem Morgenkleide vor einem Herrenbesuch nicht sehen lassen konnte, in den schmalen Zwischenraum.

»Lieber Freund,« sprach sie, »das ist Fräulein Feßler; mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen.«

Sie war verschwunden.

Derjenige aber, an den sich die Worte gerichtet hatten, starrte die wieder geschlossene Thür mit einem so eigenthümlich verlangenden und zugleich wüthenden Blicke an, er hatte, als Agathe sich unerwartet in derselben zeigte, 109 auf ihre Lichterscheinung einen so heißen Blick geworfen, einen Blick, so sprühend von Leidenschaft und Groll, daß Lotti — die unerfahrene, weltunkundige Lotti, mit plötzlichem und bangem Begreifen zusammenschrak. Sie dachte:

Was ist das? Hilf Himmel — der haßt oder — der liebt sie.


110

X.

»Fräulein Feßler?« sprach er, sah sie durchdringend an und verbeugte sich rasch. »Meine Verehrung. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Ich heiße Schweitzer, und bin ein Tyroler.« Er lachte, und dabei kamen zwei Reihen Zähne zum Vorschein, so weiß und dicht, daß es eine Freude war.

Lotti und er wechselten einige hergebrachte Redensarten.

»Ja, ich habe viel von Ihnen gehört,« sagte Schweitzer plötzlich mit verändertem Tone, »am meisten vor acht Tagen. Da traf ich Halwig auf dem Wege zu Ihnen. Ein erster Besuch — nach vielen Jahren ...«

»Das waren Sie?« versetzte Lotti. »Sie haben ihm damals einen sehr guten Rath gegeben.«

»Hat er mich verklagt? ... Ja, ja; mein Rath war gut, zu gut, um befolgt zu werden.«

Lotti schwieg, und er fragte:

»Haben Sie sein letztes Buch gelesen?«

»Nein.«

»Lesen Sie es nie! ... oder doch — lesen Sie es, 111 und sagen Sie mir dann, ob ich recht habe, ihm zuzurufen: Halt ein!«

»Sie haben Recht; ich brauche, um davon überzeugt zu sein, das Buch nicht zu lesen.«

»Ihnen graut! Sie wissen, was Sie zu erwarten hätten. Gut denn, lesen Sie nicht, aber helfen Sie mir. Wirken Sie in meinem Sinne auf ihn ein. Ihr Einfluß ist groß. Ich bin dessen inne geworden, als er neulich nach jener Unterredung mit Ihnen heimkehrte, so ruhig und vernünftig, wie er seit Langem nicht mehr gewesen ist.«

»Was soll ich thun?«

»Ihn vermögen, der Schriftstellerei für eine Zeitlang Valet zu sagen, und eine andere, freilich minder einträgliche Beschäftigung, die ich für ihn im Auge habe, zu ergreifen.« Er unterbrach sich: »Aber darüber sprechen wir noch ... Jetzt sagen Sie mir, warum sehen Sie mich so an?«

»Ich wundere mich —« erwiderte Lotti, ein wenig außer Fassung gebracht durch diese Frage.

Er ließ sie nicht weiter sprechen.

»Warum?« fiel er ihr ins Wort. »Weil Sie mir glauben? Nun das geschieht, weil zwischen zwei absolut redlichen Menschen eine Freimaurerei besteht.«

»Vielleicht — aber seltsam scheint es mir, daß auch Sie meinen Einfluß ...«

Abermals unterbrach er sich:

»Auch ich? ... Ganz recht. Ihr Einfluß ist hier 112 bereits angerufen worden — freilich im entgegengesetzten Sinne ... von einem schönen Vampyr ...«

Er hielt inne. Die Thür hatte sich geöffnet, und Agathe erschien auf der Schwelle.

Sie mußte die letzten Worte gehört haben, es war nicht anders möglich; doch suchte sie offenbar kein Arg in ihnen, denn sie begrüßte den Sprecher derselben mit liebenswürdiger, sogar etwas koketter Freundlichkeit.

Sie hatte sich Zeit zur Toilette gelassen; diese war aber trotzdem nicht ganz beendet. Die Ohrringe fehlten noch und auch das Medaillon, und die Bandschleife am Halse, an welche es befestigt werden sollte. Sie hielt das Alles in ihren Händen.

»Nun, lieber Rechtsfreund?« fragte sie, trat an den Pfeilerspiegel und begann eines ihrer zarten rosigen Ohrläppchen zu quälen, um ihm den Schmuck einer erbsengroßen Perle vom schönsten Orient aufzunöthigen. »Wie steht unsere Angelegenheit? — Sie bringen eine gute Nachricht, das sehe ich Ihnen an.«

»Sie sehen schlecht, gnädige Frau,« sagte Schweitzer trocken und blickte streng in den Spiegel, aus dem ihr zur Seite geneigtes Gesicht ihn anlächelte.

»Ist der Brief, den wir erwarten, angekommen?«

»Er ist nicht angekommen!«

»Und der Zweck Ihres Besuches, wenn man fragen darf?« Sie wandte sich um und sah spöttisch fragend zu ihm nieder, der sich bei ihrem Eintreten erhoben, jetzt aber seinen früheren Platz auf einem Fauteuil, Lotti gegenüber, 113 wieder eingenommen hatte. »Sie werden mir doch nicht weis machen wollen, daß nichts Anderes Sie hierher führt, als die Sehnsucht nach meinem Anblick?«

»Oder der Wunsch Ihnen Langeweile ins Haus zu tragen? — Nein, ich komme aus einem andern Grunde.«

»Bitte ihn auseinander zu setzen. In Gegenwart dieser theuren Zeugin da ... Ach, Fräulein Feßler, seien Sie doch so gütig ...«

Sie reichte Lotti die beiden Enden des Bandes, das sie durch den Ring des Medaillons gezogen hatte, und kniete plötzlich nieder. Lotti beeilte sich, die Schleife über dem schlanken Rücken festzuknüpfen, der sich ihr entgegenbeugte, während Schweitzer dieser ganzen Procedur mit stillem Grimm zuzusehen schien.

Agathe erhob sich von ihren Knieen, um auf ein kleines Kanapee zu gleiten, in dessen Kissen sie sich zurücklehnte.

»Ihren Grund, mein Freund. Reden Sie doch. Sie spannen meine Neugier auf die Folter,« sagte sie, und ein maskirtes Gähnen hob ihre Nasenflügel.

»Ich höre von einem Contract mit einem Buchhändler, den Halwig unterschreiben soll,« begann Schweitzer in ruhigem, nachdrücklichen Tone.

»Daß Sie auch alles hören müssen,« warf Agathe dazwischen.

»Und will ihn daran hindern,« fuhr Schweitzer fort. »Ich habe den Contract nicht gesehen, aber ich weiß, wer ihn ausgestellt hat, und das ist mir genug. Es 114 kann auch Ihnen genug sein. Glauben Sie mir, gnädige Frau, Sie sind eine so zärtliche Gattin, rathen Sie Ihrem Mann, sich doch lieber an einen Sclavenhändler zu verkaufen, er kommt dabei weniger zu Schaden.«

»Sie sind einzig, lieber Freund. Also, nicht gelesen — den Contract? Da komme ich doch einmal im Leben in die Gelegenheit, Sie zu belehren. Der Verleger, den Sie verabscheuen — der Arme! — fordert zehn Jahre hindurch, alljährlich drei Bände ... Ich erinnere mich jetzt,« schaltete sie ein, zu Lotti gewendet — »Ist das zu viel? ... Für Hermann sage ich Ihnen, ist das nichts ...«

»Drei Bände!« rief Schweitzer, »und sie brauchen nicht einmal sehr dick zu sein, wenn sie nur recht viel Scandal enthalten, nur einige Seiten, auf denen das unsagbare gesagt wird — nur ein einziges Capitel, das von Dingen handelt ... Dingen — die man in Gegenwart verehrter Frauen —« er sah Lotti fest an, und neigte den Kopf, »nicht nennt.«

»Da haben Sie den ganzen Schweitzer!« versetzte Agathe mit ihrem hellsten Lachen, und mit der siegreichen Ueberlegenheit des Gleichmuths über den aufbrausenden Zorn. »Sehen Sie, Fräulein Feßler, wie er mich mißhandelt, mein Freund, mein strenger, grausamer, aber alleraufrichtigster Freund.«

Und dabei neigte sie sich vor, und blickte ihm von unten hinauf ins Gesicht, lockend, herausfordernd, als wollte sie ihn ganz einhüllen in Bezauberung, sie, die 115 junge, schöne, glänzende Frau, den alternden, schlichten Mann, dessen Züge etwas Steinernes annahmen, und der in hartem Tone sprach:

»An wem ist Ihnen mehr gelegen? An diesem aufrichtigen Freund oder an Ihrem blauen Papagei?«

»Keine Gewissensfragen! Kommen Sie mir jetzt nicht mit Gewissensfragen! Bleiben wir bei der Stange. Aufrichtig! wenn ich bitten darf.« Sie wurde ernst, und sprach in kaltem und geschäftsmäßigem Tone: »Sie sind gegen die Unterschrift, weil Sie nicht zweifeln, daß uns bald auf andere Art aus der Verlegenheit geholfen wird ... Leugnen Sie doch nicht! — Unser Proceß steht gut — er kann nur gut stehen, sagt Hermann, der gewiß kein Sanguiniker ist ...«

»Sagt Hermann, daß es mit dem Proceß gut steht? — Das sagt er Ihnen? Warum nicht lieber mir, den es trösten würde? denn ich sehe schwarz in der Sache, ich halte sie für verloren, und Hermann wäre meiner Meinung, wenn er den Gang der Angelegenheiten verfolgt hätte. Aber dazu hat er keine Zeit. Er hört mich gar nicht an, wenn ich relationiren komme.«

»Sie müssen wissen,« fuhr Schweitzer, zu Lotti gewendet, fort, »daß Halwig eine sehr gerechte Forderung an die Enkel eines Gutsbesitzers in Mecklenburg stellt, dem sein Großvater dereinst ein ansehnliches Darlehn gemacht. Die Summe war auf dem Gute intabulirt, es scheinen Interessen davon gezahlt worden zu sein, allein im Testamente des alten Herrn von Halwig blieb sie unerwähnt. 116 Sein Sohn machte wohl sein Recht geltend, jedoch mit wenig Nachdruck, schläfrig und halb, wie er Alles zu thun pflegte. Der Mecklenburger war inzwischen in zerrütteten Vermögensverhältnissen gestorben. Seine Kinder legten nicht besonderen Eifer an den Tag, sich der Schulden zu entledigen, die ihr Vater ihnen hinterlassen ... und so vererbten sich Verpflichtung und Forderung auf die Kinder dieser Kinder, und auf den Sohn jenes Sohnes. Ich erspare Ihnen eine juridische Auseinandersetzung, ich sage nur, daß Halwigs Recht so klar ist, wie der Tag, und daß ich überzeugt war, es zur Geltung bringen zu können, als ich selbst ihn bestimmte, die schon aufgegebene Sache wieder aufzunehmen, und mir ihre Führung getrost zu überlassen ... Nun — ich habe vergeblich gerungen. Ich werde dem Rechte nicht zum Sieg verhelfen. Ich erkläre das meinem Klienten, so oft ich ihn sehe. Aber machen Sie einem Menschen etwas begreiflich, was er nicht begreifen will — entwurzeln Sie eine Hoffnung, welche durch die Furcht vor Verzweiflung eingepflanzt worden ist ...«

Agathe horchte seinen Worten mit verhaltenem Athem.

»Sie selbst,« sagte sie jetzt, »haben die Hoffnung, die Sie ihm nehmen wollen, noch nicht verloren. Jener Brief von Ihrem Abgesandten, den Sie erwarten, kann günstige Nachrichten bringen ... Jenen Brief,« sie blickte ihn forschend an, »erwarteten Sie, wenn ich nicht irre, schon gestern ...«

»Lieber Freund, wenn der Brief fortfährt auszubleiben 117 — oder wenn er eintrifft mit schlechten Nachrichten beladen — dann, lieber Freund, dann liebes Fräulein Feßler —« Sie ergriff Lottis Hand und hielt sie angstvoll mit ihren Fingern umklammert — »dann muß Hermann den Contract unterschreiben. — Meinen Eltern muß geholfen werden. Sehen Sie das nicht ein, Sie beide! ... Haben Sie nicht auch Eltern gehabt, die Sie liebten? ... Denken Sie an Ihren Vater, Fräulein Feßler, Hermann hat mir so viel von ihm erzählt, daß ich meine, ihn gekannt zu haben. — Denken Sie an Ihre Mutter, Schweitzer, der Sie so viele Opfer gebracht ... Fragen Sie sich, hätten Sie nicht Ihre Seele für Vater und Mutter verkauft?«

Lotti wollte sprechen, aber Schweitzer schnitt ihr das Wort ab:

»Meine Seele vielleicht, — die eines Andern? — Nein!«

»So spricht ein Junggesell. Mann und Weib sind eins, und ich erkläre denn ... aber wie lächerlich, wie lächerlich sind wir mit unserem Seelenverkauf! Als ob sich's darum handelte! ... Hören Sie meinen unwiderruflichen Entschluß: wenn der Proceß günstig für uns entschieden wird, dann zerreiße ich den Contract mit meinen eigenen Händen — die Sie dann küssen werden, Schweitzer! — Wir kaufen sofort das Gut meiner Eltern, ziehen uns dahin zurück, und sind glücklich, wie wir es schon einmal waren — in England auf dem Lande ... Mein Herr Gemahl wird mir zu Ehren noch ein 118 Sportsman. Man sieht ihn niemals anders als im rothen Frack oder im Jagdrock mit grünen Aufschlägen ... und nirgends anders als bei mir ... und immer zu Pferd, zu Wagen oder auf der Pürsch, — immer nur bemüht, mich zu bezaubern ... Das gelingt ihm — hingerissen falle ich meinem Helden, meinem Ritter in die Arme. Unter einem Hollunderbusch und vielen Wonnethränen schwören wir uns täglich ewige Liebe!«

Sie sagte das schalkhaft, übermüthig, und dabei lag doch in ihren Augen eine geheimnißvolle Wehmuth, eine sehnsüchtige Zärtlichkeit, die zu all' den Schmerzen nicht paßten.

Schweitzer saß aufrecht und steif vor ihr wie die Statue eines Pharaonen und starrte sie selbstvergessen an.

Sie fuhr fort: »Wir könnten selig sein. Selig, einander endlich anzugehören, endlich für einander zu leben. Das geschieht hier nicht, in der widerwärtigen Stadt. Auf dem Lande, und wenn Hermann noch so viel zu thun hätte, bliebe ihm mehr Zeit für mich. Hier vergehen Tage, an denen ich ihn nicht sehe, das halbe Stündchen ausgenommen, das wir bei Tische zubringen. Und wovon spricht er da? Von Büchern, Zeitungen, Recensionen ... Ich frage mich oft: Habe ich einen Mann geheirathet oder eine Schreibmaschine?«

»Das fühlen Sie?« rief Schweitzer, »und könnten sich doch entschließen, dieser ohnehin überbürdeten Maschine, deren Motor ein Menschengeist ist, neue Lasten aufzudrängen?« 119

»Ich thu' es nicht, Freund! ich nicht! — Die Nothwendigkeit thut es. Was mich betrifft, ich hasse die Schreiberei. Hinge es von mir ab — Hermann brauchte nie wieder eine Feder anzurühren ... Da kommen Leute zu ihm — Literaten, die sagen, schriftstellern sei unweiblich. Ich möchte immer erwidern: nein, meine Herren — unmännlich ist's! Männlich ist Löwen und Tiger jagen, auf einem Seil über den Niagara wegschreiten, Schlachten gewinnen, Städte bauen ... aber weißes Papier schwarz machen ... bah! ... O lieber, lieber Freund! wenn Sie nur recht wollten, Sie könnten uns aus aller Noth und Drangsal erretten — man sagt, Sie hätten noch nie einen Proceß verloren ...«

Wieder beugte sie sich zu ihm, sah ihm schmeichelnd ins Gesicht, und legte ihre Fingerspitzen auf seinen Arm.

Er erhob sich rasch: »Daß doch alle Weiber ... verzeihen Sie, alle Frauen gleich sind! daß doch jede meint, den Advokaten gewinnen, hieße den Proceß gewinnen ... Ich blieb so lange — kann Hermann leider nicht erwarten — so gern ich auch ...«

Er hatte seine Taschenuhr hervorgezogen, und Lotti sah, obwohl sie wahrlich in dem Augenblick nicht an Uhren dachte, daß es nur eine silberne Remontoir von einfachster Arbeit war.

Agathe holte seinen breitkrempigen Hut herbei und reichte ihm denselben mit einer feierlichen Gebärde. 120

»Leben Sie wohl, Gebieter über unsere Schicksale!« sagte sie, »und nochmals! wenn Sie wiederkehren, bringen Sie uns das Glück in Gestalt eines Briefes aus Mecklenburg in der Tasche Ihres wunderschönen Ueberziehers mit.«

Er verbeugte sich, trat vor Lotti hin und sprach:

»Vergessen Sie nicht, daß wir Bundesgenossen sind.«

Damit verließ er das Gemach.


121

XI.

»Seine Bundesgenossin wären Sie?« fragte Agathe, »indes ich mein Vertrauen in Sie setze? ... Nein, nein, das wäre Verrath, dessen Sie nicht fähig sind ... Sie halten mir Wort, und wenn Hermann kommt ... Aber,« unterbrach sie sich mit einem Mal äußerst beunruhigt, »warum ist er nicht da — nicht längst da — — er pflegt sonst nie des Morgens auszugehen und heute, als ich erwachte und nach ihm fragte, hieß es, er sei fort ... in aller Frühe fortgegangen ... unbegreiflich ... unbegreiflich —« wiederholte sie, eilte an das Fenster, öffnete es und blickte in gespannter Erwartung auf die Straße hinunter.

Plötzlich überdeckte sich ihr Antlitz mit Purpurgluth. »Er kommt!« rief sie jubelnd und schwang ihr Taschentuch in der Luft.

»Sie entschuldigen mich doch, Fräulein, wenn ich ihm entgegengehe? ... Ich muß die Freude haben, ihm anzukündigen, daß er Sie hier findet.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie verschwunden.

Mit seltsam gemischten Empfindungen blickte Lotti 122 ihr nach und dachte: »Sie liebt ihn — das ist ja viel ... für ihn wohl alles ...«

Eine Weile danach erschien Halwig — ein Anderer als derjenige, den Lotti am selben Morgen bei sich gesehen. Freudig und sorgenlos begrüßte er sie, sprach viel, war der liebenswürdigste und aufmerksamste Wirth. Beim Dessert gab er eine lustige Geschichte zum Besten, die ihm Papa, den er unterwegs begegnet, erzählt hatte.

Seine Heiterkeit schien natürlich und ungezwungen, und dennoch, ohne sich erklären zu können warum, vermochte Lotti nicht recht froh zu werden.

Das Mittagessen war vorüber, und man begab sich zum schwarzen Kaffee nach dem Zimmer des Hausherrn. Es hatte einen eigenen Eingang durch das Vorgemach.

Als Lotti dieses an Hermanns Arme betrat, erhob sich plötzlich ein kleines Männchen von einer der Bänke an der Wand und nahte mit höflicher Begrüßung.

Bei seinem Anblick fuhr Halwig leicht zusammen:

»Sie selbst? ... Sie warten? ...«

»O nicht lange. Die Herrschaften hatten schon beinahe abgespeist, als ich kam, und ich beschwor den Diener, Sie nicht zu stören.«

»Treten Sie doch jetzt ein! ... Kommen Sie —« sprach Halwig, und Lotti fühlte seinen Arm zucken unter ihrer Hand.

»Wenn Sie erlauben, Herr Baron, allein ich habe Eile ... und nur weil der Zufall mich eben hier vorbeigeführt, und um Ihnen die Mühe des Schickens zu 123 ersparen — bin ich da, um, um das Versprochene abzuholen.«

»Kommen Sie denn! — Kommen Sie! ...«

»O, ich bitte! ... Erst die Damen —«

Er stellte sich mit einem langen Schleifschritt seiner schiefen Beine neben die Thür, die Halwig aufgestoßen hatte, und machte ein einladendes Zeichen. Seine vorquellenden Augen leuchteten vor cynischer Bewunderung, als Agathe an ihm vorüberschritt.

»Die Frau Gemahlin?« flüsterte er Halwig vertraulich zu — »ganz superb — ich gratulire!«

»Einen Augenblick, Fräulein Feßler! — Einen Augenblick, Agathe,« sprach Hermann gepreßt und scharf, und winkte den Beiden, an dem Tische Platz zu nehmen, auf welchem der Kaffee servirt war.

Er selbst trat an den Schreibtisch, zog die unterste Lade heraus, nahm ein versiegeltes Paket und reichte es seinem Besucher.

Der ergriff oder vielmehr riß es mit einer hastigen Bewegung an sich.

»Es ist doch das rechte? — Sie verzeihen — ich breche die Siegel ... Eine Irrung ist so leicht geschehen.«

»Ueberzeugen Sie sich,« sagte Halwig in einem Tone, den mühsam bezwungener Ingrimm beben machte.

Der Kleine hat sich an die Fenstervertiefung begeben und begann dort den Inhalt des Pakets zu untersuchen.

»Alles in Ordnung. Hingegen da — auch Alles in Ordnung.« Er überreichte Halwig einen zusammengefalteten 124 Bogen, den dieser auf den Schreibtisch warf. »Nicht so, Herr Baron, bitte sich gleichfalls zu überzeugen. Bitte um pedantische Genauigkeit in Geschäften. Bitte um Vorsicht, bitte sogar um Mißtrauen.«

Er stieß ein leises, widerwärtiges Gekicher aus und blinzelte Halwig halb höhnisch, halb mitleidig an, während der das Schriftstück durchflog.

»Sie sind mit mir zufrieden, hoffe ich. Haben auch alle Ursache. Für Sie ist gesorgt. Wie ich dabei wegkomme, das ist eine andere Frage. Allein für Sie ... was thäte ich nicht für Sie, Herr Baron?«

Er empfahl sich, von Hermann bis an die Thür begleitet.

Agathe lachte ihm herzlich nach: »Was war denn das für ein Ungeheuer? O, Fräulein Feßler, haben Sie seine Füße gesehen und seinen Gang bemerkt? ... Mir scheint nein. Warten Sie, ich will das herrliche Schauspiel vor Ihnen erneuern, Sie müssen sich noch einmal daran erquicken. Einwärts! noch einwärtser! so — nicht wahr?«

Sie begann im Zimmer umher zu humpeln, ihrem Manne entgegen und ließ sich mit Absicht ausgleitend, in seine Arme fallen. Er umschlang sie und drückte einen langen leidenschaftlichen Kuß auf ihre Lippen.

»Meine Agathe! mein Herz, mein Glück, mein Leben!«

Mit schwerer Selbstüberwindung entzog er sich ihrer Umarmung und trat an ihrer Seite vor Lotti hin. 125

Diese fragte: »Halwig, war das der Mann, der Ihnen einen Vertrag anbietet, in welchem ...«

Er fiel ihr ins Wort: »In welchem ich zehn Jahre meines Lebens verschreibe? Nein. Dem nicht einen Tag. Aber wer hat Ihnen gesagt — Du?« wandte er sich an seine Frau, die bejahend nickte und dann sprach:

»War's nicht recht?«

»Ganz recht. Wir haben kein Geheimniß vor Fräulein Lotti.«

»Das meinte ich auch, und setzte ihr die ganze Angelegenheit auseinander. Sie wird Dir ihre Gedanken darüber sagen.«

Halwig hatte ihr zerstreut zugehört: »Ich vergesse, ich habe eine Botschaft von Papa an Dich.«

»Der arme Papa, Du vergissest ihn immer.«

Die Stirn Hermanns verfinsterte sich einen Augenblick, aber er fuhr fort, ohne etwas auf den Vorwurf zu erwidern: »Deine Eltern sehen heute einige Bekannte beim Thee. Sie zählen auf Dich. Sie werden den Wagen schicken, um Dich abzuholen. Ich habe in Deinem Namen zugesagt. Du wirst meinem Wort doch Ehre machen?«

»Ungern, Du weißt, wie lästig mir diese Soiréen sind,« entgegnete sie und lehnte die Wange an seine Schulter. »Laß mich bei Dir bleiben, Hermann.«

»Was fällt Dir ein? Du darfst nicht bleiben. Nicht einmal stören darfst Du mich, um mir Lebewohl zu sagen.« 126

»Nicht einmal Lebewohl? ... Fräulein Feßler, ist das nicht hart, nicht unerträglich? ... Und diesen Zustand zu verewigen, soll ich noch beitragen, o, wenn ich das bedenke ...«

»Agathe,« rief er heftig und gequält ... »Du weißt doch ... mein Gott, was willst Du denn? Geh, liebes Kind« setzte er bittend hinzu, »Du mußt ruhen, ein wenig schlummern, wenn Du Abends in Gesellschaft sollst. Geh.«

Sie sah ihn traurig und gekränkt an und sprach nach kurzem Schweigen zu Lotti:

»Er ist ein Tyrann, und ich gehorche. Liebstes Fräulein, schenken Sie ihm eine Tasse Kaffee ein und ein Gläschen Chartreuse, und bleiben Sie noch ein wenig bei ihm.«

Sie drückte Lottis Hände, bat sie, recht bald, unendlich bald, spätestens morgen wieder zu kommen, und schritt dem Ausgang zu. Aber an der Thür blieb sie stehen, wandte sich, preßte die Finger an ihren Mund und warf mit einer Gebärde voll Innigkeit Hermann einen Kuß zu.

Er erwiderte ihren liebevollen Gruß, und als sie das Zimmer verlassen hatte, starrte er ihr nach, schien wie unwiderstehlich angezogen, ihr folgen zu wollen ... aber nach kurzem Kampfe trat er zurück, warf sich in einen Sessel und versank in dumpfes Hinbrüten.

»Sie haben mir noch nichts von dem Erfolg Ihrer heutigen Unterredung gesagt,« begann Lotti zögernd, »und ich wünschte doch sehr ...« 127

»Was Sie soeben gesehen haben — das war der Erfolg,« rief Halwig aus. »Der Ehrenmann, über den Agathe so herzlich gelacht hat, ist derselbe, zu dem ich sagen mußte: Ich kann Ihnen nicht Wort halten, Herr ...«

»Und was hat er ...?«

»Gleichviel ... ich habe mich losgekauft. Ich bin frei ... Frei,« wiederholte er mit einer Beklommenheit, die zu jedem anderen Worte besser gepaßt hätte, als zu diesem.

»Halwig — Halwig — womit haben Sie sich losgekauft?«

»Beruhigen Sie sich, beste Freundin! — Auf die einfachste Art. Ich habe ihm ein Manuscript ausgeliefert, das schon vor Jahren in seinen Händen war, und das ihm damals abgerungen wurde — durch den tugendhaften Schweitzer, dem ich nebenbei ganz gern ein Zeichen von Unabhängigkeit gebe.«

»Warum hat der es ihm abgerungen? ... Antworten Sie nicht! Ich thu's für Sie und — mit mehr Wahrhaftigkeit, als Sie es thäten: weil es Ihrer unwürdig ist, unwürdig eines Dichters, eines Priesters, wie der Dichter sein soll, dem ein heiliges Amt hier auf Erden anvertraut ist ...«

Eine ungewohnte Strenge sprach aus ihrer Stimme und aus ihren flammenden Zügen. »O, glauben Sie nicht, eine verschämte, alte Jungfer zu hören, die sich einbildet, ein Mann, ein Schriftsteller, der seine Zeit 128 schildern will, werde die Feder immer nur in Blüthenduft und Morgenthau tauchen. Ihr habt Furchtbares zu zeichnen, zeichnet es denn mit furchtbarer Kraft und Deutlichkeit, aber auch mit dem tiefinnerlichen Schauder, den Euer Schüler, Euer Leser, bebend mit empfindet. Nur nicht mit dem eklen, im Häßlichen wühlenden Behagen, das sich auf jenen überträgt ... Mit dem Behagen, Halwig, das mich — verzeihen Sie mir, es muß ausgesprochen werden — das mich anwiderte aus dem ersten Buch, das Sie nach unserer Trennung geschrieben haben.«

»Aus dem —«, rief er, kämpfend zwischen Bestürzung und Hohn.

»Sie begreifen das nicht,« fuhr Lotti unerbittlich fort, »jenes Buch ist von Ihnen seither so vielfach überboten worden, es ist ein Buch für Kinder im Vergleich zu denen, die ihm folgten. Ich weiß das!« beantwortete sie den Einwurf, den er machen wollte, »aus Anzeigen Ihrer Buchändler, aus lobpreisenden Kritiken, die ich hie und da, so wenig ich danach suchte, in Zeitungen las ... Ich weiß es, können Sie es leugnen?«

Er schwieg und starrte sie mit einem schwachen Lächeln an. Plötzlich warf er sich in seinen Sessel zurück und sagte: »Wissen Sie, was Sie thun? Sie sprechen zu mir, wie mein eigenes künstlerisches Gewissen. Aber ich darf die Stimmen nicht hören, nicht die Ihre, nicht die seine. Ich habe einmal den Pegasus vor den Pflug gespannt, und er muß pflügen, muß erwerben. Kann ich 129 dafür, daß die Menschen von jeher die Giftmischer besser zahlten als die Aerzte? ... Wär's umgekehrt, ich reichte ihnen Arzenei.«

»Halwig!« schrie Lotti in schmerzlichem Entsetzen auf.

Er richtete sich empor, ein unterdrücktes Schluchzen hob seine Brust. Lotti sah sein Herz pochen gegen sein Gewand. »Beste Freundin, ich bin verloren, machen Sie das Kreuz über mich ... Sie schütteln den Kopf, Sie verstehen mich nicht. Der Luxus, der uns umgiebt, täuscht Sie, der Luxus lügt, wir leben eigentlich von der Hand in den Mund, ich verdiene viel, aber wir brauchen noch mehr, und ich stehe manchmal rathlos vor kleinen Verlegenheiten. — Ist's nöthig, Ihnen das zu beichten? ... Sie haben ja den sichtbaren Beweis davon erhalten. Das muß anders werden,« setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens hinzu. »Morgen verschreib' ich mich dem Teufel. Ich thu' es nur deshalb heute noch nicht, weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in mir festgenistet hat ...«

»Vielleicht braucht's kein Wunder,« unterbrach ihn Lotti und erhob sich mit einer seltsamen Hast. »Leben Sie wohl.«

»Wie gern möchte ich Sie zurückhalten, aber da,« er deutete auf die Schriften, die seinen Schreibtisch bedeckten, »da ist Gesellschaft, die jede andere verdrängt.«

Sie hörte ihn kaum, sie war mit einem Gedanken 130 beschäftigt ... Der Gedanke, der war das Wunder — ein anderes gab es nicht.

Eine Möglichkeit war ihr erschienen — eine Möglichkeit ... Alles, was man unfaßbar und widersinnig nennt, wäre Lotti noch vor einer Stunde als selbstverständlich erschienen, im Vergleich zu dieser Möglichkeit.


131

XII.

Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder umfing, athmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geraden Weges auf die Uhrensammlung zu. Eine Weile stand sie sinnend davor und wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch: »Nein, nein, das könnt' ich doch nicht, das nicht.«

Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, daß Gottfried da gewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr gewundert habe. Er hatte etwas mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch unaufgeschnittenes Buch — Halwigs letztes Werk.

Mit einer Empfindung des Mißmuths nahm es Lotti in Empfang.

Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und Alles, was sich auf ihn bezog, entschlagen. Warum mußte sie von Neuem an ihn gemahnt werden? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich eben erst, mühsam genug, losgemacht?

Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende 132 des Zimmers, doch holte sie es von dort wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm wenigstens sagen können, daß sie versucht, darin zu lesen. Sie that es mit widerstrebendem Gefühl, aber mit stets wachsender Spannung. Sie war gefesselt, umstrickt, aber mit beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.

Da war dem Thier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser Genauigkeit auseinander gesetzt. Da war eine erzwungene erlogene Sinnlichkeit, aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze hervorgrinste. Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten Strom des gemeinen Lebens geschöpft, da fehlte alle höchste Wahrheit, die der Poesie. Da war endlich der Nothbehelf, der armselige, einer lahmen Phantasie: das mit photographischer Treue und Verzerrung gezeichnete Porträt; Persönlichkeiten, aus dem Schutz des Hauses gerissen und an den Pranger gestellt, zur Augenweide eines Publikums, demjenigen verwandt, das sich zu den Hinrichtungen drängt.

Im großen Ganzen — die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen Jahrhunderts: der Sensationsroman.

Und dennoch! Durch diese unreine Atmosphäre, diese matte, erschlaffende Luft, durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulniß, brach es manchmal herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes. Das mißbrauchte, zu Grunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst ... Du armes Talent! dachte Lotti, wie hat 133 sich an dir versündigt, der zu deinem Hüter bestellt worden!

Der Morgen begann zu grauen, und sie wachte noch über ihrem Buche. Ihre Stirn, ihre Augen brannten, und ihre Hände bebten vor Frost.

Die Lampe knisterte und flackerte: vom verkohlten Docht stiegen Funken im angerauchten Cylinder empor. Lotti löschte das sterbende Licht und suchte ihr Lager auf. Wie wohlthätig wäre ein wenig Schlaf gewesen. Sie schloß die Augen und bemühte sich regungslos zu liegen; da begannen alle ihre Pulse zu pochen, eine fürchterliche Beängstigung beklemmte ihr den Athem. Ihr war, als riefe eine flehende Stimme um Rettung zu ihr, die klagte, die sprach: Du hast mich gekannt in meiner Reinheit, rette eine verlorene Seele! ... Verloren, weil du dich von ihr gewandt. Du warst die Starke, und ich war schwach, du hättest mich nicht verlassen sollen. Aber du suchtest Ruhe, du rangst nach Frieden und gabst mich auf, und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ... Beweine mich nicht nur — rette mich!

Eine lange Zeit verfloß — eine wie lange? ... Die Uhren schwiegen alle, standen alle still ... Lotti hatte vergessen, sie aufzuziehen, — zum ersten Male, seitdem es ihr überhaupt oblag, für Uhren Sorge zu tragen, ihrer vergessen ... Wie spät war es denn? Wollte der Tag heute gar nicht kommen? Wollte eben heute die sonst so rührige Agnes nicht erwachen? Ja, wenn man die Zeit an Pulsschlägen abzählen könnte, wie 134 die Alten gethan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße, welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte, das Fräulein, das seine Lebenszeit abmaß, an der verrinnenden Asche des verstorbenen Verlobten ... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt, und wie paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen Gedanken in ihrem fiebernden Hirn? ...

Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen. Agnes ist auf den Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche.

Lotti erhebt sich, zieht die Vorhänge hinauf, ruft die Alte ins Zimmer und fragt nach der Zeit. Es ist noch sehr früh am Morgen, noch unmöglich, die Dienerin auszusenden, um die Wohnung des Advocaten Schweitzer zu erfragen — des Advocaten Schweitzer, den Lotti besuchen will.

»Eines Advocaten!?« — Agnes fällt fast um vor Schrecken — das ist ja einer vom Gericht, was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu thun?

Und zwei Stunden später, nachdem Agnes die gewünschte Adresse richtig zu Stande gebracht, und Lotti schweigend und eilends das Haus verlassen hatte, wurde die Magd von solchen Qualen der Neugier erfaßt, daß sie — sie konnte sich nicht anders helfen — in Thränen ausbrach.

Der Weg Lottis war nicht weit, bald schellte sie an Schweitzers Thür. Eine ältliche Dame öffnete und erklärte mit höflichem Bedauern, daß ihr Bruder jetzt nicht zu sprechen sei. 135

Allein nachdem Lotti sich genannt, und auf ihre dringende Bitte entschloß die Dame sich dennoch nachzufragen, und wenige Sekunden später erschien Schweitzer selbst.

»Fräulein Feßler!« rief er, »Sie kommen wie ein Schutzgeist.«

Er führte sie durch ein einfach eingerichtetes Wohnzimmer in eine große Stube mit tiefem, dunklem Alkoven. In der Mitte des weitläufigen Gemaches stand ein riesiger Schreibtisch, und neben demselben ein eben solcher geöffneter Geldschrank. In hohen Stößen waren darin Werthpapiere aufgehäuft, hinter eisernen Gittern Geldsäcke und Rollen geschichtet. Er schien gewaltige Reichthümer zu bergen, und glich mit seinen schweren Angeln und seinen kunstvollen Schlössern einem Ungeheuer, das Schätze hütet und sie, trotz seines lockend aufgesperrten Rachens, zu vertheidigen sehr gesonnen ist.

Schweitzer bot Lotti seinen eigenen Lehnstuhl an, und sie nahm am Schreibtische Platz, während der Advocat, dessen ganzes Wesen die äußerste Aufregung verrieth, vor ihr stehen blieb.

»Ich hätte mir Ihren Besuch nicht träumen lassen,« sprach er, »aber weil Sie nun da sind, weiß ich auch, was Sie hierher geführt ... Es ist die Sorge um Halwig.«

Er beantwortete ihr bestätigendes: »Ja« mit dem Ausrufe: »Und sie hat guten Grund!«

Der erwartete Brief war eingetroffen, Halwigs gerechter Anspruch abgewiesen. 136

»Es ist die schmählichste Niederlage meines Lebens!« rief Schweitzer. »Ich habe diesen Ausgang für unmöglich gehalten, und deshalb gestern noch — Sie waren Zeuge — nicht jede Hoffnung auf eine günstige Lösung der Sache vernichtet — der Sache, für die ich mich aus eigenem Antrieb begeistert ... Ich, der vorsichtige, peinliche Geschäftsmann ... Halwig hätte an die alte, vergessene Geschichte nie gedacht.«

Er stieß unzusammenhängende Worte hervor, er verwünschte sich als den Urheber der Enttäuschung, die seinem Freunde bevorstand.

»Wissen Sie denn, was diese Enttäuschung bedeutet?« rief er. »Ich will es Ihnen sagen ...«

»Ich weiß es,« unterbrach ihn Lotti beschwichtigend. »Halwig ist nur noch auf sein Talent angewiesen, und dieses ist erschöpft ... Sprechen wir ruhig, ich bitte ... Nehmen wir an, Herr Doctor, der Proceß wäre günstig für ihn entschieden worden. Die Summe, deren er bedarf, um das Gut seiner Schwiegereltern zu erwerben, läge da in diesem Schranke, was dann?«

»Was dann?«

»Würden Sie sagen: Schließe den Kauf, ziehe Dich auf das Land zurück mit Deiner jungen verwöhnten Frau? — Ich kenne sie nicht, aber ich glaube, sie wird die Freuden der Geselligkeit, der Stadt, nicht missen können.«

Schweitzer lachte auf.

»Nein, Sie kennen sie nicht. Die Stadt hat ihr 137 nichts zu bieten — sie tanzt nicht ... Theater, Concerte, Kunstsammlungen, was bedeuten ihr die? Sie ist ja blind, sie ist ja taub, sie hat vor allem andern keine Seele und kein Herz, außer für ihren Mann, für Papa und Mama, und für die sauberen Brüder, den Kiki und den Koko, oder wie man sie nennt ... Sie hat ja nichts, als die ganz thierische, ganz unmündige und gedankenlose Zärtlichkeit für das Nest, aus dem sie hervorgegangen ist ... für eine Familie — welche Familie! mehr noch als jede andere eine Brutstätte des Vorurtheils, das Grab der Nächstenliebe, denn was nicht zu ihr zählt, zählt überhaupt nicht ... O, was gäbe ich, um Halwig aus dieser Familie zu lösen! ... Ein Opfer wäre seinen Peinigern entrissen, das ihnen überantwortet ist für die Dauer des ganzen Lebens. — Fort nach England mit Papa und Mama, und auf das Land mit der Tochter und mit den seidenen Vorhängen, und mit der Menagerie, und mit den Reitpferden, und mit den Cigaretten ... Fort,« brach er plötzlich aus, »wenn ich wieder frei athmen soll, fort — aus meiner Nähe!«

Er beugte sich zurück und drückte die geballten Fäuste an seine Augen.

Eine Pause tiefen Schweigens trat ein.

»Was wird geschehen?« sprach Lotti endlich.

»Er wird den Contract unterschreiben, ihn nicht einhalten können, das Gut wird unter den Hammer kommen, und Halwig und die schöne Frau ... nun, er kann immerhin noch taglöhnern gehen bei irgend einem 138 publicistischen Unternehmen, und sie wird sich an das Nadelgeld einer Taglöhnersfrau gewöhnen, oder zu Papa und Mama nach England reisen müssen, wenn sie es nicht vorzieht, das Nächstliegende zu ergreifen und die teuflische Macht, die ihr innewohnt, auszuüben — O! ... Führe uns nicht in Versuchung! das heißt, bringe uns nie in Gelegenheit, all' das Schlechte, dessen wir im Fall der Noth fähig wären — zu thun ... Eine nichtswürdige Empfindung in der Brust eines braven Menschen — Sie ahnen nicht, was die gebiert — Sie ahnen nicht einmal, daß es die geben kann. Gräßlich!« stöhnte er, nahm sich zusammen und fügte in scharfem Tone hinzu:

»Sehen Sie, Fräulein, in diesem Schranke liegen Schätze. Wirklich, Respect einflößende Schätze. Und doch sind sie nur Bruchtheile des Besitzes ihrer Eigenthümer. Diese Eigenthümer haben unbedingtes Vertrauen zu mir, sie haben mir noch niemals nachgerechnet ... Wenn ich einmal irrte, in einem Ausweis, beim Addiren, und das Unwahrscheinlichste geschähe, gerade der fehlerhafte Ausweis würde eingesehen, je nun! der gute Schweitzer hätte eben einmal seinen Kopf nicht beisammen gehabt. Sind die Papiere nicht bei ihm? überhaupt nicht aufzutreiben? ... Je nun, der gute Schweitzer hat sie aus Versehen in den Ofen oder in das Kehricht geworfen, aber gestohlen, daß er sie gestohlen hat, würden seine Klienten nicht glauben. Und wenn er selbst es ihnen erzählte, würden sie denken, daß er ein Narr, aber nicht, 139 daß er ein Dieb geworden ist. Wenn ich mich denn irrte ... wenn ich mich genau um die Summe irrte, um die es sich handelt, was hätte ich dann gethan? ... Etwas, das mich vielleicht zum Wahnsinn oder zum Selbstmord treiben würde, ein Verbrechen, das größte, das ich begehen kann, denn es wäre ein Verbrechen gegen meine eigenste, angeborne Natur, und doch nichts, im Vergleiche zu dem Elend, das über den unglückseligen Halwig hereinbricht, wenn ich ihn seinem Schicksale überlasse ...«

»Was denken Sie?« fragte Lotti, »sagen Sie es mir offenherzig, Herr Doctor ...«

»Offenherzig?« rief er. »Ich könnte das Geld stehlen, das er braucht, und als Sie an meiner Thür schellten« — seine Stimme sank zu einem fast unhörbaren Flüstern herab »— war ich halb und halb entschlossen, es zu thun.«

»Lieber Doctor,« sprach Lotti, merkwürdig wenig erschüttert durch diese furchtbare Selbstanklage, »machen Sie sich nichts weis. Den Vorsatz hätten Sie nicht ausgeführt. Es muß auf andere Art geholfen werden ...«

Sie seufzte tief auf: »Und jetzt sagen Sie mir, wie viel kostet das Gut?«

Schweitzer nannte den Preis, fügte aber hinzu: »Der Werth ist mindestens das doppelte ... Wollen Sie es kaufen?« rief er plötzlich aus, »ich höre, daß Sie im Besitz eines Nibelungen-Hortes sind, einer Uhrensammlung«, er lächelte gutmüthig, aber doch auch sehr 140 spöttisch, »ein todtes Capital; das ist heutzutage fast eine Sünde ... Fräulein Feßler, verkaufen Sie Ihre Uhren und kaufen Sie das Gut ... es wäre nicht völlige Hülfe, aber es wäre viel, die Eltern würden wir dadurch los ... und dann ließe sich weiter denken ... Kaufen Sie das Gut! Für die Administration will ich sorgen. Kaufen Sie das Gut! Vom alleinigen Standpunkte des Nutzens aus, ohne jeden Nebengedanken, kann ich Ihnen nicht genug dazu rathen«

Der praktische Geschäftsmann in ihm kam mit einem Male zum Vorschein und führte eine Zeitlang ausschließlich das Wort. Die offenbaren, auf der Hand liegenden Vortheile jedoch, für die er sich bereit erklärte gut zu stehen, schienen Lotti kein Interesse abzugewinnen. Sie wollte etwas ganz Anderes wissen. Sie fragte:

»Wenn Sie jetzt zu Halwig gingen und ihm ankündigten, daß sein Proceß gewonnen ist, würde er nicht erfahren wollen, wie das zugegangen, den Brief nicht sehen wollen, der die Nachricht brachte?«

Schweitzer starrte sie mit aufgerissenen Augen an:

»Was soll das?«

»Antworten Sie mir! ... Ist er ein solches Kind in Geschäftssachen, daß man ihm glauben machen könnte ...«

»Den?« unterbrach sie Schweitzer, »Alles kann man Dem aufbinden ... Geschäftssachen! noch ganz andere Leute sind Kinder in Geschäftssachen ... aber um Gotteswillen ... Sie haben einen Rettungsplan, ich 141 seh's ... Sie werden helfen, Sie! ...« Er faltete die Hände, er vermochte nicht weiter zu sprechen.

»Ich schaffe Ihnen in einigen Tagen das nöthige Geld,« sagte Lotti, »Ihre Sache ist es dann, Halwig damit zu betrügen. Aber — nicht einmal der Tod hebt das Versprechen auf, das ich von Ihnen fordere: Sie schweigen, Sie bewahren mir für immer das Geheimniß.«

Sie erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen, die er feierlich ergriff.

»Ich frage Sie nicht,« sprach er, »welches Opfer bringen Sie? Auf welche Lebensfreude leisten Sie Verzicht, um das möglich zu machen? Ich frage: vermögen Sie die Wohlthat zu ermessen, die Sie erweisen? ...«

Lotti schüttelte den Kopf: »Vielleicht nicht. Ich thue nur, was ich nicht lassen kann: ich gebe ein im Grunde doch entbehrliches Gut hin, um die Seele eines Menschen zu retten, der mir einst theuer war.«

Damit nahm sie Abschied.

Sie begab sich nach dem Laden Gottfrieds, fragte dort vergeblich nach ihm — er war nicht zugegen, war schon vor geraumer Zeit fortgegangen. Als sie nach Hause kam, fand sie ihn, ihrer in sehnsüchtiger Ungeduld wartend.

»Was geht vor?« fragte er und stellte sich eilends in seine Fensterecke. »Ein merkwürdiges Leben führst Du seit einigen Tagen.«

Er verfolgte mit den Augen jede ihrer Bewegungen.

Sie hatte den Hut abgenommen und beschäftigte sich 142 mit dem Zusammenlegen ihres Tuches. Jetzt kam sie langsam auf den Tisch zugeschritten und ließ einen zerstreuten Blick über die ihrer harrende Arbeit gleiten. Gottfried hatte diese so appetitlich hergerichtet, daß ein echtes Uhrmacherherz dabei aufgehen mußte; allein dasjenige Lottis verleugnete sich in dem Momente gänzlich.

Sie nahm Platz, schob die kleinen Glasglocken sammt ihrem zarten Inhalte bei Seite und stützte den Ellbogen auf den Tisch. Mit trüben, etwas gerötheten Augen, betrachtete sie lange, wehmüthig und wie fragend, das Bild ihres Vaters. Endlich wandte sie sich zu Gottfried. Aber nicht wie um gewöhnlich Auskunft zu erhalten über den Gang einer Pendeluhr, über die Leistung eines Echappements und ähnliche angenehme Dinge, sondern mit einer Erkundigung nach dem ihr unangenehmsten Menschen — dem Agenten des Amerikaners.

Der war noch da und behelligte Gottfried nur zu oft mit seinen Besuchen. Er kam unter allerlei Vorwänden, hatte jedoch nur einen Zweck, den unerreichbarsten. Gottfried lächelte mitleidig.

»Die Uhrensammlung möcht' er an sich bringen.«

»Er soll sie haben. Ich verkaufe die Uhren.«

Gottfried stieß einen Schrei des Erstaunens aus. Das war nicht im Scherz, war auch nicht obenhin, wie die Andeutung einer Möglichkeit gesagt, das war ein ernster, wohlüberlegter Entschluß, den Gottfried mit innerster Empörung vernahm. 143

»Das thust Du für Halwig!« brach er plötzlich los, und Lotti senkte bejahend das Haupt.

»Ich kann nicht anders. Ich werde Dir Alles erklären, aber nicht jetzt. Jetzt möchte ich nur den Abschied von meinen armen Uhren schon überstanden haben. Du wirst — ich bitte Dich — mit dem Agenten sprechen. Es bleibt bei dem Preis, den der Amerikaner damals dem Vater angeboten. Weißt Du, ob er den noch bezahlen zahlen will?«

»Das will er gewiß ...«

»Bestelle ihn also ... und gleich, wenn Du mir eine Wohlthat erweisen willst.«

Er blickte in ihr schmerzlich verzogenes Gesicht. »Ich werde Dir die Wohlthat erweisen, ihn nicht zu bestellen.«

»Gottfried! ...«

»Lotti, Lotti! ... Wie kannst Du — und für Den? ... Warum denn Alles für Den

Sein ganzes Innere war im Aufruhr, und Lotti verlor fast das Gefühl ihres eigenen Leids über der Theilnahme mit der bitteren Qual, mit welcher er rang und die auszusprechen ihm nicht gegeben war.

»Ich muß, siehst Du!« sagte sie, »ich darf nicht anders.«

»Ueberleg's. Mir zu Liebe ... versuch' einmal etwas mir zu Liebe zu thun, überleg's! ... Es wird Dich gereuen ...«

»Es ist nicht mehr Zeit zu überlegen, ich habe mein 144 Wort verpfändet — und gereuen? ... Ich glaube, daß es mich nie gereuen wird.«

»Auch dann nicht, wenn Du erfahren wirst, daß Du es umsonst gethan hast? — Und das wirst Du erfahren!«

Lotti widersprach ihm nicht, und Gottfried fuhr eifrig fort:

»Ein solches Opfer ... o wahrhaftig, der ein solches Opfer annimmt, der ist's nicht werth!«

»Er würde es nicht annehmen, wenn er davon wüßte ... Geh jetzt und komm bald wieder, mit dem — Käufer.«

Sie wollte sich erheben, aber die Kniee versagten ihr den Dienst, und sie lehnte sich erschöpft in den Sessel zurück.

Gottfried trat näher. »Du kannst nicht helfen, glaube mir, es ist hier nicht zu helfen.«

»Aber eine Frist zu gewinnen, und in dieser Frist die Gelegenheit ...«

»Zu einem Wunder?« fiel Gottfried ein.

»— Vielleicht.«

Er wandte sich unwillig ab, und Lotti sagte entschlossenen Tons: »Darf der Arzt, der einen Kranken aufgegeben hat, ein Mittel ihn zu retten unversucht lassen? Er darf es nicht — wegen seines eigenen Seelenfriedens, wegen dieses furchtbaren »vielleicht,« das Dich böse gemacht hat.«

»Mich böse?!« rief Gottfried. Mit unbeholfener Zärtlichkeit erfaßte er ihre Hand, und wie ein Erstickender flüsterte er: »Was würde der Vater sagen? ... Lotti, denk' an ihn.« 145

»Ich habe zuerst an ihn gedacht, und sage Dir: er hätte es auch gethan.«

Sie suchte ihm ihre Hand zu entziehen, er hielt sie fest und rief:

»Mag sein ... aber der Vater hätte dabei auch ein Wort für mich gehabt ... Mißverstehe mich nicht! ... ich hab' ja gar kein Recht — ich meine nur, er hätte zu mir gesprochen: Das geschieht für einen Andern — deshalb brauchst Du nicht zu denken, daß mir der Andere lieber ist als Du ...«

Er stockte, wie erschrocken über seine eigene Kühnheit, und gab die Hand Lottis plötzlich frei. Sie sah ihn an, bestürzt und angstvoll, mit Schamröthe übergossen. Der Schmerzensschrei des schweigsamen Mannes erweckte in ihrer Brust einen Sturm von Selbstanklagen. Ihre Verwirrung vergrößerte noch die seine.

»Verzeih,« stotterte er, »ich gehe,« und wandte sich zur Flucht mit einer so rathlosen und hastigen Eile, daß Lotti — es schien ihr selbst unglaublich — über ihn lachen mußte. Er blieb stehen, halb empört, halb erfreut:

»Du lachst?«

»Ich lache —« sie brach in Thränen aus: »Wir sind zwei alte, erbärmliche Weichlinge.«

»Weichlinge ...« wiederholte er, und näherte sich ihr schüchtern — »Lotti —«

»Gottfried —«

Und die »Geschwister Feßler« umarmten sich.


146

XIII.

Am Nachmittage fand in der Wohnung des Fräuleins Charlotte Feßler eine feierliche Handlung statt. Das Fräulein übergab Herrn C. B. Fischer, Agenten des Hauses F. O. Wagner-Schmid in New-York in Gegenwart der Herren G. Feßler, Uhrmachermeister, und W. Schweitzer, Advocat, eine Sammlung bestehend aus dreihundert alterthümlichen Taschenuhren. Durchschnittspreis per Stück fünfhundert Gulden. Summe des Kaufpreises: Einmalhundert und fünfzigtausend Gulden.

Herr C. B. Fischer, ungewöhnlich lang, ungewöhnlich breit, ungewöhnlich wohlgenährt, mit dem rundesten Bulldogggesicht und dem feuerfarbigsten Backenbart in ganz Amerika gesegnet, und dieser Vorzüge sich sehr bewußt, hielt den Katalog in seiner Rechten. Eine gewaltige Rechte, die mit Leichtigkeit einen Suppenteller umspannt hätte. Er verifizierte jedes Stück, das Lotti aus dem Schränkchen nahm, sorgsam verpackte, und in eine Cassette legte, die Herr Fischer mitgebracht.

»Fünfhundert? ... auch die? ... auch die fünfhundert? ... Mir wäre das Ding nicht dreißig werth,« 147 sagte der Agent von Zeit zu Zeit; unter andern gerade bei der Mudge und bei der Majoratsuhr. Oder er rief: »Dieser Kauf! — Eine Millionärs-Marotte. Finden Sie nicht, Herr Doctor? — Was?«

Schweitzer verzog keine Miene. Gottfried war ruhig wie Einer, der standhaft den ersten Grad der Folter aushält, und sprach alle zehn Minuten einmal: »Vorwärts, wenn ich bitten darf.«

Lotti würdigte Herrn Fischer kaum eines Wortes, kaum eines Blickes. Der Mann erweckte ihr soviel Sympathie, wie eine Sabinermutter für einen Töchterraubenden Römer empfunden haben mochte.

Nach fünf tödtlich langen Stunden empfahlen sich die drei Herren. Der Agent trug die Cassette mit solcher Leichtigkeit unter dem Arm, als ob es ein Claque-Hut gewesen wäre, und bald hörte Lotti den Wagen, der ihre Uhren entführte, über den Platz rollen. Sie sah ihm nicht nach. Sie saß neben ihrem leeren Schränkchen, hatte seine Laden geschlossen und die kleinen Flügelthüren gesperrt.

Jetzt könnt' ich mir einbilden, dachte sie, daß Alles noch beim Alten ist. Was braucht man denn, um Liebes, das man einst besaß, immer zu behalten? — ein gutes Gedächtniß und einige Phantasie. Das wollte sie Gottfried zum Trost sagen, dem Getreuen, für den es von jeher keinen Schmerz, keine Enttäuschung, keinen Verlust zu geben schien, als diejenigen, die sie erfahren hatte. Zum ersten Male, seitdem sie ihn kannte, das heißt so lange 148 sie lebte, hatte sie heut' eine eigensüchtige Regung bei ihm wahrgenommen. Allein wie rasch war auch diese erloschen, wie war er bestürzt gewesen über den unwillkürlichen Ausdruck eines Gefühls, das ihm bisher fremd gewesen wie die Sünde. Sie kannte ihn, und wußte — jetzt quält er sich und kann sich's nicht verzeihen, daß er ihr eine schwere Stunde noch schwerer gemacht und in dem Augenblick, in dem sie ihr Theuerstes hingab, unedel ausgerufen: »Und ich?« ...

Und er! ... war's nicht ganz recht, daß er sie einmal gemahnt, er zähle mit in der Reihe der Wesen, die einen Anspruch an sie stellen durften? — Bisher hatte er keinen geltend gemacht. Er war gut und treu; daß er sich so zeigte, verstand sich von selbst, und wer denkt erst lang über selbstverständliche Dinge nach? — Manchmal wohl hatte es in der Seele Lottis aufgedämmert: da ist Einer, dem verdankst du mehr, als du vergiltst ... da ist Einer, dem hast du öfter weh als wohl gethan ... Aber die Fragen: Warum? Womit? scheute sie sich zu beantworten.

Es geht gar seltsam zu in der Wunderwelt der Seele. Empfindungen schlummern in ihr, die nie erwachen, wenn man sie nicht nennt, einmal genannt, jedoch, nie wieder schlafen können. Lotti fürchtete sich und ihre unbekannte und unberechenbare Macht. — Wozu auch grübeln? — über ein Verhältniß zwischen Bruder und Schwester, zwei braven Leuten, die in Frieden mit einander alt geworden sind und also sterben wollen. Zugleich 149 — geb's der Himmel! Denn ein Leben, in dem Gottfried fehlen würde und seine nie ermüdende treue Sorgfalt, das wäre keine Freude mehr.

Allmälig war die Dunkelheit hereingebrochen. Lotti lehnte sich zurück und schloß die Augen. In leisen Halbschlaf versunken, hörte sie Agnes nach Hause kommen, und draußen Zurüstungen zur Abendmahlzeit treffen. Die Alte kehrte von einem Besuch bei ihrer Schwester zurück, zu dem Lotti sie veranlaßt hatte. Mitten in der Woche und ohne jeden vernünftigen Grund war sie aufgefordert worden, die Vergnügungsreise in die Vorstadt zu unternehmen. Gewöhnlich kam sie von derselben in bester Laune heim; heute war sie gestimmt wie ein hungriger Wolf.

Schweigend zündete sie die Lampe an und beantwortete die Frage Lottis nach dem Befinden der Schwester mit einem undeutlichen Gemurmel. Die ganze Agnes war eitel Zurückhaltung, jede ihrer Mienen und Bewegungen sprach: Hast du deine Geheimnisse, hab' ich die meinen.

Ihre, mit großer Ausdauer zur Schau getragene Gekränktheit begann ihre Wirkung auf die Herrin auszuüben. Diese war hellmunter geworden. Es konnte auch nicht anders sein, denn schweigend verhielt sich Agnes, aber nicht still. Sie vollführte vielmehr mit einigen Tellern und einem Bestecke ein Gerassel, das in Anbetracht der geringen Mittel, mit denen es verursacht wurde, ganz merkwürdig zu nennen war. 150

»Liebe Agnes,« begann Lotti sehr sanft und noch keineswegs im Reinen über die Fortsetzung, welche diese Anrede erhalten sollte. Da erschallte die Hausglocke, und Agnes stürzte, abermals Unverständliches murmelnd, aus dem Zimmer.

»Das Fräulein zu Hause?« ließ eine laute Stimme sich im Vorgemache vernehmen, und im nächsten Augenblick trat Halwig ein.

Er war bleich und erregt: »Erlöst!« stieß er, kaum fähig zu sprechen hervor. »Nehmen Sie Theil an meinem Glück ...« Er preßte beide Hände gegen seine Brust. — »Ich bin erlöst — ich bin ein freier Mann!«

Lotti wagte nicht, ihn anzusehen ... absichtlich täuschen — es bleibt doch immer etwas Furchtbares. — In äußerster Verlegenheit sprach sie: »Sie haben — Ihren Proceß ...«

»Gewonnen! — ja, ja, meine Hoffnung, die kühne, die ich nie aufgegeben, ist erfüllt ... Fräulein Lotti — freuen Sie sich doch mit mir ...«

»Ich freue mich von ganzem Herzen, lieber Freund ...«

»Sehen Sie hierher! Erkennen Sie das?« Er zog ein Heft aus seiner Tasche — »Es ist dem Edlen, dem ich es gestern vor Ihren Augen übergab, zum zweiten Male abgerungen worden ... und soll vor Ihren Augen in Rauch aufgehen.«

Er hielt einige Blätter des Manuscriptes über die Lampe, sie entzündeten sich; er schwang die Schrift hoch in der Luft, um sie in hellen Brand zu setzen und warf, 151 nachdem dies geschehen, die lodernde in den Kamin. Mit wildem Behagen schürte er die Flamme, die sein Geisteskind verzehrte, und rief:

»Was nie hätte geboren werden sollen, sterbe! ... Könnt' ich alles so vernichten, was geschrieben zu haben mich reut! ... Ein Trost bleibt mir übrigens,« fügte er mit bitterem Lachen hinzu, indem er sich am Arbeitstische Lottis niederließ: »Lange werden meine Werke den Unwillen der Freunde des Schönen nicht erregen. Mit dem Tage geht unter, was dem Tage gedient ... O Fräulein Lotti! ... ich hatte anderes von mir erwartet ... Erinnern Sie sich noch? Wissen Sie noch, was ich geträumt und angestrebt? Wissen Sie noch, wie fest entschlossen ich war, diese Erde, die mich getragen, nicht zu verlassen, ohne ihr die Spur meines Schrittes eingeprägt zu haben? ...«

Lotti senkte den Blick vor seinen fragend auf sie gerichteten Augen:

»Ja wohl, — was haben Sie, was habe ich Ihnen nicht zugetraut?«

»Vorbei!« er erhob von Neuem sein gequältes Lachen. »Sie haben noch nie einen Menschen gesehen, mit dem es so völlig vorbei gewesen ist, wie mit mir ...«

»Es wird schon wieder anfangen,« sagte Lotti.

»Sie wissen nicht, wie es in mir aussieht.«

»Kommen Sie nur erst zur Ruhe.«

»Die ist's ja, die ich fürchte! ... Mit ihr kommt die Besinnung. In der rastlosen Thätigkeit, in der ich 152 lebte, hatte ich wenigstens nicht Zeit zur Besinnung ... Glauben Sie nicht, daß mir die Wohlthat der Selbsttäuschung zu Theil geworden ... Immer wieder, trotz allem, was ich that, um ihn zu verscheuchen, immer wieder tauchte der Gedanke in mir auf: was du treibst ist Seelenmord ... Ich habe Stunden des Rausches, des Triumphes gehabt, aber glücklich, liebe Freundin, war ich nicht mehr, seitdem ich mein Talent im Dienste irdischer Zwecke zu frohnen zwang.«

Lotti suchte nach Worten der Beschwichtigung, allein diejenigen, die sie fand, erschienen ihr schwach und kühl und nicht besser als Gemeinplätze. Ihre Ohnmacht zu trösten, äußerte sich durch Ablenkung von der Klage. Sie verwies ihn auf den segensreichen Einfluß, den das Landleben auf ihn ausüben werde, und da rief er plötzlich beistimmend:

»O ja, darauf zähl' auch ich. Wonne und Wohlthat wird mir die Stille des Landlebens sein. Vor allem Andern wird es mich erquicken, meine kindische Frau am Ziel ihrer Wünsche zu sehen. Sie haßt die Stadt, diese kindische Frau ... Sie müssen sie draußen im Freien sehen ... Im Jagdgewand, den Stutzen in ihren kleinen Händen — ich sage Ihnen, sie schießt wie Wilhelm Tell. Oder man muß sie sehen, ein wildes Pferd bändigend, mit Weisheit und Geduld — oder den Wald durchstreifend, kühn wie ein Jäger und hold wie eine Fee. Das war mein Gram von Anfang an, daß ich sie aus ihrer grünen Heimstätte, in der sie aufgewachsen ist und aufgeblüht, 153 wo sie sich gesund fühlt, hierher bringen mußte, in dieses steinerne Grab, in dem sie das Dasein einer Lerche im Käfig führt.«

Sein Gesicht hatte sich verklärt, während er von seiner Frau sprach. —

»Ich liebe sie,« fügte er hinzu, und wiederholte: »Ich liebe sie ... Wie kann das sein? denken Sie vielleicht, sie theilt ja deine geistigen Interessen nicht — — ein Kind, Theuerste, thut das auch nicht, und man liebt es doch. Sie ist das meine. Ein anderes wünsch' ich nie zu haben, denn dieses würde gewiß lesen lernen wollen, und das — Sie begreifen, dürfte ich ihm nicht gestatten ...« Er unterbrach sich: »Immer mahnt es wieder!« rief er heftig aus und versank in Schweigen.

»Haben Sie Schweitzer gesprochen?« fragte Lotti nach einiger Zeit.

»Nein. Er schrieb nur einen Zettel mit der großen Nachricht, bedeutete mich aber, ihn heute weder zu erwarten noch zu besuchen. Einer seiner Clienten schießt einen Theil der Summe vor, die ich erhalten werde — wann? ist wohl noch nicht bestimmt ... Morgen soll der Kaufcontract unterschrieben werden, in acht Tagen reisen meine Schwiegereltern ab ... ein Schmerz für Agathe — ich möchte die Thränen nicht sehen müssen, die sie bei dem Abschied vergießen wird ... Ist der aber einmal vorüber, dann habe ich sie erst ganz gewonnen ... dann wird sie erst mein alleiniges Eigenthum ... Lachen Sie mich nicht aus, Fräulein Lotti, — wenn auch noch so 154 viel Grund dazu vorhanden ist ... die Liebe ist einmal partieller Wahnsinn und der meine scheint mir unheilbar, denn er verschlimmert sich von Tag zu Tag.«

»Um so besser, lieber Freund! ... Sie haben mir da eine Menge Dinge gesagt, die mir wunderbare Beruhigung verschaffen. Bisher konnt' ich eine leise Sorge nicht unterdrücken, daß Ihre Frau, noch so jung, so außerordentlich schön, und gefeiert, wo immer sie erscheint, sich vielleicht doch auf die Dauer mit einem ganz stillen und einförmigen Leben nicht begnügen würde.«

»Die Sorge war unbegründet!« rief er zuversichtlich aus. »Besuchen Sie uns, kommen Sie, und bleiben Sie lange bei uns. Ueberzeugen Sie sich, ob ich recht habe zu sagen: auf dem Lande ist Agathe in ihrem wahren Element. Etwas viel Sport werden Sie finden — sich vielleicht wundern, daß eine junge Dame so leidenschaftliches Interesse an Dingen nimmt, die freilich nicht eben von idealer Natur ... allein, Beste — das werden Sie zugestehen, die Freuden, die ihr die höchsten sind, sind sehr unschuldige. Man spielt dabei manchmal um sein Leben, aber nie um mehr ... Ich wollt', ich hätte keine andere Begabung jemals in mir verspürt, als diejenige, die man braucht, um ein tüchtiger Reiter oder Jäger zu werden. Bei Gott, das wollt' ich ...«

Er biß die Zähne zusammen und starrte vor sich hin in die Luft. »So ist es« — murmelte er, erhob sich und trat auf Lotti zu.

»Leben Sie wohl. Kommen Sie bald zu uns.« 155

Sie ergriff die Hand, die er ihr reichte: »Leben Sie wohl, Halwig, und werden Sie gesund.«

»Gesund?«

»Ja wohl. Jetzt sind Sie's nicht.«

Sie blickte mit der besorgten Theilnahme einer Mutter in sein Gesicht. »Eines sagen Sie mir noch: wie gedenken Sie Ihr Leben einzurichten?«

»Sehr einfach. Ich will bei meinem Pächter Landwirthschaft studiren. Ich will mit Aufmerksamkeit die Fortschritte der Dorfjugend in der Schule verfolgen. Ich will mit einem Worte allerlei nützliche Dinge betreiben. Da ich nie mehr etwas Schönes hervorbringen werde, will ich wenigstens versuchen, etwas Vernünftiges zu thun.«

»Und warum sollten Sie nichts Schönes mehr hervorbringen?«

»Weil ich das Gefühl dafür verloren habe, dünkt mich ... das läßt sich nicht wieder gewinnen.«

Er riß sich gewaltsam aus den trüben Gedanken, die ihn von Neuem zu umweben begannen: »Auf Wiedersehen! ...«

»Auf Wiedersehen, lieber Halwig ... Noch etwas muß ich Ihnen sagen ... Denken Sie sich, es wären Monate vergangen — Sie haben ausgeruht, haben einmal wieder tief und gewaltig empfunden, daß die Welt schön und das Leben etwas werth ist — und plötzlich beginnt es in Ihrer Seele zu tönen wie einst. Sie lauschen den Klängen, Sie wollen nichts, als sich umspinnen 156 lassen von den lieblichen Harmonien, und festhalten, was die Ihnen vorgesungen. Und ohne Ihr Zuthun, fast ohne Ihr Bewußtsein, strömt ein harmloses Lied von Ihren Lippen, eines von denen, wie die Nachtigallen und die Dichter sie singen, und die Welt heute nicht mehr anhören mag und die Verleger nicht mehr veröffentlichen. Ein solches, ein so ganz unpraktisches, muß es sein. Die Stunde, Freund, in welcher dieses Lied Ihnen gelingt, ist die Stunde Ihrer Wiedergeburt. Sie wird kommen. Ich will einmal Kassandra sein und prophezeihen, aber lauter Gutes ... Und jetzt gehen Sie. Auch ich bin erstaunlich müde und ruhebedürftig.«

Er beugte sich über ihre Hände und küßte sie. —

»Sie haben doch nicht ganz vergessen,« sagte er leise und innig, »daß Sie einst die Braut eines Poeten waren — aber ich bin keiner mehr.«

Er ging, und Lotti rief bald darauf die alte Agnes herein und wünschte ihr mit besonderer Freundlichkeit eine gute Nacht. Der Wunsch blieb von der zürnenden Dienerin unerwidert, und dennoch schlief Lotti bis zum Morgen in einem Zuge. Sie hatte von ihren Uhren geträumt, sich wieder im Besitz derselben gesehen, und ihr wurde nichts weniger als froh zu Muthe, als sie am folgenden Tage beim Frühstück saß, dem leeren Schranke gegenüber.

Gottfried kam, sah verlegen aus, machte im Gespräch noch längere Pausen als gewöhnlich, hatte eine Welt auf 157 dem Herzen und war nicht im Stande, ein befreiendes Wort zu sprechen.

»Was fehlt Dir?« fragte Lotti.

»Brave Gesellen,« antwortete er mit verstörten Blicken. »Es ist nichts an den Leuten. Kein Ernst, kein Geschick, keine Liebe zum Handwerk. Sie können nichts und wollen nichts lernen. Wenn das der Nachwuchs ist, wohin gelangen wir? ... In fünfzehn Jahren giebt es in der ganzen Stadt keinen tüchtigen Uhrmacher mehr.«

Das war nun freilich sehr traurig, aber daß ihm die Sache so völlig seine Seelenruhe raubte, wie es nach und nach immer mehr den Anschein gewann, nahm Lotti doch Wunder. Sie hatte noch sehr oft Gelegenheit zu fragen: »Was fehlt Dir?« erhielt aber nie einen ordentlichen Bescheid. Seit dem Tage, an dem sie ihre Uhren verkauft hatte, war Gottfrieds gleichmäßig heitere Laune dahin. Wie von jeher widmete er Lotti seine ganze Sorgfalt, suchte ihr alles Unangenehme fern zu halten, blieb immer der getreueste und aufmerksamste Freund, aber bei alledem äußerte sich doch manchmal, und gewiß ganz gegen seinen Willen, etwas wie ein stiller Vorwurf in seinem Wesen. Lotti hatte ihn wohl schon in früheren Zeiten so gesehen und bei solcher Gelegenheit eine gewisse Ungeduld niemals unterdrücken können. Jetzt empfand sie nur Rührung und Bedauern und staunte im Stillen über die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war.


158

XIV.

Die Tage vergingen einförmig. Lotti führte ihr stilles Leben fort. Die einzige Veränderung darin brachten die Besuche des Advocaten Schweitzer hervor. Er kam sehr oft, zu Gottfrieds großer Befriedigung. Dieser hatte für ihn eine Liebe gefaßt, kaum minder plötzlich wie die Romeos zu Julien und äußerte dieselbe in seiner beredten Weise:

»Der ja! — ja Der — das ist Einer!«

Der Doctor brachte Nachrichten von Halwigs. Das junge Paar befand sich auf dem Gute; die Schwiegereltern waren nach England abgesegelt. Schweitzer beschäftigte sich mit dem Ordnen ihrer Angelegenheiten. Sobald er damit fertig geworden, wollte er eine Reise nach dem Norden unternehmen, die heißen Sommermonate in Norwegen oder gar in Island zubringen. Er sagte, seine Nerven bedürften der Stärkung.

»Ich bin nervenkrank wie alle Leute: Sie allein ausgenommen und Gottfried, und vielleicht Ihre alte Agnes.«

»Nun, ich weiß nicht,« meinte Lotti und ließ ihre Augen von ihm auf Gottfried hinübergleiten. 159

Mit dessen Nerven dachte sie, stände es auch nicht Zum Besten. Er war so eigen, schien oft selbst nicht zu wissen, was er wollte. Mehrmals schon hatte ihm Lotti Briefe von Halwig und Agathe vorgelegt, in welchen Fräulein Feßler beschworen wurde, zu ihnen zu kommen und einige Tage bei ihnen zuzubringen.

Gottfried hatte nie etwas Anderes dazu gesagt, als:

»Ja, sie sind sehr höflich,« und: »Wann gehst Du?« aber dies geschah in so gepreßtem Tone, daß Lotti immer wieder statt: »Morgen,« wie sie gewollt: »Ich weiß es noch nicht,« antwortete.

Endlich kam ein so herzliches und warmes Einladungsschreiben, von den beiden Gatten unterzeichnet, daß Lotti, entschlossen, sich nicht länger bitten zu lassen, noch am selben Abend zu ihrer Dienerin sprach:

»Agnes, morgen fahre ich um 8 Uhr mit dem Frühzuge fort. Wenn Gottfried Vormittags nach mir frägt, sagst Du ihm, ich sei bei Halwigs, und käme um sechs Uhr Abends zurück. Wenn er mich auf dem Bahnhof erwarten will, so wird mich das sehr freuen.«

Agnes war überaus zufrieden mit diesem Auftrage. In ihrer Einbildung schwelgte sie schon im Genusse des Erstaunens, mit dem Gottfried ihre Botschaft vernehmen, und der Fragen, die er an sie stellen werde. Sie bereitete sich sogleich auf die Künste vor, mit denen sie dasselbe noch erhöhen wollte, und schlief mit dem heißen Wunsche ein, daß ihr nur das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen möge. 160

Dieser Wunsch erfüllte sich vollständig. Der schönste Tag, welchen der junge Sommer dieses Jahres noch gespendet, brach am nächsten, einem Sonntagmorgen, an. Die herrlichste Junisonne glänzte, der reinste Himmel blaute über dem schnaubenden, dampfenden Eisenbahnzuge, der Lotti aus der Stadt entführte.

Nach zweistündiger Fahrt war sie an der kleinen Station angelangt, in deren Nähe das Gut Halwigs sich befand. Dahin, wie Lotti durch Schweitzer wußte, führte ein bequemer Feldweg, und sie hatte sich vorgenommen, die kurze Strecke zu Fuße zurückzulegen. Irre zu gehen, war unmöglich. Die Villa lag in dem grünen Wiesenland weithin sichtbar, wie eine Perle im offenen Schreine.

Munter begab sich Lotti auf die Wanderung. Sie fühlte sich erquickt durch die rasche Bewegung, und auch ein wenig berauscht durch die ungewohnte kräftige Luft. Sie war allmälig in die gehobene Stimmung gerathen, die beinahe jedes Stadtkind erfaßt, wenn es plötzlich aus seiner ummauerten in die unbegrenzte Welt versetzt wird. Die athmet Frische und Freudigkeit und theilt einem empfänglichen Gemüth schon etwas davon mit. Alles so freundlich und üppig bewachsen oder bewaldet, die Weiden, die Auen, und der Gürtel von wellenförmigen Hügeln, der die liebliche Gegend umschloß. Das Schönste aber, das war die gewaltige Bergkette im fernen Hintergrund. Kaum zu unterscheiden von den Wolkengebilden am Horizont lag sie in silberner Dämmerung wie ein Wunder da, und wie ein Wunder schien von ihr ein Sehnsucht 161 weckender Zauber auszugehen. Lotti näherte sich der Villa. Zwei Fahnen wehten von ihren schlanken Thürmchen und verkündeten, daß Herr und Frau vom Hause anwesend seien. Der Weg führte an der Umzäunung des Gartens, einem feinen Drahtgitter auf niederem Mauersockel, vorbei. Lotti schritt denselben entlang und kam bei dem geöffneten Thor zugleich mit einem Reiter an, der sich vom Hause her genähert hatte. Dieser, ein kleines dürres Männchen, hielt seinen langhalsigen Braunen, welcher schnob, als ob er Feuer geschluckt hätte, ein wenig an, um Lotti eintreten zu lassen. Ohne die Kappe zu rücken, aber mit gutmüthiger Herablassung beantwortete er die Fragen der Fremden. Die »Herrschaften« waren ins nächste Dorf zur Kirche gegangen und dürften in einer Stunde zurückkehren. Länger bleiben sie schwerlich fort, denn um zwölf Uhr wird gefrühstückt.

Eine Stunde warten also! — das ist im Grunde so schlimm nicht. Man kann die Zeit benützen, um den Garten anzusehen, und nebenbei um ein wenig auszuruhen.

Von dem breiten Kieswege der Avenue lenkte Lotti in einen schmaleren ein. Kein Mensch war sichtbar, so weit sie blickte, rings umher herrschte die echte, ländliche Sonntagseinsamkeit, Lotti kam an einem herrlichen Tulpenbaum vorüber und betrat einen Fichtenhain, dessen kühler Schatten sie lockte. Unter den Bäumen stand eine eiserne Bank, auf diese ließ sie sich nieder.

Es ist doch ein gutes Ding, das Land! dachte sie, 162 und athmete tief und sah sich mit Entzücken in ihrer stillen Raststätte um. Die Fichten waren der unteren Aeste schon beraubt, aber junger Nachwuchs bildete von außen einen Halbkreis um den Hain, exotische Topfpflanzen füllten die kahlen Stellen zwischen den Stämmen der alten Bäume. Zarte südländische Palmen, Ficus, Daphnen, Begonien ließen sich's wohl sein im Schutze der nordischen Riesen. Die Königin der Araucarien, die Excelsia, breitete ihre farrenkrautähnlichen Zweige in majestätischer Anmuth aus. Harzgeruch erfüllte die Luft, die Vögel sangen, im Grase schwirrte und summte es. Mit reichgefülltem Gurt kehrten emsige Bienen vom Besuche der blühenden Sommerlinden heim. Alles eifrig, Alles beschäftigt, Alles, was da schwebte, flog und kroch, sich selber so wichtig und so kühn in seiner Schwäche, so unverdrossen in der Ausübung seiner kleinen Kräfte.

Lotti schaute und lauschte und gab sich völlig dem Gefühl der süßesten Ruhe hin. Still genoß sie die köstliche Stunde, dieses bewegte, rastlose und doch so friedvolle Leben und Weben um sie her ... halb unbewußt, gedankenlos ... da plötzlich erklang aus der Ferne das Geläute eines Glöckleins.

Zwölf Uhr. — In zwei Stunden muß sie fort, Gottfried erwartet sie, und das darf nicht umsonst geschehen. Er hat eine herbe Enttäuschung gehabt, als er kam und sie nicht zu Hause traf. Er wird die Zeit sehr lang finden und sich gewiß mit der Vorstellung quälen, daß sie nicht kommt. Aber sie wird kommen! und wenn 163 sie scheiden müßte, ohne Diejenigen gesehen zu haben, denen zu Liebe sie eine Art von Flucht unternommen hat. Diese sind übrigens vielleicht schon längst von ihrem Kirchgang zurück, warum bildet Lotti sich denn ein, daß sie gerade hier vorüber kommen müssen? Sie erhob sich, um den Hain zu verlassen, und im selben Augenblick vernahm sie das Gleiten langsamer Schritte über den Kies, und sah ein weißes Kleid durch die Zweige der kleinen Bäume schimmern.

Halwig und Agathe näherten sich, schon waren ihre Stimmen deutlich zu unterscheiden. Lotti eilte ihnen entgegen, war aber noch nicht auf dem Wege angelangt, als sie zögernd stehen blieb.

Die beiden Menschen, die da einher wandelten, boten den seltensten Anblick, der auf Erden zu finden ist: den des vollkommenen Glückes. Sie hielten einander umschlungen. Sein Kopf war leicht geneigt, der ihre leicht erhoben, sie sahen einander in die Augen und flüsterten sich lächelnd und leise einzelne Worte zu. Sie schienen sich in Ausdrücken der Zärtlichkeit überbieten zu wollen, allein ihr Wetteifer hatte nichts Unruhiges, nichts Stürmisches. In diesem Kampf zu siegen oder zu unterliegen mußte gleich süß fein. Da war kein Ringen, kein Sehnen, kein banger Zweifel, da war Erfüllung mit ihrem himmlischen Frieden.

Sie kamen näher, ganz nah ... Lotti meinte von ihnen bemerkt worden zu sein ... doch irrte sie. Hermann und Agathe gingen vorbei, Jedes blind für Alles, 164 was nicht das Andere war, Jedes dem Andern eine ganze Welt. Nun waren sie am Ende des Weges angelangt, schritten über den Vorplan — verschwanden im Hause.

Lotti folgte ihnen nicht.

Was soll ich bei Euch, dachte sie, Ihr braucht keinen Dritten.

Einige Zeit verweilte sie noch, sinnend und träumend in dem Haine, der ihr zuerst eine traute Gastfreundschaft und später, ohne daß sie es gewollt und gesucht, ein sicheres Versteck geboten hatte, dann trat sie ruhig den Rückweg an.

Die Hitze war drückend geworden. Lotti schlich mehr, als sie ging, sie hatte ja keine Eile; kam immer noch zu dem ausbündigen Vergnügen zurecht, ein paar Stunden lang vor dem Stationshäuschen auf und ab zu wandeln. Weit und breit kein Schatten, nur Wiesen und Felder. Nichts, als schon in ziemlicher Nähe der Station, neben dem Grenzpfahl des Halwigschen Besitzes, ein steinernes Kreuz von vier jungen Pappeln umgeben. Dort ließ sich ebenfalls ein wenig rasten, aber nicht im Schatten: davon war nicht die Rede, die Sonne stand ja noch im Scheitel. Gleichviel. Eine Landstreicherin, wie Lotti nachgerade geworden, dankt Gott auch für die Wohlthat, auf steinerne Stufen gelagert, die Zeit, deren sie zu viel hat, an sich vorüber ziehen zu lassen.

Sie trat an das Kreuz heran und bemerkte bald, daß sie keinen besseren Punkt hätte finden können, um Villa Halwig noch einmal recht nach Herzenslust zu betrachten. 165 Das that sie lange, und das innigste Gebet für die Erhaltung fremden Glückes, das einer Menschenbrust entsteigen kann, wurde zu Füßen des steinernen Kreuzes gesprochen.

Sodann setzte Lotti ihren Weg fort.

Sie begann ihre ganze Ausfahrt höchst drollig zu finden. Die Einladungen Halwigs und Agathens hatten sie mit dem Gefühl einer Verpflichtung belastet, dem sie gemeint, durchaus genug thun zu müssen. So hatte sie sich denn aufgemacht, war gekommen, und hatte, statt der sehnsüchtig ihrer wartenden Freunde, ein Liebespärchen gefunden, das verspätete Honigwochen beging, und dem man keinen größeren Gefallen erzeigen konnte, als es allein zu lassen ...

Sie kam sich ein wenig lächerlich vor, die gute Lotti, aber was schadete das einer so anspruchslosen Persönlichkeit wie ihr? — Nicht das Geringste, und sie lachte im Stillen und fühlte sich seelenvergnügt, obwohl von einem gewissen Unbehagen ergriffen, das — ein klägliches Ende ihrer poetischen Pilgerfahrt — durch ganz prosaischen Hunger hervorgerufen wurde.

Sie beschleunigte ihre Schritte. Ihre Absicht war, an der Thür des Stationshäuschens zu pochen und von seinen Einwohnern für Geld und gute Worte eine kleine Stärkung zu erlangen.

Das Pochen blieb ihr erspart. Die Frau des Bahnwächters, ein stämmiges dunkeläugiges Weib, stand am Zaun ihres kleinen Gartens und nahm hier das Ersuchen 166 der Fremden entgegen. Ihr Benehmen war anfangs nicht sehr ermuthigend für den hergelaufenen Gast, wurde aber bald so zutraulich, daß Lotti sich fragte, ob dieses leutselige Wesen etwa der Freimaurerei, die nach Schweitzers Meinung zwischen ehrlichen Leuten besteht, zuzuschreiben sei.

Eine Stunde später saß sie so gemüthlich, als ob sie zur Familie gehörte, in der Bahnwächterstube. Der Mann rauchte ihr gegenüber seinen schlechten Tabak aus einer hölzernen Pfeife, das Weib, an einer groben Jacke flickend, hatte neben ihr Platz genommen auf der Bank, und der pausbäckige Sprößling des Ehepaares sich's auf Lottis Schoße bequem gemacht. Sie fand, er habe Aehnlichkeit mit einem ihrer Horatier, und das hatte sie sofort für ihn gewonnen.

Die Frau war bereits mit der Erzählung ihrer ganzen Lebensgeschichte fertig geworden und schien nicht übel Lust zu haben, wieder von vorn anzufangen. Einleitende Betrachtungen wurden schon vorausgeschickt.

Ja, sie stand in ihrem zweiundvierzigsten Jahre, und ihr Bub' hatte kürzlich erst sein drittes erreicht.

»Arme Leut' kommen halt spät zum Heirathen. Auch darin, auch in so einer Sach' haben's die Reichen besser.«

Da erhob sich der Mann — der Schnellzug mußte bald auf die Strecke kommen, in einigen Minuten wurde es Zeit, den Signalflügel aufzuziehen.

Nachdem er die Stube verlassen hatte — er war ein alter Mensch und sah recht mürrisch aus — begann seine 167 Gattin, ihn zu loben. »Er« war brav. »Er« war allgemein geachtet. Wunder wie viele Unglücksfälle hatte »Er« durch seine Wachsamkeit verhütet. Sein Bub' geräth ihm nach, ist wirklich schon jetzt der ganze Vater. Sie zog den Jungen an sich, gab ihm einen schallenden Kuß und fuhr mit allen fünf Fingern durch seinen zerzausten Schopf. Ein rührender Ausdruck von Zärtlichkeit milderte und verschönerte die harten Züge ihres sonnverbrannten Gesichts, während sie ihrem Kinde diese derben Liebkosungen ertheilte.

»Heute ist ein rechter Sonntag,« sagte Lotti zu ihr, »heute habe ich zwei glückliche Ehepaare gesehen.«

Die Frau blickte sie befremdet an.

»Und Sie? ... Sind doch auch glücklich?«

»Ich bin auch glücklich.«

»So? ... und ...« sie neigte den Kopf mit neugieriger Vertraulichkeit, »und was ist denn Ihr Herr?«

»Ich habe keinen; ich bin eine alte Jungfer.«

»So? ... eine alte Jungfer,« wiederholte die Frau, sichtlich erkaltet und enttäuscht. Und als der Mann nun ans Fenster klopfte, um der Reisenden zu bedeuten, daß es Zeit war aufzubrechen, stach der gleichgültige Abschied, den die Wirthin von ihrem Gaste nahm, von deren früheren Freundlichkeit merklich ab. Sie hätte sich nicht anders benehmen können, wenn sie mit einem Male von Reue ergriffen worden wäre über ein übel angebrachtes Vertrauen. 168

Lächelnd über den Mißcredit, in welchem sie plötzlich bei ihrer neuen Freundin gerathen, stieg Lotti in den Waggon.

Nur noch Ein Platz war in demselben frei, und sie nahm ihn ein, zum offenbaren Verdruß einer geschlossenen Gesellschaft, die das Coupé besetzt hatte. Diese, ein übermüthiges Völkchen, ließ sich, nachdem ihr erster Unwillen über den Eindringling verraucht war, in ihrer Unterhaltung nicht stören. Lotti verbrachte zwei unangenehme Stunden in dem lauten und lustigen Kreise. Ein Gefühl der Vereinsamung ergriff sie, das wegzuspotten sie sich vergeblich bemühte.

Endlich brauste die Locomotive in den Bahnhof und das Erste, was Lotti erblickte, war Gottfrieds lange Gestalt. Er stand an die Mauer gelehnt — ein Bild der Hoffnungslosigkeit — starrte die Leute an, die dem Zuge entstiegen, und: Sie kommt nicht! Sie kommt nicht! klagte es in seinem Herzen.

Aber nun fuhr er zusammen ... Sie war da — ihre Hand lag auf seinem Arme.

»Das hätt' ich nicht gedacht ... daß sie Dich fortlassen ... daß Du ihnen widerstehen kannst ...« Wie ein Verzückter blickte er sie an. »Ich hab einen Wagen ...«

Nein, für den dankte sie; sie war froh, dem Waggon entronnen zu sein, wollte zu Fuß mit Gottfried nach Hause gehen und ihm unterwegs ihre Erlebnisse erzählen. 169

Also geschah es. Er hörte ihr mit äußerster Spannung zu und ging schweigend neben ihr her. Erst als sie von der Empfindung der Ueberflüssigkeit sprach, von der sie beim Anblick Halwigs und seiner Frau überkommen worden, bot er ihr plötzlich seinen Arm und drückte den ihren fest an sich.

»Hier bedarf man Deiner,« sagte er. »Du warst Dir dort zu viel, ich — war mir hier zu wenig.«

Die letzten Worte sollten in scherzhaftem Tone gesprochen sein, kamen aber sehr wehmüthig heraus. »Und was hast Du gethan den ganzen langen Tag?« fragte Lotti.

Gottfried räusperte sich: »Hm — gewartet.« »Sonst nichts!«

»O, es war genug! Ich weiß keine schwerere Arbeit.«

Er ergriff ihre Hand, und sie wurde ihm nicht entzogen; darüber gerieth er in eine Begeisterung, die zu schildern keine noch so hinreißende Beredtsamkeit im Stande gewesen wäre. Die seine beschränkte sich auf den leisen Ausruf: »Liebe Lotti!«

Der Druck seiner Hand wurde erwidert, und »Guter Gottfried!« sprach sie, die er im Herzen trug von seiner Jugend und von ihrer Kindheit an.

Ein Schauer der Wonne durchrieselte ihn. Wär's denkbar? Wär's möglich? ... Sollte er am Ende doch noch das Ziel und den Inbegriff aller seiner Wünsche erreichen? ... 170

Ja, ja, antworteten die milden Augen, in die er fragend blickte, und der Mund, den er liebte, sprach:

»Guter Gottfried, nicht erst seit heute weiß ich, daß Du mir das Liebste auf der Welt bist.«

Da hätte er beinahe laut aufgejauchzt. Es war ein Glück, daß sie vor Lottis Hause angelangt waren. Getreulich und jahrelang hatte er das Geheimniß seiner tiefsten Sehnsucht in sich verschlossen, der Jubel wollte ihm die Brust zersprengen. Ein seliger Mann faßte er seine Braut in seine Arme, und sie mußte abwehren, sonst hätte er sie wahrhaftig die Treppe hinaufgetragen. Oben angelangt, stürmte er derart an der Glocke, daß Agnes in voller Empörung herbei eilte:

»Wie kann man so anreißen?« rief die Alte.

»Ihretwegen, Agnes!« antwortete er, »ich kann es nicht erwarten, Ihnen zu sagen — Sie sind die Erste, die's erfährt ... Sehen Sie uns an! Wir sind Brautleute!«


In aller Stille wurde einige Wochen später der Bund geschlossen, der Gottfried und Lotti für immer vereinigte. Mitten im lärmenden Treiben der Stadt spann sich ihr Dasein im seligen Frieden ab. Eine kaum noch erhoffte Erhöhung ihres Glückes wurde ihnen zu Theil, als nach zwei Jahren, an einem Spätsommerabend, ein kleiner Johannes Feßler gerade in dem Augenblick das Licht der Welt begrüßte, in welchem draußen die Sonne wunderbar schön unterging, und im Zimmer 171 die goldene Spieluhr, zum siebenzehnten Male an dem Tage, ihr Schäferliedchen anstimmte.

Seltsam ergriff es die Eheleute, als sie später erfuhren, daß es auch derselbe Tag gewesen, an dem Villa Halwig neuerdings ihren Besitzer gewechselt. Das Reich Hermanns hatte kurze Dauer gehabt. Er und Agathe waren bald aus dem süßen Hindämmern erwacht, in das die Befreiung von ihren Sorgen sie versetzt hatte. Sie, gewöhnt an das rege Treiben ihres großen Familienkreises auf dem Lande, begann sich zu langweilen allein mit ihrem Manne. Und auch ihm verlangte, und vielleicht noch heißer, nach Zerstreuung. Er wollte die Sehnsucht betäuben, die ihn in seiner Ruhe, seinem Behagen störte, die ihn bis in die Arme des geliebten Weibes verfolgte, die Sehnsucht nach den Qualen und Wonnen seiner Lohnschreiber-Nächte, nach dem Fieber, das ihn durchraste, wenn er seine Romanfiguren schuf, sie leiden, sündigen, in Blut und in Schlamm waten ließ, und den Zauber erfuhr, mit dem sie ihn umstrickten. Dazu die hastende Eile, in welcher ihr Schicksal gewoben und ihr Verhängniß erfüllt werden mußte; die Angst vor dem Mißlingen, und dann wieder die Glückseligkeit, wenn das Unerwartete geschah, wenn die Gestalten, die ihm unter der Hand lebendig geworden, zuletzt durch eigene Kraft einen Abschluß herbeiführten, kühner als er ihn geahnt hatte. Halwig erfuhr, daß wer solche Aufregungen kennen gelernt, sie nicht mehr missen kann und nach ihnen zurückverlangt, und wär's aus dem Himmel. So sandte er 172 dem schwindenden, mit Hülfe Agathens und ihrer Brüder rasch aufgezehrten Wohlstand, kaum einen Gedanken des Bedauerns nach. Zur Zeit, in welcher das Gut verkauft werden mußte, machte die Gesundheit Agathens einen Aufenthalt an der See nothwendig. Hermann ließ sie allein zu ihren Eltern ziehen und kehrte zu den seligen Bitternissen seiner Schriftstellerei zurück. Die Früchte, die sie lieferte, wurden noch immer in gewissen Leserkreisen verschlungen, dem Advocaten Schweitzer jedoch sagten sie nicht zu, und er sprach einmal zu Lotti:

»Ich mache mir Vorwürfe. Das Opfer, zu dem ich Sie verleitet habe, war umsonst gebracht.«

Aber Lotti erwiderte: »Nicht umsonst.«

Ihr Mann blickte sie lächelnd an: »Ohne meine Entrüstung über dieses Opfer,« sagte er, »wüßte sie vielleicht heute noch nicht, daß der Gottfried auch einmal etwas für sich wollen konnte.«


173-5

Wieder die Alte.

I.

In der Hauptstraße einer freundlichen Vorstadt Wiens erhebt sich ein schmuckes Palais, Eigenthum des Grafen Meiberg, welcher es mit seiner Familie bewohnt. Diese besteht aus der stattlichen Gräfin und aus sechs Kindern, von denen das jüngste, ein Sohn, fünf Jahre, das älteste, eine Tochter, zwanzig Jahre alt ist. Die Kinder werden sorgfältig erzogen, und den ganzen Tag über lösen die Leute sich ab, die ihnen Gelehrsamkeit und Kunstfertigkeit in das Haus tragen. So trafen einander regelmäßig zwischen zwölf und ein Uhr ein junger Mann und ein hübsches Fräulein im Vorzimmer oder auf der Treppe. Er kam von der Clavierstunde der großen Comtesse, sie ging zur französischen Lection des kleinen Grafen; er sah gewöhnlich finster drein, sie schien immer munter und vergnügt. Sie war es auch, die zuerst lächelte, als er und sie einmal genau im selben Augenblick den mittleren Absatz der breiten, spiegelhellen Treppe betraten. Am Tage nach diesem Lächeln grüßte er und war entzückt von der anmuthig zurückhaltenden Weise, in der sein Gruß erwidert wurde. Die beiden Leutchen ließen 176 es bald nicht mehr bei einer stummen Verbeugung bewenden, sondern illustrirten dieselbe durch ein freundliches Wort: »Guten Tag, Fräulein,« — »Guten Tag,« — und schon das nächste Mal: »Guten Tag, Fräulein Dübois,« — »Guten Tag, Herr Bretfeld.«

Fräulein Dübois? dachte sie; er hat sich nach meinem Namen erkundigt. — Herr Bretfeld? dachte er; sie weiß, wie ich heiße.

Eine Woche später waren sie schon so vertraut, daß er einen scherzenden Ton anschlug und sagte: »Sie sind die Pünktlichkeit selbst, Fräulein,« worauf sie ebenso erwiderte: »Ja, meine Uhr richtet sich immer nach mir.« — »Das sollten alle Leute thun,« sprach er und erschrak derart über die Albernheit, die ihm da entwischt war, daß er sich ganz verlegen aus dem Staube machte.

Mangel an Hochachtung vor sich selbst gehörte sonst nicht zu seinen Schwächen, selten mißfiel ihm etwas so recht aus dem Grunde, das Arnold Bretfeld gethan oder gesagt hatte; an dem Tage jedoch konnte er ein unangenehmes Gefühl nicht los werden, und wenn er sie fragte: Was hab' ich denn? — kam die Antwort: Das Bewußtsein der Dummheit, die Du gesagt hast. Seine Nachtruhe war gestört, und am folgenden Morgen wünschte er allen Ernstes, dem lieblichen Fräulein, vor dem er sich so schrecklich blamirt hatte, gar nie mehr unter die Augen kommen zu müssen. Diesen Wunsch vergaß er plötzlich, als er, nach der Clavierstunde aus dem Salon ins Vorzimmer tretend, die Gefürchtete dastehen sah. Er half 177 ihr, da sich zufällig kein Diener in der Nähe befand, ihr Mäntelchen ablegen, das sehr elegant, aber merkwürdig leicht und dünn war, ein schlechter Schutz gegen die Kälte und den fallenden Schnee.

»Fräulein kommen von Hause?«

»O nein, ich habe heute schon drei Lectionen gegeben.«

Drei Lectionen! — Sie war früh aufgestanden, war schon gewandert durch Wind und Wetter, Straßen und Stiegen, auf und ab, und sah dennoch so nett aus, als ob sie unter einer Glasglocke gestanden hätte, seitdem die letzte Hand an ihre Toilette gelegt worden.

Er wollte ihr sein Erstaunen und seine Bewunderung ausdrücken, aber sie ließ ihm dazu nicht Zeit; sie grüßte und trat in den Gang, der zu den Zimmern ihrer Schüler führte.

Das Compliment, das Herrn Bretfeld damals auf den Lippen geschwebt hatte, brachte er einige Tage später an und beeilte sich, einmal im Zuge, gleich ein zweites hinzuzufügen über die ganz besonders feine und schmucke Art, in der das Fräulein sich kleide.

»Je nun,« erhielt er zur Antwort, »ein gewisser scheinbarer Luxus gehört mit zu unseren Obliegenheiten. Wir würden bald das Nothwendige entbehren, wenn wir das Ueberflüssige nicht mehr anzuschaffen vermöchten.«

»Ganz richtig!« bestätigte er und hätte sie gern gebeten, noch etwas zu sagen: es war so angenehm, sie sprechen zu hören und — zu sehen. 178

Sie trug, um den Hut geknüpft, einen kleinen schwarzen Schleier, der bis zum Munde reichte, dessen Athem ihn ganz leise bewegte. Wenn er sich hob, da kamen leicht aufgeworfene, rosige Lippen zum Vorschein, und schön gereihte Zähne schimmerten wie Apfelblüthen im Tau.

Eine Viertelstunde später saß Arnold am Clavier neben der Fürstin L. und blieb bei den Schnitzern seiner durchlauchtigen Schülerin, die ihn sonst an den Wänden hätten hinaufjagen mögen, so gelassen wie ein geharnischter Mann vor der Mündung einer Erbsenschleuder. Und Abends, während des Vortrags, den er im Conservatorium hielt, und Nachts vor dem Einschlafen sah er den lieblichen Mund Fräulein Claire Dübois vor sich, und sah, weniger deutlich, aber nicht weniger bezaubernd, ein Paar dunkle Augen und eine kluge Stirn, und er schrak aus dem Halbschlummer, in den er endlich gesunken war, plötzlich auf, weil er laut und unwillkürlich ausgerufen hatte: »Allerliebste Person!«

Der erste Tag der folgenden Woche war auch der erste des Monats. Bretfeld begegnete der Lehrerin nicht im Hause, er wurde sie erst gewahr, als er in den Thorweg trat. Da stand sie und konferirte mit dem Portier.

»Keine Lection, nein,« sagte dieser eben zu ihr, »die jungen Grafen haben heute frei.«

»Heute frei,« wiederholte Claire mechanisch.

»Weil der Geburtstag des Grafen Baby ist, lassen die Frau Gräfin sagen.«

Claire hielt ein Päckchen in ihrer Hand, auf das sie 179 mit dem Ausdruck der Enttäuschung niederblickte. Es enthielt offenbar die siegelversehenen Visitenkarten, Stück für Stück erworben im Laufe eines Monats, die Repräsentanten vieler mühseliger Stunden.

»Die Frau Gräfin haben Ihnen sonst keinen Auftrag für mich gegeben?« fragte das Mädchen nach einigem Zögern.

»Keinen, Fräulein,« antwortete der Portier und trat in seine Loge.

Das Päckchen wanderte langsam in den Muff zurück und Claire noch viel langsamer dem Ausgange des Hauses entgegen. Auf der Schwelle blieb sie stehen und schien unentschlossen, wohin sich wenden. Von den Bergen herüber pfiff ein steifer Nordwest, der Himmel schillerte in grauen, die Erde in braunen Farben, und große Schneeflocken, schon im Fallen schmelzend, wirbelten in der naßkalten Luft.

»Schlimmes Wetter,« sprach Bretfeld, der plötzlich an Claires Seite stand, »schlimmes Wetter, um eine Erholungsstunde im Freien zuzubringen. — Ich melde, daß ich gelauscht habe,« fügte er hinzu, den fragenden Blick beantwortend, den sie auf ihn richtete.

Sie schwieg. Eine Weile wandten die jungen Leute ihre ganze Aufmerksamkeit dem Unwetter zu, das draußen tobte.

»Was fangen sie jetzt an?« rief Bretfeld endlich, »Sie haben nicht einmal ein Parapluie!«

»Das ist ja mein Unglück,« entgegnete sie mit einem 180 Lachen, das ein wenig erzwungen klang, »ich habe es zu Hause gelassen. Der Morgen war so schön! Wer hätte dem Februar diese Aprillaune zugetraut?«

»Ich!« gab Bretfeld zur Antwort, spannte einen prächtigen Regenschirm auf und erbat sich die Gunst, das Fräulein unter dessen Schutz zur Wagenstation auf dem Ring führen zu dürfen. Claire lehnte diesen Vorschlag ab, gestattete aber ihrem Herrn Collegen, sie bis zu einer Bekannten zu geleiten, bei der sie die Zeit, sich zu ihrer nächsten Unterrichtsstunde zu begeben, abwarten wollte.

Die Wanderung kam den Beiden sehr kurz vor, und hatte ihnen doch Muße genug gewährt, einander ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Bretfeld erfuhr, daß Claire die Tochter eines in Wien dereinst in den hohen und höchsten Kreisen der Gesellschaft wohlbekannten Paares war: Monsieur et Madame Dubois, Professor und Professorin der Tanzkunst. Er und sie Pariser vom reinsten Blute, solide Leute, die in schon ziemlich vorgeschrittenen Jahren nach Oesterreich gewandert waren, um da ihr Glück zu suchen und für das spätgeborene Töchterlein ein kleines Vermögen zu erwerben. Es war ihnen gelungen. Ihre Ersparnisse — dem Bruder Dubois nach Frankreich zugesendet und von diesem verwaltet — war allmälig zu einem Capital angewachsen, von dessen Renten sich's leben ließ. Claire wurde aus dem Kloster genommen, in dem sie ihre Kindheit zugebracht und ihre Erziehung erhalten hatte, 181 und man schickte sich zur Rückkehr in die Heimath an. Die Wohnung war gekündigt, das Mobiliar verkauft; die kleine Familie stand im Begriff, abzureisen — da kam die Schreckensnachricht: Bleibt, wo Ihr seid; Ihr seid ärmer als Ihr je gewesen, denn der Name, den Ihr tragt, ist verunehrt. Euer Hab und Gut ist dahin mit demjenigen, dem Ihr es anvertraut hattet. Er hat seinem Leben ein Ende gemacht; nicht Ihr allein seid betrogen, noch viele Andere sind es mit Euch. Ihr würdet hier nur Klagen, vielleicht Vorwürfe hören; bleibt, wo Ihr seid, und versucht womöglich von vorn anzufangen.

Der Rath war leider unausführbar, so gern der alte Tanzmeister und seine Frau sich ihn auch zu Nutze gemacht hätten. Die große Enttäuschung, die ihnen an dem Ziele zu Theil wurde, zu dem sie sich so unverdrossen hingerungen, hatte sie zu schwer getroffen. Was sie bisher aufrecht erhalten, war ja längst nicht mehr das physische, es war das geistige Vermögen, der feste Wille, den die Hoffnung auf den nahen Erfolg beseelte. Wohl suchten sie eines vor dem anderen und beide vor dem Kinde ihre Muthlosigkeit zu verbergen, aber es gelang nur halb. Der Augenblick, das treulos gewordene Glück von Neuem heranzulocken, war auch gar zu ungünstig. Man befand sich im Beginn des Sommers; die Schüler der alten Leute hatten ihren Landaufenthalt angetreten, an Erwerb durfte man vorläufig nicht denken. Die Baarschaft, die als Reisegeld zurückbehalten worden, ging zu Ende, Madame Dübois erkrankte, die ersten 182 Schulden wurden gemacht. Es stand schlimm um die kleine Familie, als ihre früheren Gönner im Spätherbst wieder nach der Stadt zogen, scharenweise, wie sie davongeflogen waren. Monsieur Dübois holte seinen schwarzen Frack aus dem Versatzamte und ging in würdiger Haltung von Haus zu Haus, um seine Dienste neuerdings anzubieten. Man empfing ihn allenthalben etwas kühl, etwas verwundert. Man war froh gewesen, den guten Dübois mit seinem Cäsarenprofil und seinen steifen Beinen auf angenehme Art los geworden zu sein. Die Kinder lachten ja längst über ihn! — wie fatal, daß er nun wieder auftaucht, und — in traurigen Verhältnissen, wie es heißt. — Unfaßbar eigentlich, die Leute haben so viel verdient. — Die Frau soll sterbenskrank sein. — So möge der Mann doch daheim bleiben und sich pflegen.

»Er dauert mich im Grunde,« sagte die Gräfin Mimi zu der Fürstin Lili; »nimmst Du ihn wieder?« — »Ich nicht, ich danke, ich habe Monsieur Pombal engagirt.«

Nun, wenn Fürstin Lili Monsieur Pombal engagirt, dann versteht es sich von selbst, daß Gräfin Mimi und deren Freundin Loulon dasselbe thun, und daß alle Gräfinnen und Fürstinnen der Stadt diesem Beispiel folgen.

So ward dem alten Tanzmeister sein Wirkungskreis verschlossen, und es wäre ihm nichts übriggeblieben, als sich an die Straßenecke stellen und den Vorübergehenden 183 mit möglichst zierlicher Gebärde seinen Hut entgegen zu halten, wenn die Gunst, die man ihm entzog, sich nicht seiner Tochter zugewendet hätte. Aber fast alle Damen, die sich gegen Monsieur Dübois so unbarmherzig erwiesen, waren für seine Tochter die Güte selbst. Man kannte sie vom Kloster aus, in dem Claire zugleich mit einigen jungen Mädchen aus der großen Welt erzogen worden war. Mutter Niceta, die Oberin, ließ ihr ihren mächtigen Schutz angedeihen, empfahl sie, verschaffte ihr Lectionen.

»Man nahm mich auf ihre Fürbitte,« schloß das Mädchen, »man behielt mich, nicht etwa um meiner Verdienste willen — ach nein, ich war und aufrichtig gesagt, ich bin eine schlechte Lehrerin —, sondern weil ich immer heiter und zufrieden aussah. Worauf die Vornehmen den meisten Werth legen, ist, daß man ihnen freudig diene oder zu dienen scheine; meine Lustigkeit, die gab uns Brot.«

Claire hielt inne; der gleichmüthige Ausdruck, mit dem sie bisher gesprochen hatte, veränderte sich, und sich brach plötzlich mit den Worten ab: »Meine Lustigkeit mußte ich mir denn um jeden Preis zu erhalten suchen. Das habe ich auch gethan.«

»Leben Ihre Eltern noch, Fräulein Dübois?«

»Nein, nein!« erwiderte sie rasch und gepreßt und wandte das Gesicht von ihrem Begleiter ab. Er wagte keine neue Frage.

Erst nach einer Weile richtete ihr Blick sich wieder 184 auf ihn. »Sie wissen nun,« sprach sie, »wie ich eine Lehrerin geworden bin; lassen Sie mich hören, wie Sie ein Lehrer wurden.«

Er antwortete zögernd; er bemühte sich sehr, eine Art zu finden, in welcher er ihr den Unterschied zwischen seiner und ihrer Berufsausübung klar machen könnte, ohne dabei ihr Selbstgefühl zu verletzen. Lectionen geben, war eigentlich nicht seine Sache, er that es nur ausnahmsweise, wenn irgend eine gesellige Rücksicht ihn dazu zwang, eine Fürbitte, die nicht abgewiesen werden konnte. Er brauchte nicht um seinen Lebensunterhalt zu ringen, er war der Sohn wohlhabender Kaufleute und hatte Musik von Kindheit an aus Liebhaberei getrieben. In Jünglingsjahren kam der Ehrgeiz über ihn, und er meinte das Zeug zum ausübenden Künstler in sich zu verspüren. »Aber der Traum verflog, und ich rief ihm nicht zu: Verweile!« sprach Arnold. »Ich bin zu meinem Glück nicht besessen von dem heißen und dämonischen Sterbedrang, der sich so oft dem unzureichenden Talent zugesellt. So ward ich denn ein Musikgelehrter, wenn Sie es so nennen wollen, ein Genießender im allertiefsten Sinne. Jede Schönheit, die in meiner Welt geboren wird, gehört mir, denn ich verstehe sie. Ich bin ein glücklicher Mensch, denn ich vermag Begeisterung zu empfinden und vermag meine Begeisterung zu rechtfertigen.«

»Ein glücklicher Mensch!« wiederholte Claire, und eine edle Freude leuchtete aus ihren Augen. »Ein solches 185 Wort zu hören, wie wohl thut das! Ich fühle mich gleich mit glücklich, wenn mir ein Anderer sagt: Ich bin's!«

Sie wurde plötzlich neugierig. Wie lebte er? wie waren seine Familienverhältnisse beschaffen? Hatte er noch seine Eltern? — Nein, die waren todt. — Geschwister? — Ja, zwei Brüder; beide verheirathet, Geschäftsleute durch und durch.

»Wissen Sie, was das heißt: Geschäftsleute?« fragte er.

Eigentlich wußte sie es nicht, aber sie meinte, sich's beiläufig denken zu können. »Ihre Brüder sind die Stützen und Sie der Schmuck des ehrenwerthen Hauses Bretfeld.«

Er lachte. »Viel eher das ungerathene Kind, das man in Gottes Namen seinen eigenen Weg gehen läßt, nach vielen gescheiterten Versuchen, es davon abzubringen.«

Claire blickte forschend zu ihm empor. »So haben Sie doch auch Ihre Kämpfe gehabt?«

»Sehr zahme,« versetzte er. »Die meinen lassen mich gewähren, seitdem es bei ihnen fest steht, daß ich nun einmal ein Sonderling bin.«

Er suchte das Gespräch wieder auf sie zu lenken, und sie erzählte munter, wie freundlich das Schicksal sich gegen sie erwiesen hatte, indem es ihr zum Heil gereichen ließ, was dem natürlichen Lauf der Dinge nach ihr Unheil hätte sein müssen, nämlich — ihre Unwissenheit. »Die Kinder lernen nichts bei mir, und das ist es, 186 was ihre Mamas so freut, denn die meisten dieser Damen sind im Geheimen überzeugt — daß Lernen dumm macht.«

Da unterbrach sie sich ganz bestürzt, wurde über und über roth und mußte das Geständniß ablegen, daß sie in unbegreiflicher Zerstreutheit an dem Hause vorübergegangen sei, in dem sie ein Obdach hatte suchen wollen. Ihr Begleiter war herzlos genug, sich dessen, was sie so tief beschämte, zu freuen, und sie kehrten um; sie rasch, er zögernd. Unter dem Thor gab es dann einen edlen Wettstreit. Er wollte ihr seinen Regenschirm aufnöthigen, sie lehnte ihn mit Entschiedenheit ab und eilte nach wiederholtem Dank die Stiege hinan.

Und er stand im Treppenhause und blickte ihr nach, lange nachdem sie nicht mehr zu erblicken war. Doch mußte er sie trotzdem sehen, und in ihr den Inbegriff des Anmuthigen und Schönen, sonst hätten seine Augen wohl nimmer mit dem Ausdruck eines so innigen Entzückens in das scheinbar Leere geschaut.


Drei Generationen im Hause Meiberg waren Claire in einer Neigung zugethan, die sich bei den Jüngeren oft stürmisch, bei den Aelteren immer huldvoll äußerte. Die Damen fanden sie »so herzig und so amüsant!« »Und noch immer bildhübsch!« ergänzten die Herren. Man lud sie zu den kleinen Comtessen-Soiréen, die Gräfin bat sie zu sich, wenn sie »nur einige Damen« hatte, und 187 zu ihren Eltern, wenn ein Partner zum Boston fehlte. So lange Claire im Salon verweilte, wurde sie von allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas höflicher, etwas zuvorkommender höchstens. Ueber die Schwelle des Salons jedoch reichte die Gastfreundschaft, die ihr erwiesen wurde, nicht. Niemand fragte, wenn der Abend zu Ende war: Wie kommt Claire nach Hause? Es gehörte mit zu den Vorzügen, die man ihr am höchsten anrechnete, daß sie keine Prätentionen machte, daß es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines Dieners oder gar auf die Benutzung der Equipage Anspruch zu erheben. Die Eltern, die ihren eigenen Töchtern nicht erlaubt hätten, am hellen Tage die Straße allein zu überschreiten, fanden es ganz natürlich, daß Claire Dubois ohne anderen Schutz als ihren Muth bei Nacht den weiten Weg nach ihrer Vorstadt antrat. Sie pflegte, wie Aschenbrödel, sich aus der Gesellschaft davon zu machen, kurze Zeit vor den anderen Gästen. Ohne Abschied war sie mit einem Mal verschwunden, hatte im Vorzimmer den Mantel angelegt, das Hütchen auf den Kopf gestülpt und eilte, so rasch sie konnte, bis zur Stadt und durch die Stadt und durch den Park, dem Hause zu, in dem sie wohnte. Näherte sich ihr einmal irgend ein Zudringlicher, verstand sie es, ihn gehörig abzuweisen. Im schlimmsten Falle verließ sie sich auf ihre gelenken Beine. Furcht und Bangen hatte sie noch nicht gekannt — und nun plötzlich lernte sie beide kennen.

Eines Abends — es war kurz nach der Promenade 188 unter dem seidenen Dach ihres Collegen Bretfeld — bemerkte sie, daß ihr vom Ausgang des Palais Meiberg bis in die Nähe ihrer Wohnung ein Mann in theils größerer, theils geringerer Entfernung folgte. In den belebten Straßen blieb er ziemlich weit hinter ihr zurück, beim Durchschreiten des Parks war er mehrmals dicht an ihren Fersen. Seine großen, regelmäßigen Schritte hallten auf dem gefrorenen Boden. Sie sah sich nicht um; sie rannte vorwärts, und himmelangst wurde ihr, als sie, vor ihrem Hause angelangt, das Thor schon verschlossen fand und wußte: Nun gilt es warten, und nun kommt der hartnäckige Verfolger heran. Sie stürmte an der Glocke, und zitternd am ganzen Leibe, legte sie sich die kühnen Worte zurecht, mit denen sie ihn abzufertigen gedachte, wenn er sie anspräche. Aber der Gefürchtete näherte sich ihr nicht; auch er schien stehen geblieben zu sein — und zu warten wie sie ... Vielleicht auf das Oeffnen des Thors? Vielleicht war Derjenige, vor dem sie geflohen, ein harmloser Hausgenosse, am Ende gar der brave Meister Dietl, »der zahlreiche Familienvater« und Inhaber der Schusterwerkstätte im vierten Stock? Claire staunte nur, daß der Meister so stumm blieb und so regungslos an der anderen Seite der Straße. Jetzt war der Hausbesorger da, der Schlüssel drehte sich im Schlosse, und Claire sah sich, während sie ins Haus schlüpfte, nach ihrem stillen Begleiter um. Er stand im Schatten des gegenüberliegenden Hauses und schien eher bemüht, seine Anwesenheit zu verbergen als bemerkbar zu machen. 189

Derselbe Vorgang wiederholte sich von nun an in derselben Weise, so oft Claire einen Abend bei Meiberg zubrachte, und ihre Furcht vor dem geheimnißvollen Beschützer hatte sich allmälig verloren; hingegen war der Entschluß in ihr gereift, sich seine Begleitung nicht länger gefallen zu lassen.

Einmal wieder langten die schweigenden Wanderer im Parke an. Es war zu Ende des Monats März; der Mond leuchtete wie eine weiße Sonne. Die Bäume und Gesträuche trugen Knospen, frischer Erdgeruch entstieg den feuchten Wiesen, wie Sehnsucht und Verheißung lag es in der lauwarmen Frühlingsnacht. Claire hatte ihre Schritte verlangsamt; jetzt blieb sie stehen, wandte sich um und sprach:

»Herr Bretfeld — was soll's? — Das muß ein Ende haben.«

Er fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem Hute, grüßte, und so, entblößten Hauptes vor ihr stehend, erwiderte er:

»Mein Fräulein — nein!«

»Wie so — nein? Was heißt das?«

»Daß ich fortfahren werde, Ihnen aufzulauern und, wenn Sie des Abends Ihren Heimweg antreten, Ihnen zu folgen — in ehrerbietiger Entfernung, wie bisher.«

»Und wenn ich es Ihnen verbiete?«

»Werde ich es mir nicht verbieten lassen. — Habe ich mich Ihnen lästig gemacht? ... Habe ich durch ein Wort, durch einen Gruß Ihnen zu bedeuten gesucht: Ich 190 bin da? — Sie hatten bisher die Gnade, mich nicht zu sehen — fahren Sie so fort, mein Fräulein.«

»Das ist nicht mehr möglich, Herr Bretfeld.«

»Und warum nicht? O Fräulein, ich bitte Sie —!« Wie unterdrückter Trotz hatte es bisher aus seiner Stimme geklungen, jetzt wurde sie weich und flehend. »Thun Sie es um meinetwillen — um meiner Ruhe willen, die gestört ist durch den Gedanken an Ihre weiten, einsamen Wanderungen bei sinkender Nacht ... Ich bin ein Sybarit, ich bekenne es, das Unangenehme ist mir das Verhaßte, und gestörte Ruhe ist sehr unangenehm.«

»Ein Sybarit sind Sie und ein Casuist obendrein,« sprach Claire. »Indessen gleichviel, man muß etwas für Sie thun.«

»Und was!« rief er freudig.

»Sie von Ihrer Unruhe befreien, einen Vorsatz ausführen, der nicht von heute stammt: keine Einladung für den Abend mehr annehmen.«

Claire setzte ihren Weg fort, und Arnold ging neben ihr her.

»Aber es ist doch schade,« hob er bedenklich an; »Sie unterhalten sich gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei Ihren Freunden.«

»Meinen Freunden? — meinen Gönnern, wollen Sie sagen. Und dann: ich unterhalte mich? kommt das in Betracht? bin ich auf der Welt, um mich zu unterhalten? — die Anderen höchstens. Nun, das wird tagsüber 191 besorgt — am Abend darf ich wohl auf meinen Lorbeeren ruhen. Es soll fortan geschehen.«

»Und ich um mein bestes Glück gebracht werden?« rief er aus.

»Welches Glück denn, Herr Bretfeld, ich bitte Sie?«

»Um das Glück, auf Sie zu warten, allabendlich, in Hoffnung und Ungeduld; und — ob Sie kamen, ob Sie nicht kamen — zufrieden heimzugehen. Dann sage ich mir entweder: Sie ist zu Hause, ruht aus, schläft wohl schon sanft und süß, oder — ich folge Ihnen, ein getreuer Eckart, dessen Nähe Sie beschützt!«

»Weit gefehlt!« entgegnete sie lebhaft, »dessen Nähe mich gefährdet. Sie verfehlen Ihren Zweck gänzlich. Kein Bekannter, wenn er mich auf meinen einsamen Wanderungen trifft, denkt etwas Uebles dabei. Ich bin eine arme Lehrerin, kann mir keine Magd halten, die mich abholt, kann mir den Luxus eines Wagens nicht gestatten. Wenn man Sie aber auf mich warten, Sie mir folgen sähe, was dächte man dann? Also: Dank für Ihre gute Meinung, und: Es bleibt dabei. — Warten Sie nicht mehr an der Straßenecke wie ein Commissionär — ich komme nicht!«

Sie beschleunigte ihre Schritte. Er sah mit Schrecken, wie rasch die Strecke zwischen ihnen und ihrem Ziele sich verkürzte.

»Wann sehe ich Sie wieder?« sprach er hastig.

»Nicht später als morgen.«

»Aber nur einen Augenblick. Sie gönnen mir in 192 neuester Zeit kaum einen Gruß, kaum ein Wort, und ich habe Ihnen so viel zu sagen und so viel von Ihnen zu hören. Sie sind mir noch die Fortsetzung Ihrer Geschichte schuldig ... Sie wissen auch noch kaum etwas von mir — wollen Sie auch nichts wissen?«

Die Frage klang halb wehmüthig, halb komisch; Claire blickte zu dem, der sie gestellt, lächelnd empor und sprach:

»Was war das nun? Scherz oder Ernst?«

Er aber antwortete mit einem plötzlichen Grimm, der ihr räthselhaft schien: »Wählen Sie!«

Das Mädchen schwieg. Man näherte sich dem Ausgang des Parkes. Der einmal erreicht, und die günstige Gelegenheit, Fräulein Claire zu sprechen, ist versäumt, Gott weiß, auf wie lange!

»Fräulein,« begann Arnold wieder, so ruhig wie im Anfang des Gesprächs und auch ein wenig mit überlegenem Ernst, »wir sollten nicht leichtsinnig aneinander vorübergehen ... Es ist nicht gescheit ... Wir gehen vielleicht beide an unserem Lebensglück vorbei ... Rauben Sie uns nicht die Möglichkeit, einander kennen zu lernen.«

»Wozu?« erwiderte sie. »Was soll dabei herauskommen?«

»Daß wir einander gefallen, das heißt, ich Ihnen, denn Sie gefallen mir schon sehr.«

»Nein, nein!« Sie rief es, ohne sich zu besinnen, und suchte seine Augen zu vermeiden, die bittend auf ihr 193 ruhten. »Ich will nicht — ich kann das nicht brauchen, daß mir Jemand gefällt — ich habe andere Sorgen.«

»Und welche? Blicken Sie mich nicht so strafend an — ich habe ein Recht zu fragen, meine große Theilnahme für Sie giebt es mir ... Welche Sorgen, Fräulein?«

Sie war wieder stehen geblieben, sie schien mit sich selbst zu kämpfen und sagte endlich:

»Ich habe Verpflichtungen zu erfüllen, die alle meine Gedanken, meine ganze Kraft in Anspruch nehmen. Ich darf mich durch nichts von ihnen abziehen lassen ... Sie wollen das Ende meiner Geschichte hören, Herr Bretfeld? Hören Sie denn, da Sie sich nun einmal in mein Vertrauen gedrängt haben.«

»Gedrängt?« fragte er vorwurfsvoll.

»Rechten Sie nicht mit meinen Worten. Wenn Jemand, der immer heucheln muß, einmal aufrichtig sein will, wird er auch gleich derb ... Heucheln, natürlich!« bekräftigte Claire, die ihr Zuhörer durch einen Ausruf ungläubigen Erstaunens unterbrochen hatte. »Sie glauben doch nicht, daß meine Lustigkeit mir vom Herzen kommt? Meine Lustigkeit ist mein Metier, und ich bin eigentlich eine Spaßmacherin höheren Ranges. Jetzt fällt es mir ja leicht, aber früher, zum Beispiel in der Zeit, in der ich meine Mutter sterbend zu Hause wußte, damals war es schwer ... heiter scheinen — ich mußte es können, aber ich verachtete mich, daß ich's konnte. — Wollen Sie das Traurigste wissen, das ich erlebt habe? — Als 194 ich eines Tages von meinen Lectionen heim kam, bei denen mit verwöhnten, glücklichen Kindern gescherzt und gelacht worden, da lag meine Mutter todt auf ihrem Bette. Mein alter Vater war allein bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde, — das verschmerze ich nie.«

Ihre Stimme war immer leiser, ihr Gesicht ganz weiß geworden. »Mein Vater lebte noch einige Jahre,« fuhr sie in gepreßtem Tone fort, »ich fristete ihm sein Dasein; elend natürlich, denn ich hatte wohl viel zu thun, aber ich verdiente wenig. Ihm aber habe ich die Augen geschlossen, und er starb ruhig, denn ich hatte in seine Hand geschworen, daß die Ehrenschulden, die er hinterließ — wir mußten sie machen während der langen Krankheit der Mutter, und man hatte uns geborgt, weil man uns vertraute —, von mir getilgt werden sollten. Daran arbeite ich nun.«

»Daran?« rief Arnold. »Und wenn Sie damit zu Stande gekommen sein werden, stehen Sie vor nichts?«

»Vor einer gelösten Aufgabe; und das ist etwas! Und wenn ich nur gesund und guter Laune bleibe, habe ich nicht mehr weit dahin. Darum — der mir wohl will, störe meine Kreise nicht. Nicht zu viel Theilnahme, Herr Bretfeld, und gar kein Erbarmen. Es macht feige.«

Er starrte sie voll Bewunderung an und voll des Mitleids, das sie sich eben verbeten hatte.

»Wie schäm' ich mich vor Ihnen!« rief er plötzlich aus. »Wie schäm' ich mich meines nutzlosen, müßigen Wohllebens!« 195

»Schämen? ei was! Das Unglück mag sich schämen, das erweckt Mißtrauen, das wirkt abstoßend. Das Glück zieht an, dem öffnen sich die Herzen. Es giebt ja nichts Besseres als den Anblick eines guten Menschen, dem es wohl auf Erden wird.« Sie suchte ihre Hand zu befreien, die er ergriffen hatte und festhielt. »Wir wollen jetzt Abschied nehmen.«

»Noch nicht! ... Entlassen Sie mich nicht so völlig hoffnungslos ... sonst haben Sie keinen Grund mehr, sich zu freuen, daß es mir wohl auf Erden wird .... Sonst ist es damit vorbei, und für immer, glaube ich.«

»Sie sind kindisch, Herr Bretfeld,« sagte Claire. »Habe ich Ihnen denn umsonst gesagt, warum ich ganz frei, ganz unabhängig bleiben muß?«

»Sie bleiben beides, Fräulein!« rief er und führte ihre Hand stürmisch an seine Lippen; »frei und unabhängig bleiben Sie, aber schutzlos sind Sie fortan nicht mehr ...«

Schutzlos! — Das Wort gerieth ihm zum Unheil. Sie sprach es mit Entrüstung nach und fügte hinzu:

»Sie sind der Letzte, dem ich zugetraut hätte, daß er sich diese Schutzlosigkeit zu Nutze machen wolle.«

Im selben Augenblick hatte er ihre Hand sinken lassen und war zurückgetreten — aber — mit welchem Ausdruck bitterster Gekränktheit in seinem Gesicht!

Er that ihr leid, wie er so dastand, am Schnurrbart nagte, schwieg und sich elend zu fühlen schien.

»Herr Bretfeld —« begann sie. Da schlug die Uhr 196 vom nächsten Thurm Zehn und dann ein Viertel nach Zehn, du guter Gott! — »Herr Bretfeld, leben Sie wohl!« Und Claire eilte davon, so rasch man eilen kann mit einem schweren, pochenden Herzen.


Eine Woche lang gingen sie bei ihren täglichen Begegnungen stumm aneinander vorbei. Sie hielt die Augen hartnäckig gesenkt, er machte Riesenanstrengungen, eine souveräne Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, und grüßte das Fräulein ehrfurchtsvoll und kalt.

Trotz ihrer gesenkten Augen wußte indessen Claire, daß Arnold schmerzlich litt, und Arnold hätte lieber den Sonnenschein entbehrt als das Lächeln auf Claires Gesicht. Dem ungeachtet wurde sein Gruß immer eisiger, ihre Miene immer strenger, und sie hatten sich gegenseitig bereits so rechtschaffen gequält, wie nur jemals ein Paar aufrichtig Liebende, als sie eines Tages beide, demselben übermächtigen Impuls gehorchend, vor einander stehen blieben und wie aus einem Munde sprachen:

»Fräulein Dübois!« — »Herr Bretfeld!« — »Können Sie mir verzeihen?« Da war der Bann gelöst; und für zwei bedrückte Menschenseelen gab es plötzlich keinen Mißklang mehr in der Welt, kein Dunkel, kein Weh, und die Erde war schön und das Leben leicht.

»Herr Bretfeld,« sagte Claire, »was ich so gern verhütet hätte, das habe ich durch meine Rauheit erst 197 recht heraufbeschworen. Statt an nichts Anderes zu denken, als an meine Schulden, habe ich fortwährend an mein Unrecht gegen Sie denken müssen. Machen wir Frieden, Herr College!«

»O wie gern!« rief Arnold, »die Verhandlungen sind eröffnet, wann soll er geschlossen werden? ... Daß ich Bedingungen stellen muß, versteht sich von selbst.«

Sie runzelte ein wenig die Stirn. »Bedingungen? ... Und wie sehen die aus?«

»Ich habe mich erkundigt, Fräulein; ich weiß, daß Sie seit dem Tode Ihres Vaters bei einer Freundin wohnen, Baronin Reich, Rittmeistersgattin, und bitte, mich dieser Dame vorstellen und Sie, Fräulein, in deren Hause sehen und sprechen zu dürfen.«

»Diese Dame,« erwiderte Claire bedenklich, »wird Ihnen mißfallen, Herr Bretfeld, das sage ich Ihnen voraus.«

»Und ich sage Ihnen voraus, daß mich dieser Umstand sehr wenig kümmern wird.«

»Vielleicht doch mehr, als Sie glauben. Indessen — auf Ihre Gefahr! ... Kommen Sie denn Sonntag, um zwölf Uhr.«

So sprach Claire am Mittwoch.

Arnold begann sogleich die Stunden zu zählen, die ihn noch von der ersehnten trennten, und verwünschte alle zusammen und jede einzeln. Gern hätte er sich überredet, daß er eine ähnliche Ungeduld noch nie empfunden 198 habe. Doch kamen unbequeme Erinnerungen und sprachen: Narr! Als wir Erlebnisse waren statt Schatten, da stand es nicht um ein Härchen anders mit dir. Du hast immer heiß und heftig gewünscht, was du später oft so leichten Herzens aufgeben konntest.

Es war mühsam, die Schwätzerinnen zum Schweigen zu bringen, gelang aber endlich doch. Und als der Sonntag herankam, und Arnold an der Wohnung Claires schellte, da meinte er wirklich, es sei ihm so bang und glückselig zu Muthe wie nie zuvor in seinem Leben. Er hörte wohlbekannte leichte Schritte nahen, die Thür wurde aufgeklinkt, und die Geliebte stand vor ihm.

Sie war sehr bleich und so bewegt, daß der Willkommgruß, den sie ihm bieten wollte, auf ihren Lippen erstarb.

Auch Arnold schwieg und betrachtete sie mit leiser Ueberraschung. Er hatte sie nie ohne Hut und Schleier gesehen und fand sie älter, als er gedacht. Ihr zartes Gesicht war nicht eben verblüht, aber doch schon des Schmelzes der ersten Jugend beraubt, und mit wehmüthiger Beredtsamkeit sprachen sich darin die Spuren überstandener Leiden aus.

Ein feuriges Mitleid ergriff ihn und täuschte ihn über seine Enttäuschung.

»Kommen Sie,« sagte Claire, »ich bitte von vornherein um Entschuldigung, wenn der Empfang, der Ihnen zu Theil wird, an Enthusiasmus Einiges zu wünschen übrig läßt.« 199

Er folgte ihr in ein geräumiges Zimmer, vor dessen mittlerem Fenster eine Frau, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einem kleinen Tische saß.

Sie hatte einige fertig gemachte Herrencravatten vor sich liegen, faltete eben den Stoff zu einer neuen und nahm von dem Besuche auch dann noch keine Notiz, als er, herantretend, sich vor ihr verbeugte.

»Das ist der Herr College, den ich Dir angekündigt habe, Karoline,« nahm Claire das Wort, und als keine Erwiderung erfolgte, ließ sie sich dadurch nicht beirren, sondern setzte, gegen Arnold gewendet, hinzu: »Meine Freundin und zweite Mutter.«

Erst jetzt erhob die Dame den Kopf und richtete auf Arnold ein Paar hellgraue Augen, deren forschender Blick ihn maß vom Wirbel bis zur Sohle. Dieser Blick fragte unverhohlen: »Was ist an Dir? Was bist Du werth? Du bist wohl nichts werth.«

»Ich sollte nun sagen, daß ich mich freue, Sie kennen zu lernen,« nahm Frau Karoline das Wort — und Arnold dachte: Deine Stimme paßt zu Deinen Augen — »verzeihen Sie, wenn ich es nicht thue; Phrasen machen habe ich verlernt. So sage ich denn nur: Ich wünsche, mich dereinst freuen zu können, daß ich Sie kennen lernte.«

Sie nahm ihre Beschäftigung wieder auf und knotete einen fein gemusterten Atlasstreifen mit schlanken und raschen Fingern, deren jeder einen Verstand für sich zu haben schien. 200

»Möge der Wunsch sich erfüllen, gnädige Frau,« antwortete Arnold. »Es wird nicht meine Schuld sein, wenn das Gegentheil geschehen sollte.«

»Einen Fall, den wir gar nicht für möglich halten,« sprach Claire, die für ihren Gast einen Sessel an den Tisch gerückt hatte.

»Liebenswürdigkeit!« fiel die Baronin geringschätzig ein; »lassen wir die aus dem Spiel — Du weißt, was ich von ihr halte.«

»Ich weiß es; dieser Herr muß es erst erfahren,« erwiderte Claire. »Liebenswürdigkeit gilt bei uns für Falschheit, Feigheit und Gefallsucht.«

Arnold verstand die ernst gemeinte Warnung, die sich hinter diesen scherzhaft gesprochenen Worten verbarg, und erwiderte munter. »Ich werde mich bemühen, aber — aus Gehorsam, nicht aus Ueberzeugung. Denn, gnädige Frau, wenn ich zugebe, daß ich Ihre Meinung von der Liebenswürdigkeit theile, würde im mich all der Greuel schuldig machen, die Ihnen dieses Wort bedeutet.«

Die Baronin richtete sich so gerade auf, als sie konnte mit ihren von der Last der Jahre und der Arbeit gebeugten Schultern, und sah ihn von Neuem scharf an. Er fühlte, daß er einem strengen Richter gegenüber saß, und die Empfindung, mit welcher er den ungütigen Blick der alten Frau ertrug, war die der Abneigung und zugleich der widerstrebenden Ehrfurcht vor einer ungern zugestandenen Ueberlegenheit. — Arnold war Menschenkenner genug, um sich zu sagen: Die tiefen Furchen auf 201 dieser Weiberstirn wurden durch unerbittliche Gedanken gegraben — Gedanken, die sich keine Rast gönnen, die nach den letzten Zielen streben, nach den letzten Gründen fragen. Der herbe Zug um den schmalen Mund deutet auf eine Kraft hin, die unbeugsam, auf einen Muth, der grenzenlos ist, und wenn die Fähigkeit zu denken und zu wollen, unseren Rang unter den Menschen bestimmt, so ist der Deinige ein so hoher, wie er Wenigen zukommt.

Den inquisitorischen Blicken, mit denen Arnold geprüft worden, folgte ein förmliches Verhör:

»Sie sind ein Sohn des reichen Hauses Bretfeld?«

»Ja.«

»Diesem Geschlecht entsprossen und kein Kaufmann?«

»Nein.«

»Und sind doch zum Kaufmann erzogen worden. Ich sehe das voraus, denn ich habe Ihre Eltern und Ihre Großeltern gekannt.«

»Ich hatte aber weder Vorliebe noch Talent für diesen Stand.«

»So zogen Sie es vor, ein Musiker zu werden. — Compositeur sind Sie nicht?«

»Leider nein.«

»Warum leider? Es sind heutzutage nur zu viel Leute productiv oder glauben wenigstens, es zu sein. Ich danke Jedem, der es sich versagt, zu erfinden, in diesem Jahrhundert der Mittelmäßigkeit. Besonders musikalisch zu erfinden — nichts verweichlicht und erschlafft so sehr und macht gefühlsselig und denkfaul, wie talentlos betriebene 202 Musik.« Ein Ausdruck leidenschaftlicher Verachtung verzog ihre Lippen, sie brach ab. »Und was sagen die Ihren zu Ihrer Abtrünnigkeit vom hundertjährigen Familienbrauch?«

»Jetzt nichts mehr.«

»Sie verlieren ihre Worte so ungern als ihr Geld. ›Nichts umsonst!‹ ist die Devise des Hauses. — Auf welchem Fuß stehen Sie mit Ihren Verwandten?«

»Auf ganz freundschaftlichem.«

»Ohne die ersten Bedingungen der Freundschaft — Sympathie, die gleichen Interessen?«

»In der Familie bleiben noch viele Interessen gemeinsam, wenn es auch die des Berufes nicht sind.«

»Das leugne ich. Unser Beruf sind wir selbst. ›Er geht auf in seinem Beruf,‹ sagt die immer bewunderungswürdige Weisheit der Sprache. Wir verstehen nichts vom Wohl und Weh Derjenigen, deren Gedankenkreis uns fremd ist.«

»Nicht völlig fremd! Die Anhänglichkeit an Jugendgenossen, die Erinnerung an die Jugendzeit bilden Vereinigungspunkte, in denen wir zusammentreffen.«

»Um einander anzustarren und im Stillen zu denken: So verschieden sind wir geartet, wir Zweige desselben Stammes? — Nein, Herr. Die Kluft zwischen Brüdern, die feindlichen Mächten dienen, wie Kunst und Erwerb, ist unüberbrückbar. Sie können es höchstens zu einem faulen Frieden bringen, und dem würde ich den Krieg vorziehen.« 203

Claire hatte nicht versucht, dieses Gespräch zu unterbrechen, aber Arnold sah deutlich, wie übel ihr zu Muthe war, und wußte, was in ihr vorging, so gut, als wenn sie gesagt hätte: Siehst Du nun, so wird man bei uns aufgenommen. That ich recht, Dich zu warnen?

Während der Pause, die entstanden war, hatte sich im Nebenzimmer ein leises, ungeduldiges Pochen vernehmen lassen. Nun wurde die Thür ein wenig geöffnet, und durch den schmalen Spalt schlüpfte schüchtern und ängstlich ein alter Mann herein — eine Erscheinung von auffallender Schönheit.

Das feine, längliche Gesicht war glatt rasirt, und die rosige Farbe desselben hob sich zart ab von dem silberweißen Haar, das auf der Stirn in zwei hochgewölbten Bogen emporstrebte und, bis zum Halse niederhängend, das edle Oval der Wangen in weichen Wellenlinien umfloß. Er näherte sich langsam und blickte dabei aus weitgeöffneten blauen Augen scheu vor sich hin, ganz wie ein Kind, das trotz der Furcht, die es dabei empfindet, in Gegenwart seines Lehrers ein Unrecht begeht. Seine Kleidung bestand aus einem sehr eleganten Salonanzug, dem nur noch der Frack fehlte; statt desselben trug er einen bunten, seidenen Schlafrock, auch war die Halsbinde nicht geknüpft; der Alte hielt deren beide Enden zwischen seinen Fingern und rief einmal ums andere mit klagender Stimme: »Karolinchen! Karolinchen!«

Arnold hatte sich bei dem Eintritt des Greises erhoben, 204 und sobald Jener das gewahrte, gerieth er in Bestürzung und begann zu winken:

»Sitzen bleiben! sitzen bleiben! — Was fällt Ihm ein? Karolinchen, sieh doch ... Karolinchen, sag' ihm doch ...«

Die Baronin war ihm ruhig entgegengetreten, faßte ihn an der Hand und sprach mit großer Sanftmuth: »Wer hat Dir erlaubt, Dein Zimmer zu verlassen, Wilhelm? Komm, wir gehen wieder hin. Komm, sei gehorsam.«

»Ich habe Dich ja nur rufen wollen, Karolinchen, ich gehe schon,« entgegnete der Alte, blieb aber stehen, wiederholte die beiden letzten Worte mehrmals rasch nacheinander und richtete die Augen unverwandt auf Arnold, »Setzen!« rief er diesen plötzlich an. »Setzen! so — so ist's recht. Wer ist Er denn, hübscher junger Mann?«

Jetzt bemerkte er die Cravatten auf dem Tische, und sein ganzes Gesicht strahlte vor Vergnügen. Er schnalzte mit der Zunge und glitt mit den äußersten Fingerspitzen schmeichelnd über die blanken Seidengewebe. »Für mich!« flüsterte er, »alle für mich!«

»Die nicht, Wilhelm, diese nicht. Laß sie. Du hast ja viel schönere in Deinem Schrank,« sagte die Baronin mit einem Ausdruck gütiger Ueberredung, dessen man sie kaum fähig gehalten hätte; »die braune, denk' nur, und die blaue. Komm, wir wollen sie ansehen!«

»Ansehen, die anderen, die schöneren, die braune, 205 die blaue,« sagte er, schob die Gegenstände seines flüchtigen Wohlgefallens mit einer geringschätzenden Gebärde fort und ließ sich widerstandslos hinwegführen.

»Das ist der Mann dieser armen Frau,« sprach Claire, als sie mit Arnold allein geblieben war.

»Irrsinnig?«

»Schwachsinnig. Er hat eine Gehirnkrankheit, er wird nicht mehr lange leben.«

»Gott geb's unter solchen Umständen!«

»Nein, nein!« fiel Claire lebhaft ein. »Gott erhalte ihn; gleichviel wie, er vegetirt so gern, und sie wäre elend, wenn sie nicht mehr für ihn arbeiten, sich nicht mehr mit ihm zu plagen brauchte.«

»Sie hat meine Eltern gekannt, sagt sie,« versetzte Arnold, »und ich besinne mich jetzt, daß ich vor Jahren von ihr sprechen hörte. Stammt sie nicht aus uraltem vornehmem Geschlecht? Hat sie diesen Mann nicht gegen den Willen ihrer Angehörigen geheirathet?«

»Ja, ja, das hat sie gethan.«

»Er aber war von niederem Adel, ein junger Offizier, der nichts besaß als seine große Schönheit und ein kleines musikalisches Talent, das er selbst freilich für ein außerordentliches hielt. — Stimmt das?«

»Es stimmt.«

»Dann kenne ich auch den ganzen Roman!« rief Arnold. »Kaum vermählt, hing der Baron den Militärdienst an den Nagel, um nur seiner vermeinten Kunst zu leben, veranstaltete kostspielige Aufführungen seiner Compositionen. 206 Ich habe selbst einmal solches Monstrum zu Gesicht bekommen.«

Er lachte, und in der Art seines Lachens lag etwas, wodurch sich Claire befremdet fühlte. »Allerdings,« fuhr Arnold fort, »fand der martialische Componist ein Publicum, das ihn bewunderte in dem Troß gescheiterter ›Künstler und Künstlerinnen‹, mit dem er sich umgab und den er herrlich und in Freuden leben ließ. Zuletzt gerieth er in die Schlingen einer Opernsoubrette, wurde von ihr ausgeplündert, betrogen, verlassen. — So war es doch?«

»Ich glaube.«

»Sie wissen es nicht?«

»Nein. Karoline erwähnt der Vergangenheit nie; so vermeide ich es denn, mich durch Andere darüber unterrichten zu lassen. Mir ist nicht mehr bekannt, als daß sie ihren Mann nach Jahren der Trennung in Elend und Krankheit wieder gefunden hat; und daß sie nun für dieses arme Wesen wie eine Mutter sorgt, das sehe ich.«

Eine Pause entstand; nach derselben rief Arnold plötzlich aus: »Welches Leben, welcher Anblick für Sie, wenn Sie nach vollbrachtem Tagwerk erschöpft heimkehren!«

»Was denn — warum denn?«

Arnold hatte ein Buch zur Hand genommen, das auf dem Tische lag und blätterte darin. Es war ein neues englisches Werk über den esoterischen Buddhismus. »Wer liest das?« fragte er.

»Ich lese es meiner Freundin vor,« erwiderte Claire. 207

Da fuhr er fast entrüstet auf: »Ist das eine gesunde Kost für Sie, ist das eine Erholung?«

»Ja — jawohl! Der Ernst ist Sonntagerholung für mich, die spielen muß die ganze Woche hindurch.«

Er zuckte die Achseln, lehnte sich in seinen Sessel zurück und sah sie lange und liebevoll an. Sie hatte unter seinem Blick die Augen gesenkt, und eine süße und holde Verwirrung malte sich auf ihren Zügen. Er hätte aufspringen, sie in seine Arme schließen und ausrufen mögen: Du bist mein! Ich liebe Deine Anmuth, Deinen Geist, ich liebe Deine Seele und will sie fortan schützen und bewahren vor jeder rauhen Berührung. Dein Leiden ist zu Ende, es kommen goldene Tage, in denen ein glücklicher Mensch Dich lehren wird, glücklich zu sein.

Doch sagte er von alledem nichts, sondern nur: »Sind Sie der Meinung, daß man mir vertrauen darf?«

»Ich bin der Meinung.«

»Gut; und wissen Sie auch, daß ich mit sehr deutlichen, sehr bestimmten Absichten und Ansprüchen hierher gekommen bin?«

Sie erröthete bis an die Schläfen und schwieg.

»Diese Ansprüche beziehen sich alle auf Sie, auf Ihr liebes Selbst, das ich zu meinem Eigenthum machen will, wenn es mir nämlich gelingt, Ihre Neigung zu gewinnen — Claire, theure Claire.«

Er hatte seinen Sessel dicht an den Tisch gerückt und reichte ihr über denselben die Hand; und langsam, aber ohne Zögern, legte sie die ihre hinein. Und diese 208 kleine Hand verschwand beinahe in seiner großen, und gleich darauf verschwand sie ganz, denn eine zweite große war erschienen und hatte sie völlig umschlossen mit einer Zärtlichkeit und Vorsicht, als handle es sich darum, über einem zitternden Vögelchen ein bergendes Obdach zu errichten.

»Sie sind gut und großmüthig,« sagte Claire, »Sie haben tiefes Erbarmen mit mir, und Ihr edles Herz treibt Sie, es zu bethätigen.«

»Erbarmen? Sprechen Sie nicht von Erbarmen! Ich liebe Sie!« brach er stürmisch aus; »und Sie, lieben Sie mich denn gar nicht, bin ich Ihnen denn ganz gleichgültig?«

»Nein, nein,« entgegnete sie hastig, »das sind Sie mir nicht, und eben darum muß ich besser für Sie sorgen, als Sie selbst es verstehen. — Aufrichtig, Herr Bretfeld, finden Sie mich nicht schon verblüht?«

»Wären Sie's nur recht,« rief Arnold, »daß ich mich freuen könnte, wenn ich Sie wieder aufleben sehe unter meiner Obhut, in dem Dasein, das ich Ihnen so schön gestalten will!«

»Aufleben — für wie lange? Sorgen und Kummer haben ihr Werk an mir gethan; ich weiß, was leiden heißt. Noch schlimmer als das — ich weiß, was es heißt, sein Leiden zu verbergen. Das taugt nichts, es macht nicht besser. Sie sollen ein Mädchen zu ihrer Gefährtin wählen, das keine trüben Erfahrungen hinter sich hat, nichts ahnt vom Gemeinen und Schlechten — 209 das ist ja die wahre Lauterkeit. Sie sollen ein Mädchen aus Ihren Kreisen wählen,« fuhr sie dringender fort, als er sie unterbrechen wollte, »eine Blume, nicht eine Nutzpflanze, nicht eine Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin. Mein Gott, wie lange muß ich mich noch plagen, bis ich endlich werde sagen dürfen: Ich habe nichts!«

»O Claire!« versetzte Arnold, »ich habe mehr als wir brauchen.«

»Still, still,« gebot sie ihm, »meine Schulden bezahle ich allein.«

»Und was erreichen Sie damit? Sie verschwenden damit mein theuerstes Gut, das unwiederbringliche, das köstlichste: Ihre Gesundheit, Ihr Leben — um meine Pfennige zu sparen. Haben Sie Mitleid mit sich selbst, mit mir, und opfern Sie Ihren Stolz. Nehmen Sie meinen Ueberfluß und schenken Sie mir das Unentbehrliche, Ihre Liebe.«

Er preßte seine Lippen auf ihre Hand, und ihm war, als ob die Geliebte sich über ihn beuge, als ob eine zarte Wange sein Haar streife. Da machte er eine rasche Bewegung — von einer Seite des Tisches fiel polternd das schwere Nähkissen zu Boden, von der anderen das Buch über den esoterischen Buddhismus. Zu gleicher Zeit ertönte im Nebenzimmer ein Laut des Schreckens, dem schmerzliches Aechzen und Stöhnen folgte.

Claire und Arnold sprangen auf. »Gehen Sie, um Gottes willen, gehen Sie!« flüsterte sie ihm flehend zu. 210 »Wir sehen uns wieder, morgen. Jetzt muß ich fort, Karoline bedarf meiner bei ihrem Kranken ... Warten Sie nicht auf mich,« bat sie, entschlüpfte ihm und verschwand in der Thür.

Einen Augenblick zögerte Arnold, unwillkürlich hatte seine Hand nach der Klinke gegriffen; bevor er dieselbe jedoch niederdrückte, war das Schloß von innen versperrt worden.

Er stand und lauschte; das Aechzen und Stöhnen dauerte fort, dazwischen vernahm man eine sanfte, beschwichtigende Stimme, die Trostesworte murmelte, und ein Hin- und Hergleiten leichter und vorsichtiger Schritte.

In peinlicher Spannung wartete Arnold lange umsonst auf Claires Rückkehr und verließ endlich das Haus, die Seele voll der widersprechendsten Empfindungen: Grimm über die Behandlung, die er von der Baronin erfahren, und der heiße Wunsch, sich Genugthuung dafür zu verschaffen. Erbarmen mit Claire — ja, ja, sie hatte Recht gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte — Erbarmen war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, einem armen, schwachen, kämpfenden Wesen sein Leben zu weihen, ihm Schutz und Schirm und fürsorgliche Vorsehung zu werden. Und das Bewußtsein, etwas so Edles zu wollen, das Gefühl der Kraft, 211 es vollbringen zu können, siegte zuletzt über den Unmuth, der noch in ihm gährte, und erfüllte ihn mit stolzer, mächtiger Freude.

Daß diese Freude nicht frei war von Selbstbewunderung, gestand und — verzieh er sich.


Am folgenden Nachmittag, zu einer Stunde, in welcher er Claire abwesend wußte, erschien Arnold wieder bei deren Freundin und bat sie, ihm eine Unterredung zu gewähren.

Die Baronin, die durch den unerwarteten Besuch in ihrer Arbeit unterbrochen worden war, nahm dieselbe wieder zur Hand und lud Arnold durch einen Wink ein, Platz zu nehmen. Die einleitenden Redensarten, mit denen er das Gespräch eröffnet, blieben von ihr unberücksichtigt. Sie schnitt eine derselben mitten durch und sprach: »Sie sind also ein wohlhabender und unabhängiger Mensch, der sich in eine arme Lehrerin verliebt hat.«

»Und sie zu heirathen beabsichtigt,« fügte Arnold hinzu, »wenn sie ihn nämlich nimmt, was er von ganzem Herzen hofft.«

»O, mit bestem Recht! Warum sollte sie ihn nicht nehmen? Er wird es ja doch verstehen, dem unerfahrenen Ding Neigung einzuflößen, Schwärmerei, Alles, was er will. Da ist aber eine alte Freundin, unter deren Schutz sich das Mädchen befindet. Die hat in der Sache auch ein Wort mitzureden.« 212

Arnold verbeugte sich beistimmend.

»Und dieses wird nicht nach Ihrem Sinne sein, denn es warnt.«

»Darf ich um Gründe bitten?«

Die Baronin strich einen Büschel ihrer grauen Haare, das sich nicht glätten ließ, unter die häßliche, den ganzen Kopf einschließende Haube aus schwarzem Sammet zurück und sprach: »Heirathen ist überhaupt ein Unsinn, in Ihrem Fall aber ein ganz besonderer. Sie taugen nicht für Claire, und Claire taugt nicht für Sie.«

»Wenn Sie das behaupten würden in einiger Zeit, nachdem Sie es der Mühe werth gehalten hätten, mich ein wenig kennen zu lernen, würde es mich sehr erschrecken,« entgegnete Arnold gereizt.

»Und wenn ich Sie zehn Jahre kennte, mein Urtheil bliebe unverändert. Bevor ich Sie sah, hatte ich ein Bild von Ihnen — Sie errathen, wer es entworfen in lauter Lob und Bewunderung. Nun stehen Sie da — jeder Strich paßt — nur der Gesammteindruck, den das Ganze auf Andere und auf mich hervorbringt, ist grundverschieden. ›Der edelste und höchste aller Menschen‹, sagt ein gewisser Jemand. — Ein Glückskind, sage ich, das sein guter Stern von Kindheit an den geradesten Weg zum jeweiligen Ziel geführt. Ein Glückskind, in drei Gesellschaftskreisen, in bürgerlichen, in künstlerischen, in aristokratischen, heimisch oder mit Heimathsrechten aufgenommen. Ueberall wird ihm gehuldigt, überall ist er in entsprechender Weise maßgebend.« 213

»O, o!« wandte Arnold halb geschmeichelt, halb spöttisch ein, »Sie erweisen mir zu viel Ehre!«

»Ehre? Ich rede von Glück, von dem Glück, das Sie Ihrer gewinnenden Persönlichkeit verdanken, den sympathischen und originellen Manieren, die Sie sich angeeignet haben; die Manieren des Künstlers, der zugleich ein Weltmann ist ... Fremdes Gut im Grunde, denn Sie sind keines von beiden ... Aber wer fragt danach? Herr Bretfeld gilt einmal für unwiderstehlich, weiß es und — bildet sich nichts darauf ein. Die Gewohnheit des Erfolges steht ihm mit sieghafter und dennoch unbefangener Heiterkeit auf dem Gesichte geschrieben! Das ist entzückend, besonders wenn dieses Gesicht schön und jung ist wie das seine. Und so braucht er sich nur zu zeigen, und wäre es mit zwanzig Anderen — nur er wird gesehen, man hört nur ihn —«

»Meint Fräulein Claire, von welcher Sie diese Nachrichten haben,« wandte Arnold ein. »Fräulein Claire irrt, übertreibt, es ist nicht so ... Wenn es aber so wäre — ganz oder wenigstens ein bischen, mit welchem Rechte, gnädige Frau, würden Sie mir einen Vorwurf daraus machen?«

»Keinen Vorwurf; ich gebe es Ihnen zu bedenken und frage: Glauben sie eine Verminderung der Erfolge, auf denen Ihre Existenz recht eigentlich gebaut ist, ertragen zu können?«

»Wie kommt das hierher?«

»Es ist doch unmöglich, daß Sie sich darüber täuschen, 214 wie sehr eine Verbindung mit Claire Ihre Stellung in drei ›Welten‹ erschüttern würde,« versetzte die Baronin mit geringschätzigem Lächeln, und Arnold rief:

»Gewiß, darüber täusche ich mich; das heißt, ich nehme es durchaus nicht an.«

Die alte Frau erhob den Kopf, offenbar verwundert über diese Zuversicht, und entgegnete: »Abgesehen von allem Anderen, glauben Sie, daß die Familie Bretfeld die arme, kaum noch junge, kaum noch hübsche Tanzmeisterstochter Claire Dübois ohne Weiteres in ihren Kreis aufnehmen wird?«

»Ohne Weiteres — nein,« lautete Arnolds zögernde Erwiderung, »aber meine Familie ist gewöhnt, mich meine eigenen Wege gehen zu sehen. Ich habe mich vor Kurzem einem Heirathsplan, den die Meinen für mich geschmiedet hatten, widersetzt ... Eine Weile grollten sie, dann fügten sie sich ... Sie fügen sich mir immer, sie würden es nie übers Herz bringen, es ganz mit mir zu verderben ... Keine Einwendungen mehr, verehrte Frau!« fiel er der Baronin, die reden wollte, ins Wort. »Beiläufig dasselbe, was Sie mir heute sagen, hat mir Fräulein Claire gestern gesagt. Und ich kann darauf nur entgegnen: Ich liebe Claire, ich verehre sie, und was ich auch bis jetzt für die Aufgabe meines Lebens angesehen haben möge, von nun an habe ich keine wichtigere als die, das Dasein der Geliebten schön und glücklich zu gestalten ... Ich will gern auf Alles, was Sie meine Erfolge nennen, verzichten, ich will an der Seite Claires im Frieden meiner 215 Hausgötter leben und meine Kinder, wenn mir solche zu Theil werden, zu braven Menschen erziehen.«

Mit einer Entrüstung, die etwas Komisches gehabt hätte, wenn sie nicht aus so tiefer Ueberzeugung hervorgegangen wäre, fuhr die Baronin empor: »Kinder, Kinder! ... Sprechen Sie mir von Kindern! Heilige Einfalt! Sehen Sie sich doch um! Geben Sie sich doch Rechenschaft davon, daß Leben erwecken das Elend auf Erden vermehren heißt. — Herr, Herr! Heirathen Sie nicht, ich warne Sie!«

»Sie warnen mich, meine menschliche Bestimmung zu erfüllen, dem Gesetze der Natur zu folgen?«

»Die Natur! Berufen Sie sich auf die!« zürnte die Baronin und warf ihre Arbeit auf den Tisch. »Die Natur, die uns betrügt, die jeden Einzelnen von uns an den glühenden Ketten der Leidenschaften hinschleift zu ihren Zielen, um uns dort elend verkommen zu lassen ... Die Natur, ein schlafender Dämon, der die Welten zusammenträumt — ein räthselhaftes Ungeheuer, unergründlich schlau, grenzenlos grausam — manchmal unsäglich blöd ... Ja, die Natur — der Natur muß man folgen!« Sie ließ ihre Hände, die sie an die Schläfen gepreßt hatte, längs des Gesichts herabgleiten und drückte sie nun fest verschränkt an die Brust. »Man muß nicht,« sprach sie nach einer Weile ruhig und eindringlich, »wenigstens nicht, ohne sich zur Wehr gesetzt zu haben. Man muß niemals thun, was Alle thun.«

Höchst unangenehm berührt durch den Ausfall der 216 Baronin, die ihm als thörichte Auflehnung gegen das Unabänderliche, als frevelhafte Versündigung an einer ewigen und unergründlichen Weisheit erschien, sprach Arnold zum ersten Mal zu dieser Frau im Tone ironischer Ueberlegenheit. Er erklärte ihr, daß er nichts voraus haben wolle vor seinen Menschenbrüdern, kein anderes Schicksal verdiene und anspreche, als das des nächsten Besten.

Die Baronin widersprach nicht mehr, sie hatte ihre Arbeit langsam wieder aufgenommen und schien in dieselbe ganz versunken. In der Stube herrschte nun solche Stille, daß man durch die nur angelehnte Thür des Nebenzimmers das tiefe und regelmäßige Athmen eines Schlafenden vernahm.

Arnold sah sich um in dem trostlos kahlen Raume, in dem er sich befand: ein geräumiges, zweifensteriges Gelaß, nackte, vom Rauch des eisernen Ofens geschwärzte Wände; links vom Eingang ein eichenfarbig angestrichenes Tafelbett, über welchem ein kleiner Weihbrunnkessel und ein Zweiglein der Palmweide an der Wand befestigt waren; ein Schrank, ein leeres Vogelbauer, der Arbeitstisch der Baronin, ein paar Sessel; daraus bestand die ganze Einrichtung.

Die Frau des Hauses schien nicht gewillt, die entstandene Pause zu unterbrechen; so begann denn ihr Gast: »Darf ich fragen, ob wir uns im Zimmer Fräulein Claires befinden?«

»Wenn sie heimkommt, wird es das ihre sein; bis 217 dahin ist es mein Atelier, und dreimal im Tag betrachten wir es als unseren gemeinsamen Speisesalon,« entgegnete die Baronin mit einem bitteren Lächeln.

Arnold dachte an seine auf dem Burgring herrlich gelegene, mit erfinderischem Schönheitssinn geschmückte Wohnung, die viel zu groß war für einen Junggesellen, und er malte sich im Geiste aus, wie er mit der Geliebten dort eintreten und ihr sagen würde: Schalte und walte in Deinem Eigenthum; ich habe nichts, das nicht Dein ist. Und im Voraus genoß er ihr Entzücken.

Die Baronin weckte ihn aus seinen Zukunftsträumen, indem sie nichts weniger als einladend sprach: »Beabsichtigen Sie meine Pflegetochter hier zu erwarten?«

»Wenn Sie, gnädige Frau, nichts dagegen haben — ja.«

Ein unwirsches Achselzucken war die Antwort, die er erhielt, und nun hätte er für sein Leben gern einen Gesprächsstoff gefunden, der im Stande gewesen wäre, das Interesse dieser sonderbaren Frau zu erwecken. Redlich bemühte er sich danach. Er vergaß, daß es ihm sonst schon als hohes Verdienst angerechnet wurde, wenn er, Arnold Bretfeld, sich überhaupt herbeiließ, mit einer alten Frau, die weder eine Fürstin noch eine große Künstlerin war, mehr als zehn Worte zu sprechen. Er schlug einen scherzhaften Ton an, und als dieser nicht verfing, ging er in einen ernsten über; er besann sich kluger Dinge, die er gelesen hatte, und brachte sie vor, er gab einige seiner viel angestaunten Lieblingsparadoxe zum Besten — Alles 218 vergebens. Die unerbittlich ablehnende Zuhörerin war gefeit gegen den Zauber des Geistreichthums wie gegen den der Liebenswürdigkeit. Mehrmals schon hatte Arnolds Blick sich während dieses vergeblichen Ringens auf ein Bildchen gerichtet, das am Fensterpfeiler hing. Eine verblaßte Aquarellmalerei, offenbar von Dilettantenhand, aber doch nicht ohne Reiz; die Liebe, mit der es ausgeführt worden, mußte der mangelnden Kunstfertigkeit nachgeholfen haben. Es stellte zwei Kinder dar, einen Knaben und ein Mädchen, und die lebensfreudigen, jugendlich holden Züge beider, ganz besonders aber die des Mädchens, hatten eine sprechende Aehnlichkeit mit denen des alten Mannes, dessen Anblick am Tage zuvor einen so ergreifenden Eindruck auf Arnold gemacht hatte.

»Bezaubernde Köpfchen,« sagte er, auf das Bild deutend, und die Baronin erwiderte:

»Schlecht gemalt — von mir gemalt. Meine Kinder.«

»Ich dachte es wohl, gnädige Frau, daß es Ihre Kinder sind ...«

»Waren —« fiel sie ein, »es waren meine Kinder — ja. Beide todt. Der Sohn gestorben, die Tochter verdorben ... also für mich so viel wie todt.«

In der Brust Arnolds regte sich's wie Haß, als er diese mit herber Kälte ausgesprochenen Worte vernahm. Fast hätte er laut ausgerufen: Der Himmel wird ihm gnädig sein, dem unglücklichen Geschöpf, dem er eine solche Mutter gab. In den Augen des Allbarmherzigen 219 ist dem Kind verziehen, das sich von Dir abgewandt, und wär's zur Schmach und zur Sünde ... Mit neuer Gewalt erfaßte ihn zugleich seine heiße Theilnahme für Claire, und nun war es nicht mehr Liebe allein, die ihn trieb, nach ihrem Besitze zu streben, es war auch Trotz gegen ihre Hüterin. Der erklärte er in diesem Augenblick einen unversöhnlichen Krieg, der wollte er Claire entreißen, der beweisen, wer in dem Kampf um ihre Schutzbefohlene der Stärkere sei.

Und während er, glühend vor innerer Bewegung, sich zuschwor, diesen Vorsatz auszuführen, durcheilten leichte, wohlbekannte Schritte das Vorgemach. Die Thür öffnete sich, und in derselben stand Claire und blieb wie festgebannt vor Ueberraschung, als sie den unerwarteten Besucher erblickte.

»Sie sind da?« sprach sie ihn an, als sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte. »Hat vielleicht zwischen Euch beiden eine Conferenz stattgefunden?« setzte sie, rasch errathend, hinzu.

»Ganz recht,« antwortete die Baronin, »wir haben eine Conferenz gehabt. Sie ist zu Ende, mit dem Resultat aller Conferenzen. Jeder bleibt bei seiner Meinung.«

»Die der Frau Baronin ist, daß ich nicht zum Manne für Sie tauge. Ich bin vom Gegentheil überzeugt,« sprach Arnold.

Claire betrachtete abwechselnd ihren aufgeregt aussehenden Bewerber und ihre starrsinnige Freundin und 220 ließ sich dann vor dieser langsam auf die Kniee gleiten. Sie umfaßte die knochige Gestalt der alten Frau mit ihren Armen. »Karoline,« sprach sie, »gestern habe ich ihm Vernunft gepredigt; aber was ist mit einem Menschen anzufangen, der keine annimmt? Wir sind die Gescheiteren, thun wir, was uns als solchen zukommt, geben wir nach.«

Sie wurde durch einen Freudenschrei Arnolds unterbrochen, unterbrach aber ihrerseits seine feurigen Dankesworte, indem sie sanft und bittend fortfuhr:

»Aber nicht unbedingt, nicht über Hals und Kopf. Er kommt als Bewerber, sagt er; sagen wir ihm: Kommen Sie einstweilen als Bekannter, der noch besser bekannt werden und auch noch besser kennen lernen will. Wenn wir ihm das Haus verbieten, wird er sich einbilden, ihm sei der Himmel verboten worden. Lassen wir ihn jedoch ruhig gewähren und geben ihm Gelegenheit, sich zu überzeugen, wie es in Wirklichkeit bei uns aussieht, dann bleibt er wohl von selbst aus — wer weiß, wie bald!«

Nach neuen Einwendungen, neuen Bedenken von Seiten der Baronin, neuen Bitten und Vorschlägen von Seiten Arnolds einigte man sich endlich. Er erhielt die Erlaubniß, das Haus wöchentlich zweimal für eine Stunde zu besuchen, gab aber sein Wort, daß er nach einer Unterredung mit Claire außerhalb des Hauses nicht trachten und seine täglichen Begegnungen mit ihr nicht dazu benutzen werde, sie zu einer Entscheidung zu drängen.221


So selige Tage wie diejenigen, die nun folgten, hatte Claire nie erlebt. Es war unmöglich, aufmerksamer, gütiger, in zarterer Weise liebevoll zu sein, als Arnold es war, auch unmöglich, ein Versprechen, Geduld zu üben, zu schweigen, gewissenhafter einzuhalten, ohne zugleich deutlicher durchblicken zu lassen, wie schwer einem das wurde. Freilich hörte Claire keinen Augenblick auf, das Wunder anzustaunen, durch welches so unerwartet, so unverdient, wie sie meinte, in ihr stilles Dasein ein Glück ohne Gleichen getreten war. Freilich fragte sie sich: Paßt das zum Uebrigen? Kann es von Dauer sein? ... Aber indem sie diese Zweifel hegte, machte sie sich auch schon einen Vorwurf aus ihnen, schalt sich selbst feige und kleinmüthig und arm an schönem Vertrauen.

»Wisse,« sagte sie zu ihrer Freundin, »seinetwegen, um ihn vor einem Schritt, den er später bereuen könnte, zu bewahren, seinetwegen ganz allein spiele ich ihm diese Rolle der Dame Klugheit vor. Was mich betrifft, mein Wohl oder Wehe würfe ich hin, um einer Laune von ihm genug zu thun. Das wäre thöricht, närrisch, sündhaft, aber wenigstens aufrichtig und beseligend — es wäre wenigstens nicht Komödie, wie ich sie ihm jetzt aufführe, dem unbefangensten und wahrhaftigsten aller Menschen.«

»Großer Irrthum,« entgegnete die Baronin um so gelassener, als sie Claires Leidenschaftlichkeit sich steigern sah. »Er spielt auch eine Rolle, nur besser als Du. 222 Er hat es dahin gebracht, sich für das zu halten, wofür er sich giebt, und das gewährt ihm ein außerordentliches Vergnügen. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mir, der alten Skeptikerin, die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der Edelmuth, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erden, sie haben Zelte aufgeschlagen in der Brust Herrn Arnold Bretfelds, und ...«

»Nicht Zelte,« fiel Claire ihr eifrig ins Wort, »sie sind dort heimisch, Du wirst es endlich glauben müssen.«

»Vorderhand glaube ich noch, daß wir ihren Auszug erleben werden,« versetzte Karoline, und Claire schwieg, wie sie zuletzt immer that der überlegenen Freundin gegenüber. Aber schreiender von Tag zu Tag fand sie deren Ungerechtigkeit gegen Arnold, und jeder gegen ihn ausgesprochene Tadel und Zweifel diente nur dazu, ihre Zuversicht zu nähren. Er sah es wohl; es war kein Kunststück, zu errathen, daß sie sich selbst die bitterste Entbehrung auferlegt hatte mit dem Gebot, ihren Verkehr als gute Bekannte fortzusetzen, die mit einander so geistreich als möglich von gleichgültigen Dingen sprechen. Er durchschaute sie völlig, und ihr Kampf erleichterte ihm den seinen; er schwelgte im Gefühl seiner Macht über die Geliebte und versagte sich das Genügen nicht, sie dieselbe empfinden zu lassen — etwas mehr vielleicht, als eben nöthig gewesen wäre.

Sie machte ihm keinen Vorwurf darüber, und hätte sie es gethan, ein einziger bittender Blick würde Alles 223 gut gemacht haben. Kaum bemerkt, und wenn bemerkt, wie bald vergessen wurden von ihr diese kleinen Trübungen. Sie verflüchtigten sich wie Wölkchen an dem Himmel, den der Glaube an seine Liebe ihr erschlossen.

Das Glück, das sie in tiefster Seele trug, spiegelte sich in ihrem ganzen Wesen wider; eine stille Verklärung lag über ihr. Nie hatte ihre Heiterkeit sich in so gewinnender und anmuthiger Weise gezeigt, ihr niemals mehr Sympathien erweckt. In allen Häusern, in denen sie Unterricht ertheilte, steigerte sich das Wohlwollen, das man von jeher für sie gehegt, am ausgesprochensten jedoch geschah das im Hause Meiberg. Dort wußte man der »guten kleinen Claire« nicht Dank genug dafür zu sagen, daß sie immer »charmanter und amüsanter« wurde.

Der Graf munterte seine Töchter auf, sich ein Beispiel an ihr zu nehmen. »Laßt Euch auch einmal Etwas einfallen, über das ich lachen kann,« sagte er ihnen. »Lernt was von der Claire, sitzt nicht immer da wie die Bilder ohne Gnad', zerstreut mich und die Mama.«

Im Herzen der Gräfin stiegen, bei solchen Aeußerungen ihres Gatten, Gefühle wahrer Empörung auf; aber sie widersprach ihm nie, sie hätte das für unvereinbar gehalten mit den Pflichten einer christlichen Ehefrau. Ihrer Schwester jedoch, der Stiftsdame Gräfin Eveline, machte sie das Geständniß: eine Fremde loben hören auf Kosten der eigenen Kinder, von dem eigenen Vater, sei traurig. 224

»Nu, nu,« lautete die tröstende Entgegnung, »wie man's nimmt.«

»Man kann es nur so nehmen,« versetzte Gräfin Meiberg. »Mir darf wahrlich Niemand vorwerfen, daß ich dem Familienegoismus huldige, aber die ewige Aufstellung Claires als Musterbild für meine Töchter stimmt mich — ich finde keinen besseren Ausdruck — traurig.«

Gräfin Eveline hatte einen so guten Verstand, daß er sie immer Gründe finden ließ, selbst für die seltsamsten Erscheinungen, und auch jetzt sagte sie denn: »Das kommt daher, daß unsere Kinder langweilig sind, und daß Claire unterhaltend ist.«

Nun rollten die Thränen, die seit dem Anfang dieses Gesprächs in den wassergrünen Augen der Gräfin gezittert hatten, wie zwei Glaskügelchen über ihre Wangen. »Ich hoffe, Du weißt, wie sehr ich dafür bin, daß meine Töchter mehr lernen, als ich gelernt habe, und meine Söhne mehr, als ihr Vater gelernt hat,« sprach sie sanft und leise. »Ich hoffe, Du lässest mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich die Ansicht so Vieler von uns nicht theile, auf der Jagd nach Gelehrsamkeit gehe der gesunde Menschenverstand verloren.«

»Weil —« wollte Eveline erklären, aber ihre Schwester ließ sich nicht unterbrechen.

»Das liegt mir ferne,« setzte sie abwinkend hinzu, »meine Kinder sollen sich bilden, ich wünsche es. Wenn ich es aber wünsche, darf ich ihnen die ernste Richtung, die ich selbst ihnen gab, nicht vorwerfen.« 225

Eveline sagte, dagegen sei nichts einzuwenden, andererseits jedoch müsse man zugestehen, daß aus all' dem Ernst ein Mangel an heiteren Elementen im Hause entspringe, und daß es klug und politisch wäre, diesem Mangel abzuhelfen.

Eine lange Berathung zwischen den beiden Damen entspann sich und brachte einen Entschluß hervor, dessen Ausführung bereits auf den nächsten Tag bestimmt wurde.

Als Claire an demselben zur gewöhnlichen Stunde erschien, wurde sie sogleich zur Gräfin berufen, von ihr mit außerordentlicher Huld empfangen und eingeladen, auf einem Sessel neben dem Schreibtisch, an dem die Gräfin selbst saß, Platz zu nehmen.

»Ich habe mit Ihnen zu reden, ich habe eine Frage an Sie zu stellen, eine Bitte — ich falle gleich mit der Thür ins Haus,« begann sie, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. »Sie wissen, wie lieb Sie uns sind,« vermochte sie nur noch tiefbewegt zu sagen, dann kippte ihre Stimme um.

»Noch besser weiß ich, verehrte Gräfin,« erwiderte Claire, »daß ich von Ihnen und den Ihren nur Güte und Freundlichkeit erfahren habe.«

»Und das wird immer so bleiben! Sie thun uns so wohl mit Ihrer Heiterkeit, Sie zerstreuen uns, und wir brauchen das so nothwendig bei unseren vielen Sorgen. Ach, wie schwer ist das Leben!«

»Es ist mitunter schwer,« lautete Claires nicht ohne Vorbehalt bestätigende Antwort. 226

Die Gräfin streckte ihren Hals etwas vor und sah das Mädchen an, wie man ein Kind ansieht, das mitreden will in den Angelegenheiten erwachsener Leute. »Mögen Sie es nie erfahren,« sprach sie, »und Ihre Munterkeit nie einbüßen, deren Anblick ein solches Labsal ist, besonders uns — ein solches Labsal, daß wir wünschen würden, es länger zu genießen. Deshalb, meine liebe Claire, stelle ich die Frage an Sie und hoffe, Sie mißverstehen mich nicht: Kann das sein?«

Claire bat um Entschuldigung und um eine deutlichere Erklärung, und die Gräfin erwiderte: »Wir bleiben bis Mitte Juli in der Stadt, unserem Emil zu Liebe, der seine Maturitätsprüfung macht — noch einmal. Im vorigen Jahre ließen wir ihn hier allein zurück mit dem Hofmeister. Das war nicht gut, die Trennung von uns drückte sein Gemüth — und so ehrenvoll er schließlich auch bestand, erhielt er doch das Zeugniß der Reife nicht. Heuer will er sich aber eines geben lassen, und wir harren denn aus an der Seite unseres Sohnes in der Stadt, die im Sommer so traurig ist, so einsam und auch so ungesund ... Wir thun's, wie gesagt, wir harren aus, wenn auch unter solchen Umständen den Mangel an einem heiteren Element im Hause besonders beklagend.«

»O, Frau Gräfin,« rief Claire, »und Chouchou und Baby, meine kleinen Schüler, zählen die für nichts?«

»Doch — ganz gewiß, sie zählen, aber sie gehen so früh schlafen, und dann dauert der Abend noch drei Stunden, und dann lassen Papa und Mama ihre 227 Enkelinnen von den Aufgaben wegrufen und äußern sich mißbilligend, wenn die armen Studienmüden nicht belebend in die Conversation eingreifen oder der Whistpartie ihrer Großeltern nicht mit der Spannung folgen, die verlangt wird und verlangt werden darf, und das ist —« Die Gräfin hielt inne, erschrocken über die Voreiligkeit, mit der sie sich hatte hinreißen lassen, einen so tiefen Einblick in ihre Familienverhältnisse zu eröffnen vor dem Auge einer doch Fremden. »Ich hoffe, Claire,« sagte sie erregt, »daß mir Niemand Geschwätzigkeit in den Angelegenheiten der Meinen vorwerfen kann, ich rede zu Ihnen wie zu einer Vertrauten; aber nun bitte ich, lassen Sie mich nicht weitergehen, erleichtern Sie mir meine Aufgabe, verstehen Sie mich.«

Claire versicherte, daß ihr nichts erwünschter wäre, als das zu können, worauf die Gräfin in lebhafte Dankbezeigungen ausbrach und so glücklich war, so sehr glücklich, daß ihr Antrag angenommen, und daß Alles abgemacht sei, und Claire bereit, außer der Stunde, die sie täglich der jüngsten Generation widmete, den älteren Generationen regelmäßig den Nachmittag zu widmen.

»Den ganzen Nachmittag, Frau Gräfin?« sprach Claire betroffen, »verzeihen Sie — um das handelt es sich?«

Unbegreiflicher Weise schien die Gräfin verletzt. »Handeln? welch' ein Wort! — O, liebe Claire, wir Zwei werden mit einander doch nicht handeln, o, nicht einmal rechnen!« 228

Das Mädchen senkte verwirrt die Augen und stammelte: »Ich habe jeden Nachmittag drei Lectionen zu geben.«

»Drei Lectionen! Warum plagen Sie sich so sehr? Ist denn das nothwendig?«

»Ich habe mich dazu verpflichtet, meine Schüler zählen auf mich.«

»Verlegen Sie die Stunden auf den Vormittag oder sagen Sie ganz ab; arrangiren Sie das.«

Wunderbar rasch hatte die zerschmelzende Weichheit der Gräfin sich in Strenge verwandelt und ihre Sentimentalität in eine trockene Schlagfertigkeit, die alle Bedenken und Einwendungen Claires kurz widerlegte und rücksichtslos zurückwies. Die Lehrerin, verblüfft, überrascht, suchte noch vergeblich nach dem rechten Mittel, sich dem Netze zu entziehen, in das sie sich unversehens verwickelt fand, als die Gräfin schellte und dem eintretenden Diener befahl, Chouchou und Baby zu holen. Die kleinen dicken Jungen erschienen, stürzten auf Claire los und überhäuften sie mit Vorwürfen. Sie hatten beide geschwollene Augen.

»Warum kommst Du nicht?« fragte Chouchou, der Aeltere. »›Mir‹ weinen schon so lang, ›mir‹ haben sich gefürcht, daß Du nicht mehr kommst.« Er stellte sich vor sie hin und brach in ein lautes Geheul aus.

Baby aber hing sich an ihren Hals, küßte sie und rief: »Wenn ich werd' groß sein, und Du wirst klein sein, werd ich Dich anbinden bei uns im Zimmer, daß Du nit mehr fort kannst.« 229

»Sehen Sie, wie Sie geliebt werden,« sagte die Gräfin, rief ihre Kinder zu sich und theilte ihnen mit, daß Claire von nun an den ganzen Tag bei ihnen bleiben werde. Die Kleinen erhoben ein Jubelgeschrei, und ein letzter Versuch, den Claire machte, sich der über sie getroffenen Verfügung zu widersetzen, scheiterte. Ihre Gönnerin beschwor sie, nicht neue Schwierigkeiten zu erheben, ihr Wort nicht mehr zurückzunehmen. »Ich verlange ja kein Opfer; müssen Opfer gebracht werden, versteht es sich von selbst, daß ich sie bringen werde,« erklärte sie mit einer Hoheit der Gesinnung, an der sie nicht umhin konnte, selbst ihre Freude zu haben. »Es giebt Gelegenheiten, in denen Opfer keine Consideration sind, und man an sich nicht denken darf, vielmehr suchen muß zu vergessen, wie oft man sich schon etwas abgeschlagen hat. Aber das soll man können ... Nicht nur entsagen — so im Großen« — sie schwenkte, indem sie also sprach, ihre lange schlanke Hand — »auch im Kleinen muß man sich etwas versagen können. Was mich betrifft, ich kann's. Für mein persönliches Vergnügen bleibt nie etwas übrig. Wie habe ich eine Erweiterung meines armen Glashäuschens nebenan gewünscht! Der Cassier thut Einsprache, und ich — verzichte.«

Claire schwieg, geblendet durch den Glanz einer so großen Tugend, und brachte es über sich, ohne Lächeln in den mächtigen, mit kostbaren Pflanzen reich gefüllten Wintergarten hinauszublicken, den eine geschmackvoll decorirte Glasthür von dem Schreibzimmer, in dem man sich befand, trennte. 230

Chouchou und Baby hatten der Rede ihrer Mutter die gebührende Aufmerksamkeit durchaus verweigert und während derselben Claire fortwährend am Kleide gezupft und ihr zugeflüstert: »Komm zu uns, komm, mir unterhalten sich hier nicht.«

Endlich entlassen, stürmten sie geradeswegs nach ihren Zimmern und verkündeten Jedem, der ihnen begegnete, daß die »gute« Claire von jetzt an immer bei ihnen bleiben würde. Chouchous französische und Babys englische Bonne zogen bei der Kunde, die erste ein schiefes und die zweite ein langes Gesicht, und Claire hatte Mühe, die Beiden, die sich schon an die Luft gesetzt sahen, zu beruhigen. Spät erst konnte die Lection begonnen werden und erfuhr dann fortwährende Unterbrechungen. Die Tante war die Erste, die sich einfand, um Claire mitzutheilen, daß die Idee, sie dem Hause »dauernder zu gewinnen«, mindestens zur Hälfte von ihr ausgegangen sei. Bald darauf erschienen die Eltern des Grafen Meiberg. Schon war in das von ihnen bewohnte zweite Stockwerk des Hauses die Kunde von dem Engagement Claires gedrungen und machte ihnen eine Freude, welche die der Kinder fast beschämte. Die munteren alten Leute hatten die Schachpartie, welche die Reihe von Spielen eröffnete, mit denen sie den Tag auszufüllen pflegten, unterbrochen und waren, so eilig sie nur irgend vermochten, die Treppe herabgehumpelt gekommen.

Ein herzgewinnendes Paar! ehrwürdig und freundlich, voll Wohlwollen und Höflichkeit. Mann und Frau 231 von ganz gleicher Größe, beide hager und lebhaft, beide altmodisch, aber fein und sorgfältig angethan. Sie rühmten sich, in ihrer fünfzigjährigen Ehe nie länger als einige Stunden getrennt gewesen zu sein, und waren einander ähnlich geworden nicht nur im Benehmen und in der Sprechweise, sondern auch im kindlichen Ausdruck ihrer fein geschnittenen Gesichter.

Als Chouchou und Baby auf sie zugingen, um ihnen die Hände zu küssen, zog die Großmama, bevor sie diese Ehrfurchtsbezeigung gestattete, ihr Battisttuch aus der Tasche und wischte damit die rosigen Lippen der Knaben ab.

»Nur aus übler Gewohnheit,« sagte sie entschuldigend, »nicht etwa, weil ich glaube, daß es nothwendig ist.«

Der Greis lüftete das Käppchen und verneigte sich mit liebenswürdiger Höflichkeit vor Claire. »Ah, Mademoiselle, Mademoiselle Gesellschafterin,« rief er, »demoiselle de compagnie! Wir wollen uns gleich unseren Antheil versichern an der Gesellschaft der Gesellschafterin.«

Ebenso munter wie er kündigte seine Gemahlin Claire an, daß sie täglich zum Thee und zur Whistpartie mit dem Strohmann geladen sei. Die schüchternen Entschuldigungen, die Claire vorbringen wollte, wurden mit der Aufforderung zurückgewiesen, keine Geschichten zu machen. »Nur keine Geschichten mit uns!« beschworen beide zugleich, und der alte Herr setzte lustig hinzu: »Sonst folgt die Strafe auf dem Fuß, und Sie müssen nach dem Whist noch mit Jedem von uns eine Stunde lang Wolf und Lamm spielen. — Aber, Christine, wir 232 verplaudern uns,« wandte er sich an die Gräfin; »die Pflicht ruft — die unterbrochene Schachpartie will beendet werden.« Mit gutmüthiger Ironie blickte er auf den Tisch, der mit den verlockendsten Rechenspielen bedeckt war, und sprach fröhlich lachend: »Lernt fleißig, Kinder, lernt was! ... Wenn man in der Jugend nicht zählen lernt, kann man im Alter nicht spielen.«

Er reichte seiner Gattin den Arm und verließ mit ihr das Zimmer.

Der letzte Besuch, den Claire bei der sogenannten Unterrichtsstunde empfing, war der des Grafen Meiberg. Er kam, stattlich und verdrießlich wie immer, dankte ihr, daß sie den Antrag seiner Frau angenommen habe und bat sie, sich vornehmlich seinen erwachsenen Töchtern zu widmen.

»Gewöhnen Sie ihnen das todtschlächtige Wesen ab, machen Sie sich's zur Aufgabe, ihnen Heiterkeit beizubringen,« empfahl er ihr, stete die Hände in die Hosentaschen, sah eine Weile zum Fenster hinaus und fragte dann, ob Etwas über »Bedingungen« vereinbart worden sei. Claire verneinte es, und er fuhr ungeduldig auf:

»Hätt' mir's denken können! Ich brauch' von meiner Frau nur zu hören: Alles in Ordnung, dann weiß ich schon, daß die Hauptsache fehlt ... Keine Bedingungen? Sie könnten aber auch praktischer sein, erlauben Sie mir. Oder sind Sie vielleicht überrumpelt worden? ... Leugnen Sie nicht, überrumpelt — und jetzt gehen Sie nach Haus, und morgen kommt ein Brief von Ihnen, in dem steht: 233 Ich entschuldige mich, kann nicht annehmen, bin überrumpelt worden. Aber hören Sie, thun Sie das nicht, warten Sie auf einen Brief von mir. Von Nebeln und Schwebeln wird nichts drin stehen, aber wie Sie dran sind, das werden Sie wissen.«

Noch am selben Abend kam eine Zuschrift, mittels welcher Graf Meiberg Fräulein Dübois in die glänzend besoldete Stellung einer »Gesellschafterin für den Nachmittag« in seinem Hause einsetzte.

Der Antrag war so vortheilhaft, Claires Ueberraschung so freudig, daß ihre Freundin nicht vermochte, sich absprechend über die neue Vereinbarung zu äußern. Claire vertiefte sich in die Gedanken an ihr Glück und hatte nur zu bedauern, daß es sich nicht etwas früher eingestellt. Gar leicht ließ sich ausrechnen: wenn das Anerbieten des Grafen ihr statt heute vor zwei Jahren gemacht worden wäre, stünde sie jetzt schuldenfrei da und könnte über sich verfügen.

»O, wenn meine Schulden nicht wären!« rief sie unwillkürlich laut aus, und die Baronin mit ihrem Seherblick für die geheimsten Vorgänge in der Seele ihrer Schutzbefohlenen verstand sie wohl und murmelte vor sich hin:

»Gepriesen seien Deine Schulden.«

In dieser Woche gab es Mühen und Verdrießlichkeiten die Menge. Claire brauchte viel Takt, viel Geschmeidigkeit und viel festen Willen, um die Eltern der Schüler, die sie beibehalten konnte, zu einer Verlegung der Stunden zu bewegen, und um es möglich zu machen, 234 aus den Häusern, die aufzugeben sie gezwungen war, in guter Freundschaft zu scheiden.

Indessen — schwer oder leicht — Alles das gelang; was Claire aber nicht gelingen konnte, das war, den Groll, ja die Entrüstung Arnolds zu versöhnen, als sie ihm von der Uebereinkunft, die sie mit Meibergs getroffen hatte, sprach. Er begriff nicht, wie sie ohne seine Zustimmung einen solchen Entschluß hatte fassen können, er machte ihr den größten Vorwurf aus der Sklaverei, in die sie sich begab, sie, die ihm gegenüber so viel Unabhängigkeitssinn bewies.

An dem Sonntag schied er von ihr, ohne Herr seines Unmuths geworden zu sein.

Seine Verstimmung überdauerte die Nacht, und es lag ihm sehr daran, dies zur Kenntniß Derjenigen zu bringen, die er liebte und die ihn kränkte. Am nächsten Morgen, bei der täglichen Begegnung auf der Treppe im Palais Meiberg, grüßte er Claire wieder so kühl wie damals, als er ihr gezürnt, und wollte stumm vorübergehen. Sie aber blieb stehen und sprach:

»Herr Bretfeld, was heißt das? — Verderben Sie mir die Laune nicht, Sie bringen mich sonst um mein Brot. Sie wissen ja, ich habe mich hier als heiteres Element verdungen.«

Die kleine Hand, mit der sie ihm dabei scherzend drohte, zitterte, ihre Wangen brannten, und gar schmerzlich zuckte es um ihren Mund, der sich zu lächeln zwang.


235

II.

Einige Wochen lang versah Claire bereits ihr Vertrauensamt bei Meibergs und gestand kaum sich, am wenigsten aber den Anderen, wie schwer die übernommene Aufgabe ihr wurde und welche Anstrengung es sie kostete, ihr nun in zwei so ungleiche Hälften getheiltes Tagewerk zu vollbringen. Die zweite, die ungewohnte, war auch die mühevollere. Claire hatte sich die fragliche Kunst angeeignet, spielend zu lehren; sie besaß auch die — und das war einer der Hauptgründe der Beliebtheit, deren sie sich erfreute —, den Eltern ihrer Zöglinge, wenn sie ihr von neuen Unterrichtsmethoden zu sprechen oder Winke zu geben kamen über die Art, in welcher man ihre Kinder »nehmen« solle, schlagfertig und witzig entgegenzutreten, ohne jemals die schuldige Ehrfurcht zu verletzen. Höchst unbehaglich jedoch fühlte sie sich in der ihr neuen Stellung einer mit den Pflichten und Rechten der Hausgenossin ausgerüsteten Fremden mitten in einer großen Familie.

Die jungen Gräfinnen Martha und Marie machten kein Hehl daraus, daß sie es von Papa »sehr komisch« fänden, ihnen Claires Gesellschaft zu octroyiren. Die 236 zweite, auf welche der Vater sein Talent zur Verdrießlichkeit vererbt hatte, ein unschönes Mädchen von achtzehn Jahren, sprach zu Claire: »Ich habe Charakter, ich! ... Ich sage, was ich denke! ... Bei Chouchou und Baby habe ich Sie gern gehabt, bei uns mag ich Sie nicht.«

Claire dankte ihr für ihren Freimuth. »Sie sind im Besitze des angenehmen Vorrechts, unbeschadet aufrichtig sein zu dürfen,« meinte sie, »und machen davon Gebrauch.«

Die Comtesse verstand, stutzte und fragte: »Sind Sie vielleicht nicht aufrichtig?«

»Ich bin es gewiß,« entgegnete Claire, »wenn ich Ihnen versichere, daß ich trachten werde, Ihre eingebüßte Sympathie wiederzugewinnen.«

Halb und halb entwaffnet durch diese Antwort, brauchte Marie einige Selbstüberwindung, um ihrem »Charakter«, auf den sie sich so viel zu Gute that, zu Ehren standhaft zu bleiben und die trockene Antwort zu geben: »Bin neugierig, wie Sie das anfangen wollen.«

Vorerst nun hatte Claire gar nicht angefangen, sogar den Schein einer Einflußnahme auf die jungen Damen gemieden und sich glücklich gepriesen, wenn ihre geistige Spannkraft und ihre vielgerühmte Unterhaltungsgabe ausreichten, um dem Grafen und der Gräfin die langen Nachmittagsstunden zu verkürzen.

Man speiste der »Kleinen« wegen schon um vier Uhr und lud niemals Gäste zu Tische. Im Leben des Kindes ist Alles Lection; das Diner muß Lection sein in 237 der Kunst, anständig zu essen, die man nicht früh genug lernen kann, weil sie der Anfang allen Anstandes überhaupt ist. In dieser Meinung stimmten beide Eltern überein, und Tante Eveline gab ihren Segen dazu. So opferte sich denn der Graf, kam pünktlich um vier Uhr zur Tafel und befahl jedesmal, langsam zu serviren. Trotzdem mußte das Diner einmal zu Ende gehen, und sie brachen herein, die schrecklichen Zwei, und die eine hieß: von Fünf bis Sechs, und die andere hieß: von Sechs bis Sieben. Fest wie eine Mauer stand die Zeit da und machte doch den Anspruch, vertrieben zu werden.

Chouchou und Baby hatten, der Hausordnung gemäß, schon vom Tafelzimmer aus mit ihren Bonnen zu verschwinden; die übrige Familie, begleitet von Erzieher und Erzieherin, betrat den Salon. Der Graf nahm Platz vor einer Fensternische unter den Zweigen einer Palme, die beinahe bis zur Decke reichte, kreuzte die Arme — er gehörte zu den seltenen Männern, die nicht rauchen — und überließ sich seiner üblen Laune mit dem Trotz eines Kindes und mit der Ausdauer eines Mannes. Unweit von ihm in einem bewunderungswürdig geschnitzten altdeutschen Lehnsessel ruhte die Gräfin als Centrum des »blühenden Halbkreises,« den ihre Kinder um sie bildeten, während Gräfin Eveline sich leutselig der Gouvernante und des Hofmeisters annahm und ihre beiden aufmerksamen Zuhörer über die Ursachen der Dinge belehrte.

Am ersten Tage, an welchem Claire ihr neues Amt ausüben sollte, war sie zu ihrem Entsetzen nach dem Eintritt 238 in den großen, heißen, durch schwere Vorhänge an den Fenstern verdüsterten Salon von einem unendlichen Ruhebedürfniß ergriffen worden. Sie hatte ihre Lider schwer werden gefühlt; ihr hatte geschienen, daß sich um die Menschen und die Gegenstände vor ihr eine Dunstatmosphäre bilde, in der sie sanft geschaukelt hin und her wiegten ... Lieber Gott, wer jetzt schlummern dürfte! ... Du darfst nicht, dachte Claire, deine Aufgabe heißt unterhalten, dafür bezahlt man dich, bezahlt reichlich.

Plötzlich unterbrach eine Kinderstimme das lastende Schweigen. Thekla, die jüngste der Töchter, die zwölfjährige, stellte die Frage:

»Mama, sagt man Mohammed oder Mahomet?«

Auf den Zügen Mamas malte sich Rathlosigkeit, und sie erwiderte ausweichend und vorwurfsvoll: »Aber, mein Kind!«

»Man sagt Muhammed,« rief die Tante, »weil Muhammed ein Muselmann war!«

Der Hofmeister räusperte sich, erröthete, nahm das Wort und bemerkte bescheiden, Mu- und Mohammed seien ihm neu.

»Mais pas du tout,« entgegnete die Gouvernante, so gereizt, als ob sie eine persönliche Beleidigung erfahren hätte. »N'avez-vous pas lu, monsieur, l'œuvre admirable de monsieur de Voltaire?«

Der Graf ersparte ihm die Antwort; er stand auf, kam auf Claire, die sich aufgerafft hatte, zu, den Kopf 239 vorgebeugt, die Hände, wie er pflegte, in den Hosentaschen.

»Nun,« sagte er, »da hören Sie nun, das ist ein Muster von der Unterhaltung, die ich in meinem Familienkreise genieße. Mohammed oder Mahomet! ... Ist Ihnen etwas so Langweiliges schon vorgekommen? ... Ich laß mir ja die Langeweil' gefallen, in einer Verdünnung, daß man dabei einschlafen kann, aber unsere Langeweil', das ist ein Extract, das ist eine Langeweil' wie ein Löw'; die macht einen wild.«

Die Echtheit seiner Verzweiflung stand in so drolligem Verhältniß zu ihrer Ursache, daß Claire unwillkürlich lachen mußte. Die große Gestalt ihrer Freundin, deren Lippen sich auch den schwersten Schicksalsschlägen gegenüber nie zu einer Klage geöffnet hatten, tauchte vor ihr auf, und wie neu gestählt durch den Gedanken an die Starke, wies sie die Beschwerden des Grafen scherzend zurück. Sie machte die Tactlosigkeit, mit welcher er sie zum Schiedsrichter zwischen sich und den Seinen aufgerufen hatte, wieder gut, indem sie sagte:

»O, wie ungerecht sind Sie, Herr Graf; die Frage Gräfin Theklas ist ja interessant und besitzt überdies die schöne Eigenschaft, lösbar zu sein, und zwar zu Gunsten sowohl der Mo- wie der Ma- und der Mu-Partei.«

»Wie so? wie meinen Sie das?« riefen einige.

Die Stiftsdame versicherte, es sei ganz natürlich, und sie könne sich's erklären. Thekla umarmte ihre Beschützerin stürmisch aus Dankbarkeit dafür, daß sie sich 240 ihrer angenommen hatte; Marie warf noch einige kühne Behauptungen hin, die Widerspruch erregten. Sogar Gräfin Martha und Graf Emil, die ältesten und zugleich die stillsten unter den Geschwistern, von denen selbst ihre Mutter gestand, daß man sie immer nur »schweigen höre,« nahmen Theil an der Debatte.

Nach einer Viertelstunde war Leben in die Gesellschaft gekommen. Vortreffliches leistete die Gräfin an Ausdrechselung zierlicher Phrasen. Sie suchte den Eindruck zu verwischen, welchen vorhin der heftige Ausfall ihres Gemahls hervorgerufen haben mochte. Sie that es in ebenso zarter als indirecter Weise; sie vertheilte gleichmäßig Balsam an alle die Ihrigen, sprach von der grazienhaften Unschuld ihrer Kinder und von der Süße einer Familieneinigkeit, die wie eine Oeloase auf dem Ocean des Lebens schwimme. Nicht umhin konnte sie, sich selbst das Zeugniß auszustellen, daß sie doch sehr gut spreche, und das gab ihr ein Hochgefühl, wie sie es lange nicht empfunden. Aber nicht sie allein, auch die Uebrigen waren mit sich zufriedener als sonst, und waren es demnach auch mit den Anderen gewesen. Vergnügt hatte man sich getrennt.

Diesem ersten Erfolge Claires schloß eine ganze Reihe von Erfolgen sich an, und wenn auch Niemand im Hause Meiberg ahnte, wie schwer sie errungen wurden, so fiel es doch Keinem ein, dieselben der wacker Ringenden zu verkümmern. Jeder erwies sich dankbar in seiner Weise. Der Graf in grämlicher, die Gräfin in 241 schwülstiger, die Tante in kluger, Martha in melancholischer, Emil in schläfriger und so weiter. Nur Marie verhielt sich ablehnend und wurde manchmal sogar aggressiv.

»Ich durchschaue Ihren Kniff,« sprach sie einmal. »Er besteht darin, Jedem von uns Gelegenheit zu geben, sein Licht leuchten zu lassen — ich will nicht unhöflich sein, sonst würde ich sagen: sein Nachtlicht, denn über mehr haben wir nicht zu verfügen.«

Und nun erging sie sich in beißenden Spottreden, zu denen Claire jedoch ein sehr ernstes Gesicht machte.

»Sie sind witzig, Gräfin,« sprach sie, »aber in einer Art, für welche der Sinn mir fehlt. Ein Witz, der sich nur auf fremde Kosten äußern kann, ist von geringer Qualität. Was mich betrifft, ich wäre zu stolz, um meinen Aufwand an sogenanntem Geist durch Andere bestreiten zu lassen.«

Marie wandte ihr den Rücken. Drei Tage lang grollte sie ihr. Am vierten stürzte sie während der Unterrichtsstunde in das Zimmer der kleinen Brüder, war hochroth im Gesicht, ergriff die Hand Claires und stieß hervor: »Ich habe noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie Sie; zählen Sie von nun an auf mich.«

Seit diesem Augenblick war Claire die Vertraute ihrer heiligsten Geheimnisse geworden und hatte erfahren, daß die junge Gräfin innerlich eine Revolutionärin sei, mehrere Copien eines Bildes von Danton angefertigt 242 und eine große Aehnlichkeit zwischen ihren eigenen Zügen und denen des Urhebers der Septembermorde entdeckt habe. Was Alles in ihr gährte, Niemand ahnte es; aber Claire, ihre Freundin, sollte es wissen. Ja, sie dachte sehr oft daran, wie nothwendig ein Umsturz der Gesellschaft geworden sei, besonders in Oesterreich, und wenn sie dreinzureden hätte — Kammerherrnschlüssel und Sternkreuzorden würden abgeschafft werden. Und noch Etwas: In ihrer Kindheit hatte sie »Clavier gelernt«, es später aufgegeben, um sich leidenschaftlich der Zither zu widmen, kürzlich aber eingesehen, daß ihr Talent nach einer genialeren Ausdrucksform begehre. Einige Tage schon trug sie sich mit dem Entschluß, ihren Eltern zu erklären, daß sie sich entweder zur Violoncellvirtuosin ausbilden oder die Musik ganz aufgeben wolle, damit aber auch ihr höchstes Lebensglück. Alles oder Nichts! So war sie, das war ihr Charakter. In der Freundschaft jedoch, da giebt es keinen Charakter, da giebt es nur Vertrauen. Zum Beweis desselben verfügte sie auch etwas eigenmächtig über das Geheimniß ihrer älteren Schwester und theilte Claire mit, Martha habe im vorigen Jahre ein Handschuhknöpfchen, das Herr Bretfeld bei der Stunde verlor, im Medaillon getragen. Mit der Schwärmerei sei es jedoch vorbei, und zum größten Glück habe Herr Bretfeld gar nichts davon bemerkt, sich vielmehr immer kostbarer gemacht, die Stunden immer mehr abgekürzt, dadurch nämlich, daß er stets zu spät komme, den Augenblick fortzugehen aber pünktlich einhalte. 243

Die Aufmerksamkeit, mit welcher Claire dieser Mittheilung lauschte, schmeichelte der kleinen Schwätzerin. Sie fuhr eifrig fort, von der Exaltation vieler ihrer Freundinnen für Herrn Bretfeld zu sprechen, und bedauerte, daß er so furchtbar verwöhnt werde. »Es ist schrecklich dumm,« meinte sie altklug und zog dabei ihre mageren Backfischschultern in die Höhe, »denn heirathen kann ihn ja doch Keine von uns, und ich glaube, daß er sich's auch gar nicht verlangt ... Er soll eine stille Liebe haben. Für eine deutsche Prinzessin, an deren Hof er jeden Sommer einige Monate verlebt, sagen die Einen; für ein armes Mädchen, sagen die Anderen, das aber nie seine Frau werden darf, weil seine Familie, die stolz und reich ist, es nicht erlaubt.«

Dieses Gespräch hinterließ einen Stachel im Herzen Claires. An die Hindernisse, welche die Angehörigen Arnolds gegen seine Verbindung mit ihr erheben könnten, hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun that sie's, that's in Sorgen, die sie dem Vielgeliebten verschwieg. Nicht vorsätzlich, nicht weil sie Scheu trug, die kurze Stunde, die er bei ihr zubrachte, zu trüben, sondern weil sie von keiner selbstsüchtigen Sorge mehr wußte, sobald er ihre Schwelle überschritten und seine Stimme sie begrüßt hatte. Geschah es in freundlicher Weise, sprach Ruhe und Zufriedenheit aus seinem schönen Gesicht, dann gab es in ihrer Seele keinen Raum mehr für eine andere Empfindung als die der Wonne. Lag ein Schatten auf seiner Stirn, klang leiser Unmuth aus seinem Tone, gleich 244 faßte es sie mit peinigendem Gewissensvorwurf: Du bist schuld — und sie wünschte nichts, als gut zu machen. was sie unbewußt gefehlt haben mochte.

Er ließ ihrer freudigen und geduldigen Liebe nicht Gerechtigkeit widerfahren. Wie konnte sie noch freudig und geduldig sein, während er litt und sich sehnte?

Vier Wochen waren seit seinem ersten Besuche verflossen, lange genug, um ihm das Glück, Claire in Gegenwart ihrer Freundin sprechen zu dürfen, als ein sehr zweifelhaftes erscheinen zu lassen. Abstoßend wirkten die Verhältnisse im Hause der Baronin, abstoßend sie selbst auf ihn. Er gab es auf, nach ihrem Wohlwollen zu ringen; er ließ sich in Wortwechsel mit ihr ein, bei denen er zu oft den Kürzeren zog, um der Siegerin nicht zu grollen. Plötzlich erklärte er, sich nicht länger hinhalten lassen zu wollen, und drang auf Entscheidung. Es war ihm Folterqual, mit anzusehen, wie Claire alle ihre Kräfte anspannte, um Verpflichtungen abzutragen, deren sie zu entheben er brannte. Und nichts hätte es dazu bedurft, nichts als den Entschluß, ihren strafbaren Hochmuth aufzugeben und als ihr Eigenthum zu betrachten, was ihr ohnedies gehörte — das Seine. Er wiederholte es so oft, er war so gekränkt über die Weigerung, die sie ihm entgegensetzte, daß Claire endlich zu schwanken begann.

Freilich mahnte die Baronin: »Laß Dich nicht überreden, um keinen Preis!« aber Claire gab im Herzen Arnold Recht, wenn er sagte, daß ihm Schmach angethan 245 werde durch diese ihre Scheu, von ihm eine kleine materielle Hülfe anzunehmen, von ihm, der ja sein Höchstes gegeben: seine Liebe, und das Höchste errungen zu haben hoffe: ihre Gegenliebe.


Ungewöhnlich früh kündigte in diesem Jahre der Sommer sich an; Maitage brachten drückende Hitze, die Luft lag schwül über der großen Stadt. Eine schlimme Zeit für die Leutchen, die, um ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, wandern müssen von Haus zu Haus, jetzt durch schmale Gassen, in welche nie ein Strahl der Sonne dringt, dann über breite Plätze, auf die sie niederbrennt, daß die Pflastersteine zu rauchen und die Statuen und Brunnenfiguren zu glühen scheinen. Claire sah ermüdet aus, wollte aber nicht zugeben, daß sie es war, und scherzte über Arnolds Besorgnisse.

Die Tage, an welchen sie mehr Ruhe haben würde, rückten ohnedies mit demjenigen heran, an welchem Emil Meiberg seine Maturitätsprüfung ablegen sollte. Dann zog die Familie fort und entschädigte sich für ihr ungewöhnlich langes Verweilen in der Stadt durch einen bis über den Spätherbst hinausgedehnten Aufenthalt auf dem Lande.

»Und was gedenken Sie indessen zu thun?« fragte Arnold.

Dasselbe, was sie immer that in der todten Saison, erhielt er zur Antwort. Ein paar Lectionen geben — zwei 246 bis drei, nicht der Rede werth. Auf ihren Gängen durch die Stadt die Modemagazine studiren und sich durch den Anblick des dort Geschauten begeistern zu lassen. Hilf Gott, man braucht Ideen! Die Zeit ist da, einen Staat herzustellen, zu welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der jenem jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt für eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie verkehrt, es verlangen. Und wenn das zu Ende gebracht sein wird, dann sehr oft mit rechtem Behagen die Hände in den Schoß legen. Am Abend das Fenster öffnen und sich der Sternguckerei ergeben, die lauter Wonne und Erhebung ist.

»Schöne Ferien, die Sie sich da gönnen!« rief Arnold. »Wirklich, Sie verlassen die Stadt nie? Unternehmen nie eine kleine Reise? Sie haben niemals bei Sonnenuntergang auf einem Berg gestanden? Sind noch nie in das Geheimniß eines Waldes gedrungen? Sie haben den klaren Spiegel eines Sees nie erblickt?«

»Niemals,« fiel die Baronin ein, »wie sollte sie? ... Im Kloster, in dem sie erzogen wurde, herrschte Clausur. Aus dem Kloster trat sie in Verhältnisse, die sie theils am Lehrtisch, theils am Siechbett festhielten. Ohne Erholungspausen dazwischen. Das tägliche Brot wollte täglich erworben, die Kranken wollten täglich gepflegt werden. Man kann dem Hunger nicht sagen: Warte, und dem Leiden nicht: Setz' ein wenig aus ... Das 247 ging so fort bis zum Tod der Eltern, und wie es seitdem geht, wissen Sie.«

Wohl wußte er's, und er wußte auch, daß es nicht länger so fortgehen durfte.

In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen eben aus Deutschland eingetroffenen Brief: die gewöhnliche Einladung nach dem kunstsinnigen Hof, an welchen er alljährlich berufen wurde, nur dieses Mal früher als sonst abgesandt und dringender und schmeichelhafter denn je. Man bereitete große musikalische Aufführungen vor und verlangte dabei nach dem Rathe und der Gegenwart des ausgezeichneten Kenners.

Die erste Regung Arnolds war: annehmen, sich losreißen, Claire ihrem Eigensinn überlassen. Bald jedoch erschien ihm das zu grausam gegen sie und unwürdig seiner selbst. Er wollte einen letzten, einen entscheidenden Versuch machen, sie zum Nachgeben zu bewegen. Widerstand sie — ihre Sache; dann hatte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben und mochte sehen, wie sie die monatelange Trennung von ihm trug.

Am nächsten Tag, zur Stunde, die Claire daheim zubrachte, bevor sie sich zu Meibergs begab, schellte er an der Wohnung der Baronin. Diese selbst öffnete. Er ließ ihr nicht Zeit, ihn zur Rede zu stellen über sein unbefugtes Erscheinen, entschuldigte mit kalter Höflichkeit, daß er durch Umstände gezwungen sei, die Consigne zu brechen, und trat an ihr vorbei in das Zimmer. Ein Aufschrei freudiger Ueberraschung begrüßte ihn; Claire 248 erhob sich vom Arbeitstisch, an dem sie gesessen, auf das Emsigste mit einer feinen Arbeit beschäftigt. Sie hatte an einem durch einen argen Riß beschädigten Spitzenschleier genäht, der Karoline zur raschen Heilung anvertraut worden und heute noch abgeliefert werden mußte. Die Baronin vermochte nicht, die kunstvolle Arbeit zu beendigen, da sie zu sehr in Anspruch genommen war von der Pflege ihres Kranken, und so leistete denn Claire hülfreiche Hand. Bestürzt über den ernsten und inquisitorischen Blick, den Arnold auf sie und ihre Arbeit geworfen hatte, brachte sie diese Erklärung hastig und erröthend vor.

Er bat sie, sich nicht unterbrechen zu lassen; Claire nahm ihren Platz wieder ein; er setzte sich ihr gegenüber, wartete, schwieg und dachte: Du bist das Aermste, das lebt.

Nun breitete Claire den Spitzenschleier auf dem Tische vor Arnold aus. »Sehen Sie hierher! Das nennt man flicken. Wer entdeckt da die Spur eines Makels?«

Er ergriff ihre Hand. »Wunderschön haben Sie es gemacht, Geliebteste, und in edler Selbstverleugnung habe ich Ihnen Zeit dazu gelassen. Jetzt ist's geschehen, und es giebt nichts mehr zu thun, als mich anzuhören.«

Claire blickte mit offenbarer Bangigkeit zu ihm empor. »Was ist Ihnen? Sie sind so feierlich, ich bemerkte es schon früher. Habe ich Etwas gethan, das Ihnen mißfiel? ... Sprechen Sie, sprechen Sie doch!«

»Mir ist auch feierlich zu Muthe, liebe Claire. Ich habe einen unwiderruflichen Entschluß gefaßt und bin da, 249 ihn zu verkünden. Unsere Probezeit muß abgekürzt werden. Sie haben Ihre letzte Unterrichtsstunde gegeben. Ich kann und will nicht mehr zusehen, wie Sie sich im Dienst einer Pflicht aufreiben, deren Erfüllung ich Ihnen so leicht abzunehmen vermag. — Geben Sie mir ein Recht dazu — ich fordere es.«

»Mein Gott, mein Gott!« sagte sie leise und gepreßt. »Was ficht Sie so plötzlich an? — Ich bin ja nicht frei — ich kann ja nicht über mich verfügen ...« Die Stimme versagte ihr, sie rang nach Athem.

Arnold sprang auf, umschlang sie und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Sie ließ es geschehen. Einen kurzen Augenblick versank für sie die Welt mit all' ihrem Leid, mit all ihren Anforderungen ... Ihm aber war, als hätte er sie nie heißer, nie besser geliebt.

»In vier Wochen sind wir verheirathet,« sprach er, »und ich entführe Sie in unsere Alpen. Wir werden wandern, wohin es Ihnen gefällt, und wohnen, wo Sie wollen — am Saume des Waldes, am Ufer des Sees, im grünen Thal oder auf dem Gipfel des Berges... Haben Sie sich noch nie in die herrliche Welt hinausgesehnt? Doch — nicht wahr? ... Sie werden diese Welt jetzt sehen, diese fremde, nie gekannte, und Ihnen wird sein, als kämen sie in die Heimath zurück.«

Mit immer wärmeren Worten, hingerissen von seiner eigenen Beredtsamkeit, malte er ihr die nächste Zukunft als eine Reihe von freudenhellen Tagen aus, und sie hörte ihn lächelnd an und sagte nur manchmal: »Träume! Träume!« 250

»Wirklichkeit!« rief er.

»Nein, nein — bevor ich ein neues Leben beginnen darf, muß ich mit dem alten abgeschlossen haben. Ich muß abgeschlossen haben,« setzte sie zagend hinzu, da er sich unwillig abwendete. »Alles kann ich von Ihnen annehmen, nur das nicht, daß Sie meine Schuld gegen meine Todten abtragen.«

Arnold trat einige Schritte zurück, kaum unterdrückte er den Ausbruch seines Zornes. So verletzt fühlte er sich, so gering geschätzt, daß er sogar verschmähte, ihr Vorwürfe zu machen, und nur leise und heftig sprach:

»Wenn Sie mich heute mit einem Nein entlassen, so haben Sie etwas gethan, das kein später gesprochenes Ja wieder gut machen kann.«

Auch Claire war aufgestanden. Ihre gesenkten Lider bebten, sie stützte sich mit den Fingern der rechten Hand leicht auf den Tisch, indeß die linke an ihrer zarten Gestalt niederhing. Ein stiller Seelenkampf vollzog sich in ihr, der keinen Ausdruck mehr fand, vielleicht keinen mehr suchte, den nur das Zittern der fest auf einander gepreßten Lippen verrieth.

Und von Neuem faßte es ihn mit unsäglichem Erbarmen. »Sie quälen sich und mich muthwillig,« sagte er. »Wäre ich noch der, der ich war, bevor meine Liebe zu Ihnen mich zum Schwächling machte, würde ich Ihnen sagen: Geben Sie jetzt nach oder lassen Sie uns jetzt scheiden... Aber ich spreche das Wort nicht aus, weil ich fürchte, es nicht halten zu können.« 251

Die ganze Verwerfung seiner selbst, mit der diese Erkenntniß ihn zu erfüllen schien, klang aus seinem Tone, und trotziger setzte er hinzu: »Sie werden mich abermals vertrösten, und ich werde mich abermals vertrösten lassen ... Wenn es aber geschieht, wenn ich, heute abgewiesen, wiederkomme, dann mögen Sie mich mit dem Bewußtsein empfangen, einen unversöhnlichen Zwiespalt in mir erregt zu haben.«

»Herr Bretfeld,« stammelte Claire beschwörend, »Herr Bretfeld ...« Sie war todtenblaß geworden; starr und unverwandt ruhten ihre Augen auf ihm.

Und er sah, daß er nun endlich das Rechte getroffen hatte, daß es ihm gelungen war, ihre Kraft und ihren Stolz zu beugen ... Er sah es triumphirend und gerührt, und verschloß sein Inneres der Stimme, die ihm zuflüsterte: Der Zwiespalt, von dem du sprachst, besteht nicht — du könntest dich losreißen, du könntest!

Zärtlich umfing er die Geliebte, indes sie sagte:

»Das soll nicht sein, um Ihre Selbstachtung darf ich Sie nicht bringen. Lieber mich um die meine,« schaltete sie fast unhörbar ein. »Ich sage ja zu Allem; nehmen Sie mich denn, wie ich bin — ärmer als arm.«

»Aermer als arm, aber dennoch wird Verlobung gefeiert«, wiederholte eine scharfe Stimme. Die Baronin war eingetreten.

»So ist es,« erklärte Arnold, »heute Verlobung, in vier Wochen Vermählung.«

Claire ergriff und küßte die Hände der alten Frau. 252 »Verzeihe,« bat sie, »ich bin undankbar gegen Dich; ich folge ihm, ich verlasse Dich, Du bleibst allein.«

»Was läge daran,« versetzte ihre Freundin; »aber Du handelst unvernünftig und in Folge dessen unrecht, und das ist schlimm. — In vier Wochen?« wandte sie sich an Bretfeld. »Da muß also von Ihnen aus Alles in Ordnung gebracht worden sein. Da haben Sie aus eigener Machtvollkommenheit das Verhältniß zum Hause Meiberg, das Claires Zukunft gesichert hätte, gelöst. Da haben Sie auch schon für eine Ihrer Braut gebührende Aufnahme in der Familie Bretfeld gesorgt.«

»Das Alles wird geschehen, verlassen Sie sich darauf.«

»Wird?« fragte die Baronin mit spöttischem Erstaunen, »ist noch nicht?«

»Nehmen Sie an, daß heute morgen sei,« entgegnete Arnold rasch und gereizt, »dann wird es geschehen sein ... Uebrigens bin ich kein Kind, das um Erlaubniß zu bitten braucht; ich bin gewohnt, den Meinen mit fertigen Thatsachen entgegenzutreten; und was Claire betrifft, so ist sie keine Sklavin.«

»Doch! entschuldigen Sie; sie ist, da sie redlich ist, Sklavin ihres Wortes,« entgegnete die Baronin, und setzte nach kurzer Pause hinzu: »von der Stunde an, in welcher Sie mit Ihren Verwandten gesprochen haben werden und mit oder ohne deren Zustimmung auf Ihrer Heirath mit Claire beharren. Bis dahin bleibt Alles beim Alten, das fordere ich — einen Schatten von Mutterrecht wird 253 mein Pflegekind mir zugestehen ... Ich weiß, ich weiß —« wehrte sie die Betheuerungen Claires ab und richtete wieder das Wort an Arnold: »Fügen Sie sich.«

»Worein?« rief er. »In das Bewußtsein, daß Sie mir mißtraut haben vom ersten Tage und mir mißtrauen werden bis zum letzten?«

Er wartete auf einen Widerspruch, der nicht erfolgte. »Und Sie —« brach er aus, »und Sie, Claire?«

»Und ich,« lautete ihre Entgegnung, »vertraue Ihnen blindlings, grenzenlos; ich sage, was Sie thun, das ist das Rechte ... Aber aus Liebe zu mir überzeugen Sie auch diese Ungläubige, die — gleichfalls aus Liebe zu mir — gegen Sie fehlt. Erfüllen Sie ihren Wunsch.«

Er ließ sich bewegen, er gab nach.

Von ihm geleitet, trat Claire, viel zu spät — wie sie bald mit einem Schrecken, der ihn lachen machte, entdeckte — ihren Gang zu Meibergs an. In der Stadt nahm er von ihr Abschied und schlug einen Weg ein, den er noch nie freudig gegangen war, den Weg zur Wohnung seines Onkels Johann Bretfeld. Das war der alte und kinderlose Chef des reichen Hauses, das Orakel, vor dessen Sprüchen und Beschlüssen die sonst so steifen Nacken der Kaufherren Bretfeld, seiner Neffen, Geschäftstheilhaber und einstigen Erben, sich unbedingt beugten.

Claire jedoch schritt weiter, von Träumen umwoben, die sich immer lieblicher gestalteten. In vier Wochen seine Frau ... War's denn wirklich möglich? Geschehen solche Wunder? Verwandelt diese gütige Vorsehung, an 254 welcher sie nie gezweifelt hat, für manchen über alle Maßen Begnadeten den dornenvollen Weg zum Himmel in eine Wanderung so schön und wonnehell, daß Engel das Menschenkind darum beneiden könnten? ... Seligkeit ohnegleichen — seine Frau sein, seine Genossin ... Und durch dieses höchste Glück, das zu erkaufen kein Opfer groß genug gewesen wäre, zugleich auch befreit werden von aller Sorge und Mühsal, den bitteren Kampf nicht mehr kämpfen müssen, den jeder Morgen erneute und zu dem nicht mehr jeder Morgen die alte Freudigkeit brachte ...

Als Claire an ihrem Ziel anlangte und die Treppe betrat, auf welcher sie dem Geliebten zum ersten Mal begegnet war, athmete sie tief und blieb einen Augenblick in stilles Sinnen versunken stehen.

»Fräuln,« wurde sie plötzlich angerufen. Der Portier war aus seiner Loge getreten und winkte ihr, den Hut im Genick, mit dem silberbeschlagenen Stock vertraulich zu. »Was ist's denn mit Ihnen? Die Herrschaften schicken schon in einem fort fragen, ob Sie nicht haben absagen lassen, die Herrschaften sind schon bei Tisch.«

Eilends begab Claire sich nach dem Speisesaal und fand dort in der That die Familie bereits versammelt. Feierliches Schweigen empfing sie, nur unterbrochen durch ein Freudengeschrei Chouchous, in das Baby einstimmte. Sie wurden sofort zur Ruhe verwiesen. Die Gräfin heftete auf Claire, als diese, sie begrüßend, an der Tafel Platz nahm, einen langen, vorwurfsvollen Blick, senkte 255 ihn dann auf ihren wohlbesetzten Teller und führte mit verächtlicher Leidensmiene einen Bissen nach dem anderen langsam zum Munde. Die Comtessen und Gräflein guckten voll mehr oder minder unschuldiger Schadenfreude abwechselnd Mama und Claire an, und Chouchou und Baby, die seit dem Eintreten der Letzteren in einen Kampf mit ihren Bonnen gerathen waren, machten sich plötzlich von ihren Bändigerinnen los und stürzten jubelnd auf Claire zu. Mit Donnerstimme befahl der Graf die kecken kleinen Gesellen auf ihre Sessel zurück, und als die unversehens Angewetterten vor Schrecken in Geheul ausbrachen, wurden sie in ihre Zimmer geschickt.

Nach dieser Katastrophe trat eine wahre Kirchofsstille ein. Unhörbar für Jeden, außer für Den, an den es gerichtet war, machte die Stiftsdame dem Hofmeister das Geständniß, daß »in ihr Alles koche«. Die Gräfin aber salzte den Spargel, den sie eben aß, mit einer Thräne.

Nach kurzer Weile erlaubte sich Claire, beim Grafen Fürsprache für ihre Zöglinge einzulegen; er aber reagirte nicht darauf, sondern sprach: »Sie unpünktlich, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr lang ... Ei, ei, Fräulein Dübois, unpünktlich zum ersten Mal im Leben!«

»Lassen Sie mir das als Entschuldigung gelten, Herr Graf,« entgegnete Claire mit wunderbarer Gelassenheit.

»Was haben Sie denn für ein Gewissen?« flüsterte Marie, ihre Nachbarin, ihr neckend zu. »Sie versündigen sich gegen die Hausordnung, richten ein Familienunglück 256 an und gerathen darüber nicht einmal ein bischen in Verzweiflung.«

Nun erhob die Gräfin ihr betrübtes Angesicht. »Es ist doch außerordentlich merkwürdig, das ...« Der Satz blieb unvollendet, dank der stets geübten Selbstüberwindung der edlen Frau und ihrer Rücksicht gegen Untergebene. Erst zwei Stunden später, als sie mit ihrer Schwester ins Theater fuhr, begann sie von Neuem: »Es ist doch außerordentlich merkwürdig, daß Fräulein Claire es nicht der Mühe werth gefunden hat, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.«

»Das kommt daher,« erwiderte die Stiftsdame, »daß Ihr sie verwöhnt habt. Ich sage immer, man darf die Leute nicht verwöhnen.«


»Onkel und Tante zu Hause?« fragte Arnold, in das große, kahle Vorzimmer der Wohnung Johann Bretfelds tretend.

»Jawohl,« antwortete die Zofe, an welche er seine Worte gerichtet hatte. »Die Herren August und Vincenz haben da gespeist und die Damen auch, und —« setzte sie hinzu und zupfte schmunzelnd an ihrer weißen Schürze, »das Fräulein Josephine Bretfeld ist auch da.«

Josephine Bretfeld ... die einzige Tochter des Consuls Bretfeld, die ihm von den Seinen bestimmte Braut, das junge Mädchen, mit dem zusammenzutreffen er sich bis jetzt so standhaft geweigert, sie hier? 257

»Ist heute aus Paris angekommen mit dem Herrn Papa und bei uns abgestiegen,« fuhr die Zofe fort, nicht ohne Ergötzen an der Bestürzung, die ihre Nachricht hervorgebracht hatte.

Arnold griff rasch in die Westentasche, zog ein Paar zerknitterte Guldenscheine heraus und drückte sie der Dienerin in die Hand. »Sagen Sie Niemand, daß ich hier gewesen bin,« sprach er, indem er sich hastig dem Ausgang zuwandte. — Da wurde die Thür des Speisezimmers aufgerissen, und August erschien.

»Nun, Musicus, bist einmal da?« rief er dem Bruder zu und wiegte dabei behaglich seine hohe, schmächtige Gestalt mit der eingedrückten Brust und den vorgebogenen Schultern. »Wir haben Dich vom Fenster aus kommen sehen und Alle gelacht über den Zufall, der Dich gerade heute herführt. Nur herein also, nur herein.« Er schwankte voraus wie ein Boot im Winde, die Thüren hinter sich offen lassend, und Arnold blieb nichts übrig, als ihm durch eine Reihe steif und unwohnlich eingerichteter Gemächer bis in den Salon zu folgen.

Da saß der wohlbekannte Kreis in der wohlbekannten Weise. Auf dem altmodischen, mit rothem Brocat überzogenen Canapé die alte Tante Johanna, in silbergrauem Taffet mit einer gewaltigen weißen Haube auf dem noch stramm gehaltenen Kopfe. Rechts und links von ihr auf geradlehnigen Fauteuils ihre Nichten, die Zwillingsschwestern Elise und Bertha, zwei strenge Schönheiten, mittelgroß, wohlproportionirt, mit länglichen ebenmäßigen 258 Gesichtern, die bereits zur Ueppigkeit neigenden Körperformen in eng anliegenden Küraßtaillen von gelbbraunem Atlas eingedämmt. Den Damen gegenüber verschwand beinahe in einem großen, tiefen Lehnstuhl der greise und winzige Chef des Hauses Bretfeld. Seine Füße, die nicht bis zum Fußboden gereicht hätten, ruhten auf einem Schemel. Er horchte, den Mund halb geöffnet, mit der Neugier der Tauben nach allen Seiten hin und schien kein Wort des geführten Gespräches verlieren zu wollen.

»Arnold ist da!« rief August ihm nun zu und beugte sich zu ihm nieder.

»Wer?« fragte der Greis.

»Arnold,« wiederholte, ihm ins andere, ins bessere Ohr schreiend, sein Neffe Vincenz. Das war der »elegante« Vincenz, das leibhaftige Widerspiel Augusts. Kurz und gedrungen, schwarzäugig, schwarzbärtig, zu sorgfältig gekleidet, zu gut frisirt, den kleinen Finger jeder Hand mit einem Ring geschmückt, dessen Brillant fixsternmäßig funkelte.

Der Anblick dieser Ringe genügte sonst, um Arnolds Spott zu reizen und in ihm die Lust zu erwecken, den kargen Vorrath von abgedroschenen Späßen, aus dem das Unterhaltungsbedürfniß der Seinen gedeckt wurde, mit einigen lustigen Witzen aufzufrischen. Heute fertigte er die Familie mit einer kurzen Begrüßung ab. Seine ganze, seine staunende Aufmerksamkeit wurde von der neuen Erscheinung in Anspruch genommen, die er bei seinen Angehörigen traf, von dem Mädchen, das er sich 259 eben angeschickt hatte zu fliehen ... Himmel und Erde! wie schön war dieses schlanke Geschöpf, mit den herrlichen aschblonden Haaren, das ihn aus großen Augen ansah und seine tiefe Verbeugung so unbefangen erwiderte, daß kein Zweifel walten konnte über ihre Unkenntniß der Absichten, welche ihr Vater mit dem Besuch der Verwandten in Wien verband — im vorigen Jahre wenigstens verbunden hatte, als Arnold, der Wahl, die seine Brüder für ihn getroffen, mißtrauend, einer Begegnung mit dem Gegenstand derselben schnöde ausgewichen war. Wer konnte aber auch den schwerfälligen Kaufleuten, den Männern ihrer Frauen, einen so ausgezeichneten Geschmack zutrauen? Sie waren aus Paris gekommen, entzückt von ihrer Nichte Josephine und deren Lob in allen Tonarten singend. Arnold jedoch hatte aus ihren Hymnen nichts herausgehört als den Schrei der Sympathie der Millionen des Hauses Bretfeld senior für die Millionen des Hauses Bretfeld junior. Welch' ein Irrthum, welch' ein Unrecht, an dem anmuthigen Wesen begangen, das jetzt vor ihm stand, so natürlich, so einfach, so ernst — und so jung! ... so jung! — Welcher Contrast zwischen der liebenswürdig ungezwungenen Art und Weise dieses weltgewandten Kindes und den hölzernen Manieren seiner Schwägerinnen, die immer verfangen in einem Netz von Ansprüchen und doch immer verlegen waren, und zweierlei Benehmen hatten, eines für die Gesellschaft und eines für das Haus.

Arnold mußte bekennen: die Absicht, die seine Brüder mit ihm gehabt, war eine gute gewesen. — Unglaublich 260 nur, unverzeihlich fast erschien ihm, daß er, der Bräutigam von drei Stunden, ein Auge haben konnte, ein waches und scharfsichtiges Auge für die Vorzüge eines anderen Wesens als desjenigen, das er erkoren und errungen. Indessen war ja sein Schicksal besiegelt, und das Wohlgefallen, welches das schöne Mädchen ihm einflößte, ein rein künstlerisches. Immer behaglicher gab er sich dem Vergnügen, mit ihr zu plaudern, hin und fand die Störung höchst unangenehm, die der Vater Josephinens verursachte, als er erschien, um sie zur Oper abzuholen.

Consul Bretfeld kam vom Diner beim Handelsminister und war gar freundlich anzuschauen, wie er daherschnellte federnden Ganges, im Schmucke seiner vielen Orden. Sein rundes, röthliches, von Selbstzufriedenheit strahlendes Gesicht verdüsterte sich, als er Arnold gewahrte, und ziemlich trocken erwiderte er auf dessen Anrede:

»Noch nicht zu Hofe gefahren, Herr Vetter? Hat es damit in diesem Jahre weniger Eile als im verflossenen? Oder ist noch keine Einladung erfolgt?«

»Doch,« antwortete Arnold, »ich habe sie bereits erhalten.«

»Und ihr noch nicht entsprochen?«

»Noch nicht; es ist sogar wahrscheinlich, daß ich sie ablehnen werde.«

»Hahaha!« platzte August heraus und rieb sich geräuschvoll die knochigen Hände.

»Johanna, was hat er gesagt?« rief der Chef des 261 Hauses seiner Frau über den Tisch zu. Vincenz kicherte, Elise und Bertha sahen ihre Männer mit zur Ordnung verweisenden Blicken an. Der Consul aber näherte sich der Tante, küßte ihr zierlich die Hand, versprach, nach dem Theater seine Tochter persönlich in das gastfreie Verwandtenhaus zurückzugeleiten, winkte dem Mädchen, voranzugehen, und empfahl sich, von August und Vincenz geleitet. Gern wäre Arnold dem Beispiel der beiden gefolgt, doch widerstand er dieser Versuchung und setzte sich auf den von Vincenz verlassenen Sessel an die Seite seines Oheims.

Der Greis hob den Kopf. »Nun, was sagst Du?« fragte er gespannt. »Sprich aber laut, daß ich's hören kann.«

»Hören Sie denn, lieber Onkel,« nahm Arnold nach einer Pause, während welcher seine Brüder wieder in den Salon getreten waren, das Wort. »Ich bin gekommen, um Ihnen, meiner verehrten Tante und meinen Geschwistern mitzutheilen ...« — die Ruhe, mit der er begonnen hatte, drohte ihn zu verlassen, und mit erzwungener Festigkeit schloß er: »daß ich mich heute verlobt habe.«

»Verlobt!« Alle Lippen wiederholten das Wort, theils erschrocken, theils ungläubig, nur August lachte: »Dummer Spaß!«

Den Onkel überkam plötzlich eine große Lustigkeit. »Ei der tausend — da schau' einer den Burschen an!« Er schlug mit dem geballten Fäustchen, so stark er konnte, 262 auf Arnolds Knie. »Er macht Späße über seine Verlobung ... dürfte bald Ernst werden, was? Nun, wie sieht sie aus, die Braut? ... Ist sie reich? ist sie schön? wie heißt sie?«

»Sie ist nicht reich und heißt Claire Dübois.«

»Wie?« fragte der Alte, der schlecht verstanden zu haben glaubte, und Arnold rief ihm den Namen noch einmal laut ins Ohr.

Es entstand eine allgemeine Stille.

Elise unterbrach dieselbe zuerst, indem sie mit schneidendem Spotte sprach: »Ich entsinne mich eines Tanzmeisters Dübois.«

»Ganz recht,« entgegnete Arnold, und seine Wimpern zuckten, »dessen Tochter ist meine Braut.«

Der kleine Onkel wand sich vor Lachen in seinem großen Fauteuil, und Tante Johanna lachte mit, sehr erfreut, ihren alten Herrn so munter zu sehen. Die beiden Schwestern blieben stumm; August sagte noch einmal: »Dummer Spaß,« und Vincenz brummte: »Willst Du uns zum Besten haben? ... Du — und eine Tanzmeisterin!«

»Das ist sie nicht ... lernt sie doch kennen ... erlaubt mir, Euch meine Braut vorzustellen.«

Ein ablehnender Ausruf der drei Damen beantwortete diese Zumuthung. August und Vincenz traten dem jüngeren Bruder entgegen, der sich seinerseits erhob. Niemals erklärten sie, werde Fräulein Dübois ihre Schwelle überschreiten; den Vorschlag, Erkundigungen nach ihr einzuziehen, 263 wiesen sie entschieden von sich. Nicht einmal einen Tag lang sollte es heißen, die Familie erwäge, fasse das Undenkbare als eine Möglichkeit ins Auge.

»Du irrst, Arnold,« mischte Elise sich in den Streit, »wenn Du glaubst, daß ich Deine Erkorene niemals gesehen habe. Ich besinne mich jetzt, ihr in einem Hause begegnet zu sein, in dem sie Lectionen gab. Eine verblühte Person, mein Lieber, die sich auf die Jugendliche spielt.«

»Verblüht auch?« polterte Vincenz, »dafür aber natürlich um so erfahrener. O, Du Musicus! ... sich so fangen zu lassen, von einer Intrigantin, einer Tänzerin, einer Französin.«

»Kein Wort über sie!« rief Arnold; aber er wurde überstimmt. Was wußte er von der Welt, er, ein Bewohner von Wolkenkuckucksheim, von Natur dazu verurtheilt, hinters Licht geführt, betrogen und ausgebeutet zu werden.

Ein häßlicher Kampf entspann sich. Jeder Ausdruck von Gutmüthigkeit war aus dem fahlen Gesicht Augusts verschwunden, der elegante Vincenz hatte sich in einen plumpen, Verleumdungen hervorstoßenden Gesellen verwandelt. Arnold öffnete den Mund nicht mehr. Wie fern stehen mir diese Menschen, dachte der Freund des Schönen.

Mit regstem Interesse horchte der greise Oheim dem laut geführten Streit seiner Neffen zu.

»Bleibst Du trotzdem dabei?« ließ August seinen Bruder an. 264

»Ich bleibe dabei,« erhielt er zur Antwort.

»Johanna, was hat er gesagt?« kreischte der Chef.

Seine Frau gab ihm einen Wink; sie standen auf und schritten Arm in Arm in das Nebenzimmer, wo man sie, trotz der verschlossenen Thür, sprechen hörte. Ihre Unterredung war bald zu einem Schlusse gelangt, und feierlich traten sie wieder ein und auf den Helden dieser Familienscene zu.

»Du heirathest also wirklich die Tänzerin?« fragte der Greis.

»Ich heirathe Claire Dübois.«

»Nun denn, Arnold, mein Junge« — die kleine Gestalt des Alten schien noch mehr in sich zusammenzuschrumpfen, und sein kahler, eckiger Kopf zitterte heftig — »nun denn, so muß ich Dich enterben. Es thut mir leid, mein Junge, aber Bretfeldsches Geld darf nicht auf Tanzmeisterkinder übergehen.«

»Es ist kein Geld wie ein anderes,« sprach die Tante, »es ist in ehrenwerther Arbeit erworbenes Geld, das wir nur ehrenwerthen Händen anvertrauen wollen.«

»Vincenz,« befahl der Onkel, »geh' hinüber ins Comptoir und bringe mir Arnolds conto corrente

Wenige Minuten später legte Vincenz ein großes Buch auf den Tisch, vor das der Chef sich stellte und dessen lange Zifferreihen er musterte wie ein Feldherr seine Truppen. Jetzt sollte mit dem Musicus abgerechnet werden. Bisher hatte man es nicht gethan, sondern ihm die Summen gegeben, die er verlangte. Wenn er viel 265 Geld ausgab für seine Musikinstrumente oder seine Bildersammlung, sagte August höchstens: »Bist ein Clavier- und Geigen-Don-Juan,« oder: »Schon wieder ein Bild gekauft? Mußt immer Bilderln anschauen wie ein kleines Kind.«

Und immer war vom alten Herrn entschieden worden: »Zahlt, aber nicht von dem Seinen, ich streck ihm vor. So lang' er's nicht ärger treibt, streck ich vor. Laßt ihm das Seine nur beisammen.«

Der alte Herr hatte ihn ein für allemal acceptirt als den Unmündigen in der Familie, für dessen Wohl gesorgt werden muß, weil er nicht selbst dafür zu sorgen versteht. Eine andere Gestalt jedoch nehmen die Dinge an, wenn der liebe Junge sich loslöst aus dem Verband des Hauses, wenn man nicht mehr den zukünftigen Erben in ihm zu schonen hat.

»Soll und haben,« murmelte der Greis.

August und Vincenz zogen Bleistifte und Blocks aus den Taschen und schrieben mit fast komischer Geschwindigkeit Zahlen auf; der Chef rechnete im Kopfe.

»39651 Gulden und 40 Kreuzer,« sprach er nach kurzer Zeit, und zugleich legten August und Vincenz ihre Blocks vor ihn hin und wiederholten: »39651 Gulden und 40 Kreuzer.«

»Wenn ich mich bezahlt mache — und ich werde mich bezahlt machen —, heute Dein ganzes Vermögen, mein lieber Junge,« sagte Onkel Johann.

»Wie?« rief Arnold in Bestürzung aus. 266

»Ja, ja, lieber Junge, Du hättest das längst wissen können, wenn Du Dich um Deine Sache gekümmert hättest. Deine Eltern haben Vincenz und Dich auf den Pflichttheil gesetzt, damit August das Geschäft in der alten glänzenden Weise fortführen könne. Der hier« — wies auf Vincenz — »ist ein Mehrer, hat auch vernünftig geheirathet; das Seine ist gewachsen. Du bist ein Zehrer, willst nicht vernünftig heirathen; das Deine ist zusammengeschmolzen und wird bald nichts mehr sein. Die arme Tänzerin, ich muß sie bedauern. Sie hat sich verrechnet. Du wirst als Ehemann nicht so großmüthig gegen sie sein können, wie Du es gewiß als Courmacher gewesen bist.«

»Onkel!« schrie Arnold gepeinigt; und der Alte hob sogleich wieder an mit seiner schrillen und zitternden Stimme: »Ich bitte Dich, überleg's! Sie besitzt keinen der äußeren Vorzüge, die uns Männer blenden und hinreißen, aus eigenem Antrieb Dummheiten zu machen; ihre Reize haben Dich nicht verführt, Du kannst nur gefangen worden sein ... Sei doch kein Narr und sieh es ein: eine solche Verblendung ist kein Unglück mehr, ist eine Schande.«

Die Zustimmung der Uebrigen begrüßte diesen Ausruf des Chefs, und Arnold wußte, daß er sich sechs Menschen und einer Meinung gegenüber befand, einer unerschütterlichen Meinung, in welcher Claire ungesehen gerichtet und ungehört verdammt war.

Jede gute Regung in ihm bäumte sich auf gegen 267 diese engherzige grausame Ungerechtigkeit, und stolz aufgerichtet im Gefühl seines höheren Werthes sprach er:

»Ich bin nicht verblendet, Ihr seid es, und zwar in der Weise, die Eurer Phantasie entspricht. Ich hätte nichts Anderes erwarten sollen. Nun bleibt mir die ewige Reue, den Namen Claires vor Euch genannt zu haben.«

»Johanna, was sagt er?« rief der Greis, und Arnold, der sich schon zum Gehen gewendet hatte, sah, noch einen letzten Blick zurückwerfend, daß die Augen des Alten mit einem Ausdruck schmerzlicher Bangigkeit auf ihn gerichtet waren.


Am nächsten Tage beklagten sich die Eltern der Gräfin Meiberg darüber, daß Claire gestern bei der Partie sehr zerstreut und gar nicht wie sonst gewesen, auch ungewöhnlich früh fortgegangen sei. Was mag sie gehabt haben? Vielleicht Migräne? Die meisten Lehrerinnen haben Migräne. Bisher war Claire von diesem Uebel verschont geblieben; wie fatal, wenn es sich gerade jetzt, da man ein dauerndes Engagement mit ihr abgeschlossen, einstellte.

Von dieser Besorgniß erfüllt, begab sich die Gräfin nach der Kinderstube, in welcher Claire, wenn sie heute pünktlich gewesen, vor fünf Minuten eingetroffen sein mußte.

Sie war da. Sie saß am Tische zwischen Chouchou und Baby und erzählte ihnen eine Geschichte, eine durchaus 268 nicht traurige, sondern eine lustige Geschichte, über welche die kleinen Jungen schon oft herzlich gelacht hatten. Heute aber lachten sie nicht. Sie sahen vielmehr ganz verdutzt drein und starrten regungslos und unverwandt auf den Mund der Erzählerin. Diesen hübschen und edlen Mund umspielte, während er von heiteren Dingen sprach, ein unstät flatternder Leidenszug, und so oft Claire auch versuchte, ihre kleinen Zöglinge freundlich und heiter anzublicken, immer wieder senkten sich ihre Lider rasch und unwillkürlich. Die Gräfin war an den Tisch getreten, nachdem sie Claire durch einige Worte aufgefordert hatte, sich nicht unterbrechen zu lassen. In der Art, in welcher Mama das that, mußte etwas liegen, das Chouchou nicht gefiel, und das er gut zu machen wünschte. Plötzlich sprang er auf und klopfte mit seiner kleinen Hand derb und zärtlich die Wange seiner Freundin. Sie wollte es ihm verweisen, vermochte aber weder zu sprechen noch die Thränen, die ihr in die Augen traten, zurückzudrängen.

Das sehen, sich Claire an den Hals werfen und mit ihr weinen, war eins für Chouchou und für seinen getreuen Nachahmer Baby. Mit größter Mühe hätte die Gräfin eine bessere Gelegenheit, gerührt zu werden, nicht finden können. Seltsamerweise machte sie von derselben keinen Gebrauch. Ihre Ergriffenheit bildete nicht wie gewöhnlich einen feuchten Niederschlag, sondern krystallisirte zu Eis. Es wurde ordentlich kühl im Zimmer, als sie den Blick ihrer lichten Augen über Claire hinweggleiten 269 ließ, ihn auf eine sinnbildliche Darstellung der Charitas heftete, die an der Wand hing und sprach:

»Gestern sind Sie zu spät zu uns gekommen und sind zu früh fortgegangen, heute machen Sie meinen Kindern eine Scene. Das geht nicht; es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß das nicht geht. Besonders nicht diesen Kindern gegenüber, denen ihr Vater vorwirft — und ihr Vater wirft immer nur mit Recht vor —, daß sie den ganzen Tag nichts thun als weinen.«

»Sie werden nicht mehr weinen, es ist schon vorbei; nicht wahr, Chouchou und Baby?« sagte Claire, die wieder Herrin ihrer selbst geworden war, sich erhoben und die Standrede der Gräfin schweigend angehört hatte.

Die Letztere öffnete ihre schmalen, immer trockenen Lippen nur noch zu den Worten: »Wir wollen sehen,« und schritt mit unnachahmlicher Hoheit aus dem Zimmer.

Noch eine Unterrichtsstunde gab Claire an dem Vormittage, dann eilte sie heim wie gejagt.

»Keine Nachricht?« war ihre erste hastig hervorgestoßene Frage an die Baronin, und diese schüttelte, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, verneinend den Kopf.

Claire setzte sich ihr gegenüber. »Er wird selbst kommen wollen,« sagte sie, »er weiß, daß ich bis drei Uhr zu Hause bin.«

»Möglich,« erwiderte Karoline, und lange Zeit wurde kein Wort mehr gesprochen.

»Weißt Du, was ich meine?« unterbrach Claire endlich das Schweigen. »Es ist so: Er hat gestern 270 seiner Familie seine Verlobung mit mir angezeigt, und seine Familie hat die Kunde« — sie machte einen mißlungenen Versuch, einen leichten und scherzenden Ton anzuschlagen — »mit geringer Begeisterung aufgenommen.«

»Wahrscheinlich.«

»Und jetzt kämpft er für mich, um mich.«

»Er kämpft? ... Sagte er nicht, daß er gewohnt sei, seiner Familie mit fertigen Thatsachen entgegenzutreten?«

»Er sagte es; aber er kennt mich, er täuscht sich nicht über die Qual, die der Gedanke mir verursachen würde, Schuld zu sein an einer Entfremdung zwischen ihm und den Seinen. Darum bemüht er sich, mir die Pfade zu ebnen ... offene Arme sollen mich empfangen, das will er; und wie dank' ich ihm! ... Ich könnte es ja nicht verwinden, seine Frau —« Claire wiederholte die letzten Worte mit dem Ausdruck des höchsten Stolzes: »Seine Frau zu sein und nicht aufgenommen, wie es ihm gebührt, von denen, die ihm die Nächsten sind.«

An der Hausthür wurde geschellt — Claire stieß einen leisen bebenden Schrei des Jubels aus und eilte ins Vorgemach. Nach wenigen Minuten kehrte sie zurück — allein.

»Ein Diener der Gräfin Küstin,« sprach sie, »hat das Geld für die Ausbesserung des Spitzenschleiers gebracht. Ich habe den Empfang in Deinem Namen quittirt. Die Gräfin läßt sagen, die Rechnung sei sehr hoch gestellt gewesen.« 271

»Wenn Leute, die von Arbeit keinen Begriff haben, sich doch nicht unterfangen wollten, Arbeit zu taxiren,« entgegnete Karoline und stickte weiter.

Claire schloß die Augen; ihre Hände ruhten müßig in ihrem Schoße. Das Bewußtsein der Zeit, die verstrich, ergriff sie beklemmend, wie etwas physisch Fühlbares. Entsetzlich langsam für die sehnsüchtige Erwartung, fürchterlich rasch für die getäuschte Hoffnung rannen die Stunden dahin.

Manchmal stand die Baronin auf, ging, nach ihrem Kranken zu sehen, und kam dann wieder an den Stickrahmen zurück. Claire wandte den Blick nicht zu ihrer Freundin; sie war gewiß, wenn sie es thäte, würde sie einem strengen Antlitz begegnen, auf dem sich Unzufriedenheit mit ihr malte.

»Halb drei Uhr,« sprach Frau Karoline plötzlich, »Du mußt nun fort.«

Die Angeredete fuhr zusammen. »Und wenn ich nicht ginge?« fragte sie zögernd.

»Thätest Du eben unrecht,« lautete die Antwort.

Eine Viertelstunde später befand sich Claire auf der Wanderung zu Meibergs. Sie ahnte nicht, als sie, die Brücke zum Stadtpark überschreitend, am Kastanienwäldchen vorüberging, daß sich von einer Bank in demselben ein junger schlanker Mann erhoben hatte, der nun auf den Weg trat, den sie eingeschlagen, und ihr nachsah, so lange er sie irgend erblicken konnte. Ihm war nicht wohl zu Muthe, sein Mund bebte schmerzlich, seine 272 Brauen zogen sich zusammen. Er stieß den Fuß heftig gegen den Boden, er dachte: Arme Claire! Mitleid mit ihr schwellte sein Herz, und Groll und Haß gegen Diejenigen, die nicht zulassen wollten, daß sie glücklich werde.

Auch er hatte schwere Stunden gehabt und zum ersten Mal in seinem Leben eine Nacht in heißem Seelenkampfe durchwacht. Von der Unterredung mit seinen Angehörigen war er in seine Wohnung heimgekehrt und rastlos auf und ab geschritten in den hellen, mit künstlerischem Schönheitssinn ausgeschmückten Räumen. Der Augenblick, in welchem er Claire hierher führen und ihr sagen würde: »Tritt ein, schalte und walte, Du bist in Deinem Eigenthum,« der köstliche Augenblick, den er sich so freudig ausgemalt, sollte niemals kommen. Was Arnold der Erwählten jetzt zu bieten hatte, war nicht mehr Wohlstand; diese Wohnung paßte nicht mehr zu den Verhältnissen, in welche er von heute an getreten war; sie mußte aufgegeben und ihre besten Zierden, um die Reichere, als er gewesen, ihn gar oft beneidet hatten, mußten verkauft werden. Es hieß Geld schaffen. Der neue Haushalt, wenn auch noch so bescheiden, mußte errichtet werden. Und dann sollte man leben, und daß man es von den schmalen Renten könne, die sein zusammengeschmolzenes Vermögen abwerfen werde, fiel Arnold nicht ein. »Verdienen« galt's, beträchtlich verdienen! In welcher Weise, lag auf der Hand. Aber ein wahrer Greuel war ihm diese Weise — schon damals, 273 als er sie spielend, mit der hochmüthigen Gleichgültigkeit des vielumworbenen »finishing master's« betrieb. Er pflegte über die Preise zu spotten, mit denen man den Vorzug erkaufte, sich des Unterrichts Herrn Bretfelds rühmen zu dürfen, und ließ das aufgedrungene Geld, das ihn für die Langeweile des »Stundengebens« doch nicht entschädigte, achtlos durch die Finger gleiten. Daß er auf Erwerb keinen Werth legte, das bewies die Lässigkeit, mit welcher er sein so überaus einträgliches Lehramt versah. Als er sich eine Zeit lang, den Begegnungen mit Claire zu Liebe, regelmäßig bei Meibergs eingefunden hatte, erregte diese Pünktlichkeit den Neid aller seiner übrigen Schülerinnen.

Gewesen, diese Zeiten! eine neue Aera beginnt. Der interessante, der schöne, der reiche Herr Bretfeld versäumt keine Lection mehr... Wie merkwürdig! — Ja, er hat eine »dumme Heirath« gemacht und braucht jetzt sein Honorar. Steht es so? — Nun, wenn das Honorar gebraucht wird, dann wird es zugleich billiger, das ist ganz natürlich; und mit seiner »dummen Heirath« und mit seinen billigen Honoraren sinkt Herr Bretfeld von seiner Höhe, sinkt herab zum Lehrer, den man aus Höflichkeit »Herr Professor« nennt und — ausschließt. Die Zeit wird bald dahin sein, in welcher Arnolds Name sein Titel war und ihm die exclusivsten Kreise zugänglich gemacht hatte. Er sah ganz genau, was ihm bevorstand, er kannte die Menschen und das Leben besser, als seine Angehörigen sich's träumen ließen, die meinten, daß Einer, 274 der vom Weltmarkt nichts versteht, von der Welt überhaupt nichts weiß. Er gab keiner Täuschung Raum, gestand sich, daß Alles verfehlt sei, auch der Geliebten gegenüber, Alles. Eine glänzende Zukunft hatte er ihr zu bereiten versprochen, und was er ihr in Wirklichkeit zu bieten vermochte, war nichts Anderes als eine Fortsetzung ihrer jetzigen Existenz. Der Gedanke an Claire war ihm der bitterste; die lange Nacht hindurch quälte er sich damit, eine Hülfe, einen Ausweg zu suchen, entwarf die abenteuerlichsten Pläne, zog die unmöglichsten Wenn ins Bereich seiner Erwägungen, nur das eine nicht: Wenn die Meinen nachgeben würden! ... Die gaben nicht nach; die hatten gesprochen, und wie sie es heute gethan, würden sie es in zehn Jahren wieder thun.

Am Morgen verließ er seine Wohnung und wanderte ziellos in den Straßen umher. Er nahm sich vor, Claire nicht zu schonen, ihr die ganze Wahrheit zu sagen. Und wenn sie dann, wie es ihr so ähnlich sah, werde zurücktreten wollen, dann werde er es nicht zugeben — um keinen Preis .... Was wäre ich, wenn ich das vermöchte, was wäre ich! wiederholte er zahllose Male leise vor sich hin.

In den Stunden, in welchen sie so bang auf ihn gewartet, war er zum Entschluß gekommen, die schlimme Kunde, die er ihr mitzutheilen hatte, nicht selbst zu bringen. Zu grausam für sie, zu peinlich für ihn erschien ihm das, und so hatte er des Augenblickes geharrt, in dem Claire die zweite Hälfte ihres Tagewerks begann, 275 und schlug nun den Weg, den sie eben gegangen war, in entgegengesetzter Richtung ein.

Unweit von dem Hause, dem er zuschritt, wurde er von einem Miethwagen überholt, der vor dem Thore desselben anhielt. Langsam öffnete sich der Schlag, eine kleine Greisengestalt entstieg ihm, schwankte, unsicher auf einen Stock gestützt, über das Trottoir und verschwand im Eingang.

Arnold blieb, starr vor Ueberraschung, stehen.

Nach einer Weile bog er dann in die nächste Seitenstraße ein und spähte von dort nach dem Thor hinüber. Kaum eine Viertelstunde verging, und der Greis kehrte zurück, gab dem seiner wartenden Kutscher ein Zeichen und kauerte sich hastig, als fürchte er gesehen zu werden, in eine Ecke des Gefährts, das mit ihm davonrollte.

Arnold aber eilte ins Haus, rannte die Treppe empor, und von der Baronin auf sein Schellen eingelassen, stürmte er ihr nach in das Zimmer.

»Mein Onkel war bei Ihnen. Was hat er hier gewollt?« fragte er, ergriff beide Hände der alten Frau und schüttelte sie heftig, kaum wissend, was er that.

Freundlicher, als es jemals geschehen, blickte ihm Karoline in das glühende Gesicht. »Er hat Ihnen eine unangenehme Erörterung erspart,« sagte sie. »Sie brauchen mir nichts mehr zu erzählen. Hingegen habe ich Ihnen eine Botschaft zu verkündigen, die Sie in Staunen setzen wird. Ihr Onkel — ja, das Alter zerbröckelt sogar den Stein und erweicht einen Bretfeld — Ihr Onkel meldet 276 Ihnen durch mich, daß er Ihnen acht Tage Bedenkzeit läßt.«

»Was soll das?« rief Arnold. »In acht Tagen werde ich wollen, was ich heute will!«

»Und in acht Monaten, und vielleicht früher schon, blutig bereuen, so gewollt zu haben. Warum gewollt? Nicht weil eine allmächtige Liebe und Leidenschaft Sie treibt, nein, aus Eitelkeit, aus Trotz, weil Ihnen der Muth fehlt, zu sagen: »Ich bitte um Entschuldigung, ich habe mich geirrt.««

»Der Muth? ... das heißt die Schamlosigkeit!«

Die Baronin beantwortete diesen Ausruf mit einer Gebärde unsagbarer Geringschätzung.

»Lauter falsche Empfindungen,« sprach sie, »lauter Hohlheit, lauter Schein. Ein bischen ehrlicher Cynismus wäre mir lieber. Seien Sie doch einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld! Sie haben nachgedacht, ich sehe es Ihnen an; Sie wissen, welche Zukunft mit Ihnen zu theilen Sie Claire einladen. Eine Zukunft voll Mühen, denen Sie nicht gewachsen sind.«

Sie hielt ihm die eindringlichste von allen Reden, eine Rede, die aussprach, was er sich selbst im Stillen schon gesagt, nur klarer, nur schneidiger. Kalt und unerbittlich schilderte sie ihn, wie er war, entkleidete ihn Stück für Stück seiner erborgten Herrlichkeiten und ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrig blieb.

Er suchte sich zu vertheidigen; da hob die alte 277 Frau ihren mächtigen Kopf hoch empor und fragte: »Wenn Sie Alles ungeschehen machen könnten, was sich zwischen dem Tage Ihrer ersten Begegnung mit Claire und dem heutigen begeben hat, würden Sie es thun?«

Arnold erröthete und wandte sich ab. »Ich kann es aber nicht ungeschehen machen.«

Die Baronin lachte triumphirend auf. »Etwas Vergessenes ist so gut wie nie Gewesenes! Vergessen Sie!«

»Vergessen? ein Unrecht, eine Schuld?«

»Pah! Niemand weiß besser als Sie, daß es eine Thorheit wäre, Ihr angenehmes Leben, Ihre schöne Zukunft einer Heirath mit Claire aufzuopfern. Wer sollte Ihnen eine Schuld beimessen, weil Sie eine Thorheit nicht begehen? — ein Thor höchstens. Nun, Herr, ich kenne wenig Menschen, die darauf bestehen, sich selbst einer Schuld zu zeihen, wo kein Kluger eine Schuld findet. Sie gehören nicht zu diesen Wenigen, Sie werden mit Ihrem ›Gewissen‹ so ins Reine kommen. Ferner Sohn des Reichthums, kehren Sie zurück unter das väterliche Dach! Thun Sie es rasch, nicht mit grausamer Langsamkeit. Je plötzlicher Sie sich von Claire losreißen, desto leichter machen Sie es ihr, ihrem Glückstraum zu entsagen. Ich bitte um Schonung für Diejenige, die Ihnen eine vergängliche Liebe, aber — nicht wahr? und mich wundert nur, daß Sie es nicht schon ausgesprochen — eine ewige Freundschaft eingeflößt hat ... Opfern Sie sich; erscheinen Sie roh, um eine 278 Wohlthat zu erweisen! Seien Sie einmal großmüthig — die letzte Gelegenheit zur Großmuth, Herr — greifen Sie zu!«

Arnold knirschte und hätte im Zorne über die erfahrene Beleidigung sich fast von Neuem verschworen, sich abermals in das Netz verwickelt, nur um dem bitteren Hohn des Weibes, das er haßte, zu entgehen. Aber er besann sich, er dachte: Durch! diese große Demüthigung ist der Weg zur Freiheit!

»Verleumden Sie mein Herz, soviel Sie wollen,« sprach er, »sagen Sie Claire, was Sie wollen. Ich liebe Claire, und was auch geschehen möge, ich werde nie aufhören, sie zu lieben ... und auf dem Recht, das sie selbst mir eingeräumt, werde ich bestehen ... auf dem Recht, sie für immer zu befreien von jeder materiellen Sorge!«

»Herr!« schrie die Baronin, »Herr!«

Sie erhob sich, ihre lange schmale Gestalt in dem ärmlichen schwarzen Kleide nahm eine unendliche Würde an. Wie eine Königin gegen einen frech gewordenen Unterthan streckte sie die Hand aus und wies dann nach der Thür.

Einen finsteren Blick warf Arnold auf sie und empfand, in welchem Maße er sich selbst in ihren Augen erniedrigt hatte. Sein Hochmuth rang und suchte nach Waffen gegen den Stolz dieser Frau, nach einem Partherpfeil wenigstens, den er ihr zuschnellen könnte, bevor er schied. Umsonst! Nichts gab der Augenblick ihm ein, 279 stumm leistete er ihrer stummen Aufforderung Folge.

Daheim warf er sich auf den Diwan, vergrub den Kopf in die Kissen, ließ den Sturm in seinem Innern austoben und kam allmälig mit einem gewissen Behagen zum Gefühl physischer Müdigkeit, Hungers und Durstes; er aß, trank und schlief. Um zehn Uhr brachte ihm sein Diener ein Telegramm aus Deutschland: »Hoheit lassen Ihr Schweigen als Annahme der an Sie ergangenen Einladung gelten. Sie werden stündlich erwartet.«


Allein in einem Coupé erster Klasse des Schnellzuges der Westbahn befand sich am nächsten Morgen Arnold Bretfeld. Er stand am Fenster und blickte in den jungen Tag hinein. Thaufrisch, üppig und grün wellten die Höhen dem goldschimmernden Horizont zu, in wolkenloser Reinheit blaute der Himmel. Die graue Dunstatmosphäre über der großen Stadt im Osten bildete in all' dem Glanze den einzigen Fleck. Auch der versank in immer weitere Ferne.

Da athmete Arnold auf wie ein Erlöster. Da war der eiserne Ring, den selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten, entzwei gesprungen. »Heil mir!« jauchzte er laut im Gefühl der seligsten Genesung. Abgethan der schnöde Drang, ein Anderer sein zu wollen, als er war; abgethan das kränkliche Mitleid, das ihn irre gemacht an seiner eigenen Empfindung und ihn Liebe 280 hatte nennen lassen, was Erbarmen war. Abgethan Selbsttäuschung und Lüge. Ohne falsche Bescheidenheit nehme jeder den Platz ein, der ihm zukommt am Mahle des Lebens. Ist's ein bevorzugter, um so besser! Was nützt es den Armen, für die der Abhub bestimmt ist, wenn man sich zu ihnen gesellt? Jedem das Seine — Mühsal und Arbeit denen, die dazu berufen sind; Freude, Genuß, göttliches Otium den Erwählten! ... »Mir!« sagte sich Arnold, und jeder seiner Pulsschläge war Lebenslust, und jeder Herzschlag Verheißung. Weit öffnete die Welt sich wieder vor ihm, die schöne Welt, die ihm gehört und seines Gleichen.

Alles Glück dem Glücklichen. Sogar die leise Wehmuth, die sich bei dem Gedanken an Claire durch seine Seele schlich, war nichts als ein leichter Schatten, der das Licht, das ihn allzu grell überfluthen wollte, mild abdämpfte.


Am Abend zuvor war Claire nach Hause gekommen, hatte das erste Zimmer leer und Karoline im zweiten am Bette ihres Kranken gefunden, der in tiefem Schlafe lag. Das Mädchen näherte sich mit unhörbaren Schritten und fragt sie:

»Ist er dagewesen?«

»Ja.«

»Und —?«

Karoline zuckte die Achseln. 281

»Die Seinen verwerfen mich ... Ich kann mir's denken ... Rede!«

Aber als die Baronin zu sprechen begann, fiel Claire ihr ins Wort:

»Nicht in diesem Ton! ... Ich ertrag' es nicht ... weiß auch genug.« Ihr ganzer Körper zitterte und bebte. »Was ich erfahren muß, will ich von ihm erfahren, durch Niemand anders.«

Und dabei blieb sie. »Er soll mir sagen, wie es steht, das zu thun kommt ihm zu, das zu fordern mir. Du,« erklärte sie der Baronin mit einer Festigkeit, die den Widerspruch ausschloß, »hast für ihn kein Verständniß und keine Güte.«

Die Zeit verging.

»Hoffst Du noch?« fragte Karoline.

»Ich bin so thöricht! — Durch die Dämmerung um mich her dringt ein Sonnenstrahl, nicht stärker als der dünnste Faden,« erwiderte Claire, »an den klammere ich mich und — gegen alle Voraussicht der Vernunft, gegen alle Gesetze der Physik — hält er mich — hält mich aufrecht ... Was ich,« fügte sie herb hinzu, »jedenfalls so lange bleiben muß, bis Meibergs abreisen.«

Unverdrossen ging sie den Anforderungen des Tages nach. In der Nacht aber lag sie schlaflos und bemühte sich, Gründe für Arnolds Ausbleiben zu ersinnen. Sie hatte ihn auf die Probe gestellt; vielleicht verlangte er Genugthuung dafür und stellte nun sie auf die Probe. 282 Und wenn ihre Freundin behauptete, er sei verreist und werde nicht zu ihr zurückkehren, fragte Claire:

»Hat er es Dir gesagt?«

»Das nicht.«

»Siehst Du! Ich setze meinen Glauben gegen Deinen Unglauben und baue auf sein Wiederkommen.«

Still, tapfer und treu kämpfte sie ihren Kampf ums Dasein fort. Sie meinte, es ganz genau so zu thun wie je und immer. Dennoch mußte sich irgend eine Veränderung an ihr wahrnehmbar machen; zu viele Leute fragten, ob sie leidend sei und was ihr fehle. Daß sie versicherte, sich ganz wohl zu fühlen, überzeugte Niemand. Sie dürfe es nicht gelten lassen, daß sie zu kränkeln beginne, meinte man; wer würde denn eine kränkliche Lehrerin behalten?

Wie es aber auch mit ihr stand, der Gräfin Meiberg hatte sie jedenfalls eine Enttäuschung bereitet.

Es war doch zu fatal, daß Claires vielgerühmte gute Laune minder gut geworden, seitdem das Haus Meiberg sich dieselbe hatte nutzbar machen wollen.

»Meibergsches Unglück!« seufzte die Gräfin. »Uns mißräth Alles. Wir engagiren eine heitere Gesellschafterin — sogleich wird eine melancholische aus ihr.«

»Dann sind wir Ursache, an uns liegt die Schuld!« entgegnete Marie.

»Und ich finde sie auch so zerstreut,« sagte die Gräfin, welche nur ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte. Ihre Tochter jedoch versetzte: 283

»Was liegt daran, Mama, zerstreut bist auch Du.«

Ihr Vater schmunzelte, bemerkte aber mit obligater Mißbilligung, das sei »ganz etwas Anderes,« und so kühn die junge Dame auch war, den Muth zu fragen: »Warum?« hatte sie nicht.

Eines Abends kam Claire, von Gräfin Meiberg ungewöhnlich früh entlassen, bei einbrechendem Zwielicht nach Hause.

Das Erste, worauf ihr Blick fiel, als sie das Zimmer betrat, war ein Brief mit der Postmarke des Deutschen Reiches. — Seine Botschaft! Leben oder Tod!

Da hielt sie ihr verkörpertes Schicksal in den Händen. Ein kleines, lebloses Ding — wie ihm ähnliche zu Tausenden in der Stunde die Welt durchfliegen — und birgt das Heil oder Unheil eines Menschenlebens.

Die Kniee Claires versagten; sie ließ sich auf einen Sessel am geöffneten Fenster sinken und las beim letzten Lichtschein des langen Sommertages. Die schönen sympathischen Schriftzüge, die sie so oft bewundert hatte, wurden immer undeutlicher, immer mächtiger brach die Dunkelheit herein — nun war es Nacht.

Die Bogen lagen auf Claires Schoß, unter ihren gefalteten Händen; sie konnte sie nicht mehr sehen, fühlte sie nur noch, hob sie empor und — riß sie langsam entzwei.

Die Baronin trat ein, stellte die Lampe auf den Tisch, sah rasch auf denselben nieder und dann forschend hinüber nach Claire. Die Freundinnen tauschten einige 284 Worte, und Karoline wandte sich wieder der Krankenstube zu. »Es giebt heute eine böse Nacht,« sprach sie im Fortgehen; »wirst Du mich ein paar Stunden beim Wachen ablösen können?«

Claire bejahte es, erhob sich und trat zur Lampe, über welche sie den Brief hielt. Die feinen Blätter krümmten sich, qualmten, flammten plötzlich auf und waren bald nichts mehr als schwarze Flocken, die Claire sammelte und hinausflattern ließ in die heiße, schwere Luft; die trug sie davon, in der zerstäubten sie, und mit ihnen zerstob, was das sichtbare Zeichen gewesen einer heftigen Selbstanklage, das Geständniß eines großen Irrthums — der Ausbruch eines nagenden Schuldbewußtseins.

Getreulich half Claire der Freundin in der Ausübung ihres Samariter-Amtes. Es ging abwärts mit ihrem alten Hausgenossen, und wie sein unbedeutendes Leben kampflos verflossen war, so nahte ihm der Tod ohne Kampf, als ein sanftes langsames Aufhören.

Und Claire beneidete ihn. Nie hat ein Kranker sich heißer nach Genesung gesehnt, als sie sich sehnte zu erkranken, recht schwer, am liebsten rettungslos. Es wäre so gut gewesen, zusammenzubrechen und sich nicht mehr aufraffen zu müssen jeden Morgen zum neuen Gang nach der alten Tretmühle des »Kreises der Pflichten«. Aber ihr Körper widerstand — sie blieb gesund.

Der Schluß des Schuljahres kam; der junge Graf Meiberg legte seine Prüfung mit noch mehr Ehren ab als 285 im vorigen Jahr, denn dieses Mal bekam er sogar ein Zeugniß, und die Familie reiste auf das Land.

Beim Abschied gab die Gräfin Claire zu verstehen, daß sich Manches ändern müsse, wenn die »neu eingegangenen Beziehungen« zu ihr in der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten. Die Gräfin konnte nicht umhin, das Bekenntniß abzulegen, daß ihr dünke, das Naturell der Lehrerin weise sie entschiedner auf den Umgang mit Kindern, als auf den mit Erwachsenen an.

Einmal wieder nach langer Zeit verirrte sich ein Lächeln auf die Lippen Claires, als sie der Freundin den Ausspruch der Gräfin mittheilte.

Karoline nahm die Sache ernst. »Es wäre bös,« sagte sie, »wenn Du Dir die Stelle verscherzt hättest, um derentwillen Du Deine besten Stunden aufgeben mußtest.«

»Was liegt daran?« lautete Claires Entgegnung, die von der Baronin mit Schweigen aufgenommen wurde.

Sie sprachen überhaupt wenig, die Beiden. Ruhig pflegte Karoline den Sterbenden und fand immer noch Zeit, die ihr anvertrauten Arbeiten richtig abzuliefern. Ihre Kraft wuchs mit den Anforderungen, die an sie gestellt wurden. Die starke Frau hatte ihr Haupt niemals höher getragen als jetzt im Leid um ihr armes, altes Kind, gegen das die Herbe, Unbeugsame immer so mild und liebreich gewesen war, und das sich nun anschickte, sie zu verlassen. 286

Einmal war Claire später noch als gewöhnlich zur Ruhe gekommen und hatte dann fest und tief geschlafen bis gegen die Mittagszeit. Plötzlich fuhr sie auf und horchte; ihr schien, als sei ihr Name gerufen worden. Doch war es wohl nur Täuschung gewesen — nebenan herrschte lautlose Stille.

Sie kühlte das brennende Gesicht, die heißen Glieder in frischem Wasser, warf ein leichtes Tuch über die Schultern und trat, um ihr Haar zu ordnen, an den kleinen Spiegel, der auf dem Kasten stand. Seit Wochen hatte sie nur mechanisch hineingeblickt — geblickt, ohne zu sehen; heute versenkte sie sich in die Betrachtung des traurigen Bildes, das er ihr in dem grellen Sonnenlicht, von dem die Stube erfüllt war, widerstrahlte. O, wie fahl ihre Wangen geworden waren, wie tief die Falten auf der Stirn, wie krankhaft gespannt die Züge! So war's doch möglich? so sollte ihr stiller sehnlicher Wunsch vielleicht doch in Erfüllung gehen? früher vielleicht, als sie zu hoffen gewagt hatte?

»Der Kummer tödtet den Mann und ernährt das Weib.« Dieses Sprüchwort hatte ihre gute Mutter oft im Munde geführt und war doch selbst aus Kummer gestorben. Die Tochter ging denselben Weg. Gewiß, der Gram, der solche Verheerungen anzurichten vermag, der kann auch tödten, der hat die Macht.

Ein Gefühl von düsterer Freude erfüllte sie bei dem Gedanken und zuckte mit unheimlichem Aufleuchten aus ihren Augen. 287

Nun tauchte hinter ihrem Spiegelbilde ein zweites, ein ruhiges, ernstes empor. Die Baronin war eingetreten. Claire begrüßte sie und sagte:

»Ich habe mich nach langer Zeit einmal wieder in dem Spiegel gesehen und bin erstaunt ... Meine Schülerinnen scheinen recht zu haben — in bin wohl wirklich krank.«

»Du bist es,« sprach die Baronin, »und tödtlich, denn Du willst Dich sterben lassen. Das kann man ja. Du hast keine Freude mehr am Leben — Du gehst. Und was treibt Dich aus der Welt? — Ein Glück, das in Deinem Fall allerdings ein ganz unerhörtes gewesen wäre, ist Dir nicht zu Theil geworden. Aber Du hattest auf das Unerhörte gebaut, es angesehen als ein Dir zukommendes; Du fühlst Dich in Deinem Recht gekränkt und gehst aus dieser ungerechten Welt.«

»Karoline!« beschwor Claire, doch Jene fuhr fort:

»Sieh' Dich um bei Deinen Berufsgenossinnen — wie viele von ihnen haben ein dem Deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal nicht gehabt? wie viele haben ein schlimmeres erfahren? — Nun, sie leben, sie leisten, sie tragen die eigene Last, und wenn es sein muß, wohl auch die Anderer, die minder beladen, aber schwächer sind als sie ... Du wandelst gleichgültig an ihnen vorüber — ich sage Dir, beuge Dich vor Jeder, Jede von ihnen ist mehr als Du! ... Du lässest die Hände sinken, eh' die Zeit zur Rüste gekommen; Du hättest hier noch Manches zu thun, Deine Aufgabe ist noch nicht erfüllt, ein heiliges 288 Versprechen noch nicht eingelöst; aber gleichviel — Du gehst ... und — kannst gehen.«

»Karoline,« rief das Mädchen noch einmal mit inbrünstigem Flehen um Schonung.

»Und kannst gehen!« wiederholte die alte Frau unerschütterlich. »Ich bin da. Ich habe noch Kraft übrig für Deine Aufgabe, die meine ist gethan. Komm, überzeuge Dich.«

Sie schritt voran und ließ die Thür des Krankenzimmers weit offen stehen. Auf dem Bette lag, mit schneeigem Linnen bedeckt, eine regungslose Gestalt, eine Leiche. Karoline näherte sich ihr, zog das Tuch hinweg und enthüllte ein Antlitz voll Schönheit. Ihr eigenes Gesicht erhellte sich im Widerschein des Friedens auf dem des Entschlafenen. Sie streichelte liebkosend seine langen weißen Haare, die sich weich unter ihre Finger schmiegten, und sprach zu Claire: »Ich hätte Dich eigentlich nicht hierher führen sollen, der Anblick ist nicht angethan, vom Tode abzuschrecken. Aber glaube mir, so kommt er denen nicht, die sich ihn erzwungen haben. Claire« — legte den Arm um ihre Schutzbefohlene und zog sie an ihre Brust — »nicht zu hastig, liebes Kind, warten wir in Geduld, bis sie kommt, die große Stunde, vielleicht tritt sie auch uns so freundlich an, wie den!«

»Was meinst Du?« begann sie von Neuem, als Claire gesenkten Hauptes und thränenlos in Schweigen verharrte. — »Was meinst Du? Willst Du zu warten nicht wenigstens versuchen?« 289

Das Mädchen richtete sich an ihrer Freundin empor, und es war etwas von dem heiligen Muth der Märtyrer in dem Tone, in welchem sie sprach: »Ich will's versuchen.«


Dem heißen Sommer folgte ein früher Herbst; die Villenbewohner kehrten aus der Umgegend, die Schloßbewohner aus den Provinzen nach der Stadt zurück. Claire nahm ihre Thätigkeit wieder auf, im Anfang mit einer gewissen Zaghaftigkeit, später mit neuerwachtem Selbstvertrauen und endlich mit gewohnter Lust und Liebe. Karoline findet heute an ihr eine feste Stütze, viele junge Herzen glühen für sie und viele sehr alte weihen ihr die letzte Freundschaft. Sie zieht den Verkehr mit Kindern und Greisen jedem anderen vor. Die einzige Ausnahme darin macht sie für Comtesse Marie-Danton, die sich denn auch berühmt, zwischen ihr und Fräulein Dübois sei es auf Tod und Leben.

Was Gräfin Meiberg betrifft, so versäumt sie es nie, wenn in ihrer Gegenwart von der Lehrerin gesprochen wird, mit tiefer Durchdrungenheit zu sagen: »Unsere gute Claire hat sich eine Zeit lang etwas vernachlässigt, jetzt aber ist sie wieder die Alte.«


290-3

Nach dem Tode.

»Still, mein guter Fürst! Sie wissen, ich halte die Liebe für das grausamste von allen Mitteln, welche die zürnende Gottheit erfunden hat, um ihre armen Geschöpfe heimzusuchen. Wäre sie jedoch, wie Sie behaupten, das Schönste, das es auf Erden giebt, dann würde es Ihnen in meiner Gegenwart vollends verboten sein, ein Glück zu preisen, das ich niemals kennen gelernt habe.«

Fürst Klemens stieß einen Seufzer aus, der ein minder kaltblütiges Wesen als Gräfin Neumark gewiß gerührt hätte; er blickte zum Plafond empor und gab, aus scheinbarem Gehorsam, dem Gespräch eine andere Wendung: »Was halten Sie von Sonnbergs Bemühungen um Thekla?« fragte er: »Ich bin von dem Ernste seiner Absichten überzeugt. Machen Sie sich darauf gefaßt: dieser Tage — morgen vielleicht, kommt er, wirbt um Ihre Tochter, und im Frühjahr fliegt das junge Paar über alle Berge.«

»Möglich, möglich.«

»Und — Sie?«

»Und ich fahre nach Wildungen.«

»Sie werden sich dort sehr verlassen fühlen!« rief 294 der Fürst triumphirend aus. »Sie werden zum ersten Mal die Langeweile, am Ende sogar die Sehnsucht kennen lernen. Sie werden sich sagen, daß Sie eines Wesens bedürfen, das Ihrer bedarf, und —« er richtete sich auf — »die Hand ergreifen, die ich Ihnen, wir wollen nicht fragen wie oft, angeboten habe. Seien Sie aufrichtig — setzte er hinzu: »Könnten Sie wohl etwas Vernünftigeres thun?«

»Vernünftigeres,« wiederholte die Gräfin langsam — »schwerlich.«

»Nun denn!«

»Nun denn? Sie sprachen vorhin von Liebe und jetzt sprechen Sie von Raison? Das sind Gegensätze, lieber Freund.«

»Keineswegs! Gegensätze lassen sich nicht verbinden, Liebe und Raison hingegen sehr gut; wir wollen es beweisen — Sie und ich!«

Marianne erhob das Haupt und richtete ihre glanzvollen Augen auf ihn; unter diesem Blicke fühlte Klemens seine Zuversicht schwanken, einigermaßen verwirrt und ohne rechten Zusammenhang mit seiner früheren Rede schloß er: »Früh oder spät, auch Ihre Stunde kommt.«

»Beten Sie zu Gott, daß sie ausbleibe!« entgegnete die Gräfin munter. »Wenn eine alte Frau anfängt zu schwärmen, dann geschieht es gewiß zu ihrem Unglück und zu ihrer Schmach, für irgend einen undankbaren Phaon, irgend einen flüchtigen Aeneas. Stellen Sie sich vor, wie Ihnen zu Muthe wäre, wenn Sie mich fänden 295 in Verzweiflung wie Sappho, oder — wie Dido, im Begriffe den Scheiterhaufen zu besteigen. Stellen Sie sich das vor!«

»Das kann ich mir nicht vorstellen,« sprach der Fürst.

»Es wäre Ihnen zu gräßlich. Aber Sie können ruhig sein. Keine falschere Behauptung als die, jeder Mensch müsse im Leben wenigstens einmal lieben. Im Gegentheil, die wahre, die furchtbare Liebe, gehört zu den größten Seltenheiten und ihre Helden sind an den Fingern herzuzählen, wie überhaupt alle Helden. Mit jener Liebe hingegen, die wir kleine Leute fähig sind zu fühlen, sind wir kleine Leute, wenn wir nur wollen und bei Zeiten zum Rechten sehen, auch fähig fertig zu werden.«

Der Fürst streckte mit würdevoll ablehnender Gebärde die Hand aus, als wolle er diese Sophismen von sich weisen und antwortete: »Wir werden fertig mit ihr, oder sie wird fertig mit uns.«

Abermals glitt ihr Blick über sein rundes Gesicht, über seine breiten Schultern, die so rüstig die Last eines halben Säculums trugen: »Das hat gute Wege, noch bin ich unbesorgt,« sagte sie.

Der Fürst beendete den Wortstreit mit der Erklärung: zu überreden verstehe er nicht. Und in der That, dazu fehlte ihm das Talent und — die Gewissenlosigkeit. Ach, es ließ sich nicht leugnen, daß er trotz seiner verzehrenden Leidenschaft, besonders seit einiger Zeit, erstaunlich gedieh; ja, er mußte sich's gestehen, sogar in 296 den Tagen, wo diese Leidenschaft am heftigsten gelodert, hatte sie nicht vermocht, ihm die Freude zu verderben an seinen Jagdpferden, an der zunehmenden Anzahl Hochwildes in seinen Thiergärten, an seinem ganzen fürstlichen Junggesellen-Hausstand auf dem Lande wie in der Stadt.

Klemens war nicht im Reichthum, sondern als ein aussichtsloser Sprosse der gänzlich unbegüterten jüngeren Linie Eberstein geboren worden. Von Kindheit an für die militärische Laufbahn bestimmt, brachte er's bis zum Rittmeister, nach siebenundzwanzig, meist in elenden Garnisonen verlebten Jahren. Im Verlaufe derselben lernte er alles Mißliche des durch »unfreie Associationen« gebildeten Standes aus dem Grunde kennen, setzte dem jedoch den ruhigen Gleichmuth eines aufrechten Mannes entgegen und verstand es, die etwas schiefe Stellung des zugleich vornehmsten und ärmsten Offiziers im Regimente mit würdevollem Takte zu behaupten. Der brave Schwadrons-Commandant stand bereits in reifem Alter, als eine Reihe von unerwarteten Todesfällen, die Verzichtleistung eines näheren Agnaten, die Mißheirath eines anderen, ihn zum Eigenthümer des zweiten Majorats seines Hauses machte. Sofort verließ der Fürst den Militärdienst und widmete sich mit fast jugendlichem Eifer dem Dienste der großen Welt. Die Begeisterung, mit welcher er dort aufgenommen wurde, berauschte ihn anfangs, doch begann er nur allzubald an dem Werthe seiner Erfolge zu zweifeln. Die Frage, die einen geborenen Majoratsherrn, der sich 297 ohne sein Erbgut so wenig denken kann, wie seine Seele ohne seinen Leib, nie beunruhigt, die Frage: »Was gelte ich?« bedrängte ihn und brachte ihn endlich um alle Zuversicht, um all sein unbefangenes Selbstvertrauen.

Da zum ersten Male trat ihm in schwüler Ball-Atmosphäre, umrauscht von den Klängen der Musik, umweht von Blumendüften, umstrahlt von Kerzenschimmer, die glänzende Gräfin Marianne von Neumark entgegen, und er schloß sich sofort der dicht gedrängten Reihe ihrer Bewerber an. Wohl hieß es, Marianne habe kein Herz, ihre Liebeswürdigkeit sei werthlos, denn sie bestehe nur in Worten und werde gleichmäßig an alle, die ihr nahten, verschwendet; aber dennoch vermochte keiner, der einmal von ihrem Zauber berührt worden, sich ganz aus demselben zu lösen. Der Fürst war kaum in den Bereich von Mariannens Anziehungskraft gelangt, als er sich mächtig ergriffen fühlte. Mit geradezu blendender Klarheit leuchtete es ihm ein, er habe das Weib gefunden, das für ihn geschaffen sei, und vierzehn Tage nach ihrer ersten Begegnung stellte er sehr beklommen, sehr bewegt — wenn auch nicht ohne Siegesgewißheit — seinen Heirathsantrag.

Er wurde ausgeschlagen, und Eberstein kränkte sich, zürnte, verlangte die Gründe der erlittenen Abweisung zu kennen. Mit sanfter Ruhe setzte Marianne ihm dieselben auseinander, und es waren lauter triftige Gründe: Sie hatte sich an Unabhängigkeit gewöhnt, sie taugte nicht mehr für die Ehe, längst stand bei ihr fest, daß ihr 298 Töchterchen keinen Stiefvater erhalten durfte ... Und so weiter!

Klemens reiste nach England, kehrte von dort erst zur Winterszeit zurück und stürzte sich nach seiner Heimkehr mit erneuerter Unerschrockenheit in die große Welt. Man sah es ihm an den Augen an, es verrieth sich in jedem seiner Worte, daß er entschlossen war, aus diesem Fasching als Bräutigam hervorzugehen. Aber — wieder erwachten seine Zweifel, wieder stellte die Ernüchterung sich ein. Die Wahl war zu groß um nicht zu schwer zu sein, ein erster Schritt zu bindend, um nicht reiflichste Ueberlegung zu fordern. Die Unternehmungslust des Fürsten sank von Neuem, als er von Neuem inne wurde, daß es sich nicht darum handle zu erobern, sondern erobert zu werden. Marianne traf er oft in Gesellschaft und ging dann mit stummem und feierlichem Gruße an ihr vorüber. Sie gefiel ihm wo möglich noch mehr als im verflossenen Jahre. Was waren Alle, deren Besitz ihm so leicht erreichbar gewesen wäre, im Vergleiche zu der Einen Unerreichbaren? Konnte man einem hübschen Gesichte Aufmerksamkeit schenken, nachdem man diesen klassischen Kopf gesehen, in Haltung und Form, ja in jedem Zuge, dem der Venus von Milo so ähnlich? Konnte man dem Geschwätz eines Backfisches das geringste Interesse abgewinnen, nachdem man die Gräfin einmal sprechen gehört?

Auf einem Balle, dem Klemens und Marianne als Zuschauer beiwohnten, fügte es der Zufall, daß sie im 299 selben Augenblick aus dem Tanzsaale in den luftigeren Raum eines anstoßenden Salons traten. Klemens verneigte sich wie gewöhnlich schweigend, sie dankte freundlich lächelnd, und doch schien ihm, als sei über ihr Gesicht ein Ausdruck leiser Trauer gebreitet, der ihn ergriff und ihm, halb gegen seinen Willen die Frage erpreßte: »Wie geht es Ihnen, Frau Gräfin?«

Sie antwortete unbefangen, und ein Weilchen später saßen sie nebeneinander auf dem Kanapee, in eifriges Gespräch versunken. Klemens wußte nicht mehr, daß sie ihm schweres Unrecht gethan, und als er sich dessen besann, da hatte sie sich soeben erhoben, reichte ihm die Hand und sagte: »Warum besuchen Sie mich nicht mehr? Ich bin zwischen zwei und drei Uhr Nachmittags immer zu Hause.«

Von nun an wäre jeder fehl gegangen, der den Fürsten zu jener Stunde anderswo gesucht hätte als im kleinen braunen Salon Mariannens. Er erschien mit einem Lächeln und entfernte sich mit einem Seufzer auf den Lippen, täglich, den ganzen Winter hindurch. So ging es fort durch zwei, durch — zehn Jahre. Im Frühling reiste er nach seinen Gütern, sie nach den ihren; man sah einander erst im Herbste wieder, denn auf dem Lande liebte es Gräfin Neumark einsam zu leben und nahm keine anderen als die unentrinnbaren Besuche ihrer Nachbarn an. Von Zeit zu Zeit erneuerte Klemens seine Werbung und machte die Beobachtung, daß jeder ablehnende Bescheid, den er erhielt, ihn weniger schmerzte. 300 Woran sich doch der Mensch gewöhnt! Es kam so weit, daß Marianne ohne grausam zu sein fragen durfte: »Wie ist mir denn? Nun sind anderthalb Jahre vergangen, in denen Sie nicht an meine Versorgung dachten. Ich scheine Ihnen reif geworden zur Selbständigkeit ... O wie muß ich aussehen!«

Sie hatte gut lachen über ihr Alter; fast spurlos war die Zeit an ihr vorüber gegangen und hatte ihr kaum Einen Vorzug der Jugend geraubt. Ihr ganzes Wesen athmete die Frische, die nur denjenigen Frauen bewahrt bleibt, die niemals große Leidenschaften empfunden, niemals schwere Seelenkämpfe durchgemacht haben, und die, einem mehr oder minder unbewußten Selbsterhaltungstriebe folgend, immer da nachzudenken aufhören, wo das Nachdenken anfängt weh zu thun.

»Sie ist gut,« meinte der Fürst, »und doch nicht zu gut, gescheit und doch nicht zu gescheit. — Mit ihr zu verkehren ist eine Wonne.« Klemens fühlte das heute wie vor zehn Jahren. Und wenn er auch das Ziel seiner Wünsche nicht erreichte — die besten Stunden seines Lebens hat er hier in diesem kleinen traulichen Gemache, an diesem Kamine zugebracht, an dem er jetzt ihr gegenüber saß und einen Vortrag hielt über seinen Mangel an Beredtsamkeit.

Marianne, die Hände über einander gelegt, hörte ihm scheinbar zu. Sie mußte jedoch einen anderen Gedankengang verfolgt haben, denn plötzlich unterbrach sie seine Rede: »Und Sonnberg?« fragte sie. »Haben Sie 301 ihn heute schon gesehen? Kommt er Abends auf den Ball?«

»Wie sollte er nicht?« antwortete Klemens, »er ist ja sicher, Sie und Thekla dort zu finden.«

»Sie gefällt ihm also, meinen Sie?«

»Gefällt? ... Er ist entzückt von ihr, hingerissen, über und über verliebt! Verlassen Sie sich auf mich, ich wiederhole es: bevor diese Woche zu Ende geht, ist Thekla seine Braut.«

Marianne war nachdenklich geworden; eine Wolke lag auf ihrer Stirn, als sie nach einer Pause erwiderte: »Ich könnte für sie nichts Besseres wünschen.«

»Ja, der ist's,« meinte Klemens, »der ist's! Ein Schwiegersohn, recht nach Ihrem Herzen.«

»Und ein Mann nach Theklas Kopfe,« fügte die Gräfin hinzu.


Marianne war bei der Erziehung ihrer Tochter vornehmlich von der Sorge geleitet gewesen, in dem Kinde keine »Sentimentalitäten« und keine »Exaltationen« aufkommen zu lassen. Theklas Verstand sollte ausgebildet, und ihre Phantasie gezügelt werden. Wohlthätigkeit und Großmuth hatte man ihr als Anforderungen ihres Standes hinzustellen. Sie sollte geben lernen, reichlich, mit vollen Händen, niemals jedoch ohne Ueberlegung, vor Allem nie aus einer flüchtigen Wallung des Mitleids. »Wissen Sie warum, liebe Dumesnil?« sagte die Gräfin zu der 302 Gouvernante ihrer Tochter, »weil jede Wohlthat mit Undank belohnt wird, und weil wir den leichter verschmerzen, wenn unser Gefühl mit der Handlung, die ihn hervorrief, nichts zu thun hatte.«

»Ah madame, à qui le dites-vous?« antwortete Madame Zephirine Dumesnil, wie bei jeder Gelegenheit, in welcher ihr der Sinn von Mariannens Reden völlig dunkel blieb.

Madame Dumesnil war eine trockene, auf ihren Vortheil bedachte Französin, die sich gegen Alles in der Welt, sogar gegen ihre Pflegebefohlenen, gleichgültig verhielt. Als aber Thekla heranwuchs, geläufig englisch und französisch sprach, ein brillantes Salonstück mit Sicherheit und Bravour auf dem Klavier vorzutragen verstand, wie ein Dämon zu Pferde saß, wie ein Engel tanzte und »un port de reine« bekam, da gerieth ihre Erzieherin zu Zeiten in Ausbrüche einer seltsam kalten, jedes Wort sorgsam abwägenden Bewunderung für die junge Dame.

Plötzlich jedoch wurde sie sparsamer mit ihrem Lobe und dafür verschwenderisch mit leisen Warnungen, die sich sammt und sonders auf die Gefahren des Unbestandes bezogen. Die Comtesse, die bisher so manche Stunde des Tages am Klavier zugebracht, hatte nämlich begonnen, ihr musikalisches Talent zu vernachlässigen und sich mit einer bei ihr ganz unerhörten Leidenschaftlichkeit auf die Malerkunst geworfen. Mit Mühe nur bewog man sie, ihre Staffelei zu verlassen. Freilich bot diese meistens einen interessanten Anblick dar. Da begraste sich eine magere 303 Kuh auf fetter, oder eine fette Kuh auf magerer Weide; da schlich eine Ziege tiefsinnig durch die schauerliche Stille der Einöde, da ragte aus dem Abgrund eine schmale Klippe empor und auf derselben stand eine Gemse, mit Füßen, zusammengeschoben wie die eines in Ruhe gesetzten Feldsessels.

So oft Theklas Zeichenmeister erschien, hatte sie ihm ein eben fertig gewordenes Werk vorzuweisen. Herr Krämer warf sich in einen Fauteuil, der Staffelei gegenüber, spreizte die Beine auseinander, stützte die Ellbogen auf seine Schenkel und verschränkte die Hände. »Damit ich sie nicht über dem Kopf zusammenschlagen kann —,« sagte er, blickte zuerst zu Thekla und dann zu dem neuentstandenen Kunstwerk empor und fuhr fort, während es gar sonderbar in seinem Gesichte zuckte: »Schau, schau unser Comtesserl! ... Aber was macht denn die Bank mitten auf der »Straßen«? Ja so, ein Pferd ist's ... Aha! — Also nur fort so — das heißt: ganz anders ... ich mein' halt nur in der Ausdauer. Geduld überwindet Sauerkraut.«

Madame Dumesnil warf ihm einen indignirten Blick zu, Thekla jedoch nahm Palette und Malerstock zur Hand und machte sich mit glühendem Eifer an die Arbeit. Krämer spaßte die ganze Stunde hindurch, ergriff manchmal einen Pinsel, und über die Schulter seiner Jüngerin hinweg verwischte er die Hälfte des Bildes, an dem sie sich mit so großer Emsigkeit abmühte. Sie nahm es nicht übel, erhob keine Einsprache, 304 und Madame Dumesnil, auf solche, ihr von Thekla nie erwiesene Unterwürfigkeit eifersüchtig, nahm den Maler »en horreur

Da ereignete sich eines schönen Wintermorgens etwas Ungeheures, etwas Unerhörtes. Madame Zephirine stürzte in das Schlafzimmer der Gräfin und legte eine Herrn Krämer gehörende Zeichnungsvorlage auf Mariannens Bett. Sie rief: »Madame, madame — voilà!« und deutete mit »schauderndem Finger« auf eine Zeile, die an den Rand des Blattes hingekritzelt, die Worte enthielt: »Haben Sie mich lieb?« Daneben war von anderer, ach von schwungvoller, kühner, ach, von Theklas Hand, ein deutliches: »Ja!« geschrieben.

Marianne starrte die unheilvollen Züge an, und ihr Gesicht wurde weiß, wie das Kissen, auf dem sie ruhte.

»Dieses Blatt,« keuchte Zephirine; »dieses Blatt war bestimmt, heute dem Unverschämten übergeben zu werden ...«

Marianne hemmte den Ausbruch von Madame Dumesnils Zorn, dankte ihr bestens für die bewiesene Wachsamkeit und äußerte den Wunsch, allein gelassen zu werden.

Als Krämer, wie gewöhnlich zu spät, zur Unterrichtsstunde kam, wurde er an der Hausthür von dem Kammerdiener in Empfang genommen und anstatt nach Theklas Lehrzimmer, nach dem Salon geleitet. Schon das machte ihn stutzen, als er aber die Gräfin erblickte, 305 die ihm mit dem corpus delicti in der Hand entgegen trat, ward ihm recht übel zu Muthe.

»Herr Krämer,« begann Marianne mit gepreßter Stimme — »es ist unwürdig von Ihnen ...« Ihre hohe Erregung hinderte sie fortzufahren, und der burschikose junge Mann und die ruhige, weltgewandte Frau standen einander fassungslos gegenüber.

Er war's, der seine Geistesgegenwart zuerst wieder gewann.

»Frau Gräfin,« sagte er, auf das Blatt deutend, daß sie früher vor ihm empor gehalten und das jetzt in ihrer herabgesunkenen Rechten zitterte. — »Nehmen Sie's nicht übel, Frau Gräfin. Das Comtesserl ist immer so schön roth worden, wenn ich gekommen bin, und so hab' ich mir halt einen Spaß gemacht. Einen schlechten Gedanken hab' ich dabei nicht gehabt. Nehmen Sie mir's nicht übel,« wiederholte er treuherzig.

Marianne sah ihn an, und zum ersten Male fiel es ihr auf, daß Herr Krämer ein hübscher Mensch war, mit gewinnenden Augen und mit offenem Gesichte. Das ihre verfinsterte sich immer mehr, und nach einer neuen peinlichen Pause sprach sie: »Meine Tochter nimmt von heute an keinen Unterricht im Malen mehr ...«

Er fiel ihr rasch ins Wort. »Das ist gescheit! denn, wissen Sie, Frau Gräfin, Talent hat sie gar kein's. Es ist schad' um die Zeit. Ich hätt' Ihnen das eigentlich schon lang' sagen sollen, aber ich hab' mir halt gedacht, bei Ihres Gleichen kommt es ja nicht darauf an.« 306

So großer Unbefangenheit gegenüber erlangte Marianne, wenigstens scheinbar, ihren Gleichmuth wieder. Mit einigen kalt verabschiedenden Worten reichte sie Herrn Krämer seine Zeichnungsvorlage, von der Theklas »Ja« natürlich weggetilgt worden war, und ein wohlgefülltes Couvert.

Dem Maler schoß das Blut ins Gesicht; er senkte einige Sekunden lang den Blick auf das inhaltreiche Päckchen in seinen Händen und sagte dann: »Schauen Sie, Frau Gräfin, das kann ich nicht annehmen ... Das hab' ich nicht verdient.« Resolut legte er das Geld auf den Tisch, bat »dem Comtesserl« einen Gruß von ihm auszurichten und ging seiner Wege.

Hätte Herr Krämer nicht so große Eile gehabt, den Platz zu räumen, und sich in der Thür umgewandt, ihm würde ein Anblick zu Theil geworden sein, dessen sich Niemand aus der nächsten Umgebung der Gräfin rühmen konnte. Er hätte die Frau, die man empfindungslos nannte, dastehen gesehen, bebend, gebeugt, das Gesicht von Thränen überströmt. — —

Abends hatte Madame Dumesnil wie gewöhnlich die aus dem Theater kommenden Damen mit dem Thee erwartet. Marianne trat vor den Pfeilerspiegel um ihre Coiffüre abzunehmen. Sie stand abgewandt von ihrer Tochter, die sich in einem Fauteuil niedergelassen hatte, und auf deren Gesicht das Licht der von einem Schirme halb bedeckten Lampe fiel. Jeden Zug, jede Bewegung desselben konnte Marianne deutlich im Spiegel sehen. 307

Nach einigen Bemerkungen über die heutige Vorstellung, sprach die Gräfin in gleichgültigem Tone: »Unter anderem: der Zeichenlehrer hat abgedankt. Er gedenkt nicht länger seine Zeit mit unserer Thekla zu verlieren ... Er meint, Du hättest kein Talent, armes Kind.«

Theklas Augen sprühten helle Zornesfunken, die Röthe des Unwillens flammte auf ihren Wangen; ihre zuckenden Lippen öffneten sich wie zu rascher Antwort, aber — sie schwieg. Sie warf den Kopf mit einer stolzen Bewegung in den Nacken und — schwieg.

Nach einer kleinen Weile war Marianne mit ihrer Coiffüre zu Stande gekommen, setzte sich an den Tisch und ließ sich mit Madame Dumesnil in eine lebhafte Erörterung der neuen Kleidermoden ein, an welcher Thekla nicht theilnahm.

Das junge Mädchen befand sich zwei Tage lang in empörter Stimmung, dann verfiel sie in Melancholie, die nach abermals zwei Tagen einer unbestimmten Empfindung Platz machte, halb Groll, halb Reue, ganz und gar: Unbehagen. Noch waren nicht vier Wochen ins Land gegangen seit Herrn Krämers improvisirter Liebeswerbung, als die kleine Gräfin sich ihres so rasch ertheilten Jawortes nur noch mit Entsetzen erinnerte, und ein halbes Jahr hindurch konnte sie von ihrem, oder von einem Zeichenlehrer überhaupt nicht sprechen hören, ohne vor Scham an Selbstmord zu denken.

Einen tiefen, ja, wie Madame Dumesnil meinte, 308 unbegreiflich tiefen Eindruck, machte diese Episode im Jugendleben Theklas auf ihre Mutter.

Das kleine Ereigniß, es ist nicht anders möglich, muß die Gräfin zu einem Rückblick in ihre eigene Vergangenheit veranlaßt, muß schmerzliche Erinnerungen in ihr geweckt haben, dachte die Französin. Sie besann sich jetzt des halb vergessenen Gerüchtes, Marianne habe dereinst einen Menschen geliebt, der ihrer in keiner Weise würdig war; einen Mann von vielem Geiste, scharfem Verstande, aber zweifelhaftem Rufe, der die Phantasie des jungen Mädchens zu fesseln, ihr Herz zu gewinnen wußte und sich plötzlich — sehr zur Beruhigung ihrer Eltern — von ihr abwandte, um ein mit Ostentation zur Schau getragenes Verhältniß mit einer stadtkundigen Schönheit einzugehen. Es gab Leute, die behaupteten, vielleicht ohne es selbst zu glauben, die Gräfin habe ihre Neigung für Hans von Rothenburg niemals ganz überwunden. Diese schlecht belohnte Liebe habe Zeit und Entfernung, habe Mariannens Ehe mit einem ehrenwerthen Manne überdauert und den einzigen Schatten geworfen, der jemals in ihr glückliches Dasein fiel. Was an alledem Wahres sei, erfuhr die neugierige Dumesnil nie, und blieb in dieser Sache auf die Gedanken angewiesen, welche sie sich selbst darüber machte. Nahrung gab ihnen allerdings die Unruhe, in die Marianne durch Theklas kindische Herzensverirrung versetzt wurde. So ängstlich behütet man ein geliebtes Haupt nur vor selbst erfahrenem Uebel. Die Gräfin stand Nachts auf und 309 wachte stundenlang am Bette ihrer schlafenden Tochter. Sie führte eine strengere Controle denn je, über die Bücher, die Thekla las, über die Musikstücke, die sie spielte, einen lebhafteren Kampf denn je gegen Ueberspanntheit und Schwärmerei. Und sie mußte sich endlich sagen, daß dieser Kampf siegreich gewesen war.

Mit achtzehn Jahren trat Thekla in die Welt, gefiel außerordentlich, und bewegte sich in der neuen Umgebung wie in ihrem ureigensten Elemente. Nichts blendete, nichts überraschte sie. Ruhig nahm sie die Huldigungen hin, die ihr dargebracht wurden, lächelte über den Neid minder Bevorzugter, und hielt mit kühler Majestät Jeden fern, der sich aus einer weniger glänzenden Sphäre hervor, in die ihre wagte.


Einige »sehr annehmbare« Bewerber waren von Thekla bereits ausgeschlagen worden, als Paul Sonnberg zum ersten Male in der Gesellschaft erschien. Ihm ging der Ruf eines Mannes voran, der zu einer großen Laufbahn bestimmt sei. In seinem Leben war Alles anders gewesen als in dem der meisten seiner Standesgenossen. Eine Jugend voll Arbeit und Mühen lag hinter ihm. Er hatte als Kind die öffentlichen Schulen besucht und dann eine deutsche Universität bezogen.

»Obwohl er Ihr einziger Sohn, der einzige Erbe eines großen Vermögens ist?« sprachen die Leute zu seinem Vater. 310

»Weil er das ist,« lautete die Antwort. »Vermögen ist Unvermögen in der Hand eines Menschen, der nichts vermag. In meiner Hand zum Beispiel, in der Euren!«

Schwer lastete auf dem alternden Manne das Bewußtsein, den Anforderungen der neuen Zeit, die für ihn unversehens hereingebrochen war, nicht genügen zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, das ihn niederdrückte, sollte sein Sohn niemals kennen lernen; gerüstet sollte der in das streitbare Leben treten, arbeitsgewohnt in die thätigkeitsfrohe Welt. Der Vater meinte, ihn nicht zeitig genug auf eigene Füße stellen, auf eigene Kraft anweisen zu können.

»Es mußte sein! es geschah für ihn!« damit tröstete der Graf sich und seine Frau nach dem Abschied von dem geliebten Kinde, das ihnen — eine spät erfüllte Hoffnung — noch im Alter geschenkt worden war.

Paul verstand die Wünsche und Erwartungen der Seinen und übertraf sie alle. Jahr um Jahr kehrte er zurück, reicher an errungenen Ehren. Daheim empfing ihn vergötternde Liebe; die Mutter lebte auf, der Vater vermochte kaum sein Entzücken über den herrlichen Sohn hinter still billigendem Ernste zu verbergen; alle Gesichter verklärten sich, das ganze Haus schimmerte im Freudenglanze. Wie ein verwunschener Prinz in den Tagen der Entzauberung zu seinem Königreiche kommt, so kam auch Paul für kurze Zeit in den Besitz seiner angestammten Rechte. Nach absolvirter Universität ging er nach England, 311 um dort Agronomie zu studiren, und traf endlich, heiß und ungeduldig ersehnt, zu bleibendem Aufenthalte im Elternhause ein. Nun hieß es zeigen, was er gelernt hatte! es hieß Neuerungen einführen, die wirthschaftlichen Zustände seines Erbgutes verbessern, der ganzen Gegend ein Beispiel geben zu heilsamer Nachahmung. Der stumpfe Widerstand, der seinem Eifer, das Mißtrauen, das seinem guten Willen entgegengebracht wurden, entmuthigten ihn nicht — lange nicht! Als er aber nach Jahren rastlosen Fleißes immer wieder an die eingebildete und doch unübersteigliche Scheidewand zwischen Theorie und Praxis anrannte, als jeder seiner Erfolge mit Spott, jeder seiner Mißerfolge mit Schadenfreude begrüßt wurde, da riß ihm die Geduld, und Ueberdruß stellte sich ein. Dieser wurde noch erhöht durch die Unsicherheit der allgemeinen Lage, durch die trostlosen Verhältnisse des ganzen Landes. Oesterreich stand damals am Abgrund, an den die Sistirungspolitik es geführt; im Innern war der Hader der Nationalitäten entbrannt, von außen drohten Kämpfe auf Leben und Tod.

In der Ehe, die Paul, den heißesten Wunsch seiner Eltern erfüllend, mit ihrer Ziehtochter, einer armen Verwandten geschlossen hatte, fand er kein Glück. Seine junge Frau war von ihm niemals geliebt worden, und er fühlte sich durch ihre Liebe nur gequält. So war ihm der Aufenthalt in der Heimath in jeder Weise vergällt, und freudig beinahe, als die Kriegsanzeichen sich mehrten, eilte er nach Wien und ließ sich als gemeinen Soldaten 312 in ein Regiment anwerben, das eben nach Italien abmarschirte. Auf dem Wege erreichte ihn die Nachricht, daß ein Töchterchen ihm geboren sei, und daß er seine Frau verloren habe.

Nach beendetem Feldzuge quittirte Paul die Officierscharge, zu welcher er auf dem Schlachtfelde von Custozza befördert worden, und nahm im Reichsrathe seinen Platz unter den Männern der Opposition ein. Sein Wissen, die Energie, mit welcher er seine Meinungen vertrat, erregten Aufmerksamkeit. Daß er ideale Zwecke verfolgte, setzte man auf Rechnung seiner Jugend; daß er freisinnige Politik trieb, wurde als eine Art Sport angesehen und dem Edelmanne verziehen, der den Augenblick schon finden werde, in die rechte Bahn einzulenken. In der Gesellschaft sicherten ihm seine Geburt und sein Vermögen eine bevorzugte Stellung. Aber sein Fuß war zu schwer für den parkettirten Boden des Salons. Er hätte die große Welt bald geflohen, wäre nicht Thekla darin zu finden gewesen. Wenn je zwei Menschen, so waren die für einander geboren, urtheilte ihre Umgebung. Beide zu gleichen Ansprüchen berechtigt, beide jung, schön, hochbegabt, mit Glücksgütern reich gesegnet. Namen, Rang, Verhältnisse in vollkommenster Uebereinstimmung. Mit der Unbefangenheit eines Mannes, der eine Zurückweisung nicht besorgt, legte Sonnberg seine Bewunderung an den Tag; mit sichtbarem Wohlgefallen wurde sie aufgenommen. Alle anderen Bewerber Theklas traten zurück, und jede leise Hoffnung auf die Gunst der Gefeierten erlosch, 313 als man Paul dem Fürsten Eberstein auf die Frage: »Wie gefällt sie Ihnen?« antworten hörte:

»Wie das Schönste, das ich jemals sah!«


Der Ball, auf dem Fürst Klemens eine entscheidende Wendung seines Schicksals zu erleben hoffte, ging zu Ende; er war der letzte und zugleich der glänzendste dieser Saison. Marianne erwartete nur den Schluß des Cotillons, um das Fest zu verlassen, und dieselbe Absicht hatte Sonnberg ausgesprochen, der an ihrer Seite sitzend dem Tanze zusah. Sie führten ein eifriges Gespräch, das die Gräfin von allgemeinen Gegenständen auf besondere, und endlich auf persönliche zu lenken verstand. Paul bemerkte bald, daß er einem kleinen Verhör unterzogen wurde, doch geschah dies in so freundlich theilnehmender Weise, daß es unmöglich war, auf eine Frage die Antwort schuldig zu bleiben. Besonders warm und herzlich lauteten die Erkundigungen Mariannens nach den Eltern Sonnbergs und nach seinem Töchterchen; sie wollte wissen, ob die Kleine ihrer verstorbenen Mutter ähnlich sehe; sie wollte etwas hören von ihrer Gemüthsart, ihren Eigenthümlichkeiten.

Ein überlegenes Lächeln umspielte seinen Mund, und er entgegnete: »Sie lag in Windeln, als ich sie zum letzten Male sah; ich kann Ihnen demnach über das Aeußere der jungen Person nichts verrathen. Ihre Eigenthümlichkeiten aber, ihre Gemüthsart werden wohl die der Leute ihres Alters sein.« 314

»Und die ihrer eigenen kleinen Individualität.«

»Individualität? Ich denke, daß sie noch keine hat. Zu drei Jahren sind alle Kinder einander gleich.«

»Nicht zwei,« sprach die Gräfin bestimmt, »auf der ganzen Erde nicht zwei!«

»Wahrhaftig?« versetzte er zerstreut. Sein Auge verfolgte mit dem Ausdruck eifersüchtigen Entzückens die schöne Thekla, die jetzt in den Armen ihres Tänzers an ihm vorüber wirbelte.

Marianne verglich die heiße Leidenschaft, die aus seinen Blicken funkelte, mit der Kälte, die sie angefröstelt hatte, als er von seinen Eltern, seinem Kinde sprach und dachte: — Was für eine Art Mensch bist Du eigentlich? Es liegt Etwas Unfertiges, Unaufgeschlossenes in Dir. — Ah! tröstete sie sich, er hat zu viel in Büchern gesteckt; er kennt das Leben nicht. Die Schule und ein einsames Schloß auf dem Lande, das war bisher seine ganze Welt. Er steht zum ersten Male im Menschengewühl und mit all' seiner Weisheit ist er doch nur ein Neuling darin. Aber — wo hat er Wurzeln geschlagen? Was ist sein eigentliches Element? Die Familie nicht, er scheint sehr gleichgültig gegen Alle, die ihm angehören. Wahrlich, ein Mann, der Mariannen auf dem Balle von den Süßigkeiten des Familienlebens vorgesäuselt hätte, wäre ihr lächerlich vorgekommen; aber so trocken wie dieser Sonnberg es that, sollte Niemand diejenigen abfertigen, die ihn an die Seinen erinnern.

Die Gräfin sah ihn von der Seite an: — Verwöhnt 315 wurdest Du, das ist's! Zuerst durch das Glück, das Dich mit Talent reich ausgestattet hat und mit Mitteln, es geltend zu machen, dann durch übergroße Liebe. Als eine Last empfindest Du sie und meinst genug zu thun, wenn Du sie nur duldest, nur erträgst.

Wieder betrachtete sie ihn, forschend, aufmerksam. Sein Gesicht drückte die höchste, erwartungsvollste Spannung aus. »Wahltour!« hatte der Vortänzer gerufen — Thekla, eben erst an ihren Platz zurückgeführt, erhob sich. Mehrere junge Leute eilten herbei, umringten sie, und jeder flehte: »Wählen Sie mich! — mich!« Sie schüttelte verneinend den Kopf; der Kreis, der um sie geschlossen worden war, theilte sich, und sie ging, an all' den Enttäuschten vorbei, langsam, in gleichmäßigen Schritten die Breite des Saales durchschreitend, auf Sonnberg zu. Und nun, anmuthig und stolz in ihrem duftigen Gewande, die Wangen rosig angehaucht, die herabhängenden Hände leicht in einander gelegt, stand sie vor ihm und grüßte ihn mit einem kaum merkbaren Neigen des Hauptes. Er sprang auf — aus seinem Antlitz war alle Farbe gewichen — er zitterte, ja, er zitterte! wie nach Athem ringend hob sich seine Brust ... Im nächsten Augenblicke jedoch hatte er sich gefaßt, umschlang die reizende Gestalt, und sie flogen im raschen Takte der Musik dahin, von allen, die sich in dem leuchtenden Saale lebensdurstig und lebensfreudig im Tanze bewegten, das schönste Paar. 316

An der Seite dieses Mannes nahm sich Mariannens blühende Tochter beinahe schmächtig aus, aber friedliche Ruhe lag auf ihrer Stirn, gleichmüthig wie immer glänzten ihre klaren blauen Augen, während die seinen zu glühen schienen, und sein ganzes Wesen eine gewaltige, tiefe, seelige Verwirrung verrieth.

Die Gräfin fühlte die bange Sorge schwinden, die ihr Herz beklemmt hatte. — Die wird ihn nicht verwöhnen, sagte sie zu sich selbst, der zweiten Frau wird er sich beugen! ...

Ein hagerer, hochgewachsener Mann, der sich ihr näherte, unterbrach sie in ihren Betrachtungen.

»Er tanzt!« sprach er, auf Sonnberg deutend, »die Statue des Comthurs steigt von ihrem Piedestal herab und tanzt!«

Marianne wandte sich langsam beim Klange der wohlbekannten Stimme und entgegnete: »Das ist weniger verwunderlich, Herr von Rothenburg, als daß Sie kommen, um ihr zuzusehen.«

»Deshalb komme ich auch nicht, sondern um, wie gewöhnlich, meine Betrachtungen zu machen beim Schluß unserer Carnevals-Ausstellung, unseres Kindermarktes von Bethnall-Green.«

Die Gräfin zuckte schweigend mit den Achseln; er nahm ohne Umstände Platz neben ihr und fuhr fort: »Immer dasselbe, nicht wahr? Angebot und Nachfrage stimmen niemals überein.«

Wie Kurzsichtige pflegen, zog er seine kleinen tiefliegenden 317 Augen zusammen und fixirte Marianne mit eigenthümlich scharfem Blicke.

»Was fehlt Ihnen, Frau Gräfin? Sie sind aufgeregt. Sollte das Ereigniß, das bevorsteht in Ihrer Familie, sich Ihrer unbedingten Zustimmung nicht erfreuen?«

Sie versuchte nicht Unbefangenheit zu heucheln und zu thun, als verstände sie ihn nicht. Sie antwortete einfach: »Es ist keineswegs ausgemacht, daß überhaupt ein Ereigniß bevorsteht.«

»Um so besser dann,« sprach er.

»Warum?« fragte Marianne befremdet.

Er lachte: »Warum? Bin ich der Mann, von dem man Gründe fordert? ... Und wenn ich von meinem ahnungsvollen Gemüthe spräche, würden Sie mir glauben?«

Eine kleine Pause entstand, dann sagte Marianne wie mit plötzlichem Entschlusse: »Was haben Sie gegen den Grafen Sonnberg?«

Rothenburg antwortete spöttisch: »Alles. Daß er jung ist, daß er reich, schön, vornehm ist, daß er ...«

»Den Ruf eines gescheiten Mannes besitzt,« ergänzte die Gräfin in demselben Tone.

»Den ihm alberne Leute gemacht haben — und der deshalb unerschütterlich ist. Uebrigens,« fuhr er ernsthaft fort, »glauben Sie nicht, daß ich ihn unterschätze. Er besitzt ein kostbares und trotz der Behauptung unserer Psychologen äußerst seltenes Gut: eine Seele. Vorläufig ist ihm das noch ein Geheimniß — er weiß es nicht. Aber der 318 Augenblick wird kommen, in welchem er's erfährt, und dieser wird für ihn ein entscheidender sein.«

Mit gesenktem Haupte hatte Marianne seinen Worten gelauscht, die beinahe völlig ihre eigenen Gedanken aussprachen.

»Sie rathen mir also —« fragte sie zögernd.

»Zu mißtrauen!« rief er, »dem Schicksal immer dann am ängstlichsten zu mißtrauen, wenn es ein ungetrübtes Glück zu verheißen scheint. Die boshaften Mächte, die über dem Menschendasein walten, geben entweder den Durst oder die Labe, das Schwert oder die Faust, die es führen könnte; sie geben jenem den Wunsch, diesem die Erfüllung, und wo ich äußere Uebereinstimmung sehe, weiß ich auch: hier ist innerer Zwiespalt.«

»Etwas geb' ich zu von alledem,« sprach Marianne, »ohne deshalb an Ihre »boshaften Mächte« zu glauben. Und — vollkommenes Glück! wer denkt daran?«

»Nicht wahr?« rief er, »besonders in unserem tugendreichen Zeitalter, das jedes andere Glück verbietet als das pflichtmäßige.«

»Das haben frühere Zeitalter wohl auch gethan.«

»O nein! Als noch Leidenschaft, Kraft und Muth auf Erden herrschten, da war es anders. Naivetät entschuldigte die Schuld. Munter verübten die alten Götter ihre Frevel, und die Menschen ahmten ihnen unbefangen nach. Wenn Antonius und Kleopatra sündigten, applaudirten zwei Welttheile. Jetzt schleicht die Sünde lichtscheu umher, und feige Reue heftet sich an ihre Fersen. Wir, 319 denkende Schwächlinge, entnervt durch die Reflexion, wir verstehen auch das schönste Verbrechen nicht mehr zu genießen.«

»Verbrechen genießen? ... Das sind wieder ganz Sie selbst!« sagte Marianne.

Die Gereiztheit, die aus ihrer Stimme klang, schien Rothenburg ein lebhaftes Vergnügen zu machen. »Immer nur ich! Mehr denn je!« scherzte er, »seitdem die einzige Hand, die sich zu meiner Rettung ausstreckte, mich aufgegeben hat — völlig aufgegeben. Nicht wahr?«

Marianne begegnete seinem höhnisch herausfordernden Blick; ein Ausdruck unerbittlicher Strenge lag auf ihrem Gesichte; ihre Augen glänzten wie im Bewußtsein eines Sieges, und sie sprach gelassen: »Sie haben sich eben theilnehmend und besorgt um Theklas Wohl gezeigt, was treibt Sie, diesen guten Eindruck zu verwischen?«

»Mein böser Dämon vermuthlich, « antwortete er in leichtfertigem Tone. »Aber lassen wir das. Frieden also und ewige Freundschaft!«

»Frieden,« wiederholte sie nachdrücklich, »so guten, als Sie fähig sind zu halten. — Da kommt Thekla!«

Marianne erhob sich und ging ihrer Tochter entgegen, die am Arme des Fürsten Klemens auf sie zugeschritten kam. Einen Augenblick starrte ihr Rothenburg finster nach: »Doch schade!« murmelte er zwischen den Zähnen, dann wandte er sich um, mit einer Bewegung, als gälte es, eine unbequeme Last abzuschütteln, und verschwand in der Menge, die den Gemächern zuströmte, in denen das Souper aufgetragen worden. 320

Die kleine Gesellschaft, die sich noch im Ballsaale befand, schickte sich an, ihn zu verlassen. Sie bestand aus der Gräfin und ihrer Tochter und aus Eberstein und seinem Neffen. Dieser, ein junger Mann mit rundem Kindergesichte, treuherzigen braunen Augen, weit aus einander stehenden Zähnen und einem dünnen lichtblonden Vollbärtchen, bot nun Thekla seinen Arm, während Marianne den des Fürsten annahm.

Das junge Paar ging dem älteren voran. Schüchtern und leise, dabei jedoch höchst eifrig sprach der kleine Graf zu seiner schweigenden Gefährtin.

»Er macht ihr Vorwürfe,« sagte der Fürst, als sie über die blumengeschmückte Treppe der Halle hinabgestiegen. »Er hat Ursache dazu; sein gutes Recht wäre gewesen, den Cotillon, den er mit ihr tanzte, auch mit ihr zu beschließen. Der arme Junge wartete so ungeduldig, daß sie ihm zurückkehre! Aber, als es endlich geschah, da wurde seine Aufforderung zur letzten Walzertour — abgelehnt. Ja, ja — abgelehnt! Majestätisch, wie sie sein kann, die junge Hexe, sprach sie: »Ich danke Ihnen — ich tanze heute nicht mehr ...«.«

»Das hat Thekla gesagt?« fragte die Gräfin erschrocken.

»Ja wohl!« entgegnete Klemens fröhlich, »und mit einem Blick auf den glückstrahlenden Sonnberg, einem ernsten, huldvollen Blick; ich wollte, Sie hätten ihn gesehen! Verrathen Sie mich aber nicht!« flüsterte er Mariannen zu. 321

Der Wagen war vorgefahren, die Damen stiegen ein. »Morgen also, um zwei Uhr, kommen wir,« rief ihnen der Fürst noch zu, und die Equipage rollte davon.

»Warum sagen Sie wir?« fragte Alfred, »wer begleitet Sie morgen zu der Gräfin?«

Klemens zog sein Cache-nez bis zu den Ohren hinauf und erwiderte kurz: »Sonnberg begleitet mich.«

»Wie, lieber Onkel — Sie machen sich zu seinem Freiwerber?« sprach Alfred vorwurfsvoll — »Sie! ... Und wissen doch ...«

»Ich kann in dieser Angelegenheit keine Rücksicht auf Dich nehmen. Ich kann in dieser Sache nichts für Dich thun. Es war ein Unsinn, daß Du Dich in Gräfin Thekla verliebtest ... Zum Teufel, ehe man sich verliebt, sieht man zu in wen?« Das Gespräch, das er heute Morgen mit Mariannen gehabt, kam dem Fürsten sehr zu Hülfe, und er schloß: »Mit dieser Empfindung mußt Du trachten fertig zu werden. Das kann man. Man muß nur bei Zeiten zum Rechten sehen.«

Unterdessen hatte Paul, der seinen Wagen fortgeschickt, zu Fuß den Heimweg angetreten. Ihn lockte der Gang durch die schneebedeckten Straßen in der stillen Winternacht. Erquickt von der kalten Luft, die ihn anwehte, sog er sie tiefathmend ein und begann gewaltig auszuschreiten. Wie groß und weit war ihm das Herz! Als hätte ein Bann sich gelöst, der auf ihm ruhte, so fühlte er sich; als wären ungeahnte Fähigkeiten in ihm erwacht. 322

— Das ist das Glück! das ist die Liebe! — jauchzte es in seiner Brust. Was hatte er bisher für den Inhalt des Lebens gehalten? Einen Ehrgeiz, den Tausende besaßen, das Jagen nach Zielen, die andere so gut wie er erreichen konnten. Von dem alles verklärenden Licht, von der Krone des männlichen Daseins, von der Liebe zu einem Weibe, davon hatte er nichts gewußt. Wohl war er angebetet worden von Kindheit an, hatte schwärmische Neigungen eingeflößt, erwidert aber hatte er noch keine der liebevollen Empfindungen, die ihm entgegen getragen wurden. Und jetzt — wie aus dürrem Waldesboden die Lohe bricht, wie Feuerfluthen emporsteigen aus dem felsenstarrenden Berge, so flammte jetzt in seiner Seele die Leidenschaft plötzlich auf. Sie war erwacht, ein göttliches Wunder; das schöne Geschöpf, das er eben in seinen Armen gehalten, hatte sie geweckt, zu niemals geahnter Wonne ...

Eine Regung von Mitleid erwachte in ihm — wie ein Schatten zog die Erinnerung an seine verstorbene Frau durch sein Gemüth. Aber selbst dieser leichte Schatten, den eine trübe Vergangenheit über die leichtströmende Gegenwart gleiten ließ, verflog. Was ist eine wehmüthige Erinnerung im Augenblick der seligsten Erfüllung? ... Vorbei! vorbei! Friede mit den Todten, und Glück und Macht mit den Lebendigen!323


Am folgenden Tage, um zwei Uhr, ließen Eberstein und Sonnberg sich bei der Gräfin anmelden. Klemens trug eine Zeitlang die Kosten der Unterhaltung, gestand aber plötzlich, daß er heute nur gekommen sei, um zu gehen, da eine Verabredung mit seinem Geschäftsmanne ihn an das andere Ende der Stadt rufe, und verabschiedete sich mit einem freudestrahlenden Blick auf Marianne und einem Blick voll väterlichen Wohlwollens auf Paul.

Von ihrem Fenster aus, das in den hellen, geräumigen Hof hinabging, hatte Thekla die beiden Herren kommen und den Fürsten sich nun entfernen gesehen. Sonnberg war allein bei ihrer Mutter. Jetzt, ganz gewiß jetzt, stellt er seinen Antrag. Er sagt, daß er von Thekla dazu berechtigt sei. Eine Pause! eine halbe Minute Pause: Der Anstand will's und so gehört es sich. — Das Mädchen sah nach der Uhr auf dem kleinen Schreibtisch. Die halbe Minute war vorbei, und Mama spricht vielleicht in diesem Augenblicke: »Ich vertraue Ihnen die Zukunft meiner einzigen Tochter an ...« Die gute Mama! Theklas rosige Lippen, die sich soeben mit einem prächtigen Ausdruck muthwilliger Ueberlegenheit aufgeworfen hatten, verzogen sich ein klein wenig, wie die eines verwöhnten Kindes, dem man ins Gewissen redet und das mit seiner Rührung kämpft. Ihre Pulse begannen rascher zu schlagen, eine nie gefühlte Bangigkeit beengte ihre Brust. Sie erhob sich, trat an das Fenster und blickte hinab in den Hof.

Da steht Sonnbergs Equipage. Ein kleines dunkles 324 Coupé, leicht und solid gebaut, vor Neuheit funkelnd. Der Kutscher sitzt steif auf dem Bocke, hält mit der rechten Hand den Stiel der Peitsche auf den Schenkel gestützt und in der linken die Zügel. Man sieht's ihm an, daß er lieber sterben als die Augen von seinen Pferden wenden würde. Ei, sie sind dieser Aufmerksamkeit wohl werth, die zierlichen Rappen mit ihren feinen Köpfen, ihren schlanken Hälsen, mit den geschmeidigen, stählernen Fesseln. Ihr seidenes Haar ist schwarz wie die Nacht, und wie Mondlicht schimmert sein Glanz. Sie stampfen mit spielender Grazie den Boden und blasen übermüthig die Nüstern auf als fühlten sie, daß ein Kennerauge auf ihnen ruhte ... Thekla hatte ihre Mutter oft ungeduldig gemacht durch die Behauptung: um zu wissen, was an einem Menschen sei, brauche sie nur — seine Equipage zu sehen. An das erschrockene: »Ich bitte Dich!« das Marianne bei dieser Gelegenheit auszustoßen pflegte, dachte Thekla jetzt und hielt in Gedanken eine kleine Rede an ihre Mutter: »Sieh dorthin und wage es, mir Unrecht zu geben. Sieh diesen Wagen, dieses Gespann, diese Riemen, diese Schnallen! Ist das nicht alles korrekt und tadellos, pünktlich, charaktervoll? Auch Klemens hat englische Coupés und Pferde aus edelstem Blut, aber wie ist das alles zusammengestellt? Ohne rechten Geschmack, ohne die Strenge, die unerbittlich auf Sorgfalt bis ins Kleinste dringt. Der Weichling verräth sich überall!«

Sie wandte sich vom Fenster weg und begann im 325 Zimmer auf und ab zu schreiten. Ihre Phantasie zauberte ihr einen noch viel schöneren Anblick vor als den, welchen sie eben genossen: die Equipage der Gräfin Sonnberg, und bald auch das Palais, durch dessen Einfahrt diese Equipage rollte, während die Glocke dreimal anschlug und der dicke Portier sich ehrerbietig verneigte, in seinem rothen Pelze mit goldgesticktem Bandelier ... Roth und gelb sind die Sonnbergischen Farben, das Wappen ist eine goldene Sonne, aufsteigend am purpurnen Horizont. Dieses Sinnbild prangt über dem Thore des majestätischen Bauwerks, eines Juwels alterthümlicher Architektur, des Palais, dessen Gebieterin sie werden sollte, Gebieterin des Gebieters und aller, die dem Gebieter dienten ...

Thekla war an Reichthum und Behagen gewöhnt, aber im Wittwenhause ihrer Mutter hatte sich allmälig ein Domestiken-Regiment und mit ihm so mancher Mißbrauch eingeschlichen. Es fehlte der kräftige Mann, der die Herrschaft in starken Händen hält. Graf Sonnberg wird das verstehen, er wird für die Ordnung und nach Außen für den Glanz seines Hauses sorgen. Den Mittelpunkt dieses Glanzes gedenkt Thekla zu bilden und von ihm umgeben sich der Welt zu zeigen, in der Stadt zur Winterszeit, im Sommer auf ihren Schlössern ... Dort will sie leben wie der Adel im vorigen Jahrhundert auf seinen Schlössern zu leben pflegte, einen zahlreichen Freundeskreis gastfrei um sich versammeln, täglich neue Feste ersinnen, den Hasen jagen auf der Haide, den 326 Hirsch im Walde und sich lächelnd der Zeiten erinnern, in denen sie in Wildungen zwischen ihrer Mutter und Madame Dumesnil saß und Weihnachtsjacken und Neujahrshauben für die armen Dorfkinder häkelte und strickte.

Die Uhr auf dem Schreibtische hob aus zum Stundenschlag ... drei Uhr ... die Unterredung zwischen dem Grafen und ihrer Mutter dauerte lang — was hatten sie einander zu sagen? ... Ihr wurde angst — sollten alle ihre schönen Träume in Luft zerrinnen? ... Aber da pochte es an der Thür, der Kammerdiener erschien und sprach: »Die Frau Gräfin lassen bitten ...«

Thekla fand ihre Mutter im kleinen Salon, an ihrem gewöhnlichen Platze, in ihrer gewöhnlichen Haltung, aber mit gerötheten Wangen, ja sogar mit leicht gerötheten Augen. In hoher Erregung schritt Sonnberg auf das junge Mädchen zu, er war sehr bleich, und seine Lippen bebten.

»Ihre Mutter theilt Ihr Vertrauen zu mir nicht, Gräfin Thekla,« sprach er. »Sie verurtheilt mich zu einer Probezeit ... Ich soll dienen um mein Glück. Sie will es.«

Thekla runzelte die Stirn, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, und sie entgegnete leise, aber festen Tones: »Und was wollen Sie?«

Paul ergriff ungestüm ihre Hand: »Ich will mich bemühen,« rief er, »die Probezeit möglichst abzukürzen ...« 327

»Sie fügen sich also,« sagte Thekla und schüttelte mißbilligend das Haupt.

»Ich füge mich, da ich die Zustimmung Ihrer Mutter nicht erzwingen, und noch viel weniger — Ihnen entsagen kann ... Helfen Sie mir,« flehte er leidenschaftlich, »helfen Sie mir den hohen Preis, den ich im Sturme erringen wollte, nun wenigstens nicht zu verscherzen! ... Ich will alles lernen, sogar geduldig sein, wenn Sie mir liebevoll zur Seite stehen, ich will alles thun, um mich allmälig Ihrer werth zu zeigen, — nicht nur zu zeigen, es zu werden, so sehr mir dies überhaupt möglich ist, denn ganz und völlig Ihrer werth ist kein Mann auf Erden — das weiß ich wohl.«

Er sprach abgebrochen, hastig, und Thekla trat einen Schritt zurück, erstaunt, erschrocken über den Sturm heißer Empfindungen, der in ihm zu kämpfen schien. Seine Blicke ruhten auf ihr, beschwörend: Sprich! Antworte mir! ... Aber Thekla verstand ihre glühende Sprache nicht, denn sie schwieg. Sie stand da um einen Ton blässer als gewöhnlich, sie dachte: Das ist peinlich; und als sie die gesenkten Augen erhob, war es nicht zu ihm, der darauf harrte wie auf die Erlösung, sondern zu ihrer Mutter — war es rathlos und hülfesuchend ...

Marianne erhob sich, ging auf Sonnberg zu und legte beschwichtigend die Hand auf seinen Arm.

»Sie sind ein Kind, mein lieber Graf,« sagte sie, »trotz Ihrer dreißig Jahre, trotz Ihres großen Verstandes.« 328

»Ich liebe zum ersten Male, das macht jung in meinem Alter; es macht aber auch weich, nachgiebig und gehorsam ... Ich kenne mich selbst nicht mehr — Sie haben ein Wunder gethan, Thekla!« rief er und breitete die Arme aus. Einen Augenblick ruhte ihr Haupt an seiner Brust, im nächsten schon hatte sie sich losgemacht und war zu ihrer Mutter getreten, verwirrt, in großer Bestürzung.

»Thekla!« wiederholte Sonnberg.

Marianne beeilte sich dem Vorwurf zu begegnen, der auf seinen Lippen schwebte: »Vergessen Sie nicht,« sprach sie, »daß Menschen nur unbewußt Wunder thun. Es beängstigt sie, wenn man ihnen dafür dankt,« setzte sie lächelnd hinzu.


In der Stadt ließ sich's Niemand nehmen, daß Paul und Thekla verlobt seien, daß ihr Brautstand nur noch, aus irgend einem unbekannten Grunde, nicht declarirt werde. In der That brachte Sonnberg täglich einige Stunden im Hause der Gräfin Neumark zu. Er fühlte bald, daß er Fortschritte machte in der Gunst Mariannens, und das beglückte ihn.

Thekla blieb sich immer gleich.

Vom Augenblick an, in welchem er in das Zimmer trat, war sie einzig und allein mit ihm beschäftigt, war freundlich und aufmerksam und widersprach ihm nie; sie gewöhnte sich sogar, Urtheile zu wiederholen, die er gefällt 329 hatte. Eine Zeitlang begnügte er sich mit diesem für ihn so schmeichelhaften Begegnen, nach und nach aber begann er hinter all' dieser Rücksicht und Fügsamkeit große Kälte zu ahnen. Gräßlich durchblitzte ihn, glückvernichtend ein Zweifel an Theklas Liebe. Sein ganzes Wesen empörte sich dagegen, und wie einen Gedanken an erlittene Schmach wies Paul ihn von sich.

Aber einige Bitterkeit blieb doch zurück, ein unwiderstehlicher Wunsch, die Geliebte zu reizen, zur Ungeduld zu bringen, den heiteren Gleichmuth zu stören, der ihn anfangs entzückt hatte, und der ihm jetzt ein Frevel schien an seinen eignen Gefühlen, an der Sehnsucht, die er um sie litt, an der schwer erkämpften Geduld, zu welcher er sich zwang, er, so gewöhnt an freudiges Entgegenkommen, der Mann des raschen Erfolges, der nie gelernt hatte zu warten und zu werben, dem man niemals Nein gesagt, er, Paul Sonnberg!

Als Thekla das nächste Mal einer von ihm aufgestellten, sehr unhaltbaren Behauptung nicht widersprach, rief er herausfordernd und herb: »Das ist meine Meinung, sagen Sie jetzt die Ihre!« Sie erhob die großen Augen zu ihm voll bestürzter Verwunderung, senkte dann hocherröthend den Blick und schwieg. Jede Frage, die er noch an sie stellte, beantwortete sie kleinlaut mit Ja oder Nein, wohl auch — mit Ja und Nein. Paul blieb während der Dauer seines Besuches unruhig, bitter, und ging endlich, von tausend widerstrebenden Empfindungen erfüllt und gequält. 330

Am folgenden Tage kam er früher als gewöhnlich und fand Thekla allein. Sie saß auf dem Platze ihrer Mutter in dem kleinen braunen Salon, ihre Arbeit im Schoße. Sie hatte sich aber weder mit dieser beschäftigt noch mit dem Buche, das aufgeschlagen neben ihr auf dem Tischchen lag. Sie saß unbeweglich da, wie eine Statue, Ebenmaß in jeder Form, Schönheit in jeder Linie. Als Paul eintrat, erhob sie sich und ging ihm entgegen, lächelnd und freundlich wie immer, in ihrer anbetungswürdigen Herrlichkeit. Er hatte die Nacht in schwerem Kampfe durchwacht, seine Heftigkeit verwünscht und schmerzlich bereut. Er erwartete Thekla verstimmt zu finden, gekränkt über sein gestriges, kindisches Gebahren, er meinte sie versöhnen zu müssen, und er wollte es! ... Statt dessen begrüßte sie ihn holdselig und unbefangen, als wäre ihr Einvernehmen nicht durch den leisesten Schatten getrübt worden. Sogleich stieg, mit unsäglicher Bitterkeit, die Frage in ihm auf: »Hab ich nicht einmal die Macht, ihr weh zu thun?« — doch bezwang er sich und sprach ruhig: »Thekla, ich war gestern widerwärtig, unerträglich — können Sie mir verzeihen?«

Sie wurde ein wenig roth, ein wenig verlegen und antwortete hastig wie Jemand, der einer unangenehmen Erörterung auszuweichen sucht: »Ich bin ja gar nicht böse gewesen.«

»Verdanke ich diese Nachsicht Ihrer Barmherzigkeit oder Ihrer Gleichgültigkeit? Antworten Sie mir,« setzte er halb flehend, halb herausfordernd hinzu. 331

»Wie können Sie von Gleichgültigkeit reden,« erwiderte Thekla, »da Sie doch wissen ...« sie hielt inne.

»Ich weiß,« rief er, »daß Sie mir Ihr Jawort gaben, als ich Sie fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Jetzt frage ich Sie, Thekla: Lieben Sie mich? ... Sie haben mir Ihre Hand zugesagt, ist Ihr Herz mein? Fühlen Sie, daß kein Mann auf Erden Sie besitzen kann wie ich, das heißt, Sie besitzen mit allen Ihren Gedanken, Regungen und Empfindungen, mit Ihrem ganzen schrankenlosen Vertrauen? ... Ist mein Glück das Ziel Ihrer Wünsche, wie wahrlich das Ihre Ziel und Inbegriff der meinen ist ... Lieben Sie mich?«

Er hatte die letzten Worte mühsam hervorgestoßen, sie kamen wie ein dumpfer Schrei aus seiner gepreßten Brust. Thekla hielt den Blick nicht aus, der schmerzlich und zornig auf ihr ruhte, bang wandte der ihre sich nach der Thür, durch welche sie hoffte ihre Mutter endlich eintreten zu sehen — niemals hatte sie ihre Mutter so sehnlich herbeigewünscht! ...

»Sie kommt,« sagt Paul, ihre stumme Bewegung beantwortend, »beruhigen Sie sich, sie wird gleich hier sein; ihre Anwesenheit wird mich aber nicht hindern so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es thue ... Weil ich muß, weil ich soll!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie heftig, ohne zu denken, daß er ihr weh that. Etwas Drohendes klang aus seiner Stimme, wogegen ihr Stolz sich empörte.

Sie zog mit Gewalt und Entrüstung ihre Hand 332 aus der seinen und sagte: »Ich weiß nicht, was Sie wollen.«

»Ich werde es Ihnen sagen!« rief er ausbrechend. »Die Ehrenhaftigkeit des Weibes besteht darin, dem Manne, der um sie freit aus unaussprechlicher Liebe — ›Nein!‹ zu antworten, wenn sie diese Liebe nicht erwidern kann ... Verstehen Sie mich jetzt? ... Wir würden unglücklich sein — beide — wenn Sie mich nicht liebten. — Weisen Sie mich ab, Thekla, wenn Sie mich nicht lieben! ... Weisen Sie mich ab!«

Sie stand vor ihm mit trotzig aufgeworfenen Lippen, bleich und ruhig — noch immer ruhig ... Plötzlich aber zuckte es schmerzlich über ihr Gesicht, ihre Augen wurden feucht, und rasch bedeckte sie dieselben mit ihrer Hand. Ach, auf dieser edlen Hand brannten rothe Flecken, die Spuren der schonungslosen Finger, die sie eben umklammert hatten; sie erhob sich wund und weh, um Thränen zu verbergen, die er fließen gemacht, der gequälte Quäler, dessen Herz sich bei diesem Anblick wandte, und den tiefe Reue ergriff, nagende Scham ... Er fühlte seinen Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe steigen, steigen, wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen und läutern, er fühlte in ihren göttlichen Gluthen alles schmelzen, was in ihm an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte ... Er trat auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit innigster Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog. 333

»Sagen Sie noch Ja?« fragte er leise.

Sie nickte schweigend und sah ihn an.

»Sie wissen, daß ich aus Liebe um Sie werbe, und sagen dennoch: Ja?«

»Ich sage dennoch Ja,« erwiderte sie mit ihrem bezaubernsten Lächeln.

»So gehörst Du mir,« flüsterte er ihr zu, »so bin ich Dein — und ich bin es ganz ... Gebiete! herrsche!«

Er beugte sich über sie, sein Mund näherte sich dem ihren ... Sie schloß die Augen, sie hätte fliehen mögen — aber sie wagte es nicht ... Er könnte wieder zürnen, wieder sagen: Weisen Sie mich ab, wenn Sie mich nicht lieben! Ihre Lippen erbleichten, zitterten angstvoll unter der Berührung der seinen ... Da öffnete sich die Thür, und Marianne trat ein.


Von dem Tage an erschien Paul verändert; sehr zu seinem Vortheile, meinten die Gräfin und ihre Tochter. War es die Frucht männlich bestandener Kämpfe mit sich selbst, war der Frieden wirklich in seine Seele gekommen? Die Ungleichheit seiner Laune störte Theklas heitere Sorglosigkeit niemals wieder. Er vermied alles, was sie unangenehm berühren konnte, er forderte in ernsthaften Dingen kein Urtheil mehr von ihr, fragte nicht mehr in hofmeisterndem Tone, ob sie dieses oder jenes Buch gelesen habe. Die Helden der Geschichte, die großen Dichter und Künstler, deren Geister er sonst mit einem Enthusiasmus 334 zu citiren pflegte, der zur Theilnahme aufforderte, ließ er jetzt ruhen. Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, er gab sich ganz dem Zauber hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes Wesen, den der Wohllaut ihrer Stimme auf ihn ausübten. Er begann Geschmack zu finden an dem heiteren, unbekümmerten Leben im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter und schwelgte in dem anmuthigen Behagen, das vollendete Wohlerzogenheit um sich her zu verbreiten weiß.

Für die Entschiedenheit, womit Thekla traurige und unangenehme Eindrücke von sich wies, für ihre Scheu vor geistiger Anstrengung, fand er tausend Entschuldigungen: Sie ist jung und nimmt das Leben leicht, sie ist glücklich und will es bleiben, sie fühlt unbewußt, wie ein Kind, das sich gegen das Aufnehmen schwieriger Erkenntnisse sträubt, den tiefen Sinn der großen Wahrheit: Nachdenken bricht das Herz!

Eines Tages fand er Thekla, ihn im großen Salon erwartend: »Ich bin Ihnen entgegen gekommen,« sagte sie leise und lachend, »um Sie abzuhalten bei Mama einzutreten. Mama hat Besuch, die alte Baronin Limberg, Sie wissen, die Wohlthäterin. Ihr eigenes Hab und Gut hat sie bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht Ihnen Beschreibungen von dem Elende dort — man kann's nicht anhören. Gewiß, sie übertreibt.«

»Schwer möglich, in dem Falle,« sagte Paul; er 335 wollte noch etwas hinzusetzen, aber sie fiel ihm ins Wort: »Reden wir nicht davon, ich bitte Sie! Was nützt es denn? Man kann nicht alle armen Leute reich machen. Wir geben, so viel in unseren Kräften steht und beruhigen uns damit. Sich grämen über das Elend, heißt ja nur es vermehren.«

Seltsam berührt wandte er sich ab ... Es war wohl eigen! Dasselbe hatte er einst gesagt — ihm schien mit denselben Worten — zu seiner jungen Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer Schilderung hungernder und frierender Noth, der sie durchaus abhelfen wollte. Die junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die Hand auf die Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen gesehen und war endlich, rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und still ... Arme Marie! ...

Thekla ahnte nicht, daß in diesem Augenblicke, während er beistimmend sagte: »Ja, ja wohl,« eine zarte Gestalt zwischen ihm und ihr dahinglitt, leise wie ein Traum, und ihr schönes Bild verdunkelte. Aber es war ja nur die Gestalt einer Todten, die er niemals geliebt, und in der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der Lebendigen, die er liebte!

Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und übte sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des strengsten Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb um so berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen 336 Widerspruch, erhob aber dabei stets einen Blick voll so liebenswürdiger Demuth zu ihrem Bewerber, daß dieser wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen, damit ihm ein solcher Blick öfter zu Theil würde.

Die Zeit verging, wie sie dem Liebenden zu vergehen pflegt, entsetzlich langsam, furchtbar schnell ... Es kamen Tage, deren Ende Paul nicht erleben zu können meinte, andere, die wie Minuten verflogen — und als die Luft eines Morgens lau und lind durch das geöffnete Fenster drang, und er einen Blick auf die Kastanienbäume vor dem Hause werfend, ihre Knospen geschwellt, ihre Zweige mit jungem Grün bedeckt sah, da überraschte es ihn, daß der Winter vorüber und der Frühling gekommen war. Der Frühling seines wichtigsten Lebensjahres, welches auch das schönste werden sollte, das erste eines reichen Glückes, in dessen Sonnenschein sich alle spiegeln und erwärmen werden, die ihn lieben. Er gedachte seiner Eltern und des Kindes, das zwischen dem greisen Ehepaare aufwuchs, liebevoller als er je gethan. Innig, wie nie, fühlte er die Sorge für ihr Wohl in seinem Herzen Raum fassen. Sie sollen alle neu aufathmen, Frohsinn und Heiterkeit sollen einziehen in ihr stilles Haus, wenn er ihnen Thekla bringt, die Frau seiner Wahl, die ihn lieben lehrte, nicht sie allein lieben, auch die Seinen, auch die ganze Welt — und jenen so eigentlich erst den Sohn, seinem Kind den Vater, der Erde einen Menschen geschenkt.

Er wird an Theklas Seite ein anderer sein als er 337 in seiner ersten Ehe gewesen ist. Damals hatte er eine Pein kennen gelernt, ärger fast als unglückliche Liebe: die Pein, eine Neigung einzuflößen, die man nicht erwidert und doch erwidern sollte. Es war seine Pflicht, er hatte es gelobt ... Schlimm genug, daß er sich dazu verleiten ließ! — Als Verwandte war Marie ihm werth gewesen, aber als seine Frau, da fand er gar vieles an ihr auszusetzen. Zuerst, daß er es fühlte: Sie leidet durch mich! Immer hatte man ihm gesagt, geborgen seien Alle, die ihm angehörten, sein Dasein schon sei Glück und seine Nähe Segen. — Warum empfand sie es nicht? Was wollte sie denn? Kurz angebunden war seine Art; schonungslos gegen sich selbst, verstand er sich nicht auf zarte Rücksichten gegen eine empfindsame Frau. Verweichlicht schalt er sie, anspruchsvoll, und wollte die leise Stimme in seinem Innern nicht hören, die ihm zuflüsterte, daß er ihr unrecht thue ... Und wenn es wäre! er kann nicht anders: sie ist ihm ein Räthsel — und er, der alles begreift, was die Weisesten denken und die Edelsten empfinden ... sie begreift er nicht, er steht rathlos vor diesem Kinde. —

Bitterkeit bemächtigte sich seiner, er wurde hart und wandte sich grollend ab. — —

Wohl ihm, daß sie vorüber, diese schwüle Zeit! Wohl ihm, daß es ihr Widerspiel ist, dem er hoffnungstrunken entgegen lebt! In Theklas Armen werden ihn die Erinnerungen nicht aufsuchen, die jetzt oft schmerzlich und störend herübergleiten aus der Vergangenheit. In der hellen Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, 338 daß er einst ein Herz neben sich darben ließ ... Dieses Mal ist er der dürstende und verlangende! Thekla liebt ihn nicht wie er sie liebt, wenn auch so sehr als sie zu lieben fähig ist. Hatte sie ihn nicht gewählt aus freiem Entschlusse? Hatte nicht ihr erster Blick ihm gesagt: Du bist's — ihr Jawort es nicht bestätigt? Was wollte er mehr als den Besitz ihres ganzen schönen Selbst? Sie leidenschaftlicher wünschen, hieße sie anders wünschen und so, ganz so wie sie war, bezauberte und entzückte sie ihn.

»Bleib wie Du bist!« rief er laut mit überwallender Empfindung ... »Zärtlichkeit und Schwärmerei von Dir verlangen, hieße Duft und Blüthe des Rosenstrauches von der hochragenden Palme fordern und wärmendes Licht von den leuchtenden Sternen ...«


Das Geräusch der sich öffnenden Thür weckte ihn aus seinen Träumereien. Ein Diener meldete: »Herr Baron Kamnitzky«, und schnaubend vor Ungeduld trat ein kleines, schwächlich gebautes Männchen in das Zimmer und sprach: »Lauter neue Gesichter, lauter Leute, die mich nicht kennen ... daß sie nicht nach meinem Passe fragen, das ist Alles. Ein nächstes Mal will ich mich damit versehen. Hätte nicht geglaubt, daß es so schwer sei vorzukommen bei einem liberalen Abgeordneten ...« Das Wort »liberal« betonte er ausnehmend giftig und wegwerfend. 339

»Nun, Du bist da,« sagte Paul beschwichtigend, »und sehr willkommen.«

Er rückte einen Fauteuil zurecht, in dem der Freiherr brummend Platz nahm, nachdem sein im Zimmer umhersuchender Blick ihm die Ueberzeugung verschafft, daß auch nicht ein ordentlicher Sessel vorhanden sei, auf dem sich »ein altmodischer Landjunker, der gewohnt ist zu sitzen und nicht zu lümmeln«, mit Annehmlichkeit niederlassen könnte.

»Wo ist Dein Michel?« fragte er nach einer kleinen Pause in inquisitorischem Tone, fuhr aber sogleich fort, ohne die Antwort abzuwarten, »nicht residenzfähig natürlich ... Hier braucht man ganz andere Leute, Gamaschen tragende geschniegelte Theaterbediente ...«

»Michel ist auf dem Lande, bei seiner Familie,« unterbrach ihn Paul. »Und nun erzähle! wie sieht es aus bei uns daheim?«

Er hatte dem Gaste eine Cigarre angeboten, welche dieser mit einer Art Entrüstung ablehnte.

»Du rauchst nicht?« fragte Paul.

»Nur meine Cigarren, wie Du wissen könntest,« antwortete Kamnitzky unwirsch, zog ein Etui hervor und aus diesem eine schwarze Cigarre von nichts weniger als einladendem Aussehen, die er mit heftiger Anstrengung seiner Athmungswerkzeuge in Brand setzte. Ihr zweifelhafter Duft schien anregend auf ihn zu wirken, er wurde redselig, sprach von den Geschäften, die ihn nach der Stadt geführt, vom Wetter, von den Ernteaussichten, er 340 sprach von allerlei, und doch — es war unschwer zu errathen — von dem nicht, was ihm am Herzen lag, was ihm auf den Lippen brannte, die sich, nach jedem wie mit Gewalt ausgestoßenen Satze, fest zusammenpreßten, um sich bald wieder zu öffnen und — etwas Gleichgültiges zu sagen. Dabei erröthete er alle Augenblicke wie ein ängstliches Mädchen und empfand darüber den innigsten Verdruß.

Ach, daß er immer noch erröthen konnte, das war für den alten Mann eine fortwährende Kränkung! Dieses unwillkürliche Zeichen kindischer Erregbarkeit stand mit seinen Jahren, mit seinem männlichen Wesen in einem lächerlichen Widerspruch. Und Widerspruch, Disharmonie, war alles an dem seltsamen Menschen! Die Fülle der gelockten Haare, die der alte Herr lang trug, ließ den Kopf zu groß erscheinen für die schmalschulterige Gestalt, deren Dürftigkeit durch die enganliegenden Kleider noch hervorgehoben wurde. Der frische und glatte Teint, der siegreich durch ein langes Leben allen Einflüssen der Hitze und der Kälte getrotzt, stand in auffallendem Gegensatz zu den schneeweißen Haaren des jugendlichen Greises. Die kräftige Adlernase, der martialische Schnurr- und Knebelbart, die braunen Augen, die unter ihren etwas geschwollenen Lidern feurig hervorblitzten, dies alles paßte nicht zu dem weichen Munde, mit seinem schmerzlich resignirten Ausdruck. Hände und Füße des Mannes waren klein und schmal, seine Bewegungen unruhig, hart, und deutlich sah man ihm das Bemühen an, seine Befangenheit 341 hinter einem mühsam angenommenen ungebundenen Wesen zu verbergen.

Paul wiederholte seine unbeantwortet gebliebene Frage, und Kamnitzky sprach, an der Cigarre beißend, die längst nicht mehr brannte: »Wie's Deinen Eltern geht, meinst Du? ... Nun, nun, wie es eben kann ... Briefe von Dir — mehrere nämlich — müssen verloren gegangen sein.«

Er sagte das mit solcher Bitterkeit, daß Paul dadurch ungeduldig gemacht, trocken antwortete: »Ich habe lange nicht geschrieben.«

Kamnitzky stieß einen Laut des Unwillens aus, seine dichten Augenbrauen zogen sich zusammen —: »So,« sagte er — »freilich, freilich — die vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit, Bildung, Intelligenz! wie fände man da Zeit ein paar alte Leute zu beschwichtigen, die so thöricht sind, in Sorge um Einen zu vergehen ... ad vocem Intelligenz! — die macht Fortschritte! Wir haben jetzt drei Schullehrer in der Gegend zum Ersatz für den Einen, der im vorigen Jahre dort verhungerte. Nun denn! — also lange nicht geschrieben!« Er senkte den Kopf und murmelte unverständliche Worte in den Bart.

»Meine Eltern vergehen vor Sorge?« fragte Paul, »davon merkt man ihren Briefen nichts an. Mir schreiben sie, es ginge ihnen gut und auch dem Kinde ...«

»Dem Kinde? ... das war krank. — Man hat Dir's verborgen. Aus Schonung ... Wie überflüssig 342 — gelt? Die alten Leute verstehen eben die jungen nicht mehr. Sie wissen nicht, wie die gepanzert sind, inwendig, auswendig, durch und durch, mit einem trefflichen Harnisch: Gleichgültigkeit! ...«

Jeder Nerv in seinem Gesicht zuckte, er sprang auf, rannte ein paar Male im Zimmer auf und nieder und blieb plötzlich dicht vor Paul stehen. Beide Hände in den Taschen, den Oberkörper vor und rückwärts wiegend, fuhr er in höchster Erregung fort:

»Gleichgültig, eine schöne Sache — freilich, man könnt' auch sagen, eine erbärmliche! Die Gleichgültigkeit setzt einen überall vor die Thür, sogar vor die des eigenen Hauses ... Besitz ich etwas, das mir gleichgültig ist? Haben kann ich's, besitzen nicht! ... Die Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! geht an der Schönheit vorbei ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am Wunder ohne Andacht ...«

Paul legte seine Hand auf den Arm Kamnitzkys und sprach: »Gilt Deine Strafpredigt mir? Ich bin nicht gleichgültig. Und war ich's je« — setzte er nach einer Pause hinzu, »so sagen wir denn: ich bin's nicht mehr.«

Eine wunderbar rasche Wandlung ging bei diesen Worten in dem alten Manne vor, wie durch einen Zauber schien der Sturm in seiner Seele beschworen. Weich, mit wehmüthigem Vorwurf hob er an: »wie lange warst Du nicht mehr bei uns! — Seit Deiner Rückkehr aus 343 dem Feldzuge ...« Er schlug dreimal mit seiner kleinen Faust auf den Tisch — »seit drei Jahren! drei Jahre sind's ...«

Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung. Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie nicht theilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte er in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeeilt. — Er konnte ja wiederkommen, später, in besserer Zeit. Aber das Leben zog ihn in seine Wirbel, die Lust an öffentlicher Thätigkeit, der Ehrgeiz in großem Wirkungskreise Großes zu leisten, erfaßte ihn. Manchmal mahnte es ihn wohl: Du solltest doch nachsehen, wie es steht mit den alten Leuten ... Aber sie rufen ihn nicht, und brauchen sie ihn denn? wozu auch? Er ist kein Weib, das sich über Unabänderliches grämt, er kann ihnen nicht weinen helfen. Und endlich — er wird sie schon besuchen, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. So war eine lange Zeit vergangen seit seiner flüchtigen, peinlichen letzten Einkehr im Vaterhause. Ihrer besann er sich jetzt nur zu deutlich, indem er Kamnitzkys Worte wiederholte:

»Drei Jahre ja, — ja wohl. Damals war es bei uns fürchterlich!«

»Damals war's gut, noch gut,« rief der Freiherr. »Es war kurz nach dem Unglück ... Ich spreche von dem Tode Deiner Frau. Unmittelbar nachdem man den 344 Streich empfing, den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie tief er getroffen, wie viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat ... das zeigt sich erst später.«

»Du meinst,« entgegnete Paul, »daß der Schmerz um einen erlittenen Verlust zunimmt, je mehr Zeit darüber hingeflossen ist? Ich, lieber Alter, halte dafür, daß die Zeit alle Wunden heilt.«

»Im Allgemeinen — könntest Du wenigstens hinzusetzen,« fiel ihm Kamnitzky ein. »Für einen Mann wie Du, giebt es freilich nur das Allgemeine ... Ein Mann wie Du kümmert sich nicht um das einzelne Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem Universum ...« Er klimperte hastig mit einem Schlüsselbunde in seiner Tasche, seine Stimme, die sich während der letzten Sätze gesenkt hatte, erhob sich wieder: »Wann ist es kälter, he? eine Stunde oder mehrere Stunden nach Sonnenuntergang? ... Nun Lieber, für Deine alten Leute ist die Sonne untergegangen hinter dem Hügel in der Friedhofecke, wo die Zitterpappeln ... Ja so — Du weißt nicht — warst nicht einmal dort ... Nicht einmal dort!« Er richtete sich kerzengerade auf, warf die Schultern zurück, wie ein Soldat in strammer Haltung und fuhr fort, mit affektirter Nachlässigkeit, den Blick über Pauls Kopf hinweg, nach dem Fenster gerichtet: »Und es ist doch freundlich dort, durchaus freundlich: Ein Gitter umschließt die Stelle; an den zierlichen Stäben ranken sich Zwergrosen empor, ein Band aus Epheu bildet, flach und breit, einen — weißt Du, 345 einen ...« Seine Hand zeichnete schwungvolle Linien in die Luft, »einen Kranz, so — verschlungen ... und die Platte aus geschliffenem Granit spiegelt wie blankes Eis im Sonnenschein. Eingemeißelt in den Stein steht ihr Name in großen Buchstaben, sonst nichts, als nur das Datum; Geburts- und Todestag natürlich ... Darunter zwei Verse von ihrer Lieblingsdichterin, sonst gar nichts.«

»Peinlich! peinlich,« dachte Paul, »werd' ich den Schwätzer nicht los?« — »Was für Verse?« fragte er obenhin, nur um etwas zu sagen.

»Ja, was für Verse? Als ob ich mir dergleichen merkte! Aber aufgeschrieben hab' ich sie, wenn mir recht ist ...«

Er suchte lange in seiner mit Rechnungen, Adressen und Zeitungsabschnitten bis zum Bersten gefüllten Brieftasche und zog endlich einen Papierstreifen hervor, den er Paul reichte.

Dieser las halblaut und langsam:

»Sehr jung war ich, und sehr an Liebe reich,
Begeisterung der Hauch, von dem ich lebte.«

Kamnitzky bewegte die Lippen, als spräche er im Stillen jede Silbe nach: »Ja, ja,« sagte er, »ganz richtig, das ist sie ... Ach Gott, ist sie — gewesen! Na ... Gott hab' sie selig! Deine Eltern ... sie haben freilich das Kind, ein Trost, eine Sorge ...«

Paul schwieg. Er hatte den Ellbogen auf das Knie gestützt und die Stirn in seine Hand; die gesenkten Augen ruhten unverwandt auf den geschriebenen Zeilen, die er 346 fest hielt in der herabgesunkenen Rechten. Er regte sich nicht — was ging in ihm vor? Der Alte konnte sein Gesicht nicht sehen, doch verrieth seine Haltung, sein beklommener Athem eine tiefe Erschütterung. Rathlos stand Kamnitzky vor ihm. Er hätte so gern etwas gesagt! etwas Gutes, Gescheites! aber die Zunge war ihm wie gelähmt. Was würde er gegeben haben für das rechte, das erlösende Wort!

Kamnitzky fand es nicht, und mit einer Gebärde der Verzweiflung griff er endlich nach seinem Hute: »Leb' wohl also,« sagte er.

Wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, fuhr Paul empor.

»Wann reisest Du?«

»Morgen früh.« Der bewegte Klang von Pauls Stimme wirkte wohlthuend auf seinen kriegerischen Freund. Er war noch zu rühren, der verlorene Sohn, der Abtrünnige! Man konnte ihn schon noch packen, nur bedurfte es dazu einer geschickten und kräftigen Hand. »Morgen früh. Wenn Du einen Auftrag hast für Deine alten Leute, ich besorge ihn ... Was soll ich ihnen ausrichten? Im Laufe der nächsten Woche komme ich wohl einmal hinüber ...«

Paul sah ihn spöttisch lächelnd an und sagte:

»Im Laufe der nächsten Woche erst? — Geh mir! So lange wirst Du nicht zögern, den Zweck Deiner Reise zu erfüllen.«

»— Zweck? was meinst Du? ich verstehe Dich nicht.«

»Du verstehst mich recht gut.« 347

Verwirrt und fassungslos, wie ein ertappter Verbrecher, wandte sich Kamnitzky ab. Er war durchschaut. Sein prächtig angelegter Plan gescheitert! ... Wie hatte er sich alles so schön eingerichtet! den alten Nachbarn, deren Kümmernissen er ein Ende machen wollte, von den Geschäften erzählt, die ihn nach der Stadt riefen, versprochen »bei dieser Gelegenheit — vorausgesetzt, daß ihm Zeit dazu übrig bliebe,« den Paul zu besuchen. »Aber ja nicht sagen, daß sein Schweigen uns Sorge macht!« — »Sorge macht es Ihnen? ist das möglich? Nein! nein! kein Wort, das versteht sich ...« In der Stadt war er mehrere Tage herumgezogen, die Pflastersteine zählen, seine beste Unterhaltung, um nur mit gutem Gewissen sagen zu können: »Ich bin schon lange da!« um nur nicht merken zu lassen, daß er Eile habe ihn zu sehen, den Renegaten. Und nun ... Was sind Entwürfe? Was ist ein menschlicher Vorsatz? Das ganze Gewebe seiner Intrigue lag kläglich nackt am Tage! So schlau angelegt, so diplomatisch ausgeführt — das heißt, wie man's nimmt, bei der Ausführung, da hat es gehapert ... da hat ihm sein »verfluchtes Temperament« einen Streich gespielt ...

Stumm grollend empfahl sich Kamnitzky. Von dem überraschten Hausherrn gefolgt, eilte er durch den Salon, das Vorzimmer, in das Treppenhaus. Er nahm die Hand nicht, die Paul ihm beim Abschiede bot, drückte seinen Hut fest in die Stirn und eilte stolzen Schrittes die Treppe hinab. 348

An die Rampe gelehnt blickte Paul ihm nach. Ein Diener, der den Besucher an das Hausthor begleitet hatte, kam zurück. »Packe eine leichte Reisetasche,« befahl sein Herr, »ich fahre heute Abend für einige Tage auf das Land.«


Im Laufe des Nachmittags begab Sonnberg sich zu Gräfin Marianne. »Sind Gäste da?« fragte er an der Thür des ersten Salons den voranschreitenden Kammerdiener. Dieser zog die Hand zurück, die er bereits auf die Klinke gelegt hatte und in bedauerndem Tone, aus dem es trotz aller schuldigen Ehrfurcht deutlich klang —: Dir ist's nicht recht, wir verstehen uns — sprach er: »Frau Gräfin Erlach, Durchlaucht Eberstein und der Herr Graf Neffe. Haben hier gespeist, werden wohl bald aufbrechen; der Wagen der Frau Gräfin Erlach ist schon vor einer halben Stunde gemeldet worden.«

Paul nickte dem Alten für die Auskunft freundlich dankend zu und trat ein. Die Portièren zwischen dem Saale, in dessen Mitte das Klavier stand und dem kleinen Salon waren zurückgeschlagen. Marianne saß der Gräfin Erlach gegenüber am Kamine, Thekla etwas abseits frei und aufrecht, die Arme leicht gekreuzt. Der junge Graf Eberstein stand neben ihr, zupfte an seinem kleinen Schnurrbart, spielte mit der Uhrkette, warf von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel und senkte dann mit bescheidener Zufriedenheit die Augen. Der Fürst hatte seinen Sessel in 349 die Nähe des Fauteuils gerückt, in dem Gräfin Erlach ruhte, und stützte den Arm auf die Lehne desselben. Die lächelnden Gesichter aller Anwesenden verriethen, daß die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe, die man der jungen Dame nachrühmte, sich eben wieder bewährte.

Paul nahm an ihrer Seite Platz, nachdem er die Damen des Hauses begrüßt hatte, und sagte in jenem leichten Tone, den sich Männer so gern gegen Frauen erlauben, deren Ehrgeiz darin besteht, »amüsant« gefunden zu werden: »Bravo, Gräfin, bravo — ein vortrefflicher Einfall!«

— »Was denn?«

»Was Sie eben sagten.«

»Sie haben ja nichts davon gehört.«

»Was thut's? Ich kann dennoch, bei dem — Wenigen, was Ihnen heilig ist, schwören: es war vortrefflich!«

Klemens lachte schallend und sah dabei Thekla mit Blicken an, die deutlich sagten: lachen Sie doch auch! Ach, dem Fürsten war Thekla zu kühl, Paul zu geduldig, er fand es längst an der Zeit, der Brautwerbung ein Ende zu machen, er konnte nicht oft genug wiederholen, die jungen Leute hätten sattsam Gelegenheit gehabt, einander kennen zu lernen. Worauf wartete man noch, um Gotteswillen? wodurch sollte Sonnberg noch beweisen, daß er Theklas würdig sei? Ein Mann wie man ihn weit suchen könne, charaktervoll, edel, verläßlich ... Klemens wurde so maßlos in dem Lobe seines Schützlings, 350 daß Marianne ihm einmal sagte: »Wenn es ein Mittel giebt, Einem Sonnberg zu verleiden, dann sind Sie im Besitze desselben, mein armer Freund ...«

Die Gräfin Erlach beantwortete Pauls Compliment mit einem spöttischen Lächeln. Sie schien immer spöttisch zu lächeln, sogar wenn sich ihr Gesicht in vollkommener Ruhe befand. Dann ging sie zu einem andern Thema über und sagte zu Marianne: »Tonchette kommt morgen aus Paris zurück.«

»Haben Sie große Bestellungen bei ihr gemacht?«

»Große, nein — nur ein paar Toiletten, das Nothwendigste.«

»Was man ins Haus braucht, um seinen Mann zu bezaubern,« bemerkte Klemens, und Paul fiel ein:

»Das heißt, um ihn in der Bezauberung zu erhalten, denn bezaubert ist er ja längst.«

»Schreibt der Graf noch immer?« fragte Alfred schüchtern und zugleich dreist wie ein kaum flügge gewordenes Spätzchen, das kämpfend zwischen anerzogener Bescheidenheit und angeborener Keckheit, nicht ohne Zögern sein Stimmlein im Kreise älterer Gefährten erhebt, »schreibt er noch immer so viele Gedichte an Sie, Gräfin?«

»An mich? was fällt Ihnen ein? — Ich weiß nichts davon.«

»Wer das glaubte!« sprach Marianne mit einem Anflug von Sarkasmus. »Ihr Mann macht Ihnen gewiß kein Geheimniß aus den poetischen Huldigungen, die er Ihnen darbringt.« 351

»Doch!« entgegnete die Gräfin, »wenn auch sehr unwillkürlich. Er besteht nämlich darauf, mir das alles vorzulesen; und ich, sehen Sie, ich kann nicht zuhören, wenn mir Jemand vorliest, ich kann nicht. Meine Gedanken fliegen davon, sobald die Lectüre beginnt und stellen sich um keinen Preis wieder ein, bevor sie beendet ist. Dann natürlich sage ich auf gut Glück: »Charmant, charmant, sehr schön geschrieben — besonders das Letzte!«

Man lachte, auch Paul nahm Theil an der allgemeinen Heiterkeit, etwas gezwungen allerdings; und er wandte sich plötzlich mit den Worten an Gräfin Erlach: »Eigentlich muß ich Ihnen aber sagen, daß die schriftstellerischen Versuche Ihres Mannes aller Aufmerksamkeit werth sind und die Ihre erwecken sollten.«

Die Gräfin sah ihn an mit jenem unbeschreiblichen Erstaunen, das Leute ergreift, die ihr ganzes Leben hindurch nur gespielt haben und entschlossen sind, bis an ihr Ende weiter zu spielen, wenn ihnen plötzlich zugemuthet wird, irgend einer ernsthaften Sache Interesse zu schenken. Jetzt lächelte nicht mehr ihr Mund allein, ihr ganzes nicht regelmäßig schönes, aber äußerst anziehendes Gesicht und ihre großen schalkhaften Augen lächelten mitleidig, spöttisch, übermüthig, lächelten auf jede Art. Sie warf den Rest ihrer Cigarette in den Kamin, begann sorgfältig und mit Bedacht ihre Handschuhe anzuziehen und sprach in ihrer langsamen und nachlässigen Weise: »Fremde haben leicht reden.« Sie glättete die Falten ihrer Handschuhe 352 und setzte nach einer Pause hinzu: »Mein Mann ist sehr leicht auswendig zu wissen, und ich weiß ihn auswendig — seit vier Jahren! trotzdem sagt er sich mir täglich auf, in Versen und in Prosa. Das befriedigt zuletzt auch die brennendste Neugier.«

Die Gräfin erhob sich, und die Damen riefen bedauernd, wie aus einem Munde: »Sie wollen schon fort?«

»Es ist höchste Zeit, ich muß meine Schwiegermutter abholen, in die Oper ...« Sie versenkte sich in die Betrachtung ihres Fächers, warf einen langen Blick in den Spiegel — »Meine Schwiegermutter behauptet, eine Oper ohne Ouverture sei wie ein Mittagsessen ohne Suppe ... und meine Schwiegermutter hält etwas auf Suppe, wie alle alten Leute.«

Der Fürst blinzelte nach der Uhr, die eben acht schlug, gab seinem Neffen einen Wink und sprach: »Alfred wird die Ehre haben, Sie an Ihren Wagen zu bringen.«

Alfred verneigte sich. Sie wollen mich weg haben, dachte er und murmelte etwas von: »Besonderem Vergnügen.«

Als die Beiden sich entfernt hatten, sagte Thekla zu Sonnberg mit einer ihr ungewohnten Lebhaftigkeit: »Wie schade, daß Sie nicht früher kamen! Sie hätten sich unterhalten. Julie war heute so gut aufgelegt, so witzig!«

»Witzig nennen Sie das?« entgegnete Paul. »Es 353 ist schale Spaßmacherei; und auf wessen Kosten spaßt die Gräfin? — sie macht ihren Mann lächerlich.«

»O, das besorgt er wohl selbst.«

»Wodurch?«

»— Und wenn sie es thut, geschieht es aus Nothwehr ...«

»Wodurch?« wiederholte er — »Wodurch?« Sein Gesicht färbte sich dunkler, die Adern an seinen Schläfen schwollen an — »Lieben — geliebt werden — macht das lächerlich?«

Thekla sah mit Erstaunen, daß er zürnte. Was hat er denn? Was liegt ihm an dem armen kleinen Erlach? ... er versetzt sich doch nicht an seine Stelle, vergleicht sich doch nicht mit dem? ... Eine solche Möglichkeit darf von Thekla nicht angenommen werden — o — nicht einmal geahnt! Mit etwas unsicherer Stimme und mit der unschuldig altklugen Miene eines Kindes, das fremde Weisheit von seinen Lippen strömen läßt, sprach die junge Gräfin: »Ach nein, Liebe zu empfinden ist nicht lächerlich, aber es zur Schau tragen, das ist's!«

»Wer sagt Ihnen, daß Erlach seine Liebe absichtlich zur Schau trägt? Vielleicht fehlt ihm nur die Kraft, sie zu verbergen, wie er's sollte, dieser Frau gegenüber. Verspotten Sie ihn nicht — bedauern Sie ihn.«

»Ach!« rief Thekla, »ich bedaure Niemand, der Gedichte macht.«

»So?« Paul schwieg eine Weile, dann fragte er 354 plötzlich: »Was ist's mit den Gedichten, die ich Ihnen neulich brachte? Haben Sie darin gelesen?«

»Ja,« antwortete sie zögernd.

»Und was sagen Sie dazu? Ich habe das Buch jahrelang besessen und es nicht zu würdigen verstanden. Vor wenig Tagen kam es mir zufällig in die Hand, und mir war, als hätte ich einen Schatz entdeckt. Es ist herrlich ... finden Sie nicht?«

»Herrlich — ja, zu herrlich für mich.«

»Was heißt das?«

»Es heißt ...«

»Nun? vollenden Sie doch!«

Thekla warf den Kopf zurück: »Ich bin überhaupt keine Freundin von Gedichten,« sagte sie.

Er zuckte die Achseln. »Sache des Geschmacks!«

»Ja wohl!«

»Und es giebt guten und schlechten.« Paul war wieder in den herben Ton verfallen, den er ihr gegenüber nie mehr anschlagen wollte.

Dieser kleine Wortwechsel berührte den Fürsten Klemens sehr unangenehm. Er rückte auf seinem Stuhle hin und her, räusperte sich mißbilligend und warf der Gräfin einen bedauernden Blick nach dem andern zu. Plötzlich rief er aus, in der Weise eines nachsichtigen Vaters, der streitende Kinder zu beschwichtigen sucht: »Jedes von Euch hat Recht — gewissermaßen Jedes!«

»O,« wandte er sich ernsthaft zu Marianne, »das kann leicht sein; es trifft sich wohl — — ja, wenn man 355 die bezüglichen Standpunkte ins Auge faßt, trifft sich's eigentlich immer. Was meinen Sie?« Er wartete die Antwort nicht ab, sondern erhob sich: »Aber, wir müssen ja fort ... Auch Sie haben bereits die Ouverture versäumt, was freilich nicht für ein Unglück gilt, im Burgtheater ... Es ist doch heut' Ihr Logentag?«

»Nicht der unsere, der unserer Kammerjungfern, denn man giebt ein Trauerspiel. Wir bleiben zu Hause und wollten Sie beide,« Marianne nickte Paul freundlich zu, »bitten, uns Gesellschaft zu leisten.«

»Wir sind bereit! o mit Vergnügen!« rief der Fürst und ließ sich sofort in einen bequemen Fauteuil nieder, der zwischen dem Kamin und dem Arbeitstischchen der Gräfin stand. Sie nahm ihre Tapisserie zur Hand, über welche Klemens viel Schmeichelhaftes zu sagen wußte. Er fand die Zeichnung, »Wirklich, man muß gestehen! geschmackvoll, und erst die Farben!« er hatte niemals zwei Farben gesehen, die so gut harmonirten — nicht einmal auf einem englischen Plaid — wie dieses Blau und dieses Grün ... Mit hausfreundlichem Behagen und mit dem Interesse für den Inhalt von Nähtischen und Arbeitskörben, das beinahe alle Männer auszeichnet, die Talent zur Weichlichkeit besitzen, begann er das zierliche Necessaire aus Elfenbein zu öffnen und zu schließen, die goldenen Scherchen und Büchschen ein- und auszuräumen; er zog die bunten Seidensträhnchen, die sich die Gräfin zurechtgelegt hatte, durch seine Finger, und spielte so lange mit den kleinen Knäueln und Spulen, bis Marianne endlich 356 ungeduldig ausrief: »Ich beschwöre Sie, Klemens, lassen Sie mein Handwerkszeug in Ruhe.«

Er gehorchte resignirt, als ein ritterlicher Mann, der gewöhnt ist, in strenger Zucht gehalten zu werden und gleich wieder den kurzen Zügel zu fühlen, so bald er sich ein wenig gehen lassen möchte. Seine Aufmerksamkeit wandte sich dem »anonymen Brautpaare« zu, wie er Paul und Thekla nannte. Die jungen Leute hatten sich in den Saal begeben.

Thekla nahm Platz am Klavier: die ersten Takte einer Bertinischen Etüde erklangen unter ihren Fingern. Sie spielte rein, nett, mit bewunderungswürdiger Geläufigkeit. Goldene Lichter schimmerten auf den reichen Flechten ihrer blonden, natürlich gewellten Haare; ihr Gesicht nahm einen gehaltenen, aufmerksamen Ausdruck an, jenen Ausdruck, den Paul nicht sehen konnte in ihren Zügen, ohne mit innigstem Entzücken zu denken: Du bist mehr, als du selber weißt, mehr als du scheinst, mehr als die Flachheit des Lebens, das du führest, ahnen läßt.

Er stand ihr gegenüber, legte die verschränkten Arme auf das Klavier, beugte sich vor und versank in die Wonne ihres Anblicks.

»O Schönheit! Herzbezwingerin! Herrin, Königin! — Du bist der Frieden, — wer kann dir grollen? Du bist der Sieg, — wer kann dir widerstehen? Nur kurzsichtige Thorheit frägt, ob in der schönen Hülle eine schöne Seele wohne. Die Hülle ist nur darum schön, weil die Seele sie schön belebt. Eins sind Form und Wesen; sie sind 357 es im Kunstwerk, das hervorging aus Menschenhand, und wären es nicht im höchsten Kunstwerke der Schöpfung? ...

Unverwandt ruhten seine Augen auf ihrem edlen Angesichte; sie erhob die ihren zu ihm und sah ihn forschend und etwas besorgt an.

— »Sie hören nicht zu — mißfällt Ihnen, was ich spiele ... oder hätte ich überhaupt nicht spielen sollen? Ich weiß, Sie lieben Musik nicht immer.«

Sie schloß ihr Notenheft und schob es unter das Pult, das sie langsam niedergleiten ließ. Die kleine Scheidewand, die sie getrennt hatte, senkte sich.

»Thekla,« sprach Sonnberg, »mir gefällt Alles, ich liebe Alles, was Sie thun. Wissen Sie das noch nicht?«

Heller Freudenglanz breitete sich bei diesen Worten über ihr Gesicht, und sie entgegnete schalkhaft, übermüthig: »Gefällt Ihnen auch Alles, was ich sage?«

Paul gab keine Antwort; er blickte schweigend vor sich hin und sagte endlich: »Ich nehme heute für einige Tage Abschied von Ihnen, Gräfin Thekla.«

»Sie wollen fort?« fragte sie äußerst erstaunt — »und wohin?«

»Auf das Land, zu meinen Eltern.«

»Werden Sie erwartet? Haben Sie zu kommen versprochen?«

»Nein. Ich will sie überraschen.«

»Ah — Sie stehen mit Ihren Eltern auf dem Fuße der Ueberraschungen ... So ist das!«

Sie schlug einige Töne auf dem Klavier an, leise, 358 ohne Zusammenhang. »So ist das!« wiederholte sie gedehnt: »Ihre Eltern können wohl nicht leben ohne Sie?«

»Daß sie es können, beweisen sie, denn — sie leben.«

»Dann also!« — Sie sah ihn plötzlich an; eine Wolke voll drohenden Ernstes war auf seiner Stirn aufgestiegen; ein Zug bitteren Schmerzes spielte um seine fest zusammengepreßten Lippen, ein Schmerz, dem Zorne gar nah verwandt und gewiß bereit, sich als solcher zu äußern ... Thekla ahnte, wußte es, und dennoch! zum ersten Male war es nicht Furcht, was sich in ihr regte, als sie in sein verfinstertes Gesicht blickte, sondern die halb unbewußt erwachende, echt weibliche Lust an einem Kampfe, in dem alle Mittel gelten, an dem Kampfe mit dem Stärkeren — dem Manne.

Ei, dachte sie — du willst mich strafen, willst mir zeigen, daß du unabhängig bist und mich verlassen kannst, wann es dir gefällt? ...

Sie verschränkte ihre Arme über dem Pulte, beugte sich vor und drückte ihre Wange auf ihre Hand, während ihr Auge sich zu ihm erhob, der sie liebte.

»Bleiben Sie bei uns,« sprach sie, hielt inne, schien zu überlegen und fügte endlich leise wie ein Hauch, aber mit holder Entschlossenheit hinzu: »Bei mir!«

Sein Blick glitt über ihr demüthig gesenktes Haupt, über den jungen, schlanken Nacken, die königlichen Schultern, über die ganze, vor ihn hingegossene Gestalt, und alle süßen Schauer bewunderungstrunkener Liebe durchzitterten 359 ihn. Sein Herz pochte wie ein Hammer in seiner Brust, er richtete sich auf ... Ein ungeübter Trinker, dem der Wein zu Kopfe steigt, der mit Entsetzen seine Herrschaft über sich selbst schwinden fühlt, ruft sich nicht eindringlicher zu: Nimm dich zusammen, wägt seine Worte nicht sorgfältiger, als Paul es that, und als er sprach: »Ich bin heute hart gemahnt worden an eine versäumte Pflicht.«

Hart gemahnt? dachte Thekla — das wagt Jemand, das lässest du dir gefallen, und ich lebe in Angst vor dir? — »Sind denn Ihre Eltern so anspruchsvoll?« fragte sie rasch. Auch sie hatte sich aufgerichtet und sah ihm gerade ins Gesicht.

»Das sind sie wirklich nicht!« rief er, »sie sind nur sehr bedauernswerthe, alte, einsame Leute. — Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß Sie die Tochter dieser alten Leute werden sollen, liebe — liebe Thekla?« fragte er und reichte ihr über das Pult hinweg die Hand, in welche sie ohne Besinnen die ihre legte.

»Gewiß,« sprach sie, »ganz gewiß.«

Paul begann das Leben zu schildern, das seine Eltern auf dem Lande führten; er schilderte sie selbst mit Wärme und Lebhaftigkeit; er sprach Alles aus, was er den Tag hindurch gedacht, und so lange er lebte, hatte er wohl nie so innige, herzliche und milde Gedanken gehabt.

»Ich will meinen Eltern von Ihnen sprechen,« schloß er bewegt. »Sie ist es, die mich zu Euch schickt, will ich sagen, die mich drängte, Euch endlich in Eurer Verlassenheit 360 aufzusuchen. Sie werden dafür geliebt und gesegnet werden, Thekla, und wie wird mich das beglücken!«

Während er sprach, hatte ihre Hand wie todt in der seinen gelegen. Als er nun schwieg, entzog sie ihm dieselbe, spielte mit ihrem Taschentuche, legte es ganz klein zusammen, glättete es auf ihrem Knie, und dieweil er dachte: »O, nur jetzt den Anklang einer weichen Empfindung, nur einen einzigen, leisen Herzenslaut!« — sagte sie: »Ihre Eltern haben sich so lange ohne Sie beholfen, sie werden es noch länger thun ... Schreiben Sie ihnen, entschuldigen Sie sich — versprechen Sie ihnen zu kommen.«

Paul athmete tief auf: »Sie haben mich mißverstanden. Ich brauche mich nicht zu entschuldigen, brauche nichts zu versprechen; meine Eltern denken nicht daran, meine Rückkehr zu fordern. Ich selbst wünsche sie wiederzusehen — ich selbst sehne mich ...« Er brach ab und fragte plötzlich: »Begreifen Sie das nicht?«

»Nein! ich begreife nichts, als daß Sie jetzt nicht abreisen dürfen ... Abreisen — welch ein Einfall! was treibt Sie denn fort?«

»Ich meinte es Ihnen auseinander gesetzt zu haben ... Mein Gott, wozu rede ich?!«

»Und — ich?« fragte sie mit einem langen vorwurfsvollen Blick ...

Thekla legte die Verwirrung, die sich in Sonnbergs Zügen malte, zu ihren Gunsten aus. Giebt er schon nach oder ist es ihm gar nicht Ernst gewesen mit seinem 361 Reiseplan? Er will vielleicht nur gebeten werden, ihn aufzugeben, und wäre sehr enttäuscht, wenn Thekla keinen Widerstand leistete. Und zum Widerstand ist sie ja entschlossen! ... Es ist freilich ein wenig mühsam das Alles, und der gute Graf etwas schwerlebig. Aber seine Seltsamkeiten werden sich geben, »wenn Ihr nur erst verheirathet seid,« meint Mama. Nun denn! Gräfin Sonnberg wird man eben nicht so leicht, wie man etwa — Gräfin Eberstein würde.

Thekla begann eine lebhafte Beredtsamkeit zu entfalten. Sie führte ihr ganzes weibliches Rüstzeug von liebenswürdigem Trotz, von anmuthiger Würde und wehmüthigem Scherze in das Treffen; sie war geistreich und reizend und drohte schließlich auf das unwiderstehlichste mit ihrem Zorne. Paul hörte sie an, aufmerksam, gespannt; er sah ihr in die Augen, auf die lieblich gekräuselten Lippen; er schien auf etwas zu warten, auf etwas, das nicht kam, und seine Miene wurde immer kälter, immer strenger. Warum? warum dieses steinerne Lächeln, dieser mißbilligende Blick? Worin verfehlte es die kluge Rednerin? Was wollte er eigentlich hören, was verlangte er von ihr? Sie errieth es nicht, noch immer nicht! — und jetzt war sie zu Ende, jetzt wußte sie nichts mehr.

Er aber schien sich grausam an ihrer Rathlosigkeit zu weiden, und sagte, sie scharf fixirend: »Nehmen Sie sich in Acht! Sie machen mich übermüthig. Ich muß glauben, daß Sie den Gedanken nicht mehr ertragen 362 können, acht Tage lang von mir getrennt zu sein. Welche Schwäche, Gräfin, welche Sentimentalität!«

Beim Himmel! wenn er jemals gewünscht hatte sie zu erzürnen, jetzt ward ihm der Wunsch erfüllt! Ihre Wangen flammten, sie erhob sich, eine beleidigte Göttin, und sprach in feuersprühender Entrüstung: »Reisen Sie!«

Klemens hatte nicht aufgehört, die jungen Leute zu beobachten und von Minute zu Minute der Gräfin zu berichten: »Er hört ihr mit Entzücken zu — wie sie aber auch spielt! glockenrein, und immer im Takt, das muß man sagen, diese Thekla ... Jetzt hält sie inne — spricht ... und er, er brennt! er brennt! er gäbe Funken, glaube ich, wenn man ihn anrühren würde, wie eine Elektrisirmaschine ...«

Der Fürst faltete seine großen weichen Hände, sah die Gräfin an wie ein Andächtiger ein Madonnenbild und fragte: »Wenn diese beiden armen Kinder jetzt vor Sie hinträten und sprächen: ›Gieb uns deinen Segen! —‹ was würden Sie thun?«

»Ich würde ihn unbedenklich geben,« entgegnete Marianne.

»O Himmel! ... o herrliche Frau!« rief der Fürst und hätte sich bei einem Haar auf seine Kniee niedergelassen. Da schlug Theklas laut gesprochenes »Reisen Sie!« an sein Ohr, und mit Schrecken sah Klemens das Paar, mit dem er es so gut meinte, nun erscheinen — ach, in nichts weniger als glückseliger Eintracht! Da kamen sie, die Gottbegnadeten, die Schicksalsgeliebten, die für 363 einander Geschaffenen, beide in großer Erregung, die Köpfe hoch, mit finsteren Stirnen, Eines den Blick des Anderen vermeidend, und: »Was giebt es denn?« fragte Klemens in scherzendem Tone, eigentlich aber sehr beunruhigt.

»Der Graf verläßt uns, wünschen Sie ihm eine glückliche Reise,« erwiderte Thekla halb abgewandt, und machte sich an dem Tische zu thun, auf welchem der Kammerdiener soeben das Theezeug ordnete.

»Verläßt uns?« Klemens konnte das nicht glauben, auch dann noch nicht, als Paul es bestätigte. »Papa und Mama besuchen? lächerlich!« der Fürst war im Begriffe, so boshaft zu werden, als er nur konnte, aber Marianne fiel ihm ins Wort.

Sie sah ihren zukünftigen Schwiegersohn freundlich an und sagte: »Sie haben recht! Gehen Sie. Wir werden Sie zwar schwer vermissen, aber wir sagen doch, Sie haben recht, Ihre guten Eltern nicht zu vergessen. Ich kann mir denken, wie die alten Leute von der Hoffnung auf ein solches Wiedersehen leben, und von der Erinnerung daran zehren monatelang. Sehen Sie sich während Ihres Aufenthaltes im Vaterhause auch das Persönchen gut an, von dem wir schon einmal sprachen, und das ich liebe, ohne es zu kennen. Wenn Sie, wie ich hoffe, bald zu uns zurückkehren, dann werden Sie mir erzählen, ob das kleine Ding eine Individualität besitzt oder nicht!« Sie drohte lächelnd mit dem Finger: »Sie werden es mir ehrlich erzählen. — Ich wiederhole: Es 364 thut uns sehr leid, daß Sie uns verlassen, aber wir billigen es von ganzem Herzen. Nicht wahr, Thekla?«

Paul ergriff die Hand Mariannens und drückte einen ehrfurchtsvollen Kuß darauf, der so auffallend lang dauerte, daß Klemens nicht umhin konnte, ein halb verlegenes, halb agressives Räuspern vernehmen zu lassen und zu denken: »Nun — was heißt denn das?«

Der Rest des Abends verfloß scheinbar auf das angenehmste. Paul wurde heiter und gesprächig. Thekla, anfangs zurückhaltend, stimmte in den fröhlichen Ton ein, den er angeschlagen hatte; sie lachte so gern! und war trotz ihres majestätischen Wesens, dem man viel mehr Neigung zum Ernste als zur Lustigkeit zugetraut hätte, immer aufgelegt, einen guten Einfall zu würdigen, auf einen Scherz einzugehen. Die beiden Herren empfahlen sich zugleich; der Fürst wollte Paul noch bis zu dessen Wohnung begleiten. Er hatte gar viel gegen ihn auf dem Herzen.

»Hör' einmal!« rief er in heller Mißbilligung, als sie auf der Straße angelangt waren. »Ich begreife Dich nicht! Ein solcher Zauderer! ... Wenn schon abgereist werden muß, warum nicht die Gelegenheit benützen und sagen: Sie kennen mich jetzt — mein Herz — — meinen Charakter — und so weiter! Darf ich meinen Eltern die Nachricht bringen ... et cetera! Die Gräfin hätte ihre Zustimmung gegeben; alle Noth eines provisorischen Brautstandes wäre zu Ende, und Ihr wäret im Reinen.«

»Wir sind im Reinen; es ist Alles ausgemacht: 365 Wir heirathen uns,« sagte Paul. Die Gasflamme, an der sie vorüberkamen, beleuchtete sein Gesicht, das dem Fürsten ungewöhnlich bleich und von einem wilden Ausdruck beseelt erschien. »Wir heirathen uns,« wiederholte er, »weil sie Gräfin Sonnberg werden will, und weil ich verliebt in sie bin ... ja verliebt. — Obwohl sie eine Statue ist, diese schöne Thekla.«

Er hörte nicht einmal die Einwendungen, die Klemens machte, und begann plötzlich mitten in dessen Rede: »Die Thorheit hat einmal behauptet, daß Liebe blind sei, und die Gedankenlosigkeit hat es nachgeplappert. Es ist nicht wahr. Liebe hat ein scharfes Auge für den kleinsten Fehler des Geliebten, aber auch das größte Verbrechen würde sie nicht beirren. Sie nimmt es auf mit jedem Feinde, ja es lockt sie, sich zu bewähren, der Hölle zum Trotz! ›Ich sehe dich, wie du bist‹, spricht sie zu ihrem Gegenstand. ›Ich weiß, ich habe zu bestehen keinen Grund, kein Recht; es ist eine Tollheit, daß ich bestehe — aber ich bestehe doch! ich leide, ich blute, ich verzweifle, aber ich bestehe doch‹!«

»Nun nun,« sagte Klemens, »es wird so arg nicht sein ... was Statue! — die Mutter ist auch ein wenig Statue, nicht so sehr allerdings, aber ein bischen doch auch. Mein lieber Sohn, das sind die besten Weiber! Und dann: die Ehe ist für den Mann das Grab, für die Frau die Wiege der Leidenschaft. Uebers Jahr vielleicht klagen unsere Frauen über unsere Kälte, oder es hat sich bis dahin das schönste Gleichgewicht hergestellt.« 366

Der Fürst gab seinen Betrachtungen diesen nothdürftigen Schluß, da sie am Hausthore Pauls angelangt waren und es zu scheiden galt. Sonnberg eilte, sich reisefertig zu machen, und Klemens schlug wie allabendlich den Weg nach dem Klub ein.


In den Abendstunden des zweitfolgenden Tages bewegte sich auf schlechten Wegen ein elender Postkarren, mit mageren, hochbeinigen Mähren bespannt, langsam weiter durch die unwirthbarste Gegend des nordwestlichen Böhmens. Ein öder Winkel in dem schönen Lande! — Rauh weht der niemals rastende Sturm über den schweren Lehmboden, in dem weder Bäume noch Feldfrüchte recht gedeihen, ein Boden, der emsige Pflege brauchen würde und dem seine spärliche Bevölkerung nur die nothdürftigste zu Theil werden läßt. Ganze Strecken wie übersäet mit Kieseln, Quarzen, Eisensteinen, zwischen denen strauchhohe Disteln ihr ephemeres, aber üppiges Dasein führen. Der Grund durchfurcht von breiten Wasserrissen, von Jahr zu Jahr tiefer ausgeschwemmt durch gethaute Schneemassen, die im Frühling als Wildströme von den Höhen herabstürzten. Kümmerliche Kiefernbestände, auf der Ebene und auf den Abhängen zerstreut, Bäume, dreißig Jahr alt und nicht dicker als der Arm eines Mannes, verkrümmt, fahl, vom Markkäfer zernagt, — keine Wiese so weit das Auge reicht, kein freundliches Bächlein, das seine Umgebung erfrischte. Die Ortschaften, durch welche 367 die Straße führt, gleichen eine der andern aufs Haar. Ihre kleinen, aus Thonschiefer erbauten und mit Stroh gedeckten Häuser drängen sich an einander, als bedürften sie, um nicht umzukippen, der gegenseitigen Stütze. In der Mitte dieser Ansiedlungen liegt der Teich, von knorrigen Weiden mit gekappten Zweigen umgeben, die sich, so gut es geht, in seinem nur selten klaren Gewässer spiegeln. Ob trüb oder hell jedoch, er ist das Juwel des Dorfes, der Vergnügungsplatz der bäuerlichen Jugend und des schwimmkundigen Federviehs.

Der Reisende in der Postkarrete blies ruhig die Wolken seiner Cigarre von sich und tauschte von Zeit zu Zeit ein Wort mit dem Kutscher, der über die grundlosen Wege fluchte und auf seine müden Gäule einhieb. Das Gefährt war jetzt an der letzten Anhöhe angelangt, die es noch zu überwinden galt. Beide Männer sprangen vom Wagen, und während der Postillon neben seinen Pferden herschritt, hatte der Fahrgast mit einigen gewaltigen Sätzen den Rand des Hohlweges erreicht und im Sturmschritte bald darauf auch den Hügelkamm. Oben blieb er stehen, den Blick in die Ferne gerichtet. Ein großartiges und zugleich freundlicheres Landschaftsbild bot sich ihm dar.

Hier wogten die Saaten dichter auf besser bestellten Feldern, Raine und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt, wilde Rosen, blühende Schlehdornhecken schmückten den Saum des Thals, das eine dreifache Reihe bewaldeter Berge von der Hochebene trennte. Diese stieg 368 gegen Westen noch einmal empor, um dann sachte abwärts zu gleiten, ohne andere Grenze als den Horizont. Dort aber, wo Erde und Himmel einander zu berühren schienen, stand eine schwarzblaue Wolke, von dem Glanz der untergehenden Sonne wie mit einem glühenden Ringe feurig und prächtig eingefaßt. Von ihrem dunklen Hintergrunde hob sich ein stattliches Gebäude in verschwimmenden Konturen ab und schimmerte weißlich herüber im Dufte der zitternden Luft. Das ist Sonnberg mit seinen Giebeln und Thürmen, es ist das Vaterhaus, das sein Kind, seinen Herrn aus der Ferne grüßt. Paul steht auf seiner eigenen Scholle; der verwitterte Markstein, an den sein Fuß stößt, trägt ein wohlbekanntes Zeichen.

Wie hatte ihm das Herz gepocht, als Knabe und als Jüngling, wenn er an dieser Stelle angelangt, sein altes Heim alljährlich wiedersah, und nun nach Monaten voll Arbeit und Mühe fröhliche Ruhetage vor ihm lagen, ein jubelnder Empfang ihn erwartete, offene Arme sich ihm entgegenstreckten, offene Herzen ihm entgegenschlugen. Auch jetzt überkam es ihn mit der Empfindung seiner Jugend. Von einer plötzlichen heißen Ungeduld erfaßt, hieß er den Kutscher langsam auf der Straße weiter fahren, während er selbst querfeldein, über die Schlucht und den Steinbruch in gerader Linie auf das Ziel seiner Wanderung zueilte. Es hieß oft mühsam auf- und abwärts klimmen, und trotz der Raschheit, mit welcher er allen Hindernissen zum Trotz vorwärts schritt, war eine Stunde verflossen, bevor er die Mauer des Parkes erreichte. 369

Außerhalb derselben stand einst ein prächtiger alter Nußbaum; Paul pflegte ihn zu ersteigen und sich an seinen, die Mauer überhangenden Zweigen in den Park herabzuschwingen. Den Baum suchte er nun vergebens, er war gefällt worden, ein kurzer Stumpf nur blieb von ihm übrig; einige Schritte jedoch von diesem entfernt befand sich eine regelrechte Bresche, durch welche auch fleißig ein- und ausgegangen wurde von zwei- und vierbeinigen Geschöpfen, wie die Spuren im zertretenen Gras und im Schutte deutlich verriethen.

Auf diesem unerlaubten Wege drang Paul in das Schloßgebiet. Die vor ihm Angekommenen waren zwei Kühe und ihre Hüterin, ein kaum siebenjähriges Mädchen. Das Kind trat unbefangen auf den Fremdling zu, reichte ihm die kleine schmutzige Hand und sagte in singendem Tone: »Gelobt sei Jesus Christus!«

»Und die Gemeinde-Polizei!« antwortete Paul.

Sofort wandte die Hirtin sich ab, und ihre entrüstete Miene sagte: Den frevelhaften Spaß versteh' ich nicht.

Paul betrat das Fichtenwäldchen, durch welches man zum oberen Theil des Parks gelangte. Es war sehr gelichtet. Die schönsten Bäume, ihrer Zweige beraubt, schwankten traurig im Winde; andere hatten sich über kleinere Nachbarn gebogen und erdrückten sie mit ihrer Wucht; noch andere lagen schon umgestürzt auf dem Boden; überall zeigten sich Spuren der Verwahrlosung und der kecken Eingriffe, zu welchen sie herausfordert. 370

Am Ausgange des Wäldchens, auf einem Wiesenplan erhob sich, von Jasmin und Fliederbüschen im Halbkreise umgeben, ein schlanker, großblätteriger Ahorn. Er breitete die zierlichen Aeste über eine zersprungene und halb in den Boden eingesunkene Bank zu seinen Füßen. Paul hielt plötzlich an; die Bank, den Baum kannte er gar gut. Das war die Stelle, an welcher er vor vier Jahren um sein junges Weib geworben. Hier hatte er sie gefunden, als er — einmal schwach in seinem Leben! — den Bitten seiner Eltern nachgegeben, einen raschen Entschluß gefaßt und gekommen war, die holde Hausgenossin zu fragen: »Willst Du's mit mir wagen, Marie?«

Sie hatte zu dem kühlen Bewerber einen Blick voll Thränen, Angst und Bitten erhoben und geantwortet: »Nein! nein!«

Das klang anders als der Ausbruch des Jubels, der von ihm erwartet worden war, zornige Enttäuschung trieb ihm das Blut ins Gesicht, und heftig rief er: »Warum? sage — warum?«

Das Haupt gebeugt, die schmalen Hände im Schoße gefaltet, lehnte sie sich an den Stamm des Baumes. Sie vermied seinen Blick, ihre Lippen zitterten, doch sprach sie in festem Tone: »Weil Du mich nicht liebst, und — weil ich Dich liebe. Es wäre ein Unglück.«

Was half ihr Sträuben? Er wollte es. Jetzt, nachdem er den ungeahntesten Widerstand gefunden, jetzt wollte er's! 371

Sie behielt Recht ... Es war ein Unglück gewesen.

Paul fuhr mit der Hand über sein Angesicht und flüsterte im Weiterschreiten: »Arme Marie!«

Allmälig hatte der Wind sich gelegt; wie aufathmend nach schwerem Kampfe hoben die Bäume ihre Wipfel und streckten ihre Gezweige im Abendthau. Schläfrig zwitscherten Grasmücken im Gesträuch, ein paar Schwalben schossen pfeilschnell dem nahen Schlosse zu. Der Duft von Millionen Blüthen schwamm in der kräftigen Luft; immer lautloser wurde die schummertrunkene Natur; ringsumher überzog sich Alles wie mit durchsichtigen grauen Schleiern. Paul war aus dem letzten Laubgange getreten, der ihn noch trennte von dem Blumen-Parterre vor dem Schlosse. Eine breite Steintreppe mit schwerem Geländer führte von dem Saale im ersten Geschoß in den Garten hinab. Die Thür des Saales stand geöffnet; oben auf der Schwelle schimmerte etwas Weißes, ein winziges Wesen, das zu hüpfen, zu winken schien, und langsam ihm entgegen bewegten sich auf den Stufen zwei dunkle Gestalten ...

»Vater! Mutter!« rief Paul und war im nächsten Augenblicke bei ihnen. — Sie wandten sich um, der Greis stammelte den Namen seines Sohnes, über das Gesicht der Mutter flog ein Ausdruck der Verzückung, sprachlos streckte sie die Arme aus, ihre Kniee wankten. Paul erfaßte die alte Frau und drückte sie an sich. Der Vater stand neben den beiden, klopfte Pauls Schulter 372 mit schüchterner Zärtlichkeit und ermahnte die Mutter: »So, so — laß ihn — er liebt das nicht — es ist genug —« Er selbst erwiderte kurz die Umarmung seines Sohnes: »Da ist noch Jemand,« sagte er und deutete auf ein blasses Kindchen, das der eben stattgefundenen Begrüßung mit bangem Erstaunen zugesehen hatte, und das sich nun vor dem fremden Manne hinter dem Thürflügel verkroch und die Augen scheu mit seinen blutlosen Händchen bedeckte.


In Jahren waren den Dienern des Hauses nicht so viele Befehle und Aufträge ertheilt worden, als in der ersten Stunde nach Pauls Ankunft. Die Gräfin hatte ihr Leben damit zugebracht, in seinen Zimmern von den Kissen des Lagers bis zu den Federn auf dem Schreibtische, alles zu seinem Empfange zu augenblicklicher Benutzung bereit zu halten; aber jetzt, wo er da war, in Wirklichkeit, er selbst und nicht nur ein Traum von ihm, jetzt schien es ihr, als sei nichts geschehen, als fehle es überall. Sie ging aus und ein, kaum zurückgekehrt besann sie sich, daß sie noch mit dem Haushofmeister, mit dem Koch zu sprechen habe, und abermals verließ sie das Gemach.

Ihr Mann folgte ihr besorgt mit den Augen; eine sichtliche Unruhe ergriff ihn, so oft sie von seiner Seite wich: »Sie wird sich ermüden, sich krank machen, aber ja, das sind die Mütter — Du mußt Geduld haben.« 373

Seine Hände zitterten, etwas greisenhaft Aengstliches sprach sich in seinem Wesen aus; er hielt inne inmitten eines Satzes, der Faden des Gesprächs entglitt ihm — alt war er geworden!

Als man sich endlich, um eine Stunde später als gewöhnlich, im großen Speisesaale zu Tische setzte, mußte noch eine Zeitlang auf das Abendessen gewartet werden. Der gebrechliche Büchsenspanner, der magere Kammerdiener und der asthmatische Bediente schlichen mit den gekränkten Mienen umher, die alte Domestiken annehmen, wenn man sie in ihrer gewohnten Ordnung stört. Der Graf war seit seinem Eintritt in den Saal noch stiller geworden, hielt die Augen gesenkt und erhob sie nur flüchtig, um seiner Frau einen raschen, fragenden Blick zuzuwerfen, den sie mit verständnißvollem Nicken beantwortete. Bei einer besonders auffallenden Ungeschicklichkeit des Hofstaats sagte die Gräfin entschuldigend zu Paul: —

»Hab' Nachsicht, die Leute sind nicht gewöhnt — — für den Vater und mich ist Platz genug im kleinen Lesezimmer; wir haben hier nicht mehr gespeist seit dem — seit dem Tode ...«

Die Stimme versagte ihr.

»Ja, ja,« murmelte der Greis, und die Thränen, die an seinen Wimpern gezittert hatten, fielen auf seinen Teller herab. Er machte eine unwillige Bewegung mit dem Kopfe, und ein freudeloses, beschämtes Lächeln glitt wie ein verirrter Funke über seine Züge. 374

Ist es denn möglich? so neu noch dieser Schmerz, so unvergessen noch dieser Verlust?

Wieder trat eine lange Pause ein, auch Paul war still geworden. Die Lampen, die lange außer Gebrauch gestanden, verbreiteten ein schwaches Licht in dem großen Raume; ihr trüber Schimmer beleuchtete die Gesichter der beiden Alten mit fahlem Scheine. Müdigkeit sprach aus ihren verwitterten Zügen — Lebensmüdigkeit, eine tiefe Sehnsucht nach der Ruhe, die auf Erden nicht zu finden ist. Die lang ersehnte Freude des Wiedersehens mit dem einzig geliebten Sohne, nun war sie erlebt und hatte die glückentwöhnten Menschen tödtlich erschöpft. Da haben sie ihn nun, der ihr Abgott, ihr Ein und Alles ist; nichts fehlt zu ihrer Seligkeit als — die Kraft, sie zu genießen.

Eine traurige Veränderung ist mit ihnen vorgegangen. Sie so gebrochen zu finden, hatte er nicht erwartet.

Pauls Gedanken wanderten nach dem traulichen, duftenden, hellerleuchteten Salon der Gräfin Marianne. Der Thee dampfte in chinesischen Tassen, das englische Silbergeschirr blinkte, französische Confitüren standen in zierlichen Schalen auf dem geschmackvoll gedeckten Tische. Lautlos schritten die Lakaien ab und zu, der Kammerdiener glitt servirend umher, unhörbar und emsig, lächelnde Dienstfertigkeit in jeder Miene. Die Damen plauderten, Fürst Clemens hörte ihnen zu, stimmte bei, bewunderte, betete an, Gräfin Erlach kicherte und scherzte 375 ... Ja, dort konnte Paul sich Thekla denken, hier — nimmermehr! Sie, mit ihrer Prachtliebe, ihrer Lebenslust, was soll sie in diesem altmodischen Wesen, in dieser Greisen-Atmosphäre? Ein unbesiegbares Mißbehagen wird sie ergreifen bei dem ersten Schritt über diese Schwelle, niemals wird sie sich hier heimisch fühlen ... Paul möchte das kühle Mitleid nicht sehen, mit dem ihr Blick über die Häupter seiner Eltern hingleiten würde. Die bloße Vorstellung davon ... Das Blut schoß ihm heiß in die Stirn, und er biß die Zähne zusammen.

Sein Vater und seine Mutter tauschten leise einige gleichgültige Worte, sahen dabei ängstlich in sein verfinstertes Angesicht und sagten zu sich selber: »Es wird ihm nicht wohl bei uns, es kann ihm bei uns nicht wohl werden!«

Die Thurmuhr schlug zehn. Immer lauter wurde am Credenztische das Aufziehen und Zuklappen der Laden und Thüren, ein unmotivirtes Hin- und Hergehen, immer verständlicher die Mahnung der Dienerschaft: Was zögert ihr so lange? geht schlafen, es ist Zeit!

— Geht schlafen! ... Diese Mahnung mag wohl oft wortlos zu den Alten dringen. Niemand verhindert es, Niemand steht neben ihnen, der ein Recht hätte zu befehlen: Achtung vor denen, die mir heilig sind!

Die Eine, die es gethan, ist dahin; die Eine, die sie nicht verschmerzen können, die ihre Stütze und ihre Freude war.

Paul erhob den Blick zu dem leeren Platz ihm gegenüber. 376 Zum ersten Mal vermißte er die freundlichen Augen, denen er dort immer zu begegnen gewohnt war, die stets so innig gefragt hatten: Bist du zufrieden? Worin haben wir's verfehlt? Was willst du? Was geht in dir vor ... Augen, die aufleuchteten, wenn er heiter, sich trübten, wenn er mißmuthig war. Die liebevolle Ausdauer, mit der sie auf ihm ruhten, hatte ihn oft ungeduldig gemacht, und jetzt — wie wohl hätte es ihm gethan, nur einmal hineinschauen zu können in diese klaren, tiefen, treuen Augen!


Als der Sohn des Hauses am nächsten Morgen erwachte, war sein Zimmer wie in Licht gebadet. Durch die hohen Fenster flutheten die Strahlen der herrlich aufgehenden Sonne. Es hatte in der Nacht geregnet, große Wassertropfen glitzerten im Grase, auf den Blättern der Bäume, im Kelche der duftenden Blüthen. Frisch wehte die Morgenluft, nicht ein Wölkchen stand am Himmel. Paul kleidete sich rasch an und verließ das noch im Schlaf liegende Haus.

Im Hofe kamen ihm seine Jagdhunde entgegen und thaten sehr verwundert, als sie ihren Herrn erkannten.

»Da seid ihr ja!« rief er und streichelte ihnen die Köpfe. »Gestern haben sich die Herrschaften nicht blicken lassen. Vorwärts jetzt: allons! allons!«

Sie beantworteten diese Aufforderung mit einem 377 entschuldigenden Wedeln ihrer fleischigen Schwänze und mit einem Gähnen, das gar kein Ende nehmen wollte. Ihre matten Augen sprachen: »Bist du gescheit? Wir sind zu dick geworden zu derlei Späßen.« Und als Paul seine Einladung wiederholte, krochen die Thiere, so rasch, als ihr Körperumfang es gestattete, in ihre Hütte zurück. Erst als er hinweggegangen war, schlüpften sie wieder heraus, setzten sich jedes an einen Pfeiler des Thores und sahen ihm mit liebevollen Blicken nach.

Im Dorfe hatten die Leute bereits ihr Tagewerk begonnen. Der Gemeindehirt trieb die Herde der Weide zu, Weiber füllten ihre Wassereimer am Brunnen, Arbeiter waren auf dem Wege nach dem Felde; alle, denen Paul begegnete, grüßten ihn, hießen ihn willkommen. Die Weiber sahen ihn mit neugieriger Theilnahme an, eine von ihnen rief ihm von Weitem zu: »Jetzt sind Sie halt allein!«

In nächster Nähe der Pfarrei, und viel ansehnlicher als diese, erhob sich ein großes blankes Bauernhaus. Ein gewölbter Bogen trennte es von den Scheunen und Ställen, und durch denselben blickte man in einen weitläufigen Obstgarten, mit reihenweis gepflanzten, roth und weiß blühenden Bäumen. Vor dem Hause ein schmaler Streifen kurzen grünen Grases, mit Malven und Levkoyen bepflanzt und mit einem netten Holzstakete umgeben. Die Fenster blank gescheuert, der Sockel grau getüncht, und über dem ganzen Gehöfte ein Anstrich von ruhigem Behagen und solider Wohlhabenheit, wie sie 378 immer seltener werden »bei uns zu Lande auf dem Lande.« Aus dem Hause trat ein alter, untersetzter Mann in blauem, bis an die Fersen reichendem Rocke, der, bei jedem Schritte auseinander flatternd, die schwarze Kniehose und die hohen, glänzend gewichsten Stiefel sehen ließ. Auf dem Kopfe trug der Alte einen niedrigen Hut mit aufgerollter Krempe, an der Weste Silberknöpfe; kurz: es kleidete sich keiner im ganzen Dorfe am Kirchweihfeste so stattlich, wie er am Werkeltag. Dafür war er aber auch Balthasar der Große, Balthasar Schießl, der reiche, gescheite: Ein Mann, der's mit jedem »Herrn« aufnimmt, eine Handschrift schreibt, die manche Leute sogar lesen können, bei Gott! nebstbei zwölf Melkerinnen im Stalle hat und jahraus, jahrein seine vier paar Ochsen einspannen lassen kann. Ein Mann, der einmal, als er nach der Stadt fuhr, um dort Steuern zu zahlen, im Gasthofe zum Adler auf einem Sitz zweihundert Gulden verloren, baar auf den Tisch ausbezahlt, von dem Tage an aber nie mehr eine Karte angerührt hat.

Balthasar eilte in raschen Schritten auf Paul zu und reichte ihm die Hand: »Das ist ja schön, daß Sie einmal wieder zu uns kommen,« rief er. Sofort entspann sich ein Gespräch, und sie wanderten zusammen weiter. Paul fragte nach Dem und Jenem und erhielt auf die Frage: »Wie geht es ihm?« regelmäßig die Antwort: »Gut.« Nachträglich kam dann: »Dem Ersten haben die Schuldner das Haus über dem Kopf verkauft, der Zweite, ja, der hat sich versoffen, zieht als Vagabund 379 herum, Weib und Kinder gehen in den Tagelohn. Der Dritte ... das is' halt eine G'schicht — dem sein Sohn, der sitzt.« »Warum nicht gar! Was hat er denn angestellt?«

»Es heißt, wissen's, daß er den Heger erschossen hat.«

»Es heißt! es wird wohl nicht nur heißen.«

Der Alte schwieg eine Weile, dann sah er Paul von der Seite an, zeigte lachend zwei Reihen Zähne, gelblich wie Elfenbein und fest wie eine Mauer: »Ja, sehen's, ich sag'« ... Er spreizte die Finger auseinander und setzte seine Hand in eine langsam wiegende Bewegung: »Es kann sein — und es kann auch nit sein.«

»Ich kenn' Euch!« sprach Paul.

»So?« fragte der Bauer, und in dem einen Worte und dem Blicke, womit er es begleitete, lag eine ganze Reihe spöttischer Zweifel.

Paul fuhr eifrig fort: »Ihr seid immer dieselben! Von der Wilddieberei könnt Ihr nicht lassen. Heute wie vor zwanzig Jahren wird nur so hineingehauen in unsere Wälder, werden unsere Wiesen abgegrast ...«

»Die meinen auch,« sprach Balthasar.

»Und wo bleibt der Respekt vor fremdem Eigenthum? Wann werden die Leute endlich lernen, daß ein Unterschied ist zwischen Mein und Dein?«

Der Alte zog seine Pfeife aus der Tasche und begann ruhig sie zu stopfen. Sie waren jetzt in die Nähe der Schule gekommen. Vor der Thür stand ein junger Mensch, schäbig aber stutzerhaft gekleidet, und schäkerte mit einer frech aussehenden Dirne. 380

»Das ist der neue Schullehrer,« sagte Balthasar in nachlässigem Tone.

— »Der? der junge Bursch? Der kann ja selbst die Schule nicht absolvirt haben.«

»Hat's auch nit.«

»Wie so? Ist er relegirt worden?«

»Es heißt, daß er, wissen's, drinnen in der Stadt, aus dem Schulzimmer, oder von wo? Maschinen mitgenommen hat, um d'ran zu studiren. Aber — vergessen muß er haben, daß sie ihm nit gehören, denn sonst —,« sprach Balthasar mit einer pfiffigen Harmlosigkeit, die des größten Schauspielers würdig gewesen wäre, »denn sonst hätt' er sie ja nit verkaufen können.«

»Das wißt Ihr?« rief Paul, »und den macht Ihr zum Schullehrer? Den duldet Ihr?«

»Wir haben ihn nit g'rad ausgesucht, aber er hat Halt ›Prodektion‹, und wenn er einmal dasitzt, bringt ihn selbst unser lieber Herrgott nit weg, das müssen Sie auch wissen, Herr Graf,« setzte Balthasar hinzu, zufrieden mit dem Eindruck, den das Streiflicht hervorbrachte, welches er auf die Ortszustände geworfen.

»Eure Schuld, wenn er dasitzt ... Jetzt habt Ihr ihn, könnt Eure Kinder zu ihm in die Schule schicken!«

»Ich schick' die meinen nit.«

»Ihr schickt sie nicht? Existirt vielleicht kein Schulzwang in Sonnberg?«

»Ich zahl' halt Straf',« antwortete der Bauer mit ruhigem Lächeln. »Ich kann's ja thun.« 381

Sie gingen eine Weile schweigend neben einander, beide in Gedanken nicht angenehmer Art versunken.

»Wenn die Frau Gräfin,« sagte der Alte auf einmal, und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Hute, »wenn die Frau Gräfin noch am Leben wäre, so was wär' nie geschehen ... Und hier —« setzte er, in plötzlich verändertem Tone hinzu, »thät' es auch anders aussehn!«

Er deutete auf den großen, mit verschwenderischem Luxus erbauten Meierhof, dem sie sich allmälig genähert hatten.

Paul meinte, das könne man doch nicht wissen, aber daß es hier nicht aussehe, wie sich's gehöre, sei allerdings ausgemacht. In der That, darüber konnte kein Zweifel herrschen. Das Vieh in schlechtem Stande, die Gebäude vernachlässigt, die kostbaren Maschinen, die Paul aus England geschickt hatte, zwar noch nicht benützt, aber schon beschädigt, im Freien, jedem Unwetter ausgesetzt, während der Schuppen daneben mit elendem Gerümpel angefüllt war. Alles schmutzig, unordentlich durcheinander geworfen, alles verwahrlost, und weder Knecht noch Magd sichtbar, kein Mensch in der Nähe, den man hätte fragen können: »Wie geht das zu?«

Balthasar steckte die Pfeife, ohne sie jedoch anzuzünden, zwischen die Zähne, stemmte beide Arme in die Seiten und sagte: »Die Frau Gräfin ist todt, die alten Herrschaften sehen nix mehr — und Sie ...« sein Mund verzog sich ironisch: »Sie haben halt gar zu viel zu thun!«382


Im Amtshause, das von dem Meierhofe nur durch die Straße getrennt war, und das mit seinen zwei Geschossen, seiner verzierten Façade und seinem französischen Dache einem Schlößchen glich, wurde es plötzlich lebendig. Ein Fenster im ersten Stocke war eröffnet und so rasch wieder zugeschlagen worden, daß die Trümmer zerbrochener Scheiben klirrend zu Boden fielen. Darauf entstand in dem Hause eine Bewegung, wie in einer überrumpelten Festung, und endlich erschien auf der Schwelle ein großer, breitschultriger, sehr dicker Mann. Sein Gesicht hatte die Form und den Umfang eines Tellers und die Farbe einer Feuernelke. Als Balthasar den Herrn Verwalter kommen sah, machte er sich eilig von dannen. Die langen Schöße seines Rockes flogen hinter ihm her und waren anzusehen wie die Flügel eines Nachtfalters. Er rückte vor dem Verwalter kaum den Hut, und dieser erwiderte den kurzen Gruß mit auffallender Freundlichkeit. Hingegen vergab er seiner Würde dem Herrn Grafen junior gegenüber nicht ein Jota.

»Der Herr Graf sind da,« sprach er bitter und vorwurfsvoll, »begeben sich stante pede in die Oekonomie, ohne mich haben avisiren zu lassen. Ich darf die Gnade nicht haben, theilzunehmen an der Inspection.«

»Nur eine Morgenpromenade, lieber Vogel. Allerdings bin ich nicht erbaut von dem, was ich bisher sah und hörte,« erwiderte Paul, theils ergötzt, theils geärgert durch die gewundenen Reden des feierlichen Herrn, den 383 dessen feinfühlende Gemahlin »Mein opulenter Mann«, zu nennen pflegte.

»Ah, — — Insinuationen! ...«

»Davon ist nicht die Rede, aber werfen Sie doch nur einen Blick um sich!«

»Das thue ich täglich,« entgegnete der Herr Verwalter mit einem Selbstbewußtsein, als ob es auf Erden nichts Ruhmvolleres geben könne, als Blicke um sich zu werfen. »Jeden vom Dache gefallenen Ziegel, jede gestohlene Latte, Herr Graf, Sie finden sie wieder — im Wirthschaftsjournal. Aber jedoch adaptirt, restaurirt darf nichts werden. Wir haben strikten Enthaltungsbefehl. ›Thun Sie nichts ohne meinen Sohn!‹ ist des Herrn Grafen stets von Neuem wiederholt ertheilte Weisung, der sich fügsam zu erweisen nicht immer ganz leicht fällt.«

»Weniger wörtlich befolgt wäre der Befehl besser befolgt,« versetzte Paul. Er hatte den Rückweg angetreten und eilte rasch vorwärts, belästigt durch die Begleitung des Herrn Verwalters, dem es, wie sein schnaubender Athem verrieth, schwer wurde, mit ihm Schritt zu halten.

Am Ausgange des Dorfes befanden sich einige elende Baracken: die sogenannten »herrschaftlichen« Arbeiterwohnungen. Der Wind blies durch ihre zerklüfteten Mauern, die Scheiben ihrer kleinen Fensterchen waren zerbrochen oder erblindet, die Löcher in ihren halb abgedeckten Dächern gemahnten an aufgerissene, hungrige Mäuler. Den Vordergrund des Jammerbildes bildete 384 eine Pfütze, in der eine zahlreiche Kinderschar mit einem Vergnügen herumpatschte, das gewisser Geschöpfe würdig gewesen wäre, die mit mehr Beinen und mit weniger Gottähnlichkeit ausgestattet wurden, als das menschliche Geschlecht.

»Unsere Arbeiterwohnungen!« rief Paul entrüstet — »durfte auch hier nichts hergestellt werden? ... Es war schon der Wunsch meiner verstorbenen Frau, daß sie niedergerissen und an ihrer Stelle neue, geräumigere errichtet würden.«

Der Verwalter lächelte: »Hauptsächlich aus Moralitätsgründen. Die Frau Gräfin nahmen Anstoß daran, mehrere Personen unterschiedlichen Geschlechtes in nicht unterschiedlichen Lokalitäten unterbringen zu lassen. Die hochgeborene Frau vergaßen, daß derlei hier überall vorkommt. Wir haben Wohnungsnoth in Sonnberg. Die Leute sind es gewöhnt, und warum sollte es der Arbeiter besser haben als der Bauer? Es würde schlechtes Blut zu machen, zu befürchten geben ... Auch kann Niemand der Gutsverwaltung zumuthen, sich zur Tugendwächterin der Bevölkerung aufzuwerfen, und haben die Leute ihren eigenen Standpunkt — wie der Herr Graf dereinst selbst der hochseligen Frau Gräfin zu bedenken zu geben geruhten.«

So war's. Mehr aus Widerspruchsgeist als aus Ueberzeugung hatte Paul damals die Forderung abgewiesen, die seine Frau an ihn gestellt, eindringlich im Namen der Menschlichkeit. Einen Augenblick war er nahe daran 385 gewesen, einzuwilligen, denn im Stillen gab er ihr Recht. Aber war er der Mann, der gemahnt zu werden brauchte an die Erfüllung einer Pflicht? — Würde er sie als solche anerkennen, ihr wäre längst Genüge geschehen. Demnach hatte Paul ein rasches Ende gemacht, erklärt, er wolle von der Sache nichts mehr hören, und über die Subjektivität der Weiber gespottet, die immer sich, immer nur sich in die Lage der Andern versetzen können und unfähig sind, irgend ein Verhältniß anders als persönlich zu beurtheilen.

»Mitleid ist Schwäche!« hatte er ausgerufen, plötzlich aber innegehalten, weil ihm ein Zweifel an der Unbestreitbarkeit dieses Satzes aufgestiegen war, weil ihn beim Anblick des Schmerzes, den sein Starrsinn verursachte, eine Regung überkommen hatte, derjenigen beinahe ähnlich, die er soeben verdammt ...

Die junge Frau jedoch, wie hatte sie in seiner Seele zu lesen gewußt! Das leise, kaum eingestandene Gefühl, das zu ihren Gunsten sprach, wie war es sogleich von ihr errathen, wie dankbar sein Erwachen begrüßt worden! Wie hatte sie, mit neubelebter Hoffnung auf den Sieg ihrer guten Sache, die Arme um den Hals ihres Mannes geschlungen, den Kopf an seine Brust gedrückt, voll zärtlicher Begeisterung zu ihm emporgesehen und ihm zugeflüstert: »O du Schwächling!«

Ja, ja, sie war anmuthig gewesen und hold. — —

Paul fuhr auf aus seinem Sinnen. »Nehmen Sie an,« sprach er zu seinem Begleiter, »daß ich heute anders 386 denke als zu jener Zeit, daß ich einsehe — kurz, suchen Sie die Pläne zu den Arbeitshäusern hervor, die meine Frau damals zeichnen ließ. Der Bau soll sogleich in Angriff genommen werden.«

Der Beamte steckte mit Würde die Hand in seine Weste. »Herr Graf scheinen einen Systemwechsel vorzunehmen zu beabsichtigen. Vielleicht intensive Wirthschaft, was hier nicht geht! ... Wovon Herr Graf sich selbst genugsam überzeugten, und was ich mehrmals die Gnade hatte zu bemerken, dereinst bei unvergeßlichen Gelegenheiten, in denen mir das Unglück widerfuhr, mir das Mißfallen der hochseligen Frau Gräfin zuziehen zu müssen.«

Ein hämischer Zug verunstaltete seine feisten Lippen, so oft er von der Verstorbenen sprach.

Dieser hoffärtige Mensch hat sie gehaßt und grollt ihr noch nach dem Tode. Er verzeiht es ihr nie, daß sie so manchen Kampf gegen ihn siegreich geführt. Siegreich, denn sie war stark, muthig und verständig, dachte Paul, und entließ den Herrn Verwalter mit einigen trockenen Worten.


Der Graf und die Gräfin erwarteten ihren Sohn zum Frühstück im Saale, beide, nach altem Brauche, sorgfältig gekleidet vom frühen Morgen an. Sie im grünen, glatten Seidenkleide, das nur wenig über die Knöchel reichte und die ausgeschnittenen, kreuzweise gebundenen Schuhe sehen 387 ließ. Die lichten Locken, zu beiden Seiten der Stirn aufgesteckt, das feine Gesicht mit den milden Augen, von einer weißen Haube umgeben, die ganze Gestalt wie aus einem Rahmen eines edlen, aber verblaßten Bildes getreten, das vor dreißig Jahren gemalt worden war. Ihr Mann, der sie einst um Kopfeslänge überragte, sah jetzt nicht größer aus als sie. Seine breite Brust war eingesunken, seine Schultern hatten sich gewölbt. Aber schön geblieben waren die herrlichen Züge seines Gesichtes. Den kahlen Scheitel des wie aus Erz geformten Hauptes umgab ein Kranz von schneeigen Haaren, und wie weiße Seide schimmerte der Bart, der auf die Brust des Greises niederwallte.

Der Graf stand am Fenster auf seinen Stock gelehnt und sprach:

»Er ist schon draußen, schon seit sechs Uhr, sieht sich um, wird Befehle geben; Einrichtungen treffen, Alles nach der neuen Art, Alles anders als zu unserer Zeit, und tausend Mal besser. Ja, der versteht's! Der Vogel wird sich freuen, daß er einmal wieder etwas lernen kann.«

Die Gräfin meinte, dies sei ohne Zweifel der Fall und könne nicht schaden; es gäbe so Manches zu thun in Sonnberg und gewiß, ein gewöhnlicher Mensch fände hier ein überreiches Feld für seine Thätigkeit, aber für Paul ist das alles zu kleinlich, zu gering, der bescheidene Beruf eines Landwirths der füllt einen solchen Mann nicht aus. »Wie lange er wohl bei uns bleibt?« schloß sie ihre Betrachtungen. 388

»Danach darf man ihn nicht fragen!« rief der Greis. »Du weißt, das kann er nicht leiden. Nur keinen Zwang, nur keine Liebestyrannei!«

Paul war während dieser letzten Worte eingetreten, und man setzte sich an den Frühstückstisch. Er freute sich im Stillen über das frischere Aussehen der beiden alten Leute. Die Nachtruhe, die ihnen der Gedanke gar süß gemacht, daß ihr Sohn einmal wieder unter demselben Dache mit ihnen schlafe, hatte sie unsäglich erquickt.

»Bist Du zufrieden mit unserer Wirthschaft?« fragte der Graf. »Vogel hält strenge Ordnung, ein braver Mann, das muß man ihm lassen ... auch fehlt uns nichts als baares Geld. Das Erträgniß, sagt Vogel, das Erträgniß! — ja, leider. Es wird ihm oft schwer, die großen Regiekosten zu bestreiten.«

— Die Regiekosten? dachte Paul, o lieber Vogel! o lieber — Schurke! du hast dich sonderbar ausgewachsen. Meine Abwesenheit bekommt dir schlecht. — Er antwortete ausweichend, vorläufig könne er noch keine Meinung abgeben, in einigen Tagen aber, nächste Woche vielleicht ...

»Nächste — Woche?!« wiederholten seine beiden Eltern zugleich. So lange bleibt er? o Glück! sie dachten nicht mehr ein solches zu erleben. Die Mutter vergaß in ihrer Freude einen Augenblick die stets geübte Zurückhaltung, die sich jede Aeußerung der Zärtlichkeit versagte. Sie glitt schmeichelnd mit den Fingern über den auf dem Tische ruhenden Arm ihres Sohnes. Es lag in dieser schüchternen Berührung so viel unterdrückte Liebe, ein so 389 unaussprechlicher Dank, daß Paul innig sprach: »Gute Mutter!« ihre Hand ergriff und an seine Lippen drückte. Die Gräfin warf einen Blick voll seliger Ueberraschung auf ihren Gatten, dessen Angesicht dieselbe Empfindung aussprach. Sie schienen sich zu fragen: Was ist das? — was ist geschehen? ist er's denn noch?

»Je länger Du bleibst, um so besser für uns,« sagte der Graf. »Du bist immer willkommen, lieber Sohn.«

Den alten Leuten war seltsam zu Muthe — ungefähr wie frommen, verzückten Betern, zu denen der steinerne Heilige, vor dem sie knieen, sich plötzlich niederbeugen und Worte des Segens über ihre Häupter sprechen würde.

Die Unterhaltung gerieth ins Stocken, das Frühstück war beendet; Paul ging auf sein Zimmer, mit der Absicht — an Thekla zu schreiben.

Nur eine Spanne Zeit trennte ihn von dem Augenblick, in dem er Abschied von ihr genommen, es hatte sich darin so gut wie nichts begeben, nicht ein Ereigniß, das der Mühe lohnte, erzählt zu werden, und doch, ihm schien sie lang und inhaltsreich, diese kurze stille Zeit, er meinte fast in ihr mehr erlebt zu haben als in seinem ganzen übrigen Dasein. Womit soll er seinen Brief beginnen, den ersten, den er an Thekla schreibt?: »Meine Gedanken haben Sie nicht verlassen ...« — Eine Lüge! — »Ich habe meine Eltern wohlauf gefunden ...« Was kümmern sie seine Eltern? Diese schlichten Leute werden ihr immer fremd bleiben, und sie auch ihnen.

Aber das Kind, dessen Mutter sie werden und das 390 sie lieben lernen soll, von dem will er ihr sprechen. Nur muß man kennen, was man beschreiben will, und er hat die Kleine noch kaum gesehen, wie absichtlich schafft man sie ihm aus dem Wege, erwähnt ihrer nicht, gedenkt es ihm wohl noch, daß er dereinst zu behaupten pflegte, kleine Kinder seien ihm ein Greuel. Das war damals nur halb und ist jetzt gar nicht mehr wahr, Eltern jedoch glauben nichts schwerer, als daß mit ihren Kindern eine Veränderung vorgehen könne. Paul erhob sich, um zu schellen, und in diesem Augenblicke wurde nach leisem Pochen die Thür geöffnet und sein Töchterchen trat ein. Es klammerte sich dabei mit einer Hand an den Rock seiner Wärterin, in der anderen trug es einen Veilchenstrauß. Einen solchen, ganz so gebunden, legte Marie dereinst täglich auf seinen Schreibtisch: dort hatte er ihn soeben halb unbewußt vermißt.

»Das bringen wir dem Papa,« sprach die Wärterin. Sie beugte sich zu der Kleinen nieder und suchte sich von ihr loszumachen. »Es ist ein guter Papa, geh' zu ihm, mein Engel, geh'!«

Es entstand ein langer, in flüsterndem Tone geführter Wortwechsel zwischen Mariechen und ihrer Pflegerin, dem Paul damit ein Ende machte, daß er der letzteren befahl, sich zu entfernen.

»Und das Kind?«

»Das bleibt bei mir.«

»Ganz allein? Es ist so scheu — Sie sind ihm so fremd —« 391

Unwillig wiederholte Paul seinen Befehl, die Frau erlaubte sich keine Einwendung mehr, sie ging bestürzt von dannen, und ihr Zögling, noch viel erschrockener als sie, hatte nicht einmal den Muth, sich nach ihr umzuwenden.

Wie eine kleine Bildsäule blieb Mariechen regungslos an ihrem Platze und senkte das traurige Gesicht tief auf ihre Brust.

»Arme, verkümmerte Pflanze!« dachte Paul. »Wachsest auf zwischen einem geschlossenen und einem schon geöffneten Grabe ... Du brauchtest frischere Lebensluft!«

Eine Regung mitleidiger Liebe schlich sich in seine Seele; er sah die Furcht, mit der sie unter den gesenkten Lidern hervor jede seiner Bewegungen beobachtete, und wagte nicht sich ihr zu nähern. Sie voll Angst vor ihm, er voll Bangen vor ihrer Angst — so standen Vater und Tochter einander gegenüber.

Endlich kniete er nieder und sprach mit gedämpfter Stimme: »Mariechen, komm' zu mir!«

Das Kind rührte sich nicht, aber die Nerven um seinen Mund begannen zu zittern, ein schwerer Seufzer hob seine Brust, und es brach in unaufhaltsames Weinen aus. Paul ging an seinen Schreibtisch zurück. »Sie mag sich ausweinen! hat ohne Ursache angefangen, wird ohne Ursache aufhören!«

Aber die Ausdauer eines schluchzenden Kindes ist ein länger Ding als eines Mannes Geduld. Er wollte die seine nicht verlieren, er hielt sich die Ohren zu, versuchte 392 seine Aufmerksamkeit auf zwei Goldamseln zu lenken, die im Grün der Linde vor seinen Fenstern wie Lichtstrahlen von Ast zu Ast huschten, bemeisterte sich lange, zuletzt aber wandte er sich doch um, sprang auf und herrschte dem Kinde zu: »Schweige!«

Es gehorchte augenblicklich; hielt inne mitten im Schluchzen und sah aus großen, in Thränen schwimmenden Augen erschrocken und flehend zu seinem Vater empor. Und dieser Blick traf ihn wie ein Stoß in das Herz. So hatte die Mutter des Kindes ihn angesehen damals, als sie zum ersten und letzten Male Nein zu ihm gesagt, an jenem Tage, der unwiderruflich über ihr Leben entschied ... Da war die Erinnerung wieder, deren er sich mit dem Aufgebote seiner ganzen Willenskraft nicht zu erwehren vermochte, die ihn wie mit einem Zauberbanne umwob, seitdem er den heimischen Boden betreten hatte.

Kann das Weib, das im Leben hülflos zu seinen Füßen lag, ihn nach dem Tode besiegen? Fleht sie aus dem Jenseits zu ihm? sieht ihn mit unvergeßlichem Blicke aus dem Auge ihres Kindes an — ihres kleinen Abbildes ... nein, kein Abbild — sie selbst, in jedem Zuge des Gesichtes — in jeder Bewegung sie, so ganz und gar sie selbst, als gäbe es eine rückwärts schreitende Zeit, ein umgekehrtes Leben, das wieder zur Kindheit führt ......

Im Innersten erschüttert hob Paul das Kind in seinen Armen empor und drückte es an sich. Allein der Ausbruch seiner Zärtlichkeit erweckte Entsetzen, und dieses 393 seinen Grimm. »Fürchte Dich nicht!« rief er in thörichtem Zorne: »Fürchte Dich nicht!« während er sie tödtlich erschreckte. Alle Glieder des zarten Körperchens begannen zu zittern, die Augen wurden starr, und in großer Bestürzung setzte Paul das Kind auf den Boden hin. Da blieb es still, mit herabhängenden Armen, das Köpfchen tief gebeugt — auf das Allerschlimmste gefaßt, recht wie ein junges Vöglein im verlassenen Neste, über dem ein Gewitter schwebt ... Schon hat der Blitz gezuckt — wann trifft sein Strahl?

O du allmächtige Hülflosigkeit! du wehrlose, vor der alle Kraft des Starken sich auflöst in einen Strom des Erbarmens!

»Sprich,« flüsterte Paul, »sprich nur ein Wort — oder weine Kindchen! weine — ich bitte Dich ...«

Sie bleibt still, stumm, leblos ... Athmet sie denn? In namenloser Spannung hält er seinen Athem an, um dem ihren besser zu lauschen — — da läßt sich im Nebenzimmer das Trippeln kleiner emsiger Tritte vernehmen, das Gebimmel einer winzigen Schelle ... Mariechen horcht plötzlich auf, an der Thür wird ein Kratzen laut, gebieterisch Einlaß heischend — und das Kind erhebt den Kopf, ein schwaches Roth tritt auf seine Wangen, es schlägt freudig die Händchen zusammen und — »Kitty!« ruft es aufjauchzend.

Paul öffnete die Thür und an ihm vorbei schoß ein zottiges Hündchen und sprang mit lautem Gebelle auf das kleine Mädchen zu. Es umhüpfte sich, leckte ihr die Hände 394 und das Gesicht, sprang wieder davon, streckte die Vorderbeine von sich, so weit es konnte, bog das Kreuz ein, bellte, sah sie an und keuchte mit herabhängender Zunge.

Und sie — wie sie es lockte! wie sie es rief mit liebkosenden Namen, wie sie es mit ihren beiden Aermchen umschlang, seinen Kopf an ihre Brust drückte und wiegte mit ernsthafter Zärtlichkeit.

Ja, dem kann sie schön thun! der steht in ihrer Gunst ... Man könnte ihn beneiden ... Paul lächelte über seine kindischen Gedanken — es ist weit mit ihm gekommen: er ist eifersüchtig auf einen Hund.

Unmuthig schellte er der Wärterin und befahl ihr, die Kleine hinweg zu führen. Er wandte sich ab, als es geschah, was brauchte er zu sehen, wie gern sie von ihm ging?


Einmal wohl fällt uns die Liebe vom Himmel, einmal — und nicht wieder. Hast du die Gottesgabe nicht zu schätzen gewußt — jetzt heißt es, um sie werben, um sie dienen ... Der Veilchenstrauß war auf den Boden gefallen, Paul hob ihn auf und legte ihn neben sich auf den Schreibtisch. Er begann einen neuen Brief an Thekla, aber es stand in den Sternen geschrieben, daß auch dieser nicht beendet werden sollte. Von der Straße herüber drang ein sonderbares Geräusch. Als ob zehntausend Wespen schnarrten, als ob zehntausend Hornissen brummten und dazwischen ein Dudelsack pfiffe, war es 395 anzuhören. Ein Geräusch, in seiner Art nicht minder berühmt als die Luftmusik auf Ceylon, nur besser erklärt von Gelehrten und selbst von Ungelehrten, denn sobald es sich vernehmen ließ, wußte Jedermann auf eine Viertelmeile in der Runde: der Freiherr von Kamnitzky fährt über Land! und was da rasselt, quiekt und stöhnt, es ist seine historische Kalesche. Ein edles Vehikel, ein ehrwürdiges Denkmal aus der Vergangenheit. Wann es erbaut wurde — »die jetzigen Kinder denken's nicht!«

In Form und Farbe glich es der Hälfte eines Tiroler Apfels, und war mit dunkelbraunem Tuche, — das aber aus neuerer Zeit stammte, denn es zählte keine fünfundzwanzig Jahre — gefüttert. Es schwebte in wolkennaher Höhe auf Schneckenfedern, ein mächtiger Radschuh hing an schwerer Kette unter dem Kasten. Vorgespannt waren ein Paar dicke, kurzhalsige Schimmel mit Beinen wie Säulen; ansehnliche Gäule, die, nach dem Zeugniß ihres Herrn, »einmal ins Kugeln gekommen, einige Meilen auf oder ab, nicht weiter regardirten.«

Der Freiherr von Kamnitzky hatte immer einen Spaß auf den Lippen und ein paar Silbergulden in der Tasche, war deshalb sehr beliebt bei der Dienerschaft in Schloß Sonnberg, die sich um die Ehre riß, den Schlag seiner Kalesche zu öffnen und das aus mehreren Stufen bestehende Trittbrett herunter zu schlagen. Kamnitzki war eben im Begriffe, diese fliegende Treppe zu betreten, als Paul aus dem Schlosse geeilt kam, um ihn zu begrüßen. 396

»Was der Teufel!« rief der Freiherr und blieb wie versteinert stehen.

Paul half ihm herab: »Ich werde Dich doch nicht umsonst nach Wien reisen lassen,« sagte er.

»Umsonst nach Wien? mich? — sei so gut und sag' das Deinen Eltern —: Umsonst! ... O das ist wieder — o freilich ... verzeih', aber so albern reden doch nur gescheite Leute,« rief Kamnitzky voll Entrüstung und versäumte auch diese Gelegenheit nicht, den »gescheiten Leuten« eins anzuhängen.

Er fragte einen Diener, nicht Paul, mit dem sprach er vorläufig kein Wort mehr — wo der Herr Graf sich befinde, und wünschte angemeldet zu werden. Eine Höflichkeit, die er nie außer Acht setzte, ebensowenig als der Graf jemals versäumte, ihm darüber Vorwürfe zu machen. Aber es geht eben nichts über eine gute, altgewohnte Art das Gespräch anzuknüpfen, und so wurde denn auch heute, wie immer, der Gastfreund mit den Worten empfangen: »Sich anmelden lassen? Alter Mensch, was fällt Dir ein?«

Bei Tische war Kamnitzky lustig bis zur Ausgelassenheit, aß und trank ansehnlich, machte die schlechtesten Witze, ohne ein einziges Mal darüber zu erröthen. Seine gute Laune, und sein guter Appetit erweckten das innigste Wohlgefallen der alten Leute. In Bestürzung jedoch geriethen sie, als er nach dem Speisen begann über die Regierung zu schimpfen; sie besorgten sehr, Paul könne das übel nehmen. 397

»Er meint nicht Dich,« sagte der Greis beruhigend zu seinem Sohne.

»Bitt' um Verzeihung! Wohl mein' ich ihn und sein ganzes, ihm nachbetendes Gelichter,« rief der erregte Freiherr.

Er stellte sich mit dem Rücken an den kalten Kamin, versenkte beide Hände in die Hosentaschen und setzte seinen Oberkörper in regelmäßige Schwingungen. Die Schöße seines Rockes, die er unter den Armen hielt, bewegten sich dabei wie zwei schwarze Ruder in der Luft. Er hatte den Kopf zurückgeworfen und eine lange Virginia zwischen die Zähne geklemmt, die, wie gewöhnlich, nicht ins Glühen kommen wollte. Sein kühnes Gesicht drückte die höchste Kampflust aus.

»Euch Alle mein' ich, politische Doctoren, Verjüngerer, Verbesserer des Staates, Baumeister ... ja saubere Baumeister! ... Flicken einen Riß in der Mauer, repariren am Dache und merken nicht, oder thun, als ob sie nicht merkten — daß die Fundamente wanken ... Wißt Ihr, wie das Fundament heißt, auf dem ganz allein ein festes Staatsgebäude sich errichten läßt: Rechtsgefühl. An dem fehlt's bei uns ... Gesetze macht Ihr? Zeitvergeuder! Gesetze haben wir genug, aber die Leute, die sie befolgen, die sollen noch geboren werden. — Was Gesetze! sagen wir. Gesetze kommen vom Staat, der unser Feind ist, der den Einzelnen auffrißt, wie Ugolino seine Kinder auffraß — um ihnen den Vater zu erhalten. Vortheil, dauernden für den Wohlhabenden, augenblicklichen 398 für den armen Teufel, auf den gehen wir aus. Wie's dem Allgemeinen, dem großen Ganzen thut, das — hol's der Kuckuck! — was kümmert's uns?«

Er hielt inne, dunkelroth und keuchend, und fuhr sogleich wieder heftig fort: »Bevor dieses Kampf-ums-Dasein-Evangelium ausgerottet ist, heißt all' Eure Thätigkeit salva venia nichts! ... Aber freilich — wer steigt gern vom First in den Keller — und daß der First von selbst zum Keller kommt, dazu hat's ja für Euch noch keine Gefahr ... Wäre auch eine verfluchte Arbeit da unten. Gethan müßte sie werden, und verschüttet, und wieder gethan, und wieder verschüttet; und hundertmal das scheinbar Vergebliche zu thun, müssen ein paar hundert Männer den Heldenmuth haben, die Heldenkraft! ... Ein stilles Wirken — unscheinbar, unbewundert. Ein Leben voll Müh' und Selbstverleugnung ginge drauf, und wenn's zu Ende wäre, spräche Keiner: Seht hin, was der geleistet hat! — Viel später erst, ein Enkel Deiner Enkel freute sich vielleicht: — sieh da, die Luft wird rein — das Volk wird brav; es giebt Handwerker, die Wort halten, ehrliche Krämer, einsichtige Bauern. Wer hat die Saat zu diesen bescheidenen Tugenden ausgesäet unter uns: ... Das haben — von langer Hand her — schlichte Männer gethan, die sich geplagt haben, redlich, im Dunkel der Niedrigkeit, wohin kein Strahl des Ruhmes dringt; ihre Namen weiß man nicht ... Wen reizt ein solcher Lohn?! Es ist zum Lachen — der lockt keinen Hund vom Ofen, geschweige denn einen 399 glänzenden Redner von der beifallumrauschten Bühne herunter!«

Die alten Leute horchten verblüfft und hielten die Augen auf ihren Sohn gerichtet.

— Er läßt den kindischen Menschen faseln — dachten sie, plötzlich wird er sprechen und ihn schlagen, mit einem Wort. Aber Paul schwieg und sagte endlich nur: »Man könnte Dir zwar Manches einwenden, allein im Ganzen hast Du so Unrecht nicht.«

Seine Eltern sahen einander lächelnd an: — O dieser Paul! — welche Güte, welche Nachsicht, mit dem armen streitsüchtigen Thoren, der aus seinem Mausloch die Welt reformiren will.

Kamnitzky jedoch wurde nun völlig wild.

»So Unrecht nicht?« rief er. — »Wahrhaftig? ... Da meint man immer: Wenn man nur einmal einen von ihnen erwischen könnte und zur Rechenschaft ziehen, gleich hieße es: Das alles wissen wir besser als Du! wollen helfen, werden's schon ... Wir kennen unser Ziel — den Weg dahin, den zu wählen überlasse uns — davon verstehst Du nichts. Das wär' ein Wort, das sich hören ließe! aber: Du hast recht ... Schämt Euch ... das ist ein schöner Trost!«

»Geh' — geh',« sagte Paul, zog ein Feuerzeug aus der Tasche und hielt Kamnitzky ein brennendes Zündhölzchen hin, an dem dieser mit unsäglicher Mühe seine Cigarre wieder für einige Augenblicke zum Glimmen brachte. 400

»Na,« sprach er nach einer Weile, »nichts für ungut.« Er wurde plötzlich sehr roth und sehr gerührt, reichte Paul die Hand und betheuerte, daß sie »deswegen doch« die Alten bleiben würden. Bald darauf nahm er Abschied, und Paul mußte ihn ein Stück Weges in seinem Wagen begleiten. Hier fühlte der Freiherr sich als Wirth und entfaltete eine hinreißende Liebenswürdigkeit. Nachdem sie sich getrennt hatten, erhob sich Kamnitzky in seiner historischen Kalesche und winkte seinem Freunde, so lange er ihn noch sehen konnte, mit seinem bunten großen Taschentuche die freundlichsten Grüße zu.


Zurückkehrend durch die hallenden Gänge kam Paul an den Gemächern vorüber, die seine Frau bewohnt hatte. Er blieb stehen, legte die Hand auf die Thürklinke, sie gab seinem Drucke nach, — ein kurzes Zögern, ein kurzer Kampf mit sich selbst, und er setzte seinen Fuß auf die Schwelle, die er nicht mehr betreten hatte, seitdem der Tod sie überschritten. — So vergessen sind diese Räume, daß man nicht einmal daran denkt, sie abzuschließen; der Zerstörung anheimgefallen, dem unablässigen ruhelosen Kampf der Natur gegen jedes Werk der Menschenhand. Paul war auf einen traurigen Anblick gefaßt, aber er hatte geirrt. In den stillen Gemächern zeigte sich nicht eine Spur des Unbewohntseins. Sie lagen freundlich da, von den Strahlen der untergehenden Sonne erleuchtet. Der Abendhauch schwebte 401 durch die geöffneten Fenster über die reich gefüllten Blumenkörbe, durchwürzte die Luft mit zarten Düften, bewegte die weißen Vorhänge. Spiegelblank glänzten die Dielen, Teppiche waren allenthalben ausgebreitet, jede Kleinigkeit befand sich an ihrem gewohnten Platze; Alles war so sorgsam geordnet, so liebevoll gepflegt, als wenn auch hier täglich, stündlich eine Wiederkehr erwartet würde.

Langsamen und leisen Schrittes ging Paul durch das Vorzimmer, den Salon und betrat das Schlafgemach.

Bei seinem Erscheinen erhoben zwei Personen sich rasch von dem Kanapee in der Tiefe des Zimmers, und Entschuldigungen flüsternd glitten sie hinaus wie Schatten.

Seine Eltern! ...

Sie feiern hier ihre Feste der Erinnerung, finden einen Widerschein entschwundenen Glückes in der Betrachtung von Gegenständen, die der Verstorbenen gedient, ihren theuersten Besitz ausgemacht haben. Sie lebt ihnen in dieser Umgebung, lebt in ihrem liebsten Gedanken, in dem Gedanken an ihn, von dem hier Alles Zeugniß giebt. Er war der Gott dieses stillen Heiligthums, aus dem die Priesterin geschieden ist. Wohin er blickt, tritt ihm sein Bild entgegen — als rosiges Kind, als Knabe mit Peitsche und Ball, als Jüngling im Studentenrocke, mit leuchtenden Augen und kühn zurückgeworfenem Haar, als Mann in der Ruhe der Kraft, im Vollbewußtsein ungemessenen 402 Selbstvertrauens ... Das war er als Bräutigam, und ein verwelkter Myrthenkranz hängt an dem Rahmen des Bildes.

Das alterthümliche Glaskästchen in der Ecke enthält Erinnerungen an ihn, Geschenke von ihm. Sie hat Alles mit gleicher Sorgfalt bewahrt. Die Wiesenblume, auf einem Spaziergange gepflückt, und das Diamantenkreuz, das er ihr am Hochzeitstage gab, hatten für sie denselben Werth.

Ja, über dieses Herz hat er geherrscht ... da war er Gebieter — Schicksal ... Ein ungütiger Gebieter, ein hartes Schicksal!

Der hohe Schrank am Pfeiler war geöffnet; ihre Bücher standen darin. Eine kleine, aber auserlesene Schar. Mit stolzen Geistern hatte sie verkehrt, die bescheidene Frau. Paul schlug einen oder den andern Band auf; ein Wort an den Rand geschrieben, eine flüchtige Bemerkung, an und für sich nichts, aber bedeutungsvoll durch die Stelle, an welcher sie stand, bewies, daß ein sehendes Auge auf diesen Blättern geruht. Dieses junge Weib, fast noch ein Kind, ganz allein auf sich selbst angewiesen, hatte sich mit muthigem, wahrheitsuchendem Verstand an ernste Lebensfragen herangewagt, hatte den errathenden Blick besessen, der sich ohne Zögern mit rascher Sicherheit auf das Wesen der Dinge richtet. Ihr Geist, den Paul so hoffärtig übersah, war ein dem seinen ebenbürtiger gewesen. Wie herrlich hätte diese reiche Seele sich entfaltet im Sonnenschein der Güte, im milden Hauche des Verständnisses ... 403

Zu spät — zu spät erkannt!

»Ich war allein in Deinen Armen, ich starb vor Sehnsucht an Deiner Brust« — tönten die Stimmen der Stille; das Leblose beseelte sich, um es ihm zuzurufen in den verlassenen Räumen, in denen der Athem ihrer Liebe ihn umwehte.

O, daß sie lebte! eine Stunde nur, nur einen Augenblick! so lange nur, daß er ihr sagen könnte: »Ich weiß jetzt, was Du littest — ich erfuhr es auch!«

Aber es ist vorbei, sie ruht in einem Frieden, den nichts mehr stört, nicht einmal ein Gedanke der Liebe, der sie einst beseligt hätte, nicht einmal ein Schrei flammender Reue — nicht einmal das Schmerzenswort, das Erlösungswort:

»Verzeih!«

Paul warf sich in den Lehnsessel vor dem Schreibtische und stützte den Kopf in seine Hand. Da blitzte ein leuchtender Punkt ihm entgegen, ein letzter Sonnenstrahl fiel herein und streifte den vergoldeten Schlüssel, der an der Schreibtischlade stak. Langsam zog er ihn heraus. Der feine Staub, der gleichmäßig vertheilt auf allen Gegenständen lag, die sie enthielt, bewies, daß sie nicht geöffnet worden war — lange nicht. Vielleicht nicht mehr, seitdem die Verstorbene den Brief hineingelegt, der ihm zuerst in die Augen fiel: sein letzter, eiliger Abschiedsgruß. »Ich kann nicht mehr kommen, wir marschiren morgen,« hieß es darin. Das Papier war zerknittert, einzelne Buchstaben waren verwischt ... Wie 404 viele Küsse mußten darauf gebrannt haben, wie viele Thränen darauf gefallen sein! — Die Hand zitterte, mit der Paul den Brief bei Seite legte und mechanisch eine Mappe öffnend, in derselben zu blättern begann. Zwischen anderen Papieren fand er ein zur Hälfte beschriebenes Blatt. — Mariens wohlbekannten Schriftzüge, das Datum, drei Tage vor ihrem Tode, die Aufschrift »Lieber Paul!«

»Du hast fort müssen ohne Abschied. Ich dachte wohl, daß es so kommen würde, und das hat mich neulich feige gemacht. Jetzt bin ich stark und muthig, wie Du es warst, und leicht sein konntest, weil Du dachtest, ich seh sie Alle in wenigen Tagen wieder.«

Nein — er hatte es nicht gedacht, er hatte sie betrogen. Er war mit dem Entschlusse gegangen, vor der langen Trennung nicht wiederzukehren, er wollte sich nur den Aerger und die Pein eines thränenreichen Abschieds ersparen.

Sie kämpfte heldenmüthig mit sich selbst, aber daß sie kämpfen mußte, schon das verdroß ihn. Unwillig wandte er sich ab, mit harter Stimme wiederholend: »Weine nicht!«

Ach, sie gehorchte ja. Sie blickte ihm mit starren, trockenen Augen nach, kein Laut des Schmerzes drang aus ihren festgeschlossenen Lippen. Nur die Arme streckte sie unwillkürlich nach ihm aus, beugte sich vor — inbrünstig flehte ihre stumme Gebärde: »O komm zurück!« 405

Er hatte sich an der Thür flüchtig umgesehen und flüchtig hatte ihr Anblick ihn gerührt ... fast wäre er umgekehrt, hätte ihr einen Abschiedskuß gegönnt, fast wäre er schwach geworden. Aber er unterdrückte die unmännliche Regung, er blieb stark, er ging — der Unglückselige! ...

Er las weiter.

»Eine große Ruhe ist über mich gekommen, eine göttliche Zuversicht. O wüßtest Du, wie gut ich weiß: Du wirst mich lieben! Um des Kindes willen, mein Paul, das ich Dir bei Deiner Rückkehr in die Arme legen werde. Dieser seligmachende Glaube hilft mir über die Trennung hinweg, erfüllt mich mit freudiger Stärke. Du mein Alles, mein Herr, mein Freund, ich erlebe die Stunde, in welcher Dein erwachtes Herz mir entgegenschlägt, Deine ganze Seele mir zuruft: Komm!«

»So komme denn!« rief Paul mit einem wilden Schrei. Er sprang auf, er streckte in wahnsinniger Sehnsucht die Arme aus. Beschwörend, Unmögliches erflehend, erhob er sie zum Himmel und ließ sie dann plötzlich sinken mit einer Gebärde der Verzweiflung. Da ergriff es ihn, schrecklich, hoffnungslos — eine Erkenntniß, nie wieder auszurotten, eine Reue, nie zu stillen, ein unentrinnbarer Schmerz: Du hast Unschätzbares besessen und nicht zu würdigen gewußt. Er erbebte am ganzen Leibe, er preßte die Hände an seine schwerathmende Brust ... 406

Draußen in den Bäumen begann es leise zu rauschen und sich zu bewegen, eine frische Luftwelle strich durch das Gemach. Vom Garten herauf ertönte das fröhliche Lachen des Kindes. Paul raffte sich zusammen, ging festen Schrittes auf das Lager zu und schlug die Vorhänge auseinander — — —

... Seine Eltern erwarteten ihn in banger Sorge. Eine Stunde war, zwei Stunden waren vergangen. »Neun Uhr,« sagte der Vater. Die Gräfin legte ihre Arbeit weg, ergriff sie wieder, rang angstvoll die Hände in ihrem Schoße.

»Wo bleibt er?« nahm der Greis wieder das Wort — »noch immer bei ihr?«

Die Gräfin erhob sich und verließ schweigend das Zimmer.

Sie kam nach einigen Augenblicken mit verstörter Miene zurück.

»Was ist geschehen?« fragte ihr Mann, der ihr ganz außer Fassung entgegen kam.

»O Karl! er liegt auf den Knieen vor ihrem Bette und weint.«


Am folgenden Tage schrieb Paul an Gräfin Marianne einen warmen Brief; er erging sich darin nicht in Selbstanklagen, er sprach nicht von einem heißersehnten Glück, das er der Pflicht zum Opfer bringen müsse. Einfach und lebendig schilderte er den Eindruck, den die 407 Heimkehr ins Vaterhaus auf ihn hervorgebracht und gestand, daß er Thekla nicht zumuthen könne, das Leben zu theilen, welches er von nun an zu führen entschlossen sei.

Die Antwort blieb aus. Acht Tage später jedoch stellte Fürst Klemens sich in Sonnberg ein. »Sie versteht Dich, sie, die Alles versteht, nur nicht — mich zu lieben,« sprach er zu Paul. »Und Thekla, nun wir wissen ja — Statue! Gleichgültig übrigens ist es ihr nicht. Ich aber, so leid mir's thut, ich meine: Besser spät als zu spät.«

Sein Aufenthalt war von kurzer Dauer. Gräfin Neumark hatte sich bereits nach Wildungen begeben, und er brannte vor Ungeduld, ihr dahin zu folgen, wozu ihm zum ersten Mal die Erlaubniß ertheilt worden.

»Ich nehme Alfred mit,« sagte er ... »Weißt Du, daß meine Absicht ist, dem Burschen jetzt schon das Majorat abzutreten? — Warum soll ich ihn warten lassen auf meinen Tod? Und dann — eine Gräfin Neumark möchte ich Fürstin Eberstein werden sehen. Die Mutter will nichts davon wissen, vielleicht, daß die Tochter ... Darüber indessen ist jetzt nicht an der Zeit ... Und Du wirst ja hören —«

Der Fürst empfahl sich bei den alten Leuten, die ganz entzückt waren von seiner Liebenswürdigkeit, und küßte die kleine Marie, die sich's gefallen ließ, denn das scheue Vögelchen war in den letzten Tagen fast zutraulich geworden. 408

Am Ausgange des Parks, wohin der Wagen bestellt worden war, nahmen die Freunde Abschied. Als die Equipage in die Biegung der Straße einlenkte, wandte Klemens den Kopf zurück, um Paul noch einmal zu grüßen; aber dieser war bereits umgekehrt und ging seinem Töchterchen entgegen, das mit offenen Armen auf ihn zugelaufen kam.

Ornamentales Motiv

Druck von E. Bernstein in Berlin.


Anmerkungen des Bearbeiters

Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet und in die Public Domain eingebracht.

Ein Inhaltsverzeichnis wurde für diese Ausgabe neu erstellt und dem Text vorangestellt.

Kleinere Zeichensetzungsfehler (z. B. fehlende Kommata oder falsch gesetzte Anführungszeichen) wurden stillschweigend berichtigt.

Altertümliche Wörter und abweichende Schreibweisen wurden unverändert beibehalten.

Die folgenden offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert:

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78490 ***